Der Schnee im Hinterhof

Da liegt er flächendeckend
in die Dämmerung gegeben
der Kopf vermischt die Farben
Grau und Weiß und Backstein

Und man könnte denken
Was soll jetzt noch passieren
wenn schon der Schnee zurück ist

Aber auch damit ist es nicht weit her
von Worten und Zahlen verdeckt
ist da Nichts um das Gesicht zu schützen

Es bleiben dir die einzelnen Tauben,
der Kaffeeduft und ein Husten.

Im November

Verstecke ich meine imaginären Freunde

Einer in den Kleiderschrank, einer in die Dusche und einer will sicher sein. Er sitzt in der Wäschetrommel.

Bang schauen wir zu Tür und singen leise: Der Lauterbach kommt, der Lauterbach kommt.

Es ist unser liebster Nachtmahr.

Kurze Freude

Wie sich die Haifischhaut zusammen zieht

Wenn ein anderer Mann in deiner Kehle vergeht

Und er nach kurzem Erschauern fahl wird, sich deinen Schatten zu nutze macht in dem er sich versteckt

Denn er bekam was er wollte und du bekamst was er wollte.

Jetzt in dem Kissen 80×80 als Füllung Daunen und getrocknetes Leben von den Lippen getropft bevor es begann.

Die Stille am Gleis 2 in Bitterfeld an einem mäßig warmen Sonntagmittag im Herbst

Der unplanmäßige Halt deines Zuges

verwährt dir den Umstieg

und so stehst du unter blauem Himmel

umgeben von einer Hundertschaft Güterwaggons

zu wenig Zeit für einen Gang in die Stadt

kaufst du dir ein Büchlein über Ikigai

liest von einem hundertjährigen Sushimacher

der auf Okinawa sein Geschäft aufbaute

mit neuen Ideen jeden Tag den Vögeln abgelauscht

und du spürst die Wärme der Sonne

und das gleichbleibende Surren der elektrischen Spannung

so wie der alte Japaner auf seinem Weg durch Naha

unter dem Rauschen der Bäume

findest du ein Ikigai:

Die Stille am Gleis 2 in Bitterfeld

an einem mäßig warmen Sonntagmittag im Herbst

Alte Liebe

An die Theke gelehnt, mit großen Gesten
erklärt er die Welt aus Schaum und Wellen
des Biers und Bewegungen im Kehlkopf

es ist wie beim Dart sagt er,
wer immer die Mitte trifft kommt voran
schafft es aber nie ans Ende
da bleibt dann das Quäntchen, die letzte Eins

dann prostet er der Luft zu, dem Automaten
aber den hat er sich abgewöhnt sagt er,
das ist dann so eine Sache von Glück und Statistik
und von Glück verstehe er was

er finde das ist wie bei Daumen erzählt er dem neuen Glas
wenn man die so anguckt, sind die doch auch nicht besonders
wer sagt schon „Du schlimmer Daumen!“ und wo zwei sind
da ist eh einer zu viel hat er von seiner Frau gelernt

er verneigt sich und geht
das Publikum ist ausgetrunken
morgen kommt er wieder
und er weiß schon wen er trifft

Vorbereitung

Am Ortsrand rollt die Sonne noch Stroh
das langsame Gehen den Radweg entlang
macht uns das Wochenende weit
wie mit Siebenmeilenschritten geht es voran
frisch mit dem Wind um die Wette
und die großen Ideen im Kopf

zwischen den Dörfern machen wir Halt
blicken auf die Äcker
laden kurz auf

jetzt können sie kommen
sollen sie sich doch zeigen
und ihre Geschichten erzählen


wir sind bereit, wir hören zu
wir haben die Halme unter der Nase

Bei Moderwitz

Das Schild zu den Mittelalterlichen Fleischbänken

und schon bist du verführt an die Pest zu denken

die von hier – Stadtroda – Pößneck – Ilmenau ihren Weg nahm

und Moderwitz in Quarantäne

mit den Schnabelmaskierten auf Wache

und den schwarzen Fahnen der Warnung

gehen die Schlagbäume nach unten, bleiben zu

weil du denkst, dass es war wie es ist

natürlich wurden die Sauen zerlegt hier

in engster Reihung und die Ringelschwänze liefen fort

gingen in die Häuser, brachten Beulen und Bahren

und Moderwitz versank

wie dein Kopf im Chaos

ihr aber fahrt in die andere Richtung

Atlantikwall bei Sturm


In Belgien, Mellipark,

sahen wir Madonnas Frozen

einen Frikandelrest zwischen den Zähnen

fuhren wir zu Kanonen und Beton

am Atlantikwall war nicht viel los

nur ein Krater wo jetzt der Imbiss steht

in dem das Frittenfett Wellen schlägt

wie andernorts die See

als man hier vergeblich wachte

Madonna singt weiter gegen Raben an

Geräuschpegel März 2020

Zuerst blieb die Musik weg
Gebrüll in Telefone fiel aus
das Hupen wurde weniger
nichts mehr von den Kindern
kein Lachen, kein Schreien
das Rattern der Bahnen vereinzelte sich
wie das Geratter von Kabinentrolleys

es blieben einige Schritte unruhig
immer wieder der Heulton von Sirenen
und mancher versuchte zu singen
dann schritten die Nachbarn ein

die Vögel wurden immer lauter
wie auch die Räderwerke in Uhren

das Fingergras im Fenster
wurde unser Lieblingston
ein Wispern von Wachstum
machte uns hoffnungsfroh
das noch etwas kommt

*Das Beitragsbild zeigt die Installation „Die Welt ist wie ein Puppenspiel“ des Künstlers Roland Lindner in Zeitz.

Auf Bald,

liebes Steiger
mit deinen Trägern
zu schräg für eine Hose
aber mit Flut
sahen wir dich im Herbst
mit der roten Tartanbahn
und den weißen Sitzschalen am Marathontor

manchmal wurden Blicke länger
da sah man den Jubel
noch ehe er brandete
wie die Foxtrotts von Ilse Werner
über der Mitteldeutschen Kampfbahn

gepfiffen auch der Wind
durch die Welle
deiner Haupttribüne
wenn sich die Balljungen erschöpften
und an die Bande sanken
und viel von dir in den Wald

mitgenommen sind die Schals und Trikots
schick in den Wald gerückt deine neuen Kleider
hin und wieder im Saal
wenn vorne einer Zahlen kommentiert
werden Korken geworfen
auch das ist Jubel
wenn man so will

Auf Bald.