Weimar Schloss Belvedere, Sowjetischer Friedhof

Autobahn ist lauter als Laub

es ist Herbst am Belvedere

und du atmest durch und tief

der Eingang mit Stern

am Obelisk sitzt du

Hammer und Sichel stützen den Rücken

herum sind Namen und Steine und Grün

dir liegen bratan und khorosho auf der Zunge

das willst du sagen und lässt es

laut genug sind die Vögel, der Wind

laut genug denkst du an ein Land, dass du nicht kennst

Hinterköpfe

I.

Zurückgelehnt die Meisten

Eingelullt vom sanften Airbusrauchen

Über dem Meer versucht so mancher

Das Licht zu fangen und scheitert

Der alternde Playboy in Ehren ergraut

Trägt heute den Skalp gut sichtbar

Gebräunt wie Alle

II.

Es war Sonne, es war Urlaub, es war schön

Und nun auf dem Rückflug beginnen unter der Schädelschwarte

Von neuem die alten Geschichten

Aus dem Hinterkopf hervorgekrämert

Drückt es wie immer auf die Schläfen

Dieses Gewicht, am Morgen noch verdrängt, ist wieder da

Die Kopfhaut spannt sich und nur die Schuppen sind noch leicht

Warteraum

Im Sessel sitzt

Die Maske auf

Die Zeit vergeht im Dauerlauf

Im Buch du liest

Von Wem der schiesst

Und Blut am Straßenrand vergiest

Die Hand zur Faust

Noch hältst du aus

Auch wenn du grimmig umherschaust

Jetzt ist’s vorbei

Die Schießerei

Kann Starten und es regnet Blei

Dann wachst du auf

Und siehst die Tür

Herr Siebert bitte rein zu mir.

Einer kennt dich

Da sitzt er

und zieht dir das Mark

aus den Knochen auf die Haut

malt was du bist auf den Unterarm

hier spielen Elle und Speiche

die Fläche für dein Portrait

Ausbruch

Lass uns gemeinsam die Vögel spalten

Wie es die große Dickinson dichtet

Vielleicht können wir dann lachen

Über die kleinen Schriftrollen

Neben den Herzen eingerollt

Und die Texte des frühen Morgen

Wenn wir dann die Vögel verstehen

Uns die Dohle ihren Heavy Metal kjackt

Die Tauben uns warnen zum Klimaschutz

Und der Eichelhäher sich in Reggea Texten versucht

Wenn wir die Arme ausgebreitet im Gras

Singend mit den Vögeln fliegen

Und endlich mal etwas einen Sinn hat

Geh nicht, komm her.

[…] Paulus Böhmer

I

Auf dem Weg zum Anger

Krämpferbrücke, Krämpfertor

Auf dem Weg kommen sie dir entgegen

Auf Rädern, zu Fuß

Vielen von ihnen in Eile

Und du so langsam

Das es dich fast mitzieht

So viele von Ihnen kommen dir entgegen

Wollen weg aus der Stadt

Nicht weg von dir

Aber aus der Stadt

Das es dich fast mitzieht

Um das Angerentree herum

und auch hier siehst du sie hasten

Auf Rädern, zu Fuß

Finden sie Wege

Am Besten am Ellenbogen entlang

Immer gerade durch

und dich zieht es fast mit

aber du hältst dich

noch immer ihnen entgegen

bis einer steht

II

und der da wartet auf dich

fällt auf, der ruht,

der fängt deine Blicke

so dass es dich mitzieht.

Geschlossen

Suchten nach der farblosesten Stadt

Für ein Gedicht sollte es sein

Eilten an Plattenbauten entlang

Versuchten es bei Autowerken

Irgendwie blieb alles zu bunt

Und so trennten wir uns

Du wolltest nach Dächern sehen

Ich nach Fassaden und Putz

Und immer noch alles zu kräftig

Ich formte also ein Schild in den Text

Weitere Verse sind frisch gestrichen.

Ein Tausch

dein Mund machte nichts
und der Tag kam heran
schlich sich von allen Seiten
an unsere Leiber
kroch durch die Ritzen
machte es sich unter der Decke bequem
und da wurde es dir zu eng
du eiltest davon
und ich genoss etwas Wärme

Monday Night Stream #16, ACC Galerie

Liebe Leute,

kennt ihr das, wenn ihr einfach mal einen guten Abend habt mit einer Menge anderer Leute und dabei entsteht ein echt spannendes Projekt?

Die wunderbare Romina Nikolić lud in Zusammenarbeit mit der ACC Galerie/Weimar am 29.03.2021 zum Quick & Dirty Edition des Monday Night Streams 20 Autoren/Autorinnen. Jeder Beitragende hatte 3-4 Minuten Zeit für eine kleine/feine Lesung.

Schaut einfach mal rein:


Die Einsamkeit des Reiseleiters

In einem Bus sitzen die 41 Gesichter abgezählt

Würzburg mit Wein und Brücke

und du erzählst wie immer

im Halbschlaf die Zahlen und Namen

und wie immer einer in Reihe 8

der kann es dir besser erklären

er weiß es vom WDR

die Landpartie mit Landpomeranze

Reihe 8 dreht und wendet den Kopf

aber keine Aufmerksamkeit

dafür die rote Sonne von Barbados

und Würzburg im Regen

also wieder kein Trinkgeld heute

dafür drückt die Blase in Reihe 3

nach vier Minuten Autobahn

jetzt noch schnell den Schenkelklopfer

und die Damen stoßen mit Sekt an

schrilles Kichern über das Späßchen

dann ist endlich Ruhe

nur bei den Flippers

scheint immer noch diese Scheißsonne