Bemerkenswert

Bedarfe

Nächster Halt: Glück auf
Nächster Halt: Glück auf
das hörst du zwei Mal
kurz vor Nordhausen
Bedarfshalt, und du weißt

es wird so ein Tag
hell ist der
und macht den Herbst beliebt

und du fährst zur Brennerei
das Wort Verkostung im Kopf
Glück auf, der erste Korn
Glück auf, der zweite Korn
Bedarfshalt Gedicht

Nordhausen in der Kehle
und du schreibst wieder
nur vom Schnaps

28.4. – Jena – IN GUTER NACHBARSCHAFT #12 – mit Marcus Roloff und Tim Helbig

Quelle: 28.4. – Jena – IN GUTER NACHBARSCHAFT #12 – mit Marcus Roloff und Tim Helbig

Die Nachbarschaft kehrt heim. Auf in den Kunstverein Jena (Am Markt 16). Aber die Nachbarschaft kommt nie mit leeren Händen. Für euch liest Marcus Roloff aus Frankfurt. Er greift dabei in die Schnittstellen zwischen den Genres und beschäftigt sich nicht nur mit Sprachbildern. Der Jenaer Klangkünstler Tim Helbig wird den Abend nicht umrahmen. Er bringt sich mit Soundcollagen und elektroakustischen Kompositionen in den Dialog ein.

Eingebettet wird der Abend in die Länge Nacht der Museen. Wenn ihr hierfür ein Ticket habt, geht es sogar kostenfrei rein. Sonst beträgt der Wege Zoll schmale 3 Euro.

10 Pix VI – Bad Hersfeld (wieder mit 15 Pix)

Nach längerer Pause geht es heute auch mit der Serie „10 Pix“ weiter. Das Ziel für die sechste Ausgabe war die Festspielstadt Bad Hersfeld. Für viele West- und Südthüringer nach der Wende der erste Kontakt mit einer Stadt in Westdeutschland. Ich habe mir einen kleinen Ausflug mit Stiftsruine und Schmalzbrot gegönnt. Bad Hersfeld ist unspektakulär. Eben das, was man von einer Stadt mit 30.000 Einwohnern und Kuranlagen erwarten kann. Ganz große architektonische Highlights wird man hier nicht finden. Erwähnenswert ist die Ruine des Stiftes, alljährlich Schauplatz des Festspiele. Hier findet sich dann doch eine kleines Highlight: Das 1968 errichtete, wandelbare Dach von Frei Otto (1925-2015), dem Schöpfer der bekannten „Zeltdachkonstruktion“ des Münchner Olympiageländes. Hierdurch war es möglich den Innenhof der Stiftsruine mit einer Überdachung zu versehen, ohne einen direkten Kontakt mit der romanischen Bausubstanz eingehen zu müssen. Die Innenstadt präsentiert sich sympathisch aufgeräumt, mit einer Vielzahl von Fachwerkhäusern. Gerade rund um die Stadtkirche aus dem 14. Jahrhundert findet sich eine dichte mittelalterliche Bebauung. Wie so oft ist es auch hier ratsam, sich nicht durch den Weg vom Bahnhof in das historische Zentrum abschrecken zu lassen. Auch wenn sich hier einige Bausünden versammeln, empfiehlt es sich einfach die Orientierung am Turm der Stadtkirche zu suchen und sich in die reizvolleren Ecken der Stadt führen zu lassen.

Für den Literaten und Sprachwissenschaftler ist sicher das 29-jährige Wirken von Konrad Duden (1829-1911) in der Stadt interessant. In diese Zeit (1876-1905) fällt auch das Erscheinen des „Vollständige[n] Orthographische[n] Wörterbuch[es] der deutschen Sprache“ 1880.

Einen eigenen Ausflug verdient das Museum „wortreich“. Als Mitmachmuseum konzipiert, stellt es Kommunikation, Sprache und Poesie in einer ehemaligen Maschinenfabrik in den Blickpunkt.

