Bemerkenswert

Bedarfe

Nächster Halt: Glück auf
Nächster Halt: Glück auf
das hörst du zwei Mal
kurz vor Nordhausen
Bedarfshalt, und du weißt

es wird so ein Tag
hell ist der
und macht den Herbst beliebt

und du fährst zur Brennerei
das Wort Verkostung im Kopf
Glück auf, der erste Korn
Glück auf, der zweite Korn
Bedarfshalt Gedicht

Nordhausen in der Kehle
und du schreibst wieder
nur vom Schnaps

„Mooooaaah“ – Joachim Meyerhoffs Roman »Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke«, Kurzkritik

Mit 20 ist das Leben noch frisch – eigentlich. Unser Erzähler hat schon einen Bruder verloren und steckt gerade in einer Krise. So richtig weiß er nicht, wo es hingehen soll. Nach seinem Jahr in Amerika (Im ersten Teil des „Alle Toten fliegen hoch“- Erinnerungsprojektes.) ist er zurück in der Norddeutschen Provinz. Zum Glück gibt es da noch die Großeltern in München, mit Ihrer Villa direkt am Nymphenburger Park. Klingt mondän – ist es auch. Die Großmutter ist eine ehemalige Schauspielerin und formvollendete Diva, der Großvater ein emeritierter Philosophie-Professor und respekteinflössend. Und plötzlich wird diese Villa mit ihren Ritualen zu seinem Rückhalt. Der „Lieberling“, wie ihn die Großmutter nennt, landet an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule. Dort stößt er mit seiner Art des „Schauspielerns“ oft an, kann mit seinem „Knautschgesicht“ viele Emotionen nicht nachbilden. Ein Ausgleich ist das Aikido-Training in der Schule, ein anderer sind die Großeltern. Diese Polstern sich Ihren Alltag mit festen Trinkritualen kuschelig weich und auch der Lieberling findet gefallen daran.

Wer die anderen Teile der Reihe bereits kennt, weiß wie eng bei Meyerhoff (*1967) Komik und Rührung aufeinander folgen. Eben noch werden die teils seltsamen, teils wohl nur für Eingeweihte verständlichen Rituale der Schauspielschule exerziert und schon wird das Kammerspiel durch eine Nachricht aus der Heimat zerlegt. Das Meyerhoff die meisten der Situationen so oder so ähnlich erlebt haben muss, zeigt sich immer wieder in den ausgedehnten Anekdoten, wie dem Kampf um einen richtigen Ton im Gesangsunterricht oder dem „Bau einer Körpermaschine“ mit den Kommilitonen. Da krampft und zischt so viel Selbstbeschau, dass es dem Leser mehr als leicht fällt sich daneben stehend zu wähnen und einen Blick auf dieses bemitleidenswerte Geschöpf zu haben. Aber so wie sich der „Lieberling“ durch die Jahre in der Schule kämpft, so löst sich auch immer wieder die Erzählung von einer bloßen Nabelschau und bindet das Umfeld ein. Ja, es sind, ausgenommen die Großeltern, mehrheitlich Statisten, die hier auftreten, aber gerade das zeigt die Meisterschaft des Buches, dass man ihm die teils sehr schablonenartig geratenen Nebenfiguren nicht übel nimmt. Stattdessen versteht man sie als die Wahrnehmungen unseres ziemlich auktorialen Erzählers – mehr gerät nicht in das Narrativ, als das selber erlebte unseres „Lieberlings“. Und selbst wo ein Hauch des Assoziativen auftaucht, bleibt die Rekonstruktion des Erfahrenen im Mittelpunkt.

Stilistisch wird hier nicht ungemein viel gewagt. Dem Buch ist eine gewisse Leichtigkeit eigen, dass immer wieder einmal gebrochen wird von lakonischen Kommentaren des Protagonisten, wenn er sich einmal mehr ausgesperrt fühlt aus der Welt des Theaters. Man darf Meyerhoff konstatieren auch im bereits dritten Band der autobiographischen Reihe sehr gut unterhalten und an einigen Stellen überraschen zu können. Viel darf man kaum erwarten von einem Roman, der die Erzähllust selten verliert, allerdings aufpassen muss, sich nicht selber in eine Musterhaftigkeit zu drängen, die in den ersten beiden Bänden von „Alle Toten fliegen hoch“ noch nicht zu spüren war. Klar ist, die Erwartungen an die Bände sind mittlerweile vorgezeichnet und klar ist auch, die Erwartungen sind gepaart mit Lust auf mehr.

