Berlin Hauptbahnhof

Pater Noster

Könntest du unter die Gehwegplatten

fahren mit einem Pater Noster

hinein in Kies und Wurzelwerk

schautest du dort nach Streetart

in den Sedimenten zu sammeln

die Linien der Gesteinsschichten

und Installationen aus Tabakkrümeln.

Aber dein Pater Noster bleibt stecken

Wrigleys in die Haare geklebt

geht nichtmals als Performance durch

Neujahr. Spaziergang.

14 Grad. Du machst dir auch Frühjahr im Kopf.

Neben dem Dom plätschert die Gera und 2022 wird ein Jahr. Bestimmt.

Du siehst den Fisch, der gegen die Strömung kämpft. Wie er sich windet. Pirouetten kunstvoll. Sein Grau fast transluzent.

Ob er vielleicht auf der Jagd ist unter dem Füßen der Ente. Prost Neujahr Fisch, denkst du.

Aber der Fisch ist ein Becher und 2022 wird so ein Jahr. Bestimmt.

Adventskalender Tür24* – Theodor Storm (1817-1888) – »Weihnachten«

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fern her Kirchenglocken
mich lieblich heimatlich verlocken
in märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
anbetend, staunend muß ich stehn;
es sinkt auf meine Augenlider
ein goldner Kindertraum hernieder,
ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.

Adventskalender Tür23* – Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) – »Bäume leuchtenD«


Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Überall das Süße spendend.
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend –
Solch ein Fest ist uns bescheret.
Mancher Gaben Schmuck verehret;
Staunend schaun wir auf und nieder,
Hin und Her und immer wieder.

Aber, Fürst, wenn dir’s begegnet
Und ein Abend so dich segnet,
Dass als Lichter, dass als Flammen
Von dir glänzten all zusammen
Alles, was du ausgerichtet,
Alle, die sich dir verpflichtet:
Mit erhöhten Geistesblicken
Fühltest herrliches Entzücken.

  • 24 weihnachtliche oder winterliche Gedichte von Autoren bis zum heiligen Abend. Morgen haben wir es geschafft.

Adventskalender Tür22* – Emanuel Geibel (1815-1884) – »Hoffnung«

Und dräut der Winter noch so sehr
Mit trotzigen Gebärden,
Und streut er Eis und Schnee umher,
Es muss doch Frühling werden.

Und drängen die Nebel noch so dicht
Sich vor den Blick der Sonne,
Sie wecket doch mit ihrem Licht
Einmal die Welt zur Wonne.

Blast nur ihr Stürme, blast mit Macht,
Mir soll darob nicht bangen,
Auf leisen Sohlen über Nacht
Kommt doch der Lenz gegangen.

Da wacht die Erde grünend auf,
Weiß nicht, wie ihr geschehen,
Und lacht in den sonnigen Himmel hinauf,
Und möchte vor Lust vergehen.

Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar
Und schmückt sich mit Rosen und Ähren,
Und lässt die Brünnlein rieseln klar,
Als wären es Freudenzähren.

Drum still! Und wie es frieren mag,
O Herz, gib dich zufrieden;
Es ist ein großer Maientag
Der ganzen Welt beschieden.

Und wenn dir oft auch bangt und graut,
Als sei die Höll‘ auf Erden,
Nur unverzagt auf Gott vertraut!
Es muss doch Frühling werden.

  • 24 winterliche oder weihnachtliche Gedichte von 24 Autoren bis zum Heiligen Abend. Fast ist es geschafft. 😀

Adventskalender Tür21* – Alexander Sergejewitsch Puschkin (1799-1837) – »Erst gestern war es«

Erst gestern war es, denkst du daran?
Es ging der Tag zur Neige.
Ein böser Schneesturm da begann
und brach die dürren Zweige.
Der Sturmwind blies die Sterne weg,
die Lichter, die wir lieben.
Vom Monde gar war nur ein Fleck,
ein gelber Schein geblieben.
Und jetzt? So schau doch nur hinaus:
Die Welt ertrinkt in Wonne.
Ein weißer Teppich liegt jetzt aus.
Es strahlt und lacht die Sonne.
Wohin du siehst: Ganz puderweiß
geschmückt sind alle Felder,
der Bach rauscht lustig unterm Eis.
Nur finster stehn die Wälder.

  • 24 mal ein kurzes weihnachtliches oder winterliches Gedicht von 24 Autoren bis zum Heiligen Abend.

Adventskalender Tür20* – Friedrich Schiller (1759-1805) – »Punschlied«

Vier Elemente,
Innig gesellt,
Bilden das Leben,
Bauen die Welt.

Preßt der Zitrone
Saftigen Stern,
Herb ist des Lebens
Innerster Kern.

Jetzt mit des Zuckers
Linderndem Saft
Zähmet die herbe
Brennende Kraft,

Gießet des Wassers
Sprudelnden Schwall,
Wasser umfänget
Ruhig das All.

Tropfen des Geistes
Gießet hinein,
Leben dem Leben
Gibt er allein.

Eh es verdüftet,
Schöpfet es schnell,
Nur wenn er glühet,
Labet der Quell.

  • 24 winterliche, adventliche oder auch geistreiche Gedichte von 24 Autoren bis Heiligabend. Wir sind auf der Zielgeraden.

Adventskalender Tür19* – Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) – »Am vierten Sonntage im Advent«

Fragst du mich, wer ich bin? Ich berg‘ es nicht:
Ein Wesen bin ich sonder Farb‘ und Licht.
Schau mich nicht an; dann wendet sich dein Sinn;
Doch höre, höre, höre! denn ich bin
Des Rufers in der Wüste Stimme.

In Nächten voller Pein kam mir das Wort
Von ihm, der Balsam sät an Sumpfes Bord,
Im Skorpion der Heilung Öl gelegt,
Dem auch der wilde Dorn die Rose trägt,
Der tote Stamm entzündet sein Geglimme.

So senke deine Augen und vernimm
Von seinem Herold deines Herren Grimm,
Und seine Gnade sei dir auch bekannt,
Der Wunde Heil, so wie der schwarze Brand,
Wenn seiner Adern Bluten hemmt der Schlimme.

