angemacht das gedicht
essig und รถl
verlaufen zwischen den zeilen
stecken kleingewรผrfelt silbenzwiebeln
halten den geschmack zusammen-
gemengt all das
muss ziehen
bis dir am abend
die wolke aus dem blick kippt
das auge in die leere
schaut das haar in der strophe
(Sehr) kurzer Versuch รผber das Wachbleiben
Die Zeit der langen Schatten
das Licht macht aus Bรคumen
Haare und Strรคhnen dunkel
liegen sie auf dem Kupfer aus Laub
du fragst dich
ob Morticia Adams hier mit dem Kamm durchkรคme
alles so lang und glatt
und dann ist es Nosferatu an den du denkst
wenn der Herbst auf Murnau macht
die Schatten lange Finger sind
Komme ihnen nicht zu nahe
Oder nimmst du dich besser in Acht
vor Peer Gynt
Verfรคngst sich sonst in seinen Trรคumen
Kupfer wird Gold in Fingern
und das lange dunkle Haare gehรถrt der Kรถnigin
sie fรคhrt mit euch, mit Peer und dir
durch die Wipfel, in das Licht
Schatten werdet lang ruft ihr
und sie schlieรen euer Reich hinter den Augen
Schlรคfst du?
ORTIGIA, gegen Mittag
am papyrusmuseum in Syrakus
holst du luft tief
wie die sonne steht
hinter dir fassaden
und keine bewegung
denkst du nur rauschen
von blut und meer
in und vor dir
luft ist warm
der morgen schlรคgt
wellen ans ufer
es fehlen die zeilen
lesbar im bild
Vater
Angst
Jetzt ist es soweit, da ist sie also,
die Apokalypse, sagst du
mit bebender Stimme
den Blick nach oben gerichtet
siehst du die Anzeige
Linie 4 fรคhrt ein
bringt uns zum Zahnarzt
Abgeschaut: Lenau, Nikolaus (1802-1850) – ยปUnmutยซ
ยปUnmutยซ (1832 erschienen)
Die Hoffnung, eine arge Dirne,
Verbuhlte mir den Augenblick,
Bestahl mit frecher Lรผgenstirne
Mein junges Leben um sein Glรผck.
Nun ists vorรผber; in den Tagen,
Als ihr Betrug ins Herz mir schnitt,
Hab ich das sรผรe Kind erschlagen,
Und mit dem Leben bin ich quitt.
Nicht mehr zum Lustschloร umgelogen,
Scheint mir die Erde, was sie ist:
Ein schwankes Zelt, das wir bezogen โ
Tod, habe Dank! โ auf kurze Frist.
| aus: Lenau, Nikolaus: Sรคmtliche Werke und Briefe. Bd. 1. Leipzig und Frankfurt 1970, S. 27.
Abgeschaut: Baudelaire, Charles (1821-1867) – ยปEinladung zur Reiseยซ
Meine Schwester mein Kind!
Denk dir wie lind
Wรคr es dorthin zu entweichen!
Liebend nur sehn ยท
Liebend vergehn
In Lรคndern die dir gleichen!
Der Sonnen feucht
Verhรผlltes geleucht
Die mir so rรคtselhaft scheinen
Wie selber du bist
Wie dein Auge voll List
Das glitzert mitten im weinen.
Dort wo alles friedlich lacht โ
Lust und Heiterkeit und Pracht.
Die Mรถbel geziert
Durch die Jahre poliert
Stรคnden in deinem Zimmer
Und Blumen zart
Von seltenster Art
In Ambraduft und Flimmer.
Die decken weit
Die spiegel breit
In Ostens Prunkgemache
Sie redeten dir
Geheimnisvoll hier
Die sรผรe Heimatsprache.
Dort wo alles friedlich lacht โ
Lust und Heiterkeit und Pracht.
Sieh im Kanal
Der Schiffe zahl
Mit schweifenden gelรผsten!
Sie kรคmen dir her
Aufs kleinste Begehr
Von noch so entlegenen Kรผsten.
Der Sonne Glut
Ersterbend ruht
Auf Fluss und Stadt und die ganze
Welt sich umspinnt
Mit Gold und jazint
Entschlummernd in tief-warmem Glanze.
Dort wo alles friedlich lacht โ
Lust und Heiterkeit und Pracht.
Charles Baudelaire, als einer der groรen Erneuerer der europรคischen Lyrik, ist bekannt fรผr seine Portraits der sich verรคndernden Stรคdtelandschaft seiner gleichfalls geliebten und gehassten Heimat Paris (Vorrangig in den „Tableaux parisiens“.) In seiner 1857 erschienen Sammlung „Les fleurs du mal“ verbindet er die Erfahrung der sich rasant wandelnden Lebensumstรคnde der Industrialisierung mit dem Blick des Romantikers fรผr die Schรถnheit im Gegenwรคrtigen.
Das Gedicht โEinladung zur Reiseโ ist seiner Geliebten Marie Daubrun gewidmet. Er fรผhrt der Schauspielerin in dem Zeilen das Ideal eines fernen Landes frei von den Umwรคlzungen in der Groรstadt vor. Geradezu idyllisch mutet es an, wenn er das „Entweichen“ in die sonnenreiche Landschaft „wo alles friedlich lacht“ aufruft. Aber Baudelaire nicht der Autor der „Fleurs du mal“, wenn er nicht auch hier die Scheinhaftigkeit mittragen wรผrde (Passend zum Titel des Zyklus „Trรผbsinn und Vergeisterung“).
