Adventskalender Tür17* – Kurt Tucholsky (1890-1935) – »Groß-Stadt-Weihnachten«

Nun senkt sich wieder auf die heim′schen Fluren

die Weihenacht! die Weihenacht!

Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,

wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?

Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.

Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,

den Aschenbecher aus Emalch glase.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen

auf einen stillen heiligen Grammophon.

Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen

den Schlips, die Puppe und das Lexikohn.

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,

voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,

dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:

„Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!“

Und frohgelaunt spricht er vom ′Weihnachtswetter′,

mag es nun regnen oder mag es schnein.

Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,

die trächtig sind von süßen Plauderein.

So trifft denn nur auf eitel Gück hienieden

in dieser Residenz Christkindleins Flug?

Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …

„Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.“

  • 24 Mal weihnachtlich, winterliches Dichtwerk aus 24 Federn als Countdown zum Advent.

Statt Tucholsky

Eine der kleineren Grünanlagen in Erfurt:

Ein sonniger Tag lockt ins Freie. Einen kleinen Band Tucholsky vor der Nase. Das echte Leben im Ohr. „So, hier musst du auspassen.“ Eine Mutter, gertenschlank, aufrecht sitzend im Damensattel und ihr Zögling, etwas pummelig, krumgebeugt auf seinem BMX-Rad, nutzen entgegen der Verkehrsrichtung den Radweg. Die Stimme der Frau klingt entspannt, passt in den Tag. Der Sohn brüllt: „Fahr doch mal lammsam!“ „Ich bin doch langsam. Du musst nur schneller werden.“ Der Abstand zwischen Mutter und Sohn vergrößert sich zusehends und zugegebenermaßen: Sie fährt wirklich langsam. „Jetzt wirst du immer schneller, was soll das?“ „Ich werde nicht schneller. Jetzt mach endlich hin.“ Eine gewisse Reizung nun auch in ihren Tonfall. Der Sohn indessen hat bereits reagiert, das Rad weggeworfen und angefangen zu weinen: „Wenn ich schneller fahr, brech mich mir den Kopf und dann kann ich nie wieder DS zocken.“ Die Mutter fährt weiter, brüllt zurück: „Was bist du nur für ein dummes, fettes Kind. Wer hat dich gemacht. Hä, wer hat dich gemacht.“ „Halt dein Maul.“ Auch die Mutter stoppt. „Was hast du gesagt?“ „Halt dein Maul!“ Immer noch liegen ungefähr hundert Meter zwischen den Beiden, was für die Kraft ihrer Stimmen allerdings kein Problem darstellt: „Wenn du nicht mein Kind wärst, würde ich dich auf der Stelle verprügeln. Aber so können wir nach Hause fahren und Papa nimmt die Hausschuhe dafür.“ Einen Einwand, dass ihr Kind doch aufgrund ihrer Erziehung so entwickelt sei, wischt sie mit der Bemerkung weg: „Das ist die Gesellschaft.Schauen sie sich doch an. Auch fett und dumm. Hängen sich einfach in Sachen rein, die sie nichts angehen.“ Auch das man Kinder nicht schlage, beantwortet sie standfest: „Was kommt denn raus, wenn man Kinder nicht schlägt. Lauter Weicheier. Kleine fette Weicheier. So wird das nichts mit dem Land. Wenn ein Kind eine gelangt bekommt, dann ist das nie falsch.“ Der Sohn war mittlerweile herangekommen, allerdings ohne sein Rad. „Mama. ‚Ntschuldige. Ich wollt das nicht so sagen. Ich war nur böse, weil du so schnell warst.“ Die Mutter plötzlich wieder ruhig: „Ach. Na geht doch. Trotzdem wirst du ‚ne ordentliche Tracht bekommen. Schau dir mal dein Rad an.“ „Aber.“ „Nix aber. Holen. Nach Hause. Schuhe holen.“ Einen weiteren Einwand ließ sie noch zu. Mit einer Handbewegung schob sie nach: „Sie haben keine Kinder. Das sehe ich. Wenn sie wieder sich wieder irgendwo reinhängen wollen, dann sprechen sie mit meinem Mann. Der kriegt sie schon noch kürzer.“