Zwei Hersfelder (Skulpturen) auf dem Weg durch den Stiftsbezirk.
Die Stiftsruine Bad Hersfeld. Imposanter Bau aus der Romanik.
Die Turm der Stiftsruine kann bestiegen werden. Es bietet sich dazu allerdings gutes Schuhwerk an, die Treppenanlage ist „naturbelassen“.
Blick aus dem Turm in das innere der Stiftsruine. Im Sommer Spielort der Festspiele.
Blick aus dem Turm der Stiftsruine. Ins Zentrum rückt sich der Turm der Stadtkirche.
Der Denker ist etwas aus dem Leim gegangen im Park an der Stiftsruine.
Spannende Angebote gibt es in Hersfeld auch. Bleibt zu hoffen, dass so nicht die Spender für die Blutreserven des Landes gefunden werden sollen.
Eine Barbarieente im Stiftsbezirk.
Eines der vielen Renaissance-Bürgerhäuser der Stadt. Zu finden an der Südseite des Marktes.
Ein Ventilator sorgt für kühle Köpfe im Glaserker.
Fassadendetail fast zeitgenössisch.
Eine Fratze im Fachwerk. Recht pfundig zu finden am Pfarrhaus hinter der Stadtkirche.
Zwischen Rathaus und Stadtkirche. Einer der vielen kleineren Plätze der Stadt.

Work it III – Ablagerung, Final

Junge, Junge. Das war eine lange Zeit. Heute zeige ich endlich das Ergebnis der erste „Work it“-Reihe mit dem Titel „Ablagerung“:

Ablagern.

weg vom Ufer
zwischen den Zehen
morsches Holz
die Stege von gestern
Schilf gürtet den See

dir schlägt das Herz
die Kälte aus den Gliedern
die Fersen reiben am Grund
die Schwerkraft will es
du nicht

Lass es

uns doch noch versuchen
neue Staffel, Reboot
abgebrochene Zähne und
offene Nerven

ich glaube das macht empfindsam
wir leiden zusammen bei Suppe und Brot
da heulen wir uns an
bei der Wurzel gepackt
hat noch ein Jeder gezuckt
wird schlagen den Tisch mit den Schädeln entzwei
und machen den Zahnarzt zum Scheidungshelfer

nur das Küssen hin und wieder
lenkt ab vom rohen Schmerz
mit dem Zungenbein
den Schritt nach vorn
den Schritt zu uns

und dieser verschissene Schmerz
wenn man voneinander geht
die eigene Zunge allein im Mund

Auf nach Kingania! – Terézia Moras Roman „Alle Tage“, Kurzkritik

Nach einigen eher generischen Titeln brauchte meine Lektüre wieder etwas Schwung. Den habe ich bei Terézia Mora (*1971) gefunden. Das Buch „Alle Tage“ (2004 erschienen) lag bei mir einige Zeit auf dem Stapel „zu lesen“. Möglicherweise war ich etwas durch den Kommentar von Elke Heidenreich auf dem Cover (btb-Ausgabe) abgeschreckt: »Es ist eine Kostbarkeit dieses Buch, es ist ganz etwas Besonderes!«. Gut, Frau Heidenreich hatte schon irgendwie recht. Die Protagonisten des Romans sind durch die Bank weg schräge Figuren mit einem gewissen Hang zum Anarchismus.

Worum geht es eigentlich? Abel Nema, in einer ungenannten Stadt gestrandet, beherrscht zehn Sprachen und verdient sich damit seinen Lebensunterhalt eher schlecht als Recht. Doch unser Sprachengenie hat ein Problem ausgerechnet mit der Sprache. Zwar kann er reden und tut es auch, wenn es die Situation erfordert, aber die meiste Zeit schweigt er. Mal als Beobachter in seinem „Stammlokal“, der »Klapsmühle« – über die noch zu reden sein wird; mal als Ehegatte einer Frau mit einem Faible für besondere Männerfiguren. Nur mit seinem Stiefsohn Omar kann Abel ungehemmt Gespräche führen. So schleppt unser Protagonist immer eine Aura des Unberührbaren mit sich herum. Trotz einer Ehe und ein paar Kontakten bleibt er immer fremd in der Stadt.

Sein überschaubares soziales Umfeld schwankt zwischen einem akademischen Kreis und eher „abseitigen“ Figuren. Da ist Thanos, der Wirt der Klapsmühle, der für Abel so etwas wie ein Ratgeber und vielleicht auch eine Vaterfigur darstellt. In der Klapsmühle verbringt Abel einen großen Teil seiner Freizeit. Hier schweben halbnackte Engel an der Decke und nicht selten verlassen die Gäste das Lokal erst, wenn am Montag nach dem Wochenende der Kehraus gemacht wird. Da ist auf der anderen Seite Kinga, die Kämpferin. Bei ihr strandet Abel auf der Suche nach einer neuen Bleibe, nachdem er die Universität verlassen hat. Für sie ist er »das Kind«. Er lässt sich treiben als Teil von »Kingania«, einem „Salon“ für Trinker, unterhalten durch die Kämpferin und drei Musiker. Vor allem in Kinga, einer Suchenden, einer Ungezügelten, bringt er Roman so viel Lebenslust und Lebensfrust in einer einzigen Figur zusammen, dass sich dem Leser die Frage aufdrängt, was ein einzelner Mensch ertragen kann.