Henri Duparc (1848-1933) hat das Gedicht – auch hier wieder einer Dame, seiner spรคteren Ehefrau Ellen Mac Swiney, gewidmet – 1870 als Gesang mit Klavierbegleitung vertont.
| aus: Baudelaire, Charles: Die Blumen des Bรถsen. Berlin 1901. S. 72-74. รbers. v. George, Stefan.
| Digitalisat unter: https://de.wikisource.org/wiki/Einladung_zur_Reise
| Zu den Liedern des Henri Duparc mรถchte ich folgenden Link empfehlen: https://kammermusikkammer.blogspot.com/2018/09/henri-duparc-1848-1933-lieder.html
PIX – Erfurt ยปColours of EGAยซ
Jedes Jahr findet im Erfurter Egapark eine Kรผrbisausstellung statt um das Erntedankfest einzuleiten. Dieses Jahr steht die Schau unter dem Titel โFabelhafte Kรผrbiszeit โ Reise in die magische Welt der Fantasieโ. Am 31.10. wird das Kรผrbiserntefest begangen und die ganze Pracht wird in Kรถrben und Taschen nach Hause getragen.





















Stromern
ausgeschickt zur Entdeckung
Abenteuer am Rinnstein
hinein in den Schilfgรผrtel
Von Schwรคnen beachtet
weiter in den Mittag ziehen
immer der See im Auge
Und da drรผben sitzt ein Alter
Mit Suppe im Bart
erzรคhlt er den Pappeln von Bette Davis Eyes
Der Wind greift den Schopf
Zieht dich uns Fispern der Bรคume
dem Reiher hinterher
Gen Heimat geht’s
Zur Suppe, zum Bart.
Brรถtchen und Berliner.
Ein sonniger Erfurter Spรคtsommermorgen. An der Kasse des Verbrauchermarktes verstaue ich meine Einkรคufe. Nach mir tritt ein junger Mann, Brille, 3 Tage-Bart, dunkler Rollkragenpullover zur Kassiererin. Sie – eine etwa fรผnfzigjรคhrige mit roten Haaren und freundlichem Lรคcheln:
Sie – So, ein Kaffee. Und was haben wir in der Tรผte?
Er – mit einem sรผdeuropรคischen Akzent:
Ein Brรถtchen.
Nein, das ist ein Berliner.
Nein, ein Brรถtchen.
Schauen sie mal, das ist rund und mit Puderzucker. Das ist ein Berliner.
Das alles Brรถtchen.
Die beiden begrinsen sich.
Also, ein Berliner.
Nein, kein Berliner. Erfurter. Warum Berliner?
Ja, sie sind ein Erfurter und in der Tรผte ist ein Berliner.
Ist aber kleiner Berliner.
Ja, ein Sรผรer mit Marmelade. Das macht 3,14 Euro.
Ok.
Jetzt sind die Beiden zufrieden.
D.
Ich belausche dich beim Niesen und stelle mir deine Stimme vor, wie sie die altbekannten Worte sagt. Unter diesen riesigen braunen Augen. Manche wรผrden sagen Rehaugen. Du belohnst mich mit einem zweiten Nieser. Deine Nase zieht sich kraus. Du kneifst die Augen zusammen. Dein ganzer Kรถrper wird durchgeschรผttelt. Ich muss lรคcheln.
Du rutschst in deinem Sitz ein wenig nach vorne, deine Beine gekreuzt รผber deinem Rucksack. Du bewegst dein Handy konzentriert Hin und Her, um deinen Racer zu steuern. Deine Zunge folgt dabei synchron. Gegenรผbersitzend staune ich รผber so viel Entschlossenheit und denke mir irgendwann muss doch dieses Level einmal vorbei sein. Wenn du gewinnst, bekomme ich dein Siegerlรคcheln. Wenn du verlierst, verfluchen wir die Welt, rufen Walhalla und schwรถren jedem Gegner Rache.
Ich trรคume davon, dass wir in die Mauser kommen. Deine und meine Federn รผberall. Ich sammele sie und ordne alle der Grรถรe nach. Wenn es mir mal zu viel wird mit deinem Gedaddel, werde ich dich damit an den Fรผรen kitzeln. Sรผรe Rache meinerseits.
Vom Regengeprassel gegen das Tramfenster nimmst du kaum Notiz. In der Spiegelung laufen dir Tropfen รผber das Gesicht. Rollen durch den Straรendreck, bilden ein eigenes Netz. Kurz schaust du auf, immer noch vom Spiel gefangen. Wir haben die nรคchste Station erreicht. Die Tรผren รถffnen sich und wir, wie getrocknete Falter, werden leicht angehoben und wirbeln durcheinander. Die Luft greift uns unter die Flรผgel und wir taumeln der Freiheit entgegen. Die Tรผren schlieรen.
Weiter geht es die Landstraรe entlang. Die Linie fรผhrt stadtauswรคrts. Wir ruckeln an und das Rutschen lรคsst ein klein wenig Haut an deiner Hรผfte aufscheinen. Du schaust kurz auf, runzelst die Stirn und schรผttelst den Kopf. Wenn ich nur wรผsste, warum. Der Blick einer Dame nimmt uns gegenรผber Platz. Etwas verschรคmt ziehe ich die Hand von deiner Hรผfte zurรผck und das erste Mal kicherst du in dich hinein. Deine Gรคnsehaut lรคsst auch mich etwas zittern.
