Abgeschaut – Georg Trakl: »Grodek«

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder

Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen

Und blauen Seen, darüber die Sonne

Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht

Sterbende Krieger, die wilde Klage

Ihrer zerbrochenen Münder.

Doch stille sammelt im Weidengrund

Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt

Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;

Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.

Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen

Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,

Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;

Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.

O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre

Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,

Die ungebornen Enkel.

| Zitiert nach: Trakl, Georg: Das dichterische Werk. München 1972. S. 94-95.

| Digitalisat auf Zeno.org

Abgeschaut – Georg Trakl „Nachtlied“

Des Unbewegten Odem. Ein Tiergesicht

Erstarrt vor Bläue, ihrer Heiligkeit.

Gewaltig ist das Schweigen im Stein;

Die Maske eines nächtlichen Vogels. Sanfter Dreiklang

Verklingt in einem. Elai! dein Antlitz

Beugt sich sprachlos über bläuliche Wasser.

O! ihr stillen Spiegel der Wahrheit.

An des Einsamen elfenbeinerner Schläfe

Erscheint der Abglanz gefallener Engel.


| Georg Trakl: Das dichterische Werk. München 1972, S. 40.

| Digital auf Zeno.org: http://www.zeno.org/nid/2000580180X

Abgeschaut – Johann Wolfgang von Goethe „Die Frösche“*

Sehr viel passender kann man die „Magie“ der Vorsätze für das neue Jahr kaum zusammenfassen.

Ein großer Teich war zugefroren;
Die Fröschlein, in der Tiefe verloren,
Durften nicht ferner quaken noch springen,
Versprachen sich aber, im halben Traum,
Fänden sie nur da oben Raum,
Wie Nachtigallen wollten sie singen.
Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,
Nun ruderten sie und landeten stolz
Und saßen am Ufer weit und breit
Und quakten wie vor alter Zeit.

*Der Titel „Die Frösche“ ist eine spätere Zuschreibung. In der Werkausgabe letzter Hand von 1827 ist das Gedicht Abschnitt 10 unter den „Parabolischen Gedichten“.

|Zitiert nach: Goethe, Johann Wolfgang von: Werke 1, Gedichte, West-östlicher Divan. Insel Verlag 2007, S. 244.

Abgeschaut – Heinrich Heine- „Wenn ich, beseligt von schönen Küssen“

Wenn ich, beseligt von schönen Küssen,
In deinen Armen mich wohl befinde,
Dann mußt du mir nie von Deutschland reden; –
Ich kann’s nicht vertragen – es hat seine Gründe.

Ich bitte dich, laß mich mit Deutschland in Frieden!
Du mußt mich nicht plagen mit ewigen Fragen
Nach Heimath, Sippschaft und Lebensverhältniß; –
Es hat seine Gründe – ich kanns nicht vertragen.

Die Eichen sind grün, und blau sind die Augen
Der deutschen Frauen; sie schmachten gelinde
Und seufzen von Liebe, Hoffnung und Glauben; –
Ich kann’s nicht vertragen – es hat seine Gründe.

| Aus: Heine, Heinrich: Neue Gedichte. Hoffmann und Campe, 1844. Seite 81.

| Digitalisat unter: https://de.wikisource.org/wiki/Wenn_ich,_beseligt_von_sch%C3%B6nen_K%C3%BCssen