Bevor Terézia Mora in der (noch unvollständigen) Trilogie um den IT Spezialisten Darius Kopp die Abgründe der Psyche ins Visier nimmt, leuchtet „Alle Tage“ den Bereich der Gesellschaft aus, für den sich die Autorin interessiert. Mit einer Abfolge schneller Schnitte und ständigen Wechseln der Erzählperspektive legt der Roman ein sehr dynamisches Erzähltempo vor. Unterstützt durch einen parataktischen Satzbau und die sehr klare, direkte Sprache findet der Leser einen schnellen Zugang zu den Figuren. Durch die intelligente, wie lebensnahe Dialoggestaltung wird das Umfeld unseres Protagonisten mit seinen Problemen nicht nur nachfühlbar, sondern präsentiert sich darüber hinaus als Panorama der gesellschaftlichen Gegenwart. Der Fremde auf der Suche nach Anschluss wird zum zentralen Thema.

„Alle Tage“ überzeugt durch ein gut gezeichnetes Personal mit Ecken und Kanten und eine überaus dichte Atmosphäre. Der Roman will mehr als nur die Probleme seiner Hauptfigur nacherzählen und schafft das auch indem er Fremdheit zulässt und Abel Nema trotz seiner Besonderheiten nie vorführt, sondern ihm Raum gibt sich in der Gesellschaft zu bewähren oder eben zu scheitern.

dav

Halbtrocken.

Dieser Kuss roch lange nach
wir saßen noch beim Restefrühstück
und irgendwer brachte Sekt
prickelnd wie dänisches Eis
hast du gelallt
und wir fielen zurück
in das, was Nacht war
und einer flacher Hauch Verwesung

unterwegs…

Was Neues zu sehen
Wurdest du enttäuscht
Überall die gleichen Gruppen
Fabrik und Kirche und Lidl
Angestrahlt verschiedenfarbig
Das machte wenig her
Bis du das Kalb sahst
Unter der Kuh
Dieses Kalb das trank
Dieses Kalb so echt
War ein Busch
Immerhin

18.2. – Erfurt – watch us grow. IGN, Heft, Hant, Literaturfestival Erfurt+Mosaik zu Besuch bei Frau Korte

Thuringias Finest und Mosaik/Salzburg come to get you.

In guter Nachbarschaft - Die unabhängige Lesereihe in Thüringen

Watch us grow. Literatur + Musik + freie Szene.

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Samstag, 18. Februar 2017 

Frau Korte (Nordbahnhof, Magdeburger Allee 179, 99086 Erfurt)

Einlass: 19 Uhr
Beginn: 20 Uhr

Eintritt: 3,- €

///

Als gemeinsamer Auftakt für ein neues Jahr der Zusammenarbeit und Freundschaft treten WIR – In guter Nachbarschaft, Literaturfestival Erfurt, hEFt, HANT – Magazin für Fotografie – offen in Dialog miteinander und lassen, in gewohnter Manier, Literatur für uns sprechen, der Syntax ihr Spiel und dem Abend seinen Lauf.

Vier unabhängige Thüringer Initiativen für Literatur, Photographie, Kunst und Alltag treten geschlossen und vor allem entschieden auf und trotzen bei Frau Korte im Nordbahnhof dem Wetter. Was das heißt? Ganz einfach: Vier Schriftsteller*innen treffen aufeinander, geben & nehmen sich das Wort und machen dadurch vor allem deutlich, dass Literatur und Erfurt sich keineswegs ausschließen.

Mit dabei sind: Kinga Tóth, Franziska Wilhelm, Franziska Ostermann und Michael Donth liest Arno…

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Mal schaun – Schaudort bei Freier Schriftsteller und Drama :O

Manchmal kann auch Facebook inspirierend sein. In meinem Profil findet sich eine interessante Berufsbezeichnung: »Schaudort bei Freier Schriftsteller«. Das war sicher irgendein Bedienungsfehler meinerseits, aber da weder „Freier Schriftsteller“, noch Autor (Sehr viele Menschen heißen im blau-weiß gefärbten Netzwerk sogar auf diese Zuschreibung.) so wirklich passen, finde ich die Position eines Schaudorts sehr ansprechend.