Wir schlรคngelten uns durch die eisigen Fluten. Glitzernd im รbermut. Du รผber mir. Wir durchmaรen die Stromschnellen und immer als Mutprobe schwammen wir dagegen an, lieรen uns zurรผcktreiben. Die Sonne wรคrmte uns die Rรผckenflossen. Du zeigtest auf dem Eisvogel. Er stand in der Luft und beobachtete uns. Bei drei wichen wir aus und er stieร an uns vorbei. Hรคtten wir gekonnt, wir hรคtten uns die Bรคuche gehalten vor Lachen. Der Eisvogel schaute uns missmutig nach.
Ich lese einige Werbeschilder und beginne รผber schlechte Wortspiele zu schimpfen. Auch damit gewinne ich deine Aufmerksamkeit nicht, nur der Damenblick verfinstert sich weiter. Nicht mehr viel und er erreicht das Schwarz deiner Tornadolocken. Durch die Wolkendecke bricht ein Sonnenstrahl.
Mitten im Pinselstrich hat man uns vergessen. Du an den Rahmen gelehnt und ich hier unten perspektivisch verkรผrzt angelegt als Schatten fรผr dich. Der Versuch auszubrechen, gelingt nicht. Eine besonders dicke Farbschicht um unsere Fรผรe hรคlt uns da, wo vorher ein Pferdestall gezeichnet war. Wir gewรถhnen uns und genieรen das wenige an Landschaft, das wir haben. Du in deiner Position am Rand mit Caravaggiolicht. Ich der treue Begleiter. Der Effekt.
Auf der Hรถhe Hauptfriedhof tippelt ein Pรคrchen mit Rollator รผber die Schienen. Die Bahn wartet geduldig. Du hast genug von deinem Game und das Handy verschwindet in der Hosentasche. Dein Gรคhnen steckt mich an und jetzt sitzen wir beide mit weit aufgerissenem Schlund da. Ich lege den Kopf an die Scheibe.
Wie wir mit den anderen des Stammes den Geschichten der Alten lauschten. Den Geschichten der langen Messer, die kamen unsere Heimat zu nehmen. Den Geschichten der groรen Fรผรe, die unsere Leute niederwalzten. Gespannt ziehen wir die Luft ein. Die Schatten des Lagerfeuers tanzen รผber unsere Kรถrper. Immer an der Stelle mit dem ersten Schnitts zucken wir zusammen und mรผssen uns gegenseitig halten. Schreckgeweitet Augen, Mรผnder. Ohren die bei jedem Knacken einen Schnitt hรถren wollen. Heute, so sagen die Alten, sind der Himmel die Halme und die Heimat ist sicher. Schon seit eintausend Grashรผpferjahren ward kein Messer gesehen.
Endlich biegen wir in Richtung Airport ab und sind fast da. Der Gewitterblick ist abgezogen. Uns kleben die Zungen am Gaumen und wir kรถnnen es kaum erwarten endlich ein schnelles Helles zu versenken.
Standen stundenlang unterhalb des Trinkhalms. Durstig sahen wir in die Wolken. Warum mussten wir so winzig sein. Ich hob dich auf die Schultern. Zum Glรผck konntest du mit den Fingerspitzen das Ende des Halms erreichen und ein wenig nach unten biegen. Ein riesiger Tropfen lรถste sich von dort. Ich lieร dich herunter und mit strahlenden Augen warteten wir auf die Dusche. Das Platschen erscholl neben uns, nur meine Fรผรe wurden durchnรคsst. Mein dummes Gesicht. Du lachst mich aus.
โNa auf, wir mรผssen raus!โ, sagst du. โWarum musst du nur immer trรคumen?โ Erschrocken springe ich auf und folge dir. Du schรผttelst mit dem Kopf.
hauptversammlung
alles war bereitet
reihum saรen die honoratioren
die krรถte mit dem sonnenschirm
der spatz mit der zigarre
daneben die grille aufgebracht
mit einem spielverbot in der tasche
die bilanz gezogen
tropfte dividende in den blรคtterdom
glรคser wurden erhoben
die geschรคfte gingen gut
seit der biber รผbernommen
vom gestรผrzten dachs
Urlaub
in den groรen Ferienorten
nehmen wir den Sand mit ins Herz
auf der Seebrรผcke die Arme nach Ost und West
sammeln Wolken hinter den Augen
dort regnet es in den Kopf
drรผckt heraus
und die Augen spielen groรes Drama
Wurf
Ich warf dem Raben Krumen hin
an der Haltestelle gegenรผber sรคubert ein Punk seine Stiefel
der Hahnenkamm wirkt wie ein Besen
fรผr den Reklamestrand der Tui darรผber
die Strandschรถne schaut dazu vergnรผgt
der Punk mustert seine Fingernรคgel
ist zufrieden mit den Rรคndern
hebt die Arme und tritt in die Welt
der Rabe sieht ihn und verneigt sich
Reise
Eingeschlafen Linie 4
Am Kreuzchen, Volkenrodaer Weg
groรe Welt kommt gleich
Airport
verpasst den Ausstieg
zum Trost ist das Bistro geรถffnet
heute gibt es Burger vom Grill
Bote
uns liefen die heiรeren Katzen hinterher
du auf der einen, ich auf der anderen Seite
uns beiden ein Licht gemein
unsere Schatten kannten sich nicht
die Spinnen brachten uns ihre Fรคden
der Wind brachte Sand und Salz
wir brachten uns Worte und eine Richtung
sammelten Asphalt mit den Sohlen
ich gab einer Taube ein Gedicht fรผr dich mit
danach blieben deine Schritte ungehรถrt
ABGESCHAUT: Paul Verlaine (1844-1896) – ยปSommerยซ
Der Sommer dehnt sich durch des Himmels weiรe Glut,
ein Schattenkรถnig, der ein Urteil sieht vollstrecken.
