Mal schaun – 2. Vj. 2020 -„Küss de hück nit, küss de morje.“

Tja ja. Ich und die Zuverlässigkeit meiner Beiträge. Ausbaufähig. Dennoch möchte ich euch heute mitteilen, was als Nächstes so ansteht auf »Schaudort«.

Der Blog soll etwas weiterentwickelt werden. Hierzu schmeiße ich Kategorien die »Work it« und »Krämpfer« über Bord und sortiere die Restlichen neu. Der Fokus soll weiterhin auf vier Schwerpunkten liegen:

  • Eigene Texte jeder Art: Kurzprosa, Lyrik oder Gesprächsnotate. Zu finden unter »Geschrieben«
  • Rezensionen von für mich mehr als nur ansprechenden Büchern. Hier werde ich neben »Durchgelesen« als klassischer Besprechung mit »Auserlesen« ein neues Format starten. Damit sollen endlich auch Bücher Erwähnung finden, die durch ein besonderes Format und eine besondere persönliche Wirkung auf mich aufweisen. Als ersten Titel hierfür habe ich mir »final image« von Mario Osterland vorgenommen.
  • In »Gesehen« wird es auch weiterhin Texte geben, die ich aus anderen Quellen entweder verlinke oder übernehme. Vorwiegend werden hier gemeinfreie Texte auftauchen. Aber auch literarische Veranstaltungen möchte ich hier teilen. Die nächste „Ausgabe“ wird etwas Lyrik aus Lateinamerika präsentieren.
  • Der Fototeil »Pix« wird fortgeführt. Kurz überlegte ich, ob es nicht cool sein würde einen Reiseblog zu führen. Dann stellte ich fest, dass man Reisen muss um darüber zu bloggen. Keine Option im Moment. Mit »Pix« werde ich weiterhin eigene Aufnahmen eines Ortes in den Mittelpunkt stellen und diese mit einem Begleittext über die jeweilige Destination versehen.

Ferner werde ich eine Kleinigkeit einführen, die mich selber zwingen soll regelmäßig auf den Blog zu schauen: Eine Lektüreliste mit aktuell gelesenen Titeln.

So – jetzt müssen die guten Pläne nur noch umgesetzt werden. Wünscht mir Glück. 😀

Wunsch, Italiener zu werden

Wenn man doch ein Italiener wäre, gleich bereit, und auf dem begrünten Balkon, an der frischen Luft, immer wieder kurz ergriffen mit all den anderen Ergriffenen, bis man das Singen ließ, denn man konnte nicht singen, bis man zu Winken aufhörte, denn es winkte sonst keiner, und kaum den Hinterhof vor sich mit den Rufen nach Ruhe, schon ohne Miteinander und Balkon.
*Frei nach Franz Kafka: „Wunsch, Indianer zu werden“

Geräuschpegel März 2020

Zuerst blieb die Musik weg
Gebrüll in Telefone fiel aus
das Hupen wurde weniger
nichts mehr von den Kindern
kein Lachen, kein Schreien
das Rattern der Bahnen vereinzelte sich
wie das Geratter von Kabinentrolleys

es blieben einige Schritte unruhig
immer wieder der Heulton von Sirenen
und mancher versuchte zu singen
dann schritten die Nachbarn ein

die Vögel wurden immer lauter
wie auch die Räderwerke in Uhren

das Fingergras im Fenster
wurde unser Lieblingston
ein Wispern von Wachstum
machte uns hoffnungsfroh
das noch etwas kommt

*Das Beitragsbild zeigt die Installation „Die Welt ist wie ein Puppenspiel“ des Künstlers Roland Lindner in Zeitz.

Auf Bald,

liebes Steiger
mit deinen Trägern
zu schräg für eine Hose
aber mit Flut
sahen wir dich im Herbst
mit der roten Tartanbahn
und den weißen Sitzschalen am Marathontor

manchmal wurden Blicke länger
da sah man den Jubel
noch ehe er brandete
wie die Foxtrotts von Ilse Werner
über der Mitteldeutschen Kampfbahn

gepfiffen auch der Wind
durch die Welle
deiner Haupttribüne
wenn sich die Balljungen erschöpften
und an die Bande sanken
und viel von dir in den Wald

mitgenommen sind die Schals und Trikots
schick in den Wald gerückt deine neuen Kleider
hin und wieder im Saal
wenn vorne einer Zahlen kommentiert
werden Korken geworfen
auch das ist Jubel
wenn man so will

Auf Bald.