Merk auf! Ich weiß es, daß in härtster Brust
Doch schlummert das Gewissen unbewußt;
Merk auf, wenn es erwacht; und seinen Schrei
Ersticke nicht, wie Mutter sonder Treu‘
Des Bastards Wimmern und sein matt Gekrümme!

Ich weiß es auch, daß in der ganzen Welt
Dem Teufel die Altäre sind gestellt,
Daß Mancher kniet demütig nicht gebeugt;
Und überm Sumpfe engelgleich und leicht
Der weiße Lotos wie ein Kindlein schwimme.

Es tobt des tollen Strudels Ungestüm,
Und zitternd fliehen wir das Ungetüm;
Still liegt der Sumpf und lauert wie ein Dieb:
Wir pflücken Blumen, und es ist uns lieb
Zu schaun des Irrlichts tanzendes Geflimme.

Drum nicht vor dem Verruchten sei gewarnt;
Doch wenn dich süßer Unschuld Schein umgarnt,
Dann lächelt der Vampyr, dann fahr‘ zurück
Und senke tief, o tief in dich den Blick,
Ob leise quellend die Verwesung klimme!

Ja, wo dein Aug‘ sich schaudernd wenden mag,
Da bist du sicher mindestens diesen Tag;
Doch gift’ger öfters ist ein Druck der Hand,
Die weiche Träne und der stille Brand,
Den Lorbeer treibend aus Vulkanes Grimme.

Ich bin ein Hauch nur; achtet nicht wie Tand
Mein schwaches Wehn, um dess, der mich gesandt.
Erwacht, erwacht! Ihr steht in seinem Reich;
Denn sehet, er ist mitten unter euch,
Den ihr verkennt, und ich bin seine Stimme!

  • 24 Gedichte zur Weihnachtszeit von 24 Autoren bis zum Heiligabend.

Adventskalender Tür17* – Kurt Tucholsky (1890-1935) – »Groß-Stadt-Weihnachten«

Nun senkt sich wieder auf die heim′schen Fluren

die Weihenacht! die Weihenacht!

Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,

wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?

Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.

Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,

den Aschenbecher aus Emalch glase.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen

auf einen stillen heiligen Grammophon.

Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen

den Schlips, die Puppe und das Lexikohn.

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,

voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,

dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:

„Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!“

Und frohgelaunt spricht er vom ′Weihnachtswetter′,

mag es nun regnen oder mag es schnein.

Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,

die trächtig sind von süßen Plauderein.

So trifft denn nur auf eitel Gück hienieden

in dieser Residenz Christkindleins Flug?

Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …

„Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.“

  • 24 Mal weihnachtlich, winterliches Dichtwerk aus 24 Federn als Countdown zum Advent.

Adventskalender Tür16* – Theodor Fontane (1819-1898) – »Alles Still!«

Alles still! Es tanzt der Reigen,
Mondenstrahl in Wald und Flur,
Und darüber trohnt das Schweigen
Und der Winterhimmel nur.

Alles still! Vergeblich lauschet
Man der Krähe heisrem Schrei.
Keiner Fichte Wipfel rauschet,
Und kein Bächlein summt vorbei.

Alles still! Die Dorfeshütten
Sind wie Gräber anzusehn,
Die, von Schnee bedeckt, inmitten
Eines weiten Friedhofs stehn.

Alles still! Nichts hör ich klopfen
Als mein Herz durch die Nacht –
Heiße Tränen nieder tropfen
Auf die kalte Winterpracht.

  • 24 kurze adventlich, weihnachtliche Wintergedichte von 24 Autoren bis Heiligabend.

Adventskalender Tür15* – Joachim Ringelnatz (1883-1934) – »Schenken«


Schenke groß oder klein, aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten die Gaben wiegen,
sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei, was in dir wohnt

an Meinung, Geschmack und Humor,
so daß die eigene Freude zuvor
dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk, daß dein Geschenk

du selber bist.

  • 24 kurze weihnachtlich-adventliche Wintergedichte von 24 Autoren bis Heiligabend. Der Countdown läuft. 😀

Adventskalender Tür14* – AdElbert von Chamisso (1781-1838) – »Das Kind an die erloschene Kerze.«

Du arme, arme Kerze,
    Giebst fürder keinen Schein,
Erloschen ist so schnelle
Dein Licht, das freud’ge, helle,
    O mußt‘ es also sein!
Du arme, arme Kerze,
    Giebst fürder keinen Schein!

’s ist nicht, weil ich nun weilen
    Muß in der Dunkelheit!
O brenntest du nur immer,
Und gäb‘ dein lieber Schimmer
    Nur Andern Freudigkeit!
’s ist nicht, weil ich nun weilen
    Muß in der Dunkelheit!

Du arme, arme Kerze,
    Giebst fürder keinen Schein!
’s ist nicht, weil ich alleine
Im Dunkeln bin und weine,
    Ich bin ja gern allein!
Du arme, arme Kerze,
    Giebst für der keinen Schein!

  • 24 adventlich, weihnachtlich, winterliche Gedichte von 24 Autoren bis Heiligabend.

Adventskalender Tür13* – Christian Morgenstern (1871-1914) – »Die Enten laufen Schlittschuh«

Die Enten laufen Schlittschuh
auf ihrem kleinen Teich.
Wo haben sie denn die Schlittschuh her –
sie sind doch gar nicht reich?

Wo haben sie denn die Schlittschuh her?
Woher? Vom Schlittschuhschmied!
Der hat sie ihnen geschenkt, weißt du,
für ein Entenschnatterlied.

  • 24 winterlich, weihnachtliche Gedichte von 24 Autoren bis zum Heiligabend.

Adventskalender Tür12* – Hans Christian Andersen (1805-1875) – »Das Weihnachtslied«

Als das Christkind war zur Welt gebracht,
Das uns von der Hölle gerettet,
Da lag´s auf der Krippe bei finstrer Nacht,
Auf Stroh und Heu gebettet;
Doch über der Hütte glänzte der Stern,
Und der Ochse küßte den Fuß des Herrn.


Halleluja, Kind Jesus!
Ermanne dich, Seele, die krank und matt,
Vergiß die nagenden Schmerzen.
Ein Kind ward geboren in Davids Stadt
Zum Trost für alle Herzen.
O laßt uns wallen zum Kindlein hin,
Und Kinder werden in Geist und Sinn.
Halleluja, Kind Jesus!