Despotisch siehst du ihn die fahlen Arme recken,
der mรผde Landmann schlรคft und jede Arbeit ruht.
Die Lerche sang heute nicht, sie blieb bei ihrer Brut.
Nicht eine Wolke will ein wenig Blau verdecken,
und nicht ein Windhauch will ein leises Sรคuseln wecken.
Die Stille lastet schwer auf Wiese, Hain und Flut.
In dieser starren Ruh verstummen selbst die Grillen,
die Bรคche flieรen nur in schmalen, seichten Rillen,
ihr Kieselbett ist leer, und gelb das Ufermoos.
Im grรผnen Tรผmpel nur im Schatten jener Espen,
da schwirren glitzernd noch Libellen ruhelos,
und manchmal blitzen durch die Luft schwarzgelbe Wespen.
| aus: Zweig, Stefan (Hg.): Paul Verlaine. Gedichte. Eine Anthologie der besten รbertragungen. Berlin 1907. รbers. von Otto Hauser.
| Digitalisat unter: Projekt Gutenberg
Auf der Bank
im auge des erpels
siehst du die bank
siehst dich
im auge des erpels
er sitzt gelassen
denkt sich seinen teil
und du entdeckst dich
im auge des erpels
bist du schรถn
er scheint zufrieden
und du bist es auch
Notat – Bryan
Die Vier erklimmt den Hรผgel Richtung Flughafen. Durch die Bahn schallt lautes Kinderlachen.
Ein kleiner Junge wird von seiner Mama angepustet und quittiert dies ausgelassen.
Der Vater reagiert zunehmend genervt. „Bryan bitte! Bryan hรถr auf.“ Hilflos schaut er sich
in der Tram um. „Bryan aufhรถren!“.
Ein Mรคdel in Bryans Alter setzt eine fragende Miene auf und zupft an der Jacke ihrer Mutter.
„Bryan? MamaโฆBryan?“. „So heiรt der Junge“ antwortet die Gefragte. „Nein Mama. So heiรt man
doch nicht.“ Die Mutter muss das Lachen unterdrรผcken. „Bryan gibt es immer bei Oma zu Mittag.“
Durch die Bahn schallt lautes Mutterlachen.
Zugvereist
sehr langsam rollt voran
der Zug mit mir
und meinen Gedanken
dem Wunsch einmal im Rathaus
allein in der Nacht
die Gรคnge zu zรคhlen
von Amts wegen und statistisch
verliert sich mein Blick
an einem Baum
an dem wir gerade schon vorbeikamen
Pix โ Streetart in Erfurt โ Die Brรผcke, Frau Korte 2023
Kurzgelesen – Dmitrij Kapitelman: ยปEine Formalie in Kiewยซ
Wie schreibt man nach der Besetzung des Donbass und der Krim durch Russland 2014 und vor dem Angriffskrieg 2022 รผber die Ukraine und im Speziellen รผber Kiew?
Eine Mรถglichkeit bietet Serhij Zhadan (*1975), der in ยปInternatยซ einen jungen Lehrer ausschickt seinen Neffen aus der titelgebenden Bildungseinrichtung abzuholen. Dabei trotzt dieser den allgegenwรคrtigen Gefahren des Kriegsalltags in einem verrohten Land.
Eine ganz andere Option wรคhlt Dmitrij Kapitelman (*1983) in ยปEine Formalie in Kiewยซ. Doch was im ersten Moment so locker daher kommt, zeigt ein Land mit groรen Fragen auf der Suche nach der eigenen Position zwischen Tradition und Neuaufbruch.
Der autobiographisch grundierte Roman schickt Dima nach Kiew um dort Dokumente fรผr den Abschluss seiner Einbรผrgerung in Deutschland abzuholen. Wie sein Geburtsland steckt auch unser Protagonist plรถtzlich in einer Findungsphase, da er nicht weiร wie er sich in dieser ihm fremd gewordenen Ukraine bewegen soll. Und jetzt beginnt eine Achterbahnfahrt. Eben noch der Kรถnig der Stadt, zerfรคllt alles mit einem Anruf. Dima wird auf eine Art und Weise herausgefordert, die viele Gewissheiten umwirft.
Dmitrij Kapitelman nimmt uns mit auf die spannende Reise einer Familie, die an Problemen wรคchst und doch immer in ihrer ganz eigenen Dynamik weiterfunktioniert. Die rasante Erzรคhlung lebt von genauen Beobachtungen, Wortschรถpfungen und einer feinen Ironie, die selten abgegriffen wirkt. Natรผrlich werden die Stereotypen gegeneinander ausgespielt, dank der stรคndigen Unsicherheit aber auch gekonnt aufgehoben, wenn man es gerade nicht erwartet.