Dazu heute ein Interview mit dem Interviewpartner Rhetorischer Frager.

RF: Was macht so einer eigentlich?
SD: Zuerst einmal natürlich: Sich äußern.
RF:Wie macht er das?
SD: Da er bei Freier Schriftsteller arbeitet muss der Schaudort irgendetwas mit Texproduktion zu tun haben. Er schreibt also.
RF:Wie genau tut er das?
SD: Das ist der interessantere Aspekt. Das Format ist ihm nicht so wichtig. Es setzt sich an diverse Genres. Was er aber nicht kann, sind längere Texte. Da unterscheidet sich unser Schaudort schon einmal von einem Autoren. Ihm fehlt der Atem für umfangreiche Produkte. Viel wichtiger ist aber die Frage wie der implizite Imperativ in der Bezeichnung Schaudort einzulösen ist. (Oh nein, während der Erklärung entschlief der Rhetorische Frager.) […]…also deutet er quasi auf Dinge, die ihn interessieren und von denen er überzeugt ist, sie könnten auch für andere einflussreich sein. Er zeigt auf Dinge und sagt: ‚Schau mal dort.‘.

– Pause: Der rhetorische Frager wird durch eine lokal ansässiges Bestattungsinstitut abtransportiert. –

Die neue Interviewerin wird eingeblendet. Weiter geht es mit Anne Wollte.

AW: Herr Dort, sie erwähnten die Subjektivität Ihrer Eindrücke. Können Sie uns, also den Zulesern und mir, erklären worauf Ihre Erwartung basiert, dass sich Leute für Ihre Texte interessieren könnten?
SD: Nein.

Der Sender bricht das Interview hier ab. In Molsdorf ist ein Igel von der Fahrbahn abgekommen.

Mechanik und Plan. Versagt.

Ich glaube die Mechanik hat versagt. Natürlich hat sie versagt. Musste so kommen. Ich hatte es geplant. Lange geplant. Aber kurz vorher. Ziemlich kurz vorher wurde mir anders. Aber der Plan wurde nicht anders. Die Mechanik musste versagen. Jetzt hängt das so unnatürlich. Könnte sagen, am Faden. An Fasern. Irgendwas Natürlichem noch. So Gewebe. Einem Gewebe, das widerstand. Der Mechanik. Es wurde alles schiefgedrückt. Das war ein guter Anfang. Aber dann hielt es an. Da ging es nicht weiter. Dieses Gewebe, es widerstand. Und so habe ich es angerichtet. Das ist wirklich kein tolles Bild. Der Plan war gut. Aber mir wurde anders. Anders als geplant. Da war irgendwas mit der Mechanik, das falsch war. Irgendwas. Und jetzt dieses schräge, krumme Gehänge. Das will doch keiner sehen. Wegen ein paar Fasern Gewebe. Aber die haben widerstanden, weil mir anders wurde. Die Mechanik ist gut. Die hätte doch funktionieren müssen. Nach meinem Plan. Ich wurde vorher anders und konnte nicht genug geben. Alles schon so schön krumm und kurz bevor es platzt, versagt meine Mechanik. Der schöne Plan. Für die Katz. Natürlich jetzt schon Fasern auf der Straße und kleine Teile davon. Auch Gewebe schon auf dem Asphalt. Noch zusammen, es hängt so unnatürlich. Diese wenigen Fasern. Mein ganzer Plan. Ich wurde zu weich, zu anders. So konnte es nicht gehen. Und die Mechanik versagte und ich. Natürlich sah es nicht mehr aus. Aber was tun. Jetzt ist es so schräg, so gedrückt. Es läuft ja auch was raus. Das sollte es. Es gab nicht nach. Es widerstand. Und der Klumpen da, dieser Klumpen. Mit Fasern und Gewebe und Haaren. Nein, nicht schauen. Das ist nicht schön. Ich drückte nicht gut. Ich war anders als der Plan und die Mechanik. Ich taugte nicht dafür. Zum Drücken natürlich, das geht. Aber da wo es platzt und läuft. Wo es rausläuft und das Gewebe auseinandergeht. Da bleibe ich hängen. Da versagt mir die Mechanik, der gute Plan. Der Widerstand des Gewebes so natürlich. Ich plante so lang und wurde kurz anders. Da war es schon vorbei.