  • 24 kleine winterliche oder weihnachtliche Gedichte von 24 Autoren bis zum 24.12.2021.

Adventskalender Tür11* – Stefan Zweig (1881-1942) – »Winter«

Zu Gott, hoch über dem wandernden Wind
Flehen die Äste mit frierenden Armen:
Erbarmen! Erbarmen!
O sieh, wir waren schon frühlingsbereit,
Nun sind
Wir wieder in weißer Wehmut verschneit,
Und ist doch schon Blühen in unserm Blut.
O schenk uns den warmen
Lenzatem deiner urewigen Glut
Und scheuche den scharfen schneidenden Schnee
Von unseren Blüten. Er tut
Ihnen weh …

  • 24 kurze winterliche oder weihnachtliche Gedichte von 24 Autoren bis zum 24.12.2021.

Adventskalender Tür10* – Georg Trakl (1887-1914) – »Im Winter«

Der Acker leuchtet weiß und kalt.
Der Himmel ist einsam und ungeheuer.
Dohlen kreisen über dem Weiher
Und Jäger steigen nieder vom Wald.

Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt.
Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.
Bisweilen schnellt sehr fern ein Schlitten
Und langsam steigt der graue Mond.

Ein Wild verblutet sanft am Rain
Und Raben plätschern in blutigen Gossen.
Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.
Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.

  • 24 kurze winterliche oder weihnachtliche Gedichte bis zum 24.12.2021.

Adventskalender Tür9* – Johann Gottfried von Herder (1744-1803) – »An die Bäume im Winter«

Gute Bäume, die ihr die starr entblätterten Arme
Reckt zum Himmel und fleht wieder den Frühling herab!
Ach, ihr müsst noch harren, ihr armen Söhne der Erde,
Manche stürmische Nacht, manchen erstarrenden Tag!
Aber dann kommt wieder die Sonne mit dem grünenden Frühling
Euch; nur kehret auch mir Frühling und Sonne zurück?
Harr geduldig, Herz, und bringt in die Wurzel den Saft dir!
Unvermutet vielleicht treibt ihn das Schicksal empor.

  • Täglich ein kleines winterliches oder weihnachtliches Gedicht bis zum 24.12.2021.

Adventskalender Tür8* – Friedrich Rückert (1788-1866) – »Winter, der du jetzt im Norden«

Winter, der du jetzt im Norden
Frühling lügst, mit Schmeichellüften
Kannst du doch nur Blumen morden.

Ungefroren ist die Erde,
Dass zu meiner Kinder Grüften
Leichter sie erwählet werde.

Blumen in den Staub zu strecken,
Das vermagst du, nicht mit Düften
Blumen aus dem Staub zu wecken.

  • 24 kurze Winter-/Weihnachtsgedichte bis zum 24.12.2021 von 24 Autoren.

Adventskalender Tür7* – Joseph von Eichendorff (1788-1857) – »Der Vögel Abschied«

Ade, ihr Felsenhallen,
Du schönes Waldrevier,
Die falben Blätter fallen,
Wir ziehen weit von hier.

Träumt fort im stillen Grunde!
Die Berg stehn auf der Wacht,
Die Sterne machen Runde
Die lange Winternacht.

Und ob sie all verglommen,
Die Täler und die Höhn –
Lenz muss doch wiederkommen
Und alles auferstehn!

  • 24 kurze Winter-/Weihnachtsgedichte bis zum 24.12.2021.

Adventskalender Tür6* – Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) – »Ach du lieber Nikolaus…«

Ach du lieber Nikolaus,
komm doch einmal in mein Haus!
Hab so lange an dich gedacht!
Hast mir auch was mitgebracht?

  • Täglich ein kleines winterliches oder weihnachtliches Gedicht bis zum 24.12.2021.

Adventskalender Tür5* – Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) – »In der ChristnachT.«

Welch helle Töne hallen aus der Ferne!

Wie wird′s auf einmal mir so weh, so bang!

Zum Kirchgang laden freundlich alle Sterne

und ruft der Kerzenschein und Orgelklang.

  • Täglich ein kleines winterliches oder weihnachtliches Gedicht bis zum 24.12.2021.

Adventskalender Tür4* – Walther von der Vogelweide (~1170-~1230) – »Uns hât der winter geschât über al«

Uns hât der winter geschât über al:
heide unde walt die sint beide nû val,
dâ manic stimme vil suoze inne hal.
saehe ich die megede an der strâze den bal
werfen! sô kaeme uns der vogele schal.

Möhte ich verslâfen des winters zît!
wache ich die wile, sô hân ich sîn nît,
daz sîn gewalt ist sô breit und sô wît.
weizgot er lât ouch dem meien den strît:
sô lise ich bluomen dâ rîfe nû lît.

Übersetzung von Richard Zoozmann (1863-1934)

Winter allorts uns mit Schaden bezwang,
Kahl ist der Wald und die Felder sind blank,
Wo einst so lieblich manch Stimmlein erklang!
Würfen die Mägdlein erst Straßen entlang
Wieder den Ball, kläng auch Vogelgesang!

Könnt ich verschlafen im Winter die Zeit!
Wach ich indessen, so schafft es mir Leid,
Daß er sein Zepter so weit schwingt und breit!
Endlich besiegt ihn der Mai doch im Streit:
Blumen dann pflück ich, wo heut es noch schneit!

  • Täglich ein kleines winterliches oder weihnachtliches Gedicht bis zum 24.12.2021.

Adventskalender Tür3* – Ferdinand Sauter (1804-1854) – »Winter«

Aus Nebellüften gaukeln lichte Flocken
Hernieder auf die ausgestorbne Fläche,
Vom Eise starren Seen, Flüß‘ und Bäche
Und alle frischen Lebenskeime stocken.

Da schleicht der Lenz heran auf grünen Socken,
Daß er die Kraft des alten Rieden breche,
Daß er den Mord der tausend Blüten räche,
Und wirft den grimmen Feind mit Blumenglocken.