Schaudort vergibt 10/10 Blickpunkte.
| Kapitelman, Dmitrij: Eine Formalie in Kiew. Dtv 2023. Roman, 176 Seiten.
Short VIII – Sonntag
Das harte Leben
gemimt von der Tischplatte
wer am lรคngeren Daumen sitzt
dem winkt kein Vergessen
vor lauter Welkerei
bleiben die Gedanken
auf der Strecke ins Gedicht
kamen sie vom Weg ab
Pix – Leipzig/Plagwitz Baumwollspinnerei, Parkfriedhof
ABGESCHAUT: WILHELM HEINRICH WACKENRODER (1773-1798) – ยปSehnsucht nach Italienยซ
Durch einen seltsamen Zufall hat sich folgendes kleine Blatt bis jetzt bei mir aufbewahrt, das ich schon in meiner frรผhen Jugend niederschrieb, als ich vor dem Wunsche, endlich einmal Italien, das gelobte Land der Kunst, zu sehen, keine Ruhe finden konnte.
Bei Tage und in der Nacht denkt meine Seele nur an die schรถnen, hellen Gegenden, die mir in allen Trรคumen erscheinen, und mich rufen. Wird mein Wunsch, meine Sehnsucht immer vergebens sein? So mancher reist hin und kommt zurรผck, und weiร dann nicht, wo er gewesen ist, und was er gesehen hat, denn keiner liebt so innig das Land mit seiner einheimischen Kunst.
Warum liegt es so fern von mir, daร es mein Fuร nicht in einigen Tagereisen erreichen kann? Daร ich dann vor den unsterblichen Werken der groรen Kรผnstler niederknie und ihnen alle meine Bewunderung und Liebe bekenne? Daร ihre Geister es hรถren, und mich als den getreusten Schรผler bewillkommen? โ
Wenn zufรคllig von meinen Freunden die Landkarte aufgeschlagen wird, muร ich sie immer mit Rรผhrung betrachten; ich durchwandre mit meinem Geiste Stรคdte, Flecken und Dรถrfer, โ ach! und fรผhle nur zu bald, daร alles nur Einbildung sei.
Wรผnsch ich mir doch kein glรคnzendes Glรผck dieser Erde; aber soll es mir auch nicht einmal vergรถnnt sein, dir, o heilige Kunst, ganz zu leben?
Soll ich in mir selbst verschmachten
Und in Liebe ganz vergehn?
Wird das Schicksal mein nicht achten,
Dieses Sinnen, dieses Trachten
Stets mit Miรvergnรผgen sehn?
Bin ich denn so ganz verloren,
Den Verstoรnen zugeweiht?
O beglรผckt, wer auserkoren,
Fรผr die Kรผnste nur geboren,
Ihnen Herz und Leben weiht!
Ach, mein Glรผck liegt wohl noch ferne,
Kommt noch lange mir nicht nah!
Freilich zweifelt‘ ich so gerne, โ
Doch noch oft drehn sich die Sterne, โ
Endlich, endlich ist es da!
Dann ohne Sรคumen,
Nach langen Trรคumen,
Nach tiefer Ruh,
Durch Wies‘ und Wรคlder,
Durch blรผhnde Felder
Der Heimat zu!
Mir dann entgegen
Fliegen mit Segen
Genien, bekrรคnzt,
Strahlenumglรคnzt!
Sie fรผhren den Mรผden
Dem sรผรen Frieden,
Den Freuden, der Ruh,
Der Kunstheimat zu!
| aus: Wackenroder, Wilhelm Heinrich: Werke und Briefe. Hanser, 1984. S. 14ff.
| Digitalisat unter: http://www.zeno.org/Literatur/M/Wackenroder,+Wilhelm+Heinrich/Schriften+und+Dichtungen/Herzensergie%C3%9Fungen+eines+kunstliebenden+Klosterbruders/Sehnsucht+nach+Italien
Wiesenstories
erzรคhlt von den Halmen
ein kurzer Weg der Augen
รผber gramselnden Geschehen
erzรคhlt รผber den Halmen
von dir und mir
beim Verlassen des Tages
erzรคhlt in den Halmen
von den Beinen der Schrecke
der wir liegend lauschen
erzรคhlt fรผr uns
die wir zu Halmen werden
wiegend im Wind
Caprice
immer wenn du von der Tinte verfolgt
mit den Blรคttern vom Baum
und dann durch die Pfรผtzen fielst
immer tiefer bis zum Magmakern
wenn du in Luftschiffen
auf Polarexpeditionen gingst
um mit den Eisbรคren zu sprechen
รผber Finnwale und andere Freunde
wenn du Shibuya entdecken gingst
unbemerkt mit der Menge
aus dem Rahmen liefst
wie im japanischen Holzschnitt
immer dann machten wir
aus dem Schweigen eine Burg
zogen uns in das sachte Kratzen zurรผck
und genossen wie sich die Worte sammelten
Warum eigentlich nicht?
