Durchgelesen: Christoph Meckel »Russische Zone – Erinnerung an den Nachkrieg«

Wer an einem Brennpunkt der Geschichte lebt, macht Erfahrungen, die für die Nachgeborenen schwer nachfühlbar sind. Der »Nachkrieg«, eine Phase relativer Unsicherheit, ist für einen Jungen in der Arnstädter Straße in Erfurt entbehrungsreich und hinterlässt doch den Eindruck eines Lebensabschnittes, den der Autor keinesfalls missen möchte. Wenn Christoph Meckel (*1935) in »Russische Zone, Erinnerung an den Nachkrieg« über seine Zeit in Erfurt schreibt, sind es die Monate vom Dezember 1944 bis Sommer 1947.

Die Mutter floh mit den Kindern aus dem zerbombten Freiburg nach Thüringen, zu den Großeltern, »zwei schwarz gekleideten Leuten«. Auch hier kam der »große Luftangriff […] in der nächsten Nacht«. Meckel will nicht vom Krieg reden, sondern von Tagen die einander vordergründig »grau in grau« glichen. Für den Jungen brachte das Ende der Kämpfe vorerst keine spürbaren Veränderungen. Zukunft war ein Wort »mager geworden [war] wie die, die es riefen«. Immer kehrt nach lichten Momenten das Schrecken zurück. Das Klagen der Großmutter »verschrumpfte zu einem Klagelaut, der in