Joachim Meyerhoff: »Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke« (=Alle Toten fliegen hoch, Teil 2), Kiepenheuer & Witsch, 348 Seiten, 10,99 Euro.

Wanderlust

der Leib unter Wasser
als Flusslandschaft verstanden
zeigt mir die Unsinnigkeit von Karten
statt nach dem Ziel zu suchen
flaniere ich durch Kerben und Senken

Stoppeln

Dieses Wandern über Felder
Ähre wem Ähre gebührt
das geht schon Mal
mit den Stoppeln unterm Fuß
wie die Stoppeln im Gesicht
aber so ist das ja kein Feld
kahlgelegt ist nichts zum Greifen
und wolltest du nicht durch Felder

es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
hat Gewalt vom höchsten Gott,
heut wetzt er das Messer,
es schneidt schon viel besser

Davor hast du lange gesessen
hinter dem Kaffee als Schild
jede neue Tasse ein Grund zum Verweilen
und dein Sitzen war ja produktiv
geschrieben und gelesen
und dich geteilt in die Medien
da geht die Mahd schon mal vorüber
besonders viral ist es ja nicht
das auf und ab der Drescher

dieses Wandern über Felder
Ähre dem Ähre gebührt
mit den Stoppeln unterm Fuß
wie die Stoppeln im Gesicht
machst dir in der Hocke Kulisse
vielleicht noch irgendwo die Maus
das wäre dann der goldene Schnatz
die Maus im Sucher
und Applaus im Netz

es ist ein Twitter, nennt sich Dot,
hat Gewalt vom höchsten Bot,
heut gibt er den Stresser
das teilt sich dann besser

28.4. – Jena – IN GUTER NACHBARSCHAFT #12 – mit Marcus Roloff und Tim Helbig

Quelle: 28.4. – Jena – IN GUTER NACHBARSCHAFT #12 – mit Marcus Roloff und Tim Helbig

Die Nachbarschaft kehrt heim. Auf in den Kunstverein Jena (Am Markt 16). Aber die Nachbarschaft kommt nie mit leeren Händen. Für euch liest Marcus Roloff aus Frankfurt. Er greift dabei in die Schnittstellen zwischen den Genres und beschäftigt sich nicht nur mit Sprachbildern. Der Jenaer Klangkünstler Tim Helbig wird den Abend nicht umrahmen. Er bringt sich mit Soundcollagen und elektroakustischen Kompositionen in den Dialog ein.

Eingebettet wird der Abend in die Länge Nacht der Museen. Wenn ihr hierfür ein Ticket habt, geht es sogar kostenfrei rein. Sonst beträgt der Wege Zoll schmale 3 Euro.

10 Pix VI – Bad Hersfeld (wieder mit 15 Pix)

Nach längerer Pause geht es heute auch mit der Serie „10 Pix“ weiter. Das Ziel für die sechste Ausgabe war die Festspielstadt Bad Hersfeld. Für viele West- und Südthüringer nach der Wende der erste Kontakt mit einer Stadt in Westdeutschland. Ich habe mir einen kleinen Ausflug mit Stiftsruine und Schmalzbrot gegönnt. Bad Hersfeld ist unspektakulär. Eben das, was man von einer Stadt mit 30.000 Einwohnern und Kuranlagen erwarten kann. Ganz große architektonische Highlights wird man hier nicht finden. Erwähnenswert ist die Ruine des Stiftes, alljährlich Schauplatz des Festspiele. Hier findet sich dann doch eine kleines Highlight: Das 1968 errichtete, wandelbare Dach von Frei Otto (1925-2015), dem Schöpfer der bekannten „Zeltdachkonstruktion“ des Münchner Olympiageländes. Hierdurch war es möglich den Innenhof der Stiftsruine mit einer Überdachung zu versehen, ohne einen direkten Kontakt mit der romanischen Bausubstanz eingehen zu müssen. Die Innenstadt präsentiert sich sympathisch aufgeräumt, mit einer Vielzahl von Fachwerkhäusern. Gerade rund um die Stadtkirche aus dem 14. Jahrhundert findet sich eine dichte mittelalterliche Bebauung. Wie so oft ist es auch hier ratsam, sich nicht durch den Weg vom Bahnhof in das historische Zentrum abschrecken zu lassen. Auch wenn sich hier einige Bausünden versammeln, empfiehlt es sich einfach die Orientierung am Turm der Stadtkirche zu suchen und sich in die reizvolleren Ecken der Stadt führen zu lassen.