Warum sollten wir nicht am Leipziger Platz
die Weltwunder suchen
Augen geworfen nach Links, nach Rechts
und jede Ampelpause macht friedlich
Warum sollten wir nicht an der Werra
laufen bis zum Wehr
mit den singenden, springenden Fischen flussabwรคrts
die Schwanzflossen glรคnzend im Licht
Warum sollten wir nicht die Sonne
auf wie Wilhelmsburg tragen
รผber der Stadt die Freude verschรผtten
Burggrรคben fรผllen mit Glรผck
Warum sollten wir nicht mit Sisyhpos
den Stein auf den Inselberg rollen
bis er klein und bleich im Schnee liegt
und wir rodeln dem Glรผhwein entgegen
Warum eigentlich nicht?
Abgeschaut: Kurt Tucholsky (1890-1935) – ยปErsterbendes Gemurmelยซ
Allherbstlich,
wenn die braunen Blรคtter fallen,
fรคllt auch dem Dichter dies und jenes ein.
Er sieht, wie Wolken sich zusammenballen,
er hรถrt der Vรถlker wilde Streiterein โฆ
Der deutsche Dichter kratzt sich an den Waden
und fรคngt sich still den letzten Sommerfloh;
und denkt: du kรถnntst dich auch mal wieder baden
und รผberhaupt und so โฆ
Ich bin ein Preuรe. Pfui auf die Verneinung!
Ich lob die positive Position.
Und ich besitz das Recht der freien Meinung
in Wort und Bild und auch im Grammophon.
Ich sage, was ich will, und sag es feste,
am Stammtisch sag ichs und im Wahlbรผro.
Stolz sag ichs und mit einer weiten Geste:
ยป โฆ und รผberhaupt und so โฆยซ
Ich wohnte schon in vielen, vielen Zimmern,
am Meer, in Bukarest, in Groรenhain;
und immer hรถrt ich eine Jรถhre wimmern,
ein Schreihals muร in jeder Straรe sein.
Dann mach ich mir so allerhand Gedanken,
zum Beispiel รผber unsern Reventlow โ
Die kleinen Kinder haut man auf den blanken
und รผberhaupt und so โฆ
| aus: Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke. Bd. 1 1907 -1918, Rowohlt, 1993. S. 565. – zuerst in: Die Weltbรผhne, 26.09.2018, Nr. 39, S. 297. (Als Theobald Tiger)
Abgeschaut: Konstantinos Kavafis (1863-1933) – Wenn es sich aufreckt
Versuch, Poet, dies Etwas festzuhalten,
Ganz gleich, ob es dann nur der Abglanz ist:
Der Sinnlichkeit verschiedene Gesichter,
Laร sie versteckt aus Deinen Sรคtzen blicken –
Versuchยดs, Poet: Setz sie in Deinen Sรคtzen fest,
Wenn es sich aufreckt hinter Deiner Stirne
Nachts oder in des Mittags grellem Licht.
| Kavafis, Konstantinos: Gedichte. Insel, 1979. S. 35.
Der Tag wird schon kommen.
Geboren sein, um vom eigenen Tod zu leben!
Cรฉsar Vallejo – Wenn man bedenkt
Stehe Tinte schwitzend
Greife in deine Augen
Ziehe das Herz aus deinem Leib
Packe dir dafรผr den Schmerz hinein
Halte durch!
Vielleicht erleichtert dich ein Lachen
Wenn ich stolpere beim Gehen.
Gleiten
Tram oberhalb des Staubs
klettere auf einen Halm
hier greift dich der Wind
erhebend die Luft unter den Flรผgeln
treibe bis zum Steig
hier standen die Menschen
schwer vom Denken
bis ihre Kalender vorbei waren
das Licht machte den Letzten aus
uns weist es den Weg
Wilde Zeiten
unter dem kreisenden Milan
tritt er in die Sonne
die Augen beschirmt
in seinem Vorgarten die รpfel
daran vorbei tritt er zur Garage
und da hochglanzpoliert steht sie und wartet
fahren darf er nicht mehr
er schiebt seine Suhler Queen vor das Tor
da kneift es im Rรผcken
er zuckt zusammen
legt die Hand an den Lenker
sofortige Straffung in allen Zellen
Gรคnsehaut, Schwalbenhaut wie er es nennt
und der Schwung der Beine
schon sitzt er
die Schmerzen im Rรผcken als Sozius
nur den Helm lรคsst er weg
wie er so unter der Sonne steht
summt er schmissige Lieder
Sonntagmorgen bei Regen
Liegen und Worte zรคhlen die man noch sagen kann
beim Vorschlag Matratze schon stutzt du
das kรถnnte doch zur Krisenkommunikation genutzt werden
so eine Matratze ist ein Refugium, unter ihr versteckt man
auf ihr liegt man und tut Dinge, die ich auch tun wollte
aber wir zรคhlen weiter. Den Vorschlag Montag lehnst du auch ab.
Montag ist Krise in einem Wort. Montag ist wie ein Diktator der Woche.
Keiner will ihn und alle gehorchen. Beim Vorschlag Wiese schรผttelst du den Kopf.
Wiesen sind keine gute Idee. Wie auf der Matratze kann man hier liegen und Dinge tun, die ich auch tun mรถchte.
Aber jetzt wo die Wiesen alle dรผrr sind, legt man sich nicht freiwillig. Ich sage Strand. Du sagst Wohlstandssignal.
Ich sage Kaffeetasse. Du sagst Anbaumethoden und Plantagenwirtschaft. Ich sage Kuss, da sagst du รbergriffigkeit.
Ich sage du. Da denkst du kurz nach. Schรผttelst den Kopf. Dein Blick der zu einem trotzigen Kind.