Wie tröstlich ist’s, in winterlichen Schauern,
Und in der Wesen allgemeinem Trauern
Zu wissen, daß ein neuer Frühling grüne;

Doch düster schattet eine Wetterwolke
Verfinsternd über einem ganzen Volke,
Und ohne daß ein Rächer ihm erschiene!

  • Täglich ein kleines winterliches oder weihnachtliches Gedicht bis zum 24.12.2021.

Adventskalender Tür2* – Gottfried Keller (1819-1890) – »Im Schnee«

Wie naht das finster türmende
Gewölk so schwarz und schwer!
Wie jagt der Wind, der stürmende,
Das Schneegestöber her!

Verschwunden ist die blühende
Und grüne Weltgestalt;
Es eilt der Fuß, der fliehende,
Im Schneefeld nass und kalt.

Wohl dem, der nun zufrieden ist
Und innerlich sich kennt!
Dem warm ein Herz beschieden ist,
Das heimlich loht und brennt!

Wo, traulich sich dran schmiegend, es
Die wache Seele schürt,
Ein perlend, nie versiegendes
Gedankenbrauwerk rührt!

  • Täglich ein kleines winterliches oder weihnachtliches Gedicht bis zum 24.12.2021.

Adventskalender Tür1* – Heinrich Heine (1797-1856) – »WINTER«

Die Kälte kann wahrlich brennen
Wie Feuer. Die Menschenkinder
Im Schneegestöber rennen
Und laufen immer geschwinder.

Oh, bittre Winterhärte!
Die Nasen sind erfroren,
Und die Klavierkonzerte
Zerreißen uns die Ohren.

Weit besser ist es im Summer,
Da kann ich im Walde spazieren,
Allein mit meinem Kummer,
Und Liebeslieder skandieren.

  • Täglich ein kleines winterliches oder weihnachtliches Gedicht bis zum 24.12.2021.

Abgeschaut – »Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe. Long Story Short«

Vor kurzem nahm ich mir endlich einen 2019 in Albufeira gekauften Lyrikband „Lissabonner Dichter“ vor. Vorgestellt werden hier fünf portugiesische Lyriker von Luís Vaz de Camões (1524-1580), der mit den „Luisaden“ einen wichtigen Beitrag zur Dichtung während der Renaissancezeit vorlegte, bis zu Mário de Sá-Carneiro (1890-1916), dem Schöpfer eines schmalen aber äußerst wirkmächtigen Ouevres. Dieser frühvollendete, genialisch veranlagte Bohèmien mit seiner tief verwurzelten Todessehnsucht zählt zusammen mit dem großen Namen der portugiesischen modernen Lyrik Fernando Pessoa (1888-1935) zu den Begründern dessen, was wir heute mit der Dichtung ihres Heimatlandes verbinden. Zusammen mit Luís de Montalvor (1891-1947) begründeten sie 1915 die legendäre Zeitschrift „Orpheu“. Diese brachte es zwar nur auf zwei Nummern, wirkte als innovatives und avantgardistisches Leitmedium aber weit in das 20. Jahrhundert.

Pessoa, dessen Werk sich durch eine Vielfalt an Stilen auszeichnet, entwarf für die Veröffentlichung seiner Texte eine Reihe von Heteronymen. Jedes gestaltet mit eigener Biographie, Stilistik und Denkweise. Auch „Das Buch der Unruhe“ erscheint unter Pseudonym. Als Autor ist der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares vermerkt. Pessoa legte hier keinen linear erzählten Roman vor, sondern sammelte, wie es der Titel des zentralen Kapitels „Autobiografie ohne Ereignisse“ bereits andeutet Lebenszeugnisse ohne direkten narrativen Zusammenhang. Soares, gewissenhafter Angestellter mit angenehmer Erscheinung, bewertet sich und sein Auftreten. Allerdings scheint er dabei nicht besonders gut wegzukommen. Als „Nichts“, als „Fliege“ bezeichnet er sich, nur um daraus im nächsten Absatz einen Vorzug seiner Persönlichkeit zu sehen. Die fast 500 Fragmente variieren wiederkehrende Introspektionen und Sequenzen von Befindlichkeiten. Handlungsstränge werden durch Umschreibungen und Gedankensplitter ersetzt. Die nicht immer ganz einfache Lektüre gewinnt durch die rhythmisierende Sprache und Wortwiederholungen einen ganz eigenen Flowcharakter.

Blendend zusammengefasst und filmisch übersetzt wurde das „Buch der Unruhe“ durch José F. A. Oliver (*1961) und Johanna Springer im Rahmen des Projektes „Long Story Short“ des Lese-Leichen e.V. Im kurzen bis mittellangen Animationsfilmen werden Werke der Weltliteratur anschaulich gemacht.

In betont minimalistischen Bildern schickt Johanna Springer die Gedanken auf Reisen. Geschickt nimmt sie zentrale Motive des Textes von José F. A. Oliver und wandelt diese in schwarz-graue Sequenzen (Unterstützt von der Signalfarbe eines dunklen Orange.) um. Eine leise und sparsame Symbolik wendet sich der Verlassenheit des Schreibenden zwischen allen seinen eigenen Heteronymen zu.

Der Text José F. A. Olivers macht sich auf die Suche nach den eigentlichen Beweg- und Schreibgründen Pessoas. Einzelne Episoden, gekennzeichnet durch den Auftritt der einzelnen Charakterentwürfe werden befragt. Die Frage ob es Pessoa gibt – diesen einen Menschen gibt wird gestellt und bleibt trotz möglicher Antwort offen. Es bleibt die Suche.