Für den Literaten und Sprachwissenschaftler ist sicher das 29-jährige Wirken von Konrad Duden (1829-1911) in der Stadt interessant. In diese Zeit (1876-1905) fällt auch das Erscheinen des „Vollständige[n] Orthographische[n] Wörterbuch[es] der deutschen Sprache“ 1880.

Einen eigenen Ausflug verdient das Museum „wortreich“. Als Mitmachmuseum konzipiert, stellt es Kommunikation, Sprache und Poesie in einer ehemaligen Maschinenfabrik in den Blickpunkt.

Zwei Hersfelder (Skulpturen) auf dem Weg durch den Stiftsbezirk.
Die Stiftsruine Bad Hersfeld. Imposanter Bau aus der Romanik.
Die Turm der Stiftsruine kann bestiegen werden. Es bietet sich dazu allerdings gutes Schuhwerk an, die Treppenanlage ist „naturbelassen“.
Blick aus dem Turm in das innere der Stiftsruine. Im Sommer Spielort der Festspiele.
Blick aus dem Turm der Stiftsruine. Ins Zentrum rückt sich der Turm der Stadtkirche.
Der Denker ist etwas aus dem Leim gegangen im Park an der Stiftsruine.
Spannende Angebote gibt es in Hersfeld auch. Bleibt zu hoffen, dass so nicht die Spender für die Blutreserven des Landes gefunden werden sollen.
Eine Barbarieente im Stiftsbezirk.
Eines der vielen Renaissance-Bürgerhäuser der Stadt. Zu finden an der Südseite des Marktes.
Ein Ventilator sorgt für kühle Köpfe im Glaserker.
Fassadendetail fast zeitgenössisch.
Eine Fratze im Fachwerk. Recht pfundig zu finden am Pfarrhaus hinter der Stadtkirche.
Zwischen Rathaus und Stadtkirche. Einer der vielen kleineren Plätze der Stadt.

Work it III – Ablagerung, Final

Junge, Junge. Das war eine lange Zeit. Heute zeige ich endlich das Ergebnis der erste „Work it“-Reihe mit dem Titel „Ablagerung“:

Ablagern.

weg vom Ufer
zwischen den Zehen
morsches Holz
die Stege von gestern
Schilf gürtet den See

dir schlägt das Herz
die Kälte aus den Gliedern
die Fersen reiben am Grund
die Schwerkraft will es
du nicht

Lass es

uns doch noch versuchen
neue Staffel, Reboot
abgebrochene Zähne und
offene Nerven

ich glaube das macht empfindsam
wir leiden zusammen bei Suppe und Brot
da heulen wir uns an
bei der Wurzel gepackt
hat noch ein Jeder gezuckt
wird schlagen den Tisch mit den Schädeln entzwei
und machen den Zahnarzt zum Scheidungshelfer

nur das Küssen hin und wieder
lenkt ab vom rohen Schmerz
mit dem Zungenbein
den Schritt nach vorn
den Schritt zu uns

und dieser verschissene Schmerz
wenn man voneinander geht
die eigene Zunge allein im Mund

Auf nach Kingania! – Terézia Moras Roman „Alle Tage“, Kurzkritik

Nach einigen eher generischen Titeln brauchte meine Lektüre wieder etwas Schwung. Den habe ich bei Terézia Mora (*1971) gefunden. Das Buch „Alle Tage“ (2004 erschienen) lag bei mir einige Zeit auf dem Stapel „zu lesen“. Möglicherweise war ich etwas durch den Kommentar von Elke Heidenreich auf dem Cover (btb-Ausgabe) abgeschreckt: »Es ist eine Kostbarkeit dieses Buch, es ist ganz etwas Besonderes!«. Gut, Frau Heidenreich hatte schon irgendwie recht. Die Protagonisten des Romans sind durch die Bank weg schräge Figuren mit einem gewissen Hang zum Anarchismus.