Du heiรe immer von sich weisen. Du heiรe vom Ich ablenken.
Jetzt ist die Liste immer noch leer und ich lasse dich allein.
Short VII – Sturz
Jetzt sind sie alle รผbereinandergestรผrzt
Vertrieben durch den Marmorkopf vom Alten Fritz
Segeln die Bรคnde und blรคttern sich zusammen
Da landet der Ermittler aus Berlin in Istanbul und wird aus Venedig gegrรผรt
Hier geht es ja zu wie bei der ARD denke ich und sortiere meine Mediathek neu.
Pix – Streetart zur ยปTapefabrik 2022ยซ, Wiesbaden














Die Area um den Schlachthof in Wiesbaden ist ein Hot-Spot der Jugendkultur in der Landeshauptstadt. Aber auch Kreativwirtschaft und Medienunternehmen sind hier in direkter Nachbarschaft. Hervorzuheben ist dabei das Murnau-Filmtheater. Betrieben von der Murnaustiftung wird hier ein schicker Mix an internationalen Independentfilmen gezeigt
Der Schlachthof selber ist seit 1994 ein Kulturzentrum. Die Location mit mehreren Floors war Bรผhne fรผr die ยปTapefabrik 2022ยซ. Die zehnte Ausgabe der Jam sollte schon 2020 stattfinden, was aus bekannten Grรผnden nun nachgeholt werden musste. Und hell yeah – das hat sich mal so richtig gelohnt.
Auf der Bรผhne Old Skool Acts wie Cora E und die Stieber Twins, Hypeacts wie OG Keemo oder fresher Boom Bap Ship von Die P oder Presslufthanna.
Und zu einer richtigen Jam gehรถrt auch Graffiti Art. An und um den Schlachthof gab es frische Walls und den Geruch von Lack. Ein Paar der besten Pieces habe ich hier mal zusammengestellt.
* Wenn ein Writer hier eines seiner Werke sieht und gerne eine Verlinkung mรถchte oder das die Pics nicht hierher gehรถren, schreibt einfach kurz hier.
** Nicht alle Pieces sind dieses Jahr entstanden.
Wir Sitzen im Bach
Wenn am Abend die Biber schlafen
gegen die Strรถmung trรคumen sie an
und dann wird gebaut
sie schaufeln und wir
machen es uns gemรผtlich
ist ihr Bau und wรคchst
uns ins Herz schaufeln sie
gegen die Strรถmung trรคumen wir an
den Abenden sitzen wir gemeinsam
Short V – Bachstraรe
In der Bachstraรe stehen wir
Und fangen den Wind mit unseren Trรคumen
Zwischen den Waggons der Bahn westwรคrts
Liegen und den Schotter ertragen
Und den Blick an die Bรคume heften
Ob sie nun da sind oder Nicht
รber uns werden die Fenster verfunkelt.
Kurzgelesen – Daniela Danz: ยปLange Fluchtenยซ
Cons hatte einen Lebensentwurf. Alles war geplant. Frau, 2 Kinder, Hausbau – Alles ist da. Die Bundeswehr ist seine Berufung, bis er als Zeitsoldat bei einer รbung einen Aussetzer hat. Fรผr einen Einsatz im Kosovo wird er nicht berรผcksichtigt und von nun an รคndert sich alles.
Die Familie lebt auf der (ehemaligen) Baustelle in provisorischen Containern. Wรคhrend seine Frau den Alltag der Familie bewรคltigt und die Sรถhne an ihm vorbei leben, geht Cons seiner Jagdleidenschaft nach. Kaum fรคhig einen konkreten Gedanken zu fassen lebt er in den Tag.
Daniela Danz nimmt den Leser mit auf eine Reise in das Innere eines Menschen, welches trostloser kaum sein kann. Zwischen Erinnerungen, alten Freundschaften und einem nicht mehr greifbaren Ideal scheitert Cons an sich selber.
Stilistisch holt die 1976 in Eisenach geborene Lyrikerin immer wieder das feine Besteck heraus. Die ยปLange[n] Fluchtenยซ sind ein kompaktes, rauschhaftes Werk, lassen den Leser etwas ratlos zurรผck und erzรคhlen auf den wenigen Seiten so viel mehr รผber unsere Gegenwart als so manches Opus Magnum.
Schaudort vergibt 9/10 Blickpunkte.
| Danz, Daniela: Lange Fluchten. Wallstein 2016. Roman, 146 Seiten.