| * Zur Literaturburg: https://www.youtube.com/c/Literaturburg

| * Zur Homepage von José F.A. Oliver: http://oliverjose.com/

| * Zur Homepage von Johanna Springer: https://johannaspringer.de/

Passagen i. Stadt

Dort ist er gestorben, nichts als ein Kommentar zur Geschichte

Werner Söllner

Besoffen treiben im Rieth, im Brühl

Kopf hoch, Lichter am Hotel

Theater macht Nacht

steht da, macht dich Spiegeln im Glas

in den Gärten stille Gesichter blau

beleuchtet von 6,3 Zoll Persönlichkeit

lasst den Dichter doch laufen

Template mit Ortsnamen

spielt er den Lokalen

zeichnet auf, bezeichnet sich

kippt vor, kippt um, kippte zu Viel

lasst ihn liegen als Spur

lasst ihn liegen

er kannte es nicht anders

Weimar Schloss Belvedere, Sowjetischer Friedhof

Autobahn ist lauter als Laub

es ist Herbst am Belvedere

und du atmest durch und tief

der Eingang mit Stern

am Obelisk sitzt du

Hammer und Sichel stützen den Rücken

herum sind Namen und Steine und Grün

dir liegen bratan und khorosho auf der Zunge

das willst du sagen und lässt es

laut genug sind die Vögel, der Wind

laut genug denkst du an ein Land, dass du nicht kennst

Pix – Festival of Lights, Berlin

Einmal im Jahr verwandeln sich Sehenswürdigkeiten in Berlin dank Lichtinstallationen und Videomappings für zehn Tage in leuchtende Botschafter. Das Motto „Creating Tomorrow“ warb in diesem Jahr für einen nachhaltigen Lebensstil und den Erhalt der Umwelt.

Hinterköpfe

I.

Zurückgelehnt die Meisten

Eingelullt vom sanften Airbusrauchen

Über dem Meer versucht so mancher

Das Licht zu fangen und scheitert

Der alternde Playboy in Ehren ergraut

Trägt heute den Skalp gut sichtbar

Gebräunt wie Alle

II.

Es war Sonne, es war Urlaub, es war schön

Und nun auf dem Rückflug beginnen unter der Schädelschwarte

Von neuem die alten Geschichten

Aus dem Hinterkopf hervorgekrämert

Drückt es wie immer auf die Schläfen

Dieses Gewicht, am Morgen noch verdrängt, ist wieder da

Die Kopfhaut spannt sich und nur die Schuppen sind noch leicht

Warteraum

Im Sessel sitzt

Die Maske auf

Die Zeit vergeht im Dauerlauf

Im Buch du liest

Von Wem der schiesst

Und Blut am Straßenrand vergiest

Die Hand zur Faust

Noch hältst du aus

Auch wenn du grimmig umherschaust

Jetzt ist’s vorbei

Die Schießerei

Kann Starten und es regnet Blei

Dann wachst du auf

Und siehst die Tür

Herr Siebert bitte rein zu mir.

Abgeschaut: Stefan George: »Das lied das jener bettler dudelt«

Das lied das jener bettler dudelt

Ist wie mein lob das dich vergeblich lädt ·

Ist wie ein bach der fern vom quelle sprudelt

Und den dein mund zu einem trunk verschmäht.


Das lied das jene blinde leiert

Ist wie ein traum den ich nicht recht verstand ·

Ist wie mein blick der nur umschleiert

In deinen blicken nicht erwidrung fand.


Das lied das jene kinder trillern

Ist fühllos wie die worte die du gibst ·

Ist wie der übergang zu stillern

Gefühlen wie du sie allein noch liebst.


| George, Stefan: Das Jahr der Seele. Gesamt-Ausgabe der Werke, Band 4, Berlin 1928, S. 94-95.

| Online unter: http://www.zeno.org/nid/20004811356

Einer kennt dich

Da sitzt er

und zieht dir das Mark

aus den Knochen auf die Haut

malt was du bist auf den Unterarm

hier spielen Elle und Speiche

die Fläche für dein Portrait

ABGESCHAUT – PAUL BOLDT (1885-1921) „WIR DICHTER“

Wie Einsamkeit das Ich im Auge dämmt.
Du ist nicht feil, und Du beginnt zu fehlen.
Geh durch die Menge, um Lächeln zu stehlen,
Verbrauche deine Küsse ungehemmt –:

Ein Schrei wärmt dir den Leib! Zu sehr allein.
Es gibt nur dies, unser Blut-Hoch und Ja,
Unsere Kunst, das Labsal anima!
Das Herz bewegt sich in das Wort herein.

Von den Stummheiten sollen wir aufbrechen!
Nicht nur anjahren in der Existenz.
Von Antlitzfrauen aufreizend umschwiegen

Werden wir jetzt, einmal und wenigstens,
Die Herzensröte an den Lippen kriegen.
Unseren Dialekt des Menschen sprechen.


|Erstmals erschienen in: Die Aktion.
Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst.
Jg. 4, 1914, Nr. 50/52, 24. Dezember, Sp. 939.

|Digitalisat: http://www.lyriktheorie.uni-wuppertal.de/lyriktheorie/scans/1914_boldt.pdf

Ausbruch

Lass uns gemeinsam die Vögel spalten

Wie es die große Dickinson dichtet

Vielleicht können wir dann lachen

Über die kleinen Schriftrollen

Neben den Herzen eingerollt

Und die Texte des frühen Morgen

Wenn wir dann die Vögel verstehen

Uns die Dohle ihren Heavy Metal kjackt

Die Tauben uns warnen zum Klimaschutz

Und der Eichelhäher sich in Reggea Texten versucht

Wenn wir die Arme ausgebreitet im Gras

Singend mit den Vögeln fliegen

Und endlich mal etwas einen Sinn hat

Thüringer Literaturtage 2021 – Der gewohnte Ausnahmezustand vom 12.07.-17.07.2021

### WICHTIGER PROGRAMMHINWEIS ###

Aktuell laufen auf Youtube die Thüringer Literaturtage, das beste gewohnte Ausnahmeliteraturfestival aller Zeiten. Besonders empfehlen möchte ich alle Programmpunkte. Schaut einfach mal rein.

Ganz nebenbei ist das eine perfekte Gelegenheit einmal das Angebot der Literaturburg auf Youtube zu entdecken:

https://www.youtube.com/channel/UCVZ9DF9p6MMQQLye88bJp8A

Trailer:


PROGRAMM:

Weitere Infos zum Programm und den Hintergründen findet ihr hier:

https://thueringer-literaturtage.de/index

Geh nicht, komm her.