Worum geht es eigentlich? Abel Nema, in einer ungenannten Stadt gestrandet, beherrscht zehn Sprachen und verdient sich damit seinen Lebensunterhalt eher schlecht als Recht. Doch unser Sprachengenie hat ein Problem ausgerechnet mit der Sprache. Zwar kann er reden und tut es auch, wenn es die Situation erfordert, aber die meiste Zeit schweigt er. Mal als Beobachter in seinem „Stammlokal“, der »Klapsmühle« – über die noch zu reden sein wird; mal als Ehegatte einer Frau mit einem Faible für besondere Männerfiguren. Nur mit seinem Stiefsohn Omar kann Abel ungehemmt Gespräche führen. So schleppt unser Protagonist immer eine Aura des Unberührbaren mit sich herum. Trotz einer Ehe und ein paar Kontakten bleibt er immer fremd in der Stadt.

Sein überschaubares soziales Umfeld schwankt zwischen einem akademischen Kreis und eher „abseitigen“ Figuren. Da ist Thanos, der Wirt der Klapsmühle, der für Abel so etwas wie ein Ratgeber und vielleicht auch eine Vaterfigur darstellt. In der Klapsmühle verbringt Abel einen großen Teil seiner Freizeit. Hier schweben halbnackte Engel an der Decke und nicht selten verlassen die Gäste das Lokal erst, wenn am Montag nach dem Wochenende der Kehraus gemacht wird. Da ist auf der anderen Seite Kinga, die Kämpferin. Bei ihr strandet Abel auf der Suche nach einer neuen Bleibe, nachdem er die Universität verlassen hat. Für sie ist er »das Kind«. Er lässt sich treiben als Teil von »Kingania«, einem „Salon“ für Trinker, unterhalten durch die Kämpferin und drei Musiker. Vor allem in Kinga, einer Suchenden, einer Ungezügelten, bringt er Roman so viel Lebenslust und Lebensfrust in einer einzigen Figur zusammen, dass sich dem Leser die Frage aufdrängt, was ein einzelner Mensch ertragen kann.

Bevor Terézia Mora in der (noch unvollständigen) Trilogie um den IT Spezialisten Darius Kopp die Abgründe der Psyche ins Visier nimmt, leuchtet „Alle Tage“ den Bereich der Gesellschaft aus, für den sich die Autorin interessiert. Mit einer Abfolge schneller Schnitte und ständigen Wechseln der Erzählperspektive legt der Roman ein sehr dynamisches Erzähltempo vor. Unterstützt durch einen parataktischen Satzbau und die sehr klare, direkte Sprache findet der Leser einen schnellen Zugang zu den Figuren. Durch die intelligente, wie lebensnahe Dialoggestaltung wird das Umfeld unseres Protagonisten mit seinen Problemen nicht nur nachfühlbar, sondern präsentiert sich darüber hinaus als Panorama der gesellschaftlichen Gegenwart. Der Fremde auf der Suche nach Anschluss wird zum zentralen Thema.

„Alle Tage“ überzeugt durch ein gut gezeichnetes Personal mit Ecken und Kanten und eine überaus dichte Atmosphäre. Der Roman will mehr als nur die Probleme seiner Hauptfigur nacherzählen und schafft das auch indem er Fremdheit zulässt und Abel Nema trotz seiner Besonderheiten nie vorführt, sondern ihm Raum gibt sich in der Gesellschaft zu bewähren oder eben zu scheitern.

dav

Halbtrocken.

Dieser Kuss roch lange nach
wir saßen noch beim Restefrühstück
und irgendwer brachte Sekt
prickelnd wie dänisches Eis
hast du gelallt
und wir fielen zurück
in das, was Nacht war
und einer flacher Hauch Verwesung

unterwegs…

Was Neues zu sehen
Wurdest du enttäuscht
Überall die gleichen Gruppen
Fabrik und Kirche und Lidl
Angestrahlt verschiedenfarbig
Das machte wenig her
Bis du das Kalb sahst
Unter der Kuh
Dieses Kalb das trank
Dieses Kalb so echt
War ein Busch
Immerhin