PIX – Mostar/Bosnien-Herzogowina

Mostar. Der Ort wirkt unwirklich. Es gibt hier diese extrem kompakte Altstadt mit der wieder errichteten Brücke. Drum herum findet eine Stadt mit immerhin 110.000 Einwohnern und einer Menge neuer Bauten, wie dem Franziskanerkloster von 2004 mit seinem alles überragenden Glockenturm. Kaum fünf Meter weiter zeigen die Fassaden noch Einschusslöcher aus dem Krieg. Doch nicht nur die Stadt bietet ein disparates Bild, die Bevölkerung selber ist mit jeweils einem Drittel Bosniaken, einem Drittel Kroaten und großen Gruppen von Serben und Jugoslawen nach dem Krieg sehr zergliedert. Mostar ist bis heute zwei Städte – eine kroatische und eine bosniakische. Entlang der Neretva verläuft neben der Verwaltungsgrenze auch die Religionsgrenze. Im bosniakischen Teil der Stadt dominieren Moscheen, während der kroatische Teil von Kirchen gesäumt ist.

Natürlich führt den Touristen der Weg schnell zur Stari Most und ihrer wechselhaften Geschichte. Der Wiederaufbau der Brücke wurde 2004 abgeschlossen. Heute gilt sie als „Symbol der Versöhnung und internationalen Zusammenarbeit“ – oder zumindest als große Attraktion für Touristen. Und natürlich – das hier ist alles eine große Fassade mit einem Souvenirseelenverkäufer neben dem Anderen – aber es fällt schwer sich der Wirkung des Ortes zu entziehen. Gerade nach einer Beschäftigung mit den Umständen der Zerstörung der Brücke am 09.11.1993 lässt sich der Wiederaufbau eines Bauwerks, welches vorher immerhin weit über 400 Jahre Bestand hatte nicht allein auf Architektur ober Baukunst beschränken. In der Altstadt dokumentieren eine Reihe von Ausstellungen den Wandel von einer viele frequentierten Verbindung über den Fluss Neretva zu einem umkämpften Verkehrsweg, verhängt mit Stacheldraht und Planen als Sichtschutz.

Frage für einen Freund #1 mit Jaroslav Rudiš | 20-02-2020 Kunsthaus Erfurt 19:30 Uhr

Unser (ehemaliger) Nachbar Mario Osterland startet in diesem Jahr ein neues liteararisches Veranstaltungsformat in Kooperation mit dem Kunsthaus Erfurt. Bei Frage für einen Freund steht nicht die Autor*innenlesung im Mittelpunkt, sondern das Werkstattgespräch an dem sich das Publikum gleichberechtig mit dem Moderator und dem jeweils eingeladenen Gast beteiligen kann. Weitere Infos gibt es hier.

über Frage für einen Freund #1 — In guter Nachbarschaft – Die unabhängige Lesereihe in Thüringen

An der Regengrenze

Weißt du noch, du saßt am Fenster
Den Vorhang nur für das Licht geöffnet
Wenn es donnerte wie Bergriesen
Und der Sturm das Haus fortriss
Bis ans Ende der Welt
Und wie du gerechnet hast
wie lang es dauert heimzulaufen von dort

Und sie saß immer da
Hart an der Regengrenze
Das Spinnrad fest im Griff
Wie es sich drehte im Akkord
Sie saß da und atmete tief

Wie sie dir winkte zu kommen
Nur einen Moment oder zwei
Und wie sie es wieder schaffte
Unentwegt spinnend
Deinen Blick zu bannen auf den Faden
wie sich das Rauschen aus den Ohren zurückzog
Wie sie es wieder schaffte
Das Gewitter zu packen auf die Spule
Als Kratzen der Wolle auf Haut