[…] Paulus Böhmer

I

Auf dem Weg zum Anger

Krämpferbrücke, Krämpfertor

Auf dem Weg kommen sie dir entgegen

Auf Rädern, zu Fuß

Vielen von ihnen in Eile

Und du so langsam

Das es dich fast mitzieht

So viele von Ihnen kommen dir entgegen

Wollen weg aus der Stadt

Nicht weg von dir

Aber aus der Stadt

Das es dich fast mitzieht

Um das Angerentree herum

und auch hier siehst du sie hasten

Auf Rädern, zu Fuß

Finden sie Wege

Am Besten am Ellenbogen entlang

Immer gerade durch

und dich zieht es fast mit

aber du hältst dich

noch immer ihnen entgegen

bis einer steht

II

und der da wartet auf dich

fällt auf, der ruht,

der fängt deine Blicke

so dass es dich mitzieht.

DURCHGELESEN: Kathrine Kressmann Taylor – »ADRESSAT UNBEKANNT«

Eine Autorin, die heute fast vergessen ist – eine sehr wechselhafte Rezeptions- und Publikationsgeschichte und ein Text, der zusammengefasst auf weniger als 50 Seiten Platz findet. Wenn dann das Genre auch noch Briefnovelle heißt – was kann man von solch einem Werk erwarten?

Kurz gesagt: Alles! Was Kathrine Kressmann Taylor hier gelingt ist nicht weniger als eine der eindringlichsten Geschichten der Wandlung Deutschlands in den Monaten der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933. Ganz nebenbei wird eine stupende Vergeltung für Mittäterschaft ausgerollt, wie sie in dieser Art sehr selten in der Literatur ist.

Warum geht es eigentlich? Martin Schulse und Max Eisenstein betreiben gemeinsam eine gut gehende Kunstgalerie in San Fransisco. Allerdings hat sich Schulse dazu entschieden wieder zurück nach Deutschland zu ziehen um dort mit seiner Familie in der Nähe von München ein ruhiges und angenehmes Leben zu führen. Teils trauert ihm sein Kompagnon nach, da Schulse ein „Geschick im Umgang mit den alten jüdischen Matronen“ hat, andererseits beneidet er ihn für „die geistige Freiheit“ in Deutschland. Zusätzlich erwähnt Eisenstein noch die Erfolge seiner Schwester auf deutschen Bühnen, womit das Grundszenario bereits umrissen ist. Was von nun an in wenigen und immer kürzer werdenden Briefen passiert, kann man nur mit dem Attribut „schlagartig“ versehen. Freut sich Schulse in seinem ersten Antwortbrief (Dezember 1932) noch über die Ausstattung seines Hauses und die Ponys seiner Söhne, heißt es schon im nächsten Brief (März 1933) Hitler könnte „in einiger Hinsicht gut für Deutschland“ sein. Im dritten Brief (Juli 1933) ist die Wandlung Schulses bereits abgeschlossen und Max Eisenstein, ein guter Freund der Familie, ist plötzlich „in erster Linie Jude“, der „um [s]ein Volk jammert“. Die Schwester des ehemaligen Partners, eben noch „die Süße“, wird umgehend zu einer Gefahr für die Ambitionen Schulses, der seinen Aufstieg Nomenklatura der nationalsozialistischen Partei beginnt und bald über Alles andere stellt.

Die folgenden Briefe Eisensteins werden zusehends flehentlicher ob es Schicksals seiner Schwester in Deutschland, da er einen Brief an diese mit dem Hinweis „Adressat unbekannt“ zurückerhält. Dieser Ton jedoch soll wenig nützen und im Dezember erhält Eisenstein einen mit „Heil Hitler“ eröffneten Brief Schulses, der nicht weniger als „die unmißverständliche Pflicht“ des Deutschen und einen Bericht über die Ermordung seiner Schwester enthält.

Was nun passiert, ist das eigentliche Meisterstück der überschaubaren Novelle. Eisenstein schafft es mit wenigen Briefen die Rollen komplett umzukehren. Plötzlich ist es Schulse der „aus einer Verzweiflung heraus“ schreibt, die Eisenstein sich „nicht vorstellen“ könne. Wie ihm dies gelingt möge jeder selber lesen. Allerdings sei verraten, dass die Novelle ihren Titel nicht bloß aufgrund eines unbekannten Adressaten trägt.

Kathrine Kressmann Taylor (1903-1996) hat ein extrem überschaubares literarisches Werk vorgelegt. Mit „Bis zu jenem Tag“ aus dem Jahr 1942 nimmt sie das Thema des Nationalsozialismus noch einmal auf und berichtet über den Widerstand deutscher Christen am Beispiel von Leopold Bernhard. „Adressat unbekannt“ hatte es in den USA 1939 zu eine Auflage von 50.000 Exemplaren gebracht. Danach war es lange still um das Werk. Mit der erneuten Publikation in den USA bei Simon und Schuster 1995 gelang das Büchlein zu internationaler Bedeutung. Mit einer deutschen Auflage dauerte es bis 2001. Diese schaffte es dann allerdings sofort auf die Bestsellerlisten.

Wenn Elke Heidenreich im Nachwort befürwortet, dass „Adressat unbekannt“ zu Schullektüre werden sollte, liegt sie komplett richtig. Eindringlicher als hier lässt sich der Wandel Deutschlands von einer „wunderbaren politischen Freiheit“ hin zu einem Staat der ehemals enge Freunde dazu bringt über Leichen zu gehen kaum darstellen. Da ist kein Wort zu viel und kein Wort zu wenig. Es ist fast schon eine Tragödie, dass wir nicht mehr Bücher aus der Feder von Kressmann Taylor lesen dürfen.

| Kressmann Taylor, Kathrine: Adressat unbekannt. Atlantik bei Hofmann und Campe 2014. Briefnovelle, 76 Seiten. (Übers. von Dorothee Böhm.)

Geschlossen

Suchten nach der farblosesten Stadt

Für ein Gedicht sollte es sein

Eilten an Plattenbauten entlang

Versuchten es bei Autowerken

Irgendwie blieb alles zu bunt

Und so trennten wir uns

Du wolltest nach Dächern sehen

Ich nach Fassaden und Putz

Und immer noch alles zu kräftig

Ich formte also ein Schild in den Text

Weitere Verse sind frisch gestrichen.

