Jenseits des Standstreifens

ich kehre die Autobahn
Feudeln gegen Feinstaub
Du sagst
Ich solle Wolken züchten
Wolken auf die Leitplanken wickeln
mit ihren Tropfen die Fahrbahn säubern

wir legen uns auf den Mittelstreifen
sammeln die Sonne ein
zählen Marienkäferbeine auf dem Asphalt
Du sagst
Drei Kirschkerne in einem Schatten
geben noch keinen Arcimboldo

ziehen die Fahrbahnen auseinander
verbinden damit unsere Augen
heben die Arme
Du sagst
jetzt können wir Träumen
jetzt können wir Fliegen

wir fließen dahin
wir reißen die Brücken ein
die Augenbinden zerfleddern
das Licht kehrt wieder
wir sind grenzenlos wie keiner

Tamara Danz Straße

die beiden Bs ihres Lebens
Breitungen und Berlin
hier Kindheit, dort Kunst
heute verbauen sie hier die Seele
die neue Mall, die neuen Häuser
und alles trägt ihren Namen
als Farbfleck auf dem Waschbeton
und unter dem Asphalt liegen die Toten
und Sand ins Auge wehts
von der Werra von der Spree
vom Schloss her, von der Mauer
und vielleicht an roter Ampel
summt ein Bauender »Schlohweißer Tag«

| Der Text wurde zuerst auf der Seite Literaturland Thüringen veröffentlicht.

Ostersonntag

lass uns doch spazieren gehen

vorüber an den Parkflächen

entlang an den Krankenkassen

Büroparks, Spätis, Thai-Masseuren

immer voran zur alten Mälzerei

über den Feldweg von damals

erinnerst du dich

zum Güterbahnhof geht er heute

da raus, wo keiner hin will

lass uns doch ziehen

zur Badausstellung mit den staubigen Fließen

da gibt es auch heute noch Tiere

da gehen wir hin

vielleicht finden wir den einen Waschbären am Bach

der kann uns mit der Flasche winken

die da einer hinterließ zum Gruße

lass uns doch stromern gehn

zu den bunten Tüten wehend im Wind

Altbau

da stand wieder deine Meinung
als Barrikade aus Zündhölzern
mir in den Weg gestellt

und jedes Wort Kartoffelstampf
mit gebreiteten Armen abgehoben
getragen von der rhetorischen Welle
und verbrennend Moralin
landest du auf den Füßen – wo sonst

beziehst deinen Altbau
mit deiner gewohnten Position
machst du ihn schick
Gardinen bewahren die Haltung
nur bisweilen hebt sie die Luft
dahinter knöchernd und spillerig du

Short – Februar 1

Pünktlich abgegeben meine Regenerklärung

Die Elster trug schwer dran

So viel Tau war dabei

Und die Wasserperlen am Fenster

Ziehen ihre Bahnen

Versuchen sich als neue Aussicht

Jetzt geht alles über in Eines

Und Regenfäden binden Asphalt an Bäume

Antwort

I

dein Satz gesprochen schlägt die Stille

zwischen Netlix und Dazn

füllte meine Augen

entleerte den Kopf

verkrampfte die Finger

II

giftig atme ich aus

Worte aus Teer im Hals

treten hervor, treten entgegen

hauen, hacken, stechen

machen Rauch aus dir

machen Asche in die ich mich lege

machen noch einmal Wärme

Berlin Hauptbahnhof

Pater Noster

Könntest du unter die Gehwegplatten

fahren mit einem Pater Noster

hinein in Kies und Wurzelwerk

schautest du dort nach Streetart

in den Sedimenten zu sammeln

die Linien der Gesteinsschichten

und Installationen aus Tabakkrümeln.

Aber dein Pater Noster bleibt stecken

Wrigleys in die Haare geklebt

geht nichtmals als Performance durch

Neujahr. Spaziergang.

14 Grad. Du machst dir auch Frühjahr im Kopf.

Neben dem Dom plätschert die Gera und 2022 wird ein Jahr. Bestimmt.

Du siehst den Fisch, der gegen die Strömung kämpft. Wie er sich windet. Pirouetten kunstvoll. Sein Grau fast transluzent.

Ob er vielleicht auf der Jagd ist unter dem Füßen der Ente. Prost Neujahr Fisch, denkst du.

Aber der Fisch ist ein Becher und 2022 wird so ein Jahr. Bestimmt.

Passagen i. Stadt

Dort ist er gestorben, nichts als ein Kommentar zur Geschichte

Werner Söllner

Besoffen treiben im Rieth, im Brühl

Kopf hoch, Lichter am Hotel

Theater macht Nacht

steht da, macht dich Spiegeln im Glas

in den Gärten stille Gesichter blau

beleuchtet von 6,3 Zoll Persönlichkeit

lasst den Dichter doch laufen

Template mit Ortsnamen

spielt er den Lokalen

zeichnet auf, bezeichnet sich

kippt vor, kippt um, kippte zu Viel

lasst ihn liegen als Spur

lasst ihn liegen

er kannte es nicht anders