Short VI – Arana
Noch eben im Netz
Und nรคhert sich
Dieses kleine Wunder
Setzt sich ab
In deiner Asche
Dreht es eine kurze Runde
Und ich stelle mir vor
Wie sie deinen Namen รผbt
Um ihn zu weben
Immer und Immer
Dein Name Legende des Spinnenvolkes
Short IV – Sonne
Erst durch Haar und Talg und Epidermis
Ist alles HORN irgendwie
รber den Gedanken
Zerren sie dir an der SCHWARTE herum
Und du so ein wenig Nervenzappeln
wenn sie dir Rupfen um Rupfen nehmen
mit Unterhaut und Sehnenhaube
lรถst du dich ab, lรถst du dich auf
es hilft auch kein Leibchen aus Speichelfรคden
wenn der ABRISS in der Sonne glรคnzt
ohne Stirn, ohne Idee
Short Iii – Ufer
beobachtest den Streit der Spatzen
um ein ausgehรถhltes Brรถtchen
trocken wie das Gras um dich herum
Es ist Juni, Sommer an der Spree
und hinter einem Baum wird ein Handy gefunden
verloren geglaubt, zitternd bereits die Follower
vor dem unwiederbringlichen Verlust
die Bรผrogebรคude zerlaufen im Wasser
zu Mondrianschen Flรคchenspielen
Darรผber touristisches Winken
und das grรผรende Bier vom Ausflugsdampfer
Jeder der Spatzen trรคgt nun seinen Happen
und verlรคsst deine Szene
alles das wird untermalt vom Ruf des Blรคsshuhns
Du stimmst mit ein, erschreckte Follower fallen vom Baum
Nachtlos
Wir wollten unzรคhlbar sein
Nur spรผrbar als Luft in den Lungen
Durch die Dunkelheit von Laterne zu Laterne ziehen
Halte ein, sagst du
Nachtlos sammeln wir
Unsere gegenseitigen Schwรผre in die Trรคnensรคcke
SHORT II – Dienstbar
Du sitzt und beobachtet das Ausschwรคrmen
Der Postfahrzeuge aus ihrem Hive
Von der Kรถnigin entsendet
Tragen sie gelb gefรคrbt ihre frohe Boschaft zu dir
Bestรคuben dein Postfach mit Rechnungen
Das sind die Stiche die tiefer gehen
Und alles Fuchteln mit den Armen bleibt sinnlos
Jenseits des Standstreifens
ich kehre die Autobahn
Feudeln gegen Feinstaub
Du sagst
Ich solle Wolken zรผchten
Wolken auf die Leitplanken wickeln
mit ihren Tropfen die Fahrbahn sรคubern
wir legen uns auf den Mittelstreifen
sammeln die Sonne ein
zรคhlen Marienkรคferbeine auf dem Asphalt
Du sagst
Drei Kirschkerne in einem Schatten
geben noch keinen Arcimboldo
ziehen die Fahrbahnen auseinander
verbinden damit unsere Augen
heben die Arme
Du sagst
jetzt kรถnnen wir Trรคumen
jetzt kรถnnen wir Fliegen
wir flieรen dahin
wir reiรen die Brรผcken ein
die Augenbinden zerfleddern
das Licht kehrt wieder
wir sind grenzenlos wie keiner
Tamara Danz Straรe
die beiden Bs ihres Lebens
Breitungen und Berlin
hier Kindheit, dortย Kunst
heute verbauen sie hier dieย Seele
die neue Mall, die neuen Hรคuser
und alles trรคgt ihrenย Namen
als Farbfleck auf dem Waschbeton
und unter dem Asphalt liegen dieย Toten
und Sand ins Augeย wehts
von der Werra von derย Spree
vom Schloss her, von derย Mauer
und vielleicht an roterย Ampel
summt ein Bauender ยปSchlohweiรerย Tagยซ
| Der Text wurde zuerst auf der Seite Literaturland Thรผringen verรถffentlicht.
Ostersonntag
lass uns doch spazieren gehen
vorรผber an den Parkflรคchen
entlang an den Krankenkassen
Bรผroparks, Spรคtis, Thai-Masseuren
immer voran zur alten Mรคlzerei
รผber den Feldweg von damals
erinnerst du dich
zum Gรผterbahnhof geht er heute
da raus, wo keiner hin will
lass uns doch ziehen
zur Badausstellung mit den staubigen Flieรen
da gibt es auch heute noch Tiere
da gehen wir hin
vielleicht finden wir den einen Waschbรคren am Bach
der kann uns mit der Flasche winken
die da einer hinterlieร zum Gruรe
lass uns doch stromern gehn
zu den bunten Tรผten wehend im Wind
Abgeschaut: Von Gรผnderrode, Karoline (1780-1806) – ยปDie eine Klageยซ
ยปDie eine klageยซ
Wer die tiefste aller Wunden
Hat in Geist und Sinn empfunden
Bittrer Trennung Schmerz;
Wer geliebt was er verlohren,
Lassen muร was er erkohren,
Das geliebte Herz,
Der versteht in Lust die Thrรคnen
Und der Liebe ewig Sehnen
Eins in Zwei zu sein,
Eins im Andern sich zu finden,
Daร der Zweiheit Grรคnzen schwinden
Und des Daseins Pein.
Wer so ganz in Herz und Sinnen
Konnt‘ ein Wesen liebgewinnen
O! den trรถstet’s nicht
Daร fรผr Freuden, die verlohren,
Neue werden neu gebohren:
Jene sind’s doch nicht.
Das geliebte, sรผรe Leben,
Dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick,
Dieses Suchen und dies Finden,
Dieses Denken und Empfinden
Giebt kein Gott zurรผck.
| aus: Von Gรผnderrode, Karoline: Gesammelte Werke, Band 2. Berlin 1920โ1922, S. 14-15.
WechselsTromern
koppeln Augenfรคden ans Licht
Gespinste
Abzweige im Kopf
hintereinander her trotten
durch die Stunden
auf Fรผรen gedacht
bestaunt von uns selbst
machen Halt voreinander
rieseln aus Geblicktem
einander vorbei
gekoppelt
an Wรถrter vergangen





