FRAGE FÜR EINEN FREUND #4 – mit Lukas Rietzschel und Mario Osterland — Novastation

FRAGE FÜR EINEN FREUND kehrt zurück. Am 24.6. um 19 Uhr begrüßt Moderator Mario Osterland den Schriftsteller Lukas Rietzschel im Werkstattgespräch. Sie sprechen über seinen Weg zur Literatur, den Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ (Ullstein) und geben einen Ausblick auf den im Herbst erscheinenden Nachfolger „Raumfahrer“ (dtv). Außerdem wird der Bogen zu […]

FRAGE FÜR EINEN FREUND #4 – mit Lukas Rietzschel — Novastation

Meldet euch unter fragefuereinenfreund@gmx.de für das Zoommeeting an. „Frage für einen Freund“ ist kein steifes Interview, sondern ein Treffen von Literaturinteressierten mit Autoren. Mario Osterland führt als Moderator und Stichwortgeber durch den Abend, aber jeder darf und soll sich einbringen ins das Gespräch mit dem Gast.

Ich muss zugeben bisher noch kein Buch von Lukas Rietzschel gelesen zu haben und nutze die Gelegenheit um seine Literatur kennenzulernen. Eine kurze Rezension zu seinem Debut „Mit der Faust in die Welt schlagen“ folgt am kommenden Wochenende (19./20. Juni).

Ein Tausch

dein Mund machte nichts
und der Tag kam heran
schlich sich von allen Seiten
an unsere Leiber
kroch durch die Ritzen
machte es sich unter der Decke bequem
und da wurde es dir zu eng
du eiltest davon
und ich genoss etwas Wärme

Pix – Streetart in Erfurt – Die Brücke, Frau Korte

Seit 2018 gibt es in der Stadt zwei offizielle Flächenangebote für Streetart. Die Sporthalle in der Halleschen Straße und am Ende der Magdeburger Alle. Die Trambrücke und eine daneben befindliche Wandfläche sind von allen Seiten mit Graffiti geschmückt. Hier direkt am Nordbahnhof mit dem Kulturclub „Frau Korte“ habe ich mal die Kamera in alle Richtungen gehalten.

Schaut auf der Homepage von Frau Korte vorbei. Hier findet ihr einen Chanson von Barbara aus dem Jahr 1964 zur Deutsch-Französischen Freundschaft – einer Tatsache, die wir heute so oft einfach als gegeben hinnehmen – oft ohne zu hinterfragen.

Der Text des Liedes, in Französisch und Deutscher Übersetzung hinterlegt, regt zum nachdenken an:

„… Wenn ihnen mal die Worte fehlen,
dann wird’s mit einem Lächeln gehen.
So können wir sie doch verstehen,
die blonden Kinder in Göttingen …

Übrigens – >hier< geht es zum digitalen Platten-Diggen im Woodstockstore.

Hyänen

Eugen pustet die Erfurter über den Anger. Hier fliegt ein Regenschirm, dort eine Maske. Und ganz hinten hitzige Worte.

Zwei Radfahrer wurden von der Polizei gestoppt. Um den Gleichstand bei den Fahrzeugen zu sichern, kümmern sich zwei Streifenwagen um die Angelegenheit. Die Beamten lassen sich von den lautstarken Protesten der Radler nicht aus der Ruhe bringen: „…muss man jetzt ehrlich mal sagen, dahier. So einen kleinen Radfahrer den könnt ihr anhalten, aber so Klimacamp räumt keiner weg. Jedes Mal wenn ich hier fahre, haltet ihr mich an. Jedes Mal!“ Jetzt werden die Personalien geprüft.

Etwas mehr gelernt hat ein kleines Mädchen an der Tramhaltestelle: „Papa hat mir gesagt die Hyänen, das sind die Tiere mit dem härtesten Biss im Land. Da machen alle Tiere einen großen Bogen herum. Nur ein Tier nicht: Der Gepard. Der ist nämlich der Schnellste. Der geht zu den Hyänen hin, guckt die an und wenn die kommen, düst er wie der Blitz davon!“

Wenn das die Radler mal früher gehört hätten.

Abgeschaut – Georg Trakl „Nachtlied“

Des Unbewegten Odem. Ein Tiergesicht

Erstarrt vor Bläue, ihrer Heiligkeit.

Gewaltig ist das Schweigen im Stein;

Die Maske eines nächtlichen Vogels. Sanfter Dreiklang

Verklingt in einem. Elai! dein Antlitz

Beugt sich sprachlos über bläuliche Wasser.

O! ihr stillen Spiegel der Wahrheit.

An des Einsamen elfenbeinerner Schläfe

Erscheint der Abglanz gefallener Engel.


| Georg Trakl: Das dichterische Werk. München 1972, S. 40.

| Digital auf Zeno.org: http://www.zeno.org/nid/2000580180X

Ausgerechnet 2020. Für C.

Ach du.
Welches Jahr hast du dir gewählt?
Ausgerechnet 2020. Das Jahr mit den Zwillingszahlen.
Das Jahr mit der Scheiße, die nach 19 benannt ist.
Weißt du, das war noch das Jahr mit deinem Dad und den Jungs in München.
Ich blöder Vogel wollte gar nicht. Und dann irgendwie Ärger im Hotel.
Alles vergessen. Olympiahalle. Bis an die Decke voll mit Leuten.
Die Vorband zwei Mädels mit Afro. Stimmung, die Luft stand.
Gin Tonic vom Bauchladen. Hier her, Garcon. Einen Shot für die Jungs.
Hier her! Und jetzt 2020. Immerhin Sommer. Aber 2020 und du machst dich auf den Weg.
Wunder oder was man sagen soll. Der Kopf wieder in Munich.
BAM BAM. Alles leuchtet. Pierre und Frank oder Peter and Dellé – wie man sie auch nennen will.
Stimme an. Beat an. Saxx an. Hände, Hüfte, Schwingung. Feiern, Garcon. Shot und so weiter.
Lachen, schwitzen. „Wonderful life“ mit dicker Baseline. „The sun in your eye
The heat is in your hair“ und das Mitzucken. Glaube mir, ich kann nicht tanzen.
Ich kann zucken, komische Moves machen vielleicht.
Bekleidet mit einem Mantel mich bewegen wie bei einem Anfall.
Aber hier zwischen den Leuten, weisst du – da gehört das dazu.
Den Kopf aus, Entspannung fürs Hirn. Die Mucke rein. Die Mucke sein.
Einfach fliessen lassen. Und nochmal der Garcon und ein Shot.
Und du nimmst dir 2020. Gerade das Jahr ohne das Alles.
Das Jahr mit den Zwillingszahlen. Aber weisst du was?
Du hast es richtig gemacht. Jetzt hast du die Kacke dann schon hinter dir.
Dad wirft die dir Platten auf den Technics. Jazzy Beats für dich.
Gute Vibes für dich. Und nochmal Munich mit den Vibes und Ticket und wir alle im
„Universal Roller-Coaster-Flow“. Glaub mir, auch dein Dad tanzt dann wie ein fröhlicher Elch.
Hoffentlich darfst du das bald sehen.
Ach du. Dieses Jahr 2020. Weisst du – egal wie Kacke es war. Du bist jetzt da.
Und da hat es sich ja doch gelohnt.

