Vorbereitung

Am Ortsrand rollt die Sonne noch Stroh
das langsame Gehen den Radweg entlang
macht uns das Wochenende weit
wie mit Siebenmeilenschritten geht es voran
frisch mit dem Wind um die Wette
und die großen Ideen im Kopf

zwischen den Dörfern machen wir Halt
blicken auf die Äcker
laden kurz auf

jetzt können sie kommen
sollen sie sich doch zeigen
und ihre Geschichten erzählen


wir sind bereit, wir hören zu
wir haben die Halme unter der Nase

Bei Moderwitz

Das Schild zu den Mittelalterlichen Fleischbänken

und schon bist du verführt an die Pest zu denken

die von hier – Stadtroda – Pößneck – Ilmenau ihren Weg nahm

und Moderwitz in Quarantäne

mit den Schnabelmaskierten auf Wache

und den schwarzen Fahnen der Warnung

gehen die Schlagbäume nach unten, bleiben zu

weil du denkst, dass es war wie es ist

natürlich wurden die Sauen zerlegt hier

in engster Reihung und die Ringelschwänze liefen fort

gingen in die Häuser, brachten Beulen und Bahren

und Moderwitz versank

wie dein Kopf im Chaos

ihr aber fahrt in die andere Richtung

Atlantikwall bei Sturm


In Belgien, Mellipark,

sahen wir Madonnas Frozen

einen Frikandelrest zwischen den Zähnen

fuhren wir zu Kanonen und Beton

am Atlantikwall war nicht viel los

nur ein Krater wo jetzt der Imbiss steht

in dem das Frittenfett Wellen schlägt

wie andernorts die See

als man hier vergeblich wachte

Madonna singt weiter gegen Raben an

Geräuschpegel März 2020

Zuerst blieb die Musik weg
Gebrüll in Telefone fiel aus
das Hupen wurde weniger
nichts mehr von den Kindern
kein Lachen, kein Schreien
das Rattern der Bahnen vereinzelte sich
wie das Geratter von Kabinentrolleys

es blieben einige Schritte unruhig
immer wieder der Heulton von Sirenen
und mancher versuchte zu singen
dann schritten die Nachbarn ein

die Vögel wurden immer lauter
wie auch die Räderwerke in Uhren

das Fingergras im Fenster
wurde unser Lieblingston
ein Wispern von Wachstum
machte uns hoffnungsfroh
das noch etwas kommt

*Das Beitragsbild zeigt die Installation „Die Welt ist wie ein Puppenspiel“ des Künstlers Roland Lindner in Zeitz.

Auf Bald,

liebes Steiger
mit deinen Trägern
zu schräg für eine Hose
aber mit Flut
sahen wir dich im Herbst
mit der roten Tartanbahn
und den weißen Sitzschalen am Marathontor

manchmal wurden Blicke länger
da sah man den Jubel
noch ehe er brandete
wie die Foxtrotts von Ilse Werner
über der Mitteldeutschen Kampfbahn

gepfiffen auch der Wind
durch die Welle
deiner Haupttribüne
wenn sich die Balljungen erschöpften
und an die Bande sanken
und viel von dir in den Wald

mitgenommen sind die Schals und Trikots
schick in den Wald gerückt deine neuen Kleider
hin und wieder im Saal
wenn vorne einer Zahlen kommentiert
werden Korken geworfen
auch das ist Jubel
wenn man so will

Auf Bald.

An der Regengrenze

Weißt du noch, du saßt am Fenster
Den Vorhang nur für das Licht geöffnet
Wenn es donnerte wie Bergriesen
Und der Sturm das Haus fortriss
Bis ans Ende der Welt
Und wie du gerechnet hast
wie lang es dauert heimzulaufen von dort

Und sie saß immer da
Hart an der Regengrenze
Das Spinnrad fest im Griff
Wie es sich drehte im Akkord
Sie saß da und atmete tief