PIX – Dubrovnik/Kroatien

Hach Dubrovnik. Wahrscheinlich muss ich hier nicht viele Worte verlieren. Fast jeder kennt die Stadt an der Adriatischen Küste. Eine kompakte Altstadt, komplett umgeben von der völlig intakten Stadtmauer aus der Zeit als hier mit der Republik Ragusa (Blütezeit 14.16. Jahrhundert) eine unabhängige Stadtrepublik eine geschickte Bündnispolitik betrieb um sich gegen die Einnahme durch die Habsburger auf der einen Seite und den Osmanen auf der anderen Seite abzusichern. Zwar bewegte man sich immer als indirekter Vasall, konnte somit aber die Bedeutung als wichtiger Handelshafen im Mittelmeer verteidigen. Diese Phase der Stadtgeschichte hinterlässt uns ein prächtiges Altstadtensemble nahezu ohne neuzeitliche Bausünden. Allerdings sorgt dies auch dafür, dass dieser Teil Dubrovniks nur noch sehr spärlich bewohnt ist. Der Alltag zwischen an den steilen schmalen Gassen und Touristentrauben ist einfach zu beschwerlich. Wir haben die Stadt im Dezember besucht. Doch selbst in dieser absoluten Nebensaison standen wir mit unserer Gruppe häufiger unüberwindbar wie die Stadtmauer im Weg. Die einzigen Bewohner der Stadt, die ungestört ihrer Wege gingen waren die Katzen. Zwar wimmelt es hier nicht so von den Vierbeinern wie in Kotor oder Split, aber es fällt auf, dass sie hier stolz zwischen den Palästen und Kirchen herumstreifen um dem Touristen zu sagen: „Ja schau dich um. Aber hier ist unser Revier.“

Durchgelesen: Marko Dinić – »Die guten Tage« & Marko Dinić zu Gast bei Blaubart & Ginster

Marko Dinić (*1988 / Wien) präsentiert in seinem Debütroman „Die guten Tage“ (erschienen im Zsolnay Verlag/Wien) eine abenteuerliche Fahrt von Wien nach Belgrad. Im „Gastarbeiter-Express“ fährt der Erzähler umgeben von Mittfünfzigern, „denen die Diaspora anzusehen war, die körperliche Arbeit und der Alkoholismus“, in die Heimat um der Beerdigung seiner Großmutter beizuwohnen. Sie war es, die ihn immer bestärkte Belgrad oder am besten gleich ganz Serbien zu verlassen. Und sie ist es auch, für die er die Reise antritt.

Die wenig abwechlungsreiche Fahrt durch öde Landschaften Ungarns wird durch die Reisegesellschaft einerseits untermalt, andererseits auch unerträglich. Dinić beschreibt hier meisterlich die Eigendynamik einer solchen Schicksalsgemeinschaft. Insbesondere der Sitznachbar unseres Erzählers ist eine sehr eigentümliche Gestalt. Er stellt sich als eine Art Chronist der Zu- und Umstände in seinem Heimatland Serbien vor, der „es sich zur Aufgabe macht, dieses verbrecherische Pack zu entlarven“. Angetrieben von der Auseinandersetzung mit diesem Zeitgenossen entsinnt sich der Erzähler in loser Reihen- und Zeitfolge an Episoden seiner Kindheit und Jugendzeit in Serbien, wobei der Jugoslawienkrieg und die nachfolgende Diaspora der Serben einen zentralen Stellenwert erhalten. Nicht ausgeklammert werden dabei Fragen der Schuldigkeit in diesem Konflikt und so wird die Vaterfigur des Erzählers zu einem weiteren Protagonisten des Buches – eine Art Konterpart zur motivierenden Großmutter.

Hinzu kommt die Stadt Belgrad selbst, die in regelmäßigen Abständen Schübe der Erneuerung und Veränderung erlebt. Nach seiner Ankunft in der zehn Jahre zuvor verlassenen Heimatstadt findet unser Erzähler Bekanntes und Neues nebeneinander und trotzdem scheint die Stadt ihren widersprüchlichen Charakter konserviert zu haben.

Marko Dinić führt in „Die guten Tage“ eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit vor, welche nicht widerstandslos an der Erzählerfigur vorbeigeht. Diese dreht sich immer schneller zwischen Gegenwart und Bildern aus der Vergangenheit um sich in einem furiosen Finale doch nicht ganz lossagen zu können.

In der aktuellen Ausgabe Ihres Literaturpodcasts „Blaubart&Ginster“ unterhalten sich die Moderatoren Mario Osterland und Ralf Schönfelder mit Marko Dinić über seinen Roman, die immer noch aktuelle Handkedebatte und Arno Schmidt.

In guter Nachbarschaft - Die unabhängige Lesereihe in Thüringen

Marko Dinić, der Gast unsere letzten Nachbarschaft in Jena, hat sich auch bei unseren Freunden von Blaubart & Ginster im Studio blicken lassen. In ihrer aktuellen Sendung sprechen die Moderatoren Ralf Schönfelder und Mario Osterland mit dem Wiener Autor unter anderem über sein aktuelles Buch Die guten Tage, über Arno Schmidt und den Literaturnobelpreis für Peter Handke.

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