Monday Night Stream #16, ACC Galerie

Liebe Leute,

kennt ihr das, wenn ihr einfach mal einen guten Abend habt mit einer Menge anderer Leute und dabei entsteht ein echt spannendes Projekt?

Die wunderbare Romina Nikolić lud in Zusammenarbeit mit der ACC Galerie/Weimar am 29.03.2021 zum Quick & Dirty Edition des Monday Night Streams 20 Autoren/Autorinnen. Jeder Beitragende hatte 3-4 Minuten Zeit für eine kleine/feine Lesung.

Schaut einfach mal rein:


Galla

Und schon wieder denkst du an Galla. Heinz Michael Galla, diesen großartigen Künstler, diesen am Ende seines Lebens redescheuen Mann. Dieser Name mal wieder im Kopf. Dann ist da auch gleich Aphroe. Und wieder die Frage ob von dem noch ein Album kommt. Aber Galla, der Galla – für dich RAG und KOPF-STEIN-PFLASTER. Dieses Album damals 98. RAG „Unter Tage“. Aphroe, Pahel, Mr. Wiz und Galla.

Jetzt hattest du auch Helden. Eine eigene Musikrichtung. Jetzt warst du einer von diesen harten Jungs. Oder besser einer von den Jungs, die so lange hart waren, so lange sie harten Jungs zuhören konnten. Das gab es auf deinem Dorfgymnasium nicht. Da hörte man die Ärzte, die Böhsen Onkelz oder Madonna, die mit Frozen ihren 5 Frühling hatte.

Klar – die Rapmusik gab es. Aber die war aus den Staaten oder witzig. Das Deutsche war dir alles zu bequem. HipHop durfte nicht witzig sein wie bei den Beginnern. Rap sollte über das echte Leben sprechen. Rap sollte hart sein. Das Leben auf der Straße, das wolltest du hören.

Und bei den Amis konntest du immer nur mitnuscheln. Und überhaupt die Amis. Da musste man echt aufpassen. Nur nicht den Falschen erzählen, dass man Black Eyed Peas oder Xzibit hört. Sofort war man ein Sellout – ohne das man wusste, was das ist. Und dann stand man da auf dem Schulhof, die Baggy in den Kniekehlen, die Cap schräg auf dem Schädel und übte sich in Handzeichen. Eastcoast, Westcoast. Erst diese Worte gewechselt, dann konspirative Blicke. Reagierte da Jemand? Schüttelte jemand den Kopf?

Und dann kam RAG. Ruhrpott AG. Der Ruhrpott als die Bronx Deutschlands. Bochum, Dortmund, Essen waren hart und dreckig. KOPF-STEIN-PFLASTER. Endlich konntest du mitrappen. Alle Texte im Kopf und alle Hooklines auf der Zunge. An der Kasse im Norma dein Solo.

Endlich Vorbilder aus Deutschland, die es mit den Amis aufnehmen konnten. Helden für dich. Aphroe, Pahel, Mr. Wiz und Galla. Heinz Michael Galla, diesen großartigen Künstler, diesem am Ende seines Lebens so redescheuen Mann.

Die Einsamkeit des Reiseleiters

In einem Bus sitzen die 41 Gesichter abgezählt

Würzburg mit Wein und Brücke

und du erzählst wie immer

im Halbschlaf die Zahlen und Namen

und wie immer einer in Reihe 8

der kann es dir besser erklären

er weiß es vom WDR

die Landpartie mit Landpomeranze

Reihe 8 dreht und wendet den Kopf

aber keine Aufmerksamkeit

dafür die rote Sonne von Barbados

und Würzburg im Regen

also wieder kein Trinkgeld heute

dafür drückt die Blase in Reihe 3

nach vier Minuten Autobahn

jetzt noch schnell den Schenkelklopfer

und die Damen stoßen mit Sekt an

schrilles Kichern über das Späßchen

dann ist endlich Ruhe

nur bei den Flippers

scheint immer noch diese Scheißsonne

Ein Flow

Blick in den Hinterhof

Ein leiernder Beat

Im Kopf den Mond

Der soll in den Text

Kommt nicht raus

Suchst nach Dopamin

Das macht sich rar

Die wenigen beleuchteten Fenster

Dahinter beheizte Räume

Boom Bap

lass es laufen

Bleibst beim Beat

Der leiert den Stift über Papier

Braucht kein Dopamin

Bleibt am Schreiben

Ohne die Fenster

Fließt der Stift

Und du hältst ihn einfach

Flow aus Beat leiert

Boom ein Satz

Bap ein Text

Lass den Mond aus

Den braucht es nicht

Das Bild eh von gestern

Hinterhof sagt

Boom

Welchen Flow es braucht

Um Bap den Text

aus den Stift auf Papier

auf den Beat zu leiern

Adventskalender Tür18* – Rainer Maria Rilke (1875-1926) – »Die hohen Tannen atmen«

Die hohen Tannen atmen heiser
im Winterschnee, und bauschiger
schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.
Die weißen Wege werden leiser,
die trauten Stuben lauschiger.

Da singt die Uhr, die Kinder zittern:
Im grünen Ofen kracht ein Scheit
und stürzt in lichten Lohgewittern, –
und draußen wächst im Flockenflittern
der weiße Tag zur Ewigkeit.

  • 24 weihnachtliche und winterliche Gedichte bis Heiligabend von 24 Autoren.