Wie sie dir winkte zu kommen
Nur einen Moment oder zwei
Und wie sie es wieder schaffte
Unentwegt spinnend
Deinen Blick zu bannen auf den Faden
wie sich das Rauschen aus den Ohren zurückzog
Wie sie es wieder schaffte
Das Gewitter zu packen auf die Spule
Als Kratzen der Wolle auf Haut

Einmal eine Tänzerin

Zeig uns deine Achseln
über dem Friedhof
am Sonntag kommen wir vorbei
einmal gießen
Wasser auf die Köpfe der Alten
Nahrung der spärlichen Blumen hier

zeig uns deine Achseln
über dem Friedhof
deine Drehungen
eins-zwei-eins-zwei
Salzrand in der H&M Baumwolle
unter den Bäumen
trocknen uns die Haare

zeig uns deine Achseln
über dem Friedhof
eins-zwei-eins-zwei
pas de deux ohne Partner
und Pfirsichduft für Vogelscheuchen

deine Arme über dem Kopf
eins-zwei
drehst du dich unter die Erde
zu den Anderen
so kurz war es heute
kam das Rauschen aus dem Baum
eine Uhrzeit aus dem Auto.

Der rosa Elefant

der rosa Elefant
vor deiner Tür
klopfte nicht an
stand einfach da
und du mit deinen Freunden
ihr gingt durch ihn hindurch

nur für dich wurde das schwerer
irgendwann musstest du drumherum
und die anderen schauten komisch
irgendwas war anders an dir
und das Tier wuchs
immer weitere Wege für dich
und die anderen warteten nicht mehr
auf dich auf deinen langen Wegen
um einen rosa Elefanten herum
und da sprachst du sie an
und erzähltest es ihnen
und die anderen waren gar nicht mehr da

bis auf einer oder zwei
und die liefen auch so lange Wege
bis ihr aufeinander traft
und auf deine Tür zu gingt
einfach so

Das Unglück des Junggesellen

eine Ottomane im Bordell
klingt nach gestern
vielleicht nicht nach gestern Abend
da saß ich vor Netflix
und es gab keine Ottomane
im Stream, am Screen
ein Bordell konnte ich sehen
allerdings zu weit weg für mich
der Flugscham hielt mich

ich trete vor das Zimmer
vor die Tür, vor das Haus
und nirgends eine Ottomane
die könnte doch bequem sein
zum lümmeln und sich rekeln
wie man so sagt
mit Netflix vielleicht
lieber zuhause als im Bordell
ich schaue Serien alleine

Bikavér

Warum im Stierblut schwimmen
In der ungarischen Plörre
Wir haben jetzt Pinot und Chardonnay
Da braucht es das Donauwasser nicht mehr
Das stell wieder weg
Das holen wir dann, wenn wir uns sagen wollen
Die Tage sind schlecht

Es war ja schon damals nicht gut
Erträglich vielleicht, aber mehr auch nicht
Und heute tauchen wir im Zinfandel
Die Trauben haben sie Sonne von überall
und die Köpfe kosmopolitische Schwere

Das war vielleicht das einzige
Der Kram war ehrlich
Sobald die Flasche sich zeigte
Zeigte sich auch das Paracetamol
Vorsorge für den Vormittag
Und erst über die Stränge und dann
Den Kopf auf den Tisch geschlagen

Hände vor den Augen
Du lieber Himmel
Der Stier im Schädel gibt kein Pardon
Da gibt es auch keinen Rausch
Nur vielleicht das Rauschen vom Blut
Das ist so laut heut Morgen
Das wäre mit dem Rosé bestimmt nicht passiert
Und wachst wieder auf mit den Bewegungen rückwärts
Und alles steht neu

Es war vielleicht der Stier
Durch die Wohnung einmal zweimal
Und der Kopf wird immer größer
Verdammte Ungarn
Ist das immer noch die Rache fürs Lechfeld?

Jetzt erstmal auf
Auch das nämlich kann Stierblut
Da bleibt immer was in der Flasche
Ich fahre jetzt den Konter

Auf denn, bei den Hörnern gepackt
Ein Tänzchen ums Ränzchen
Zur Sprengung von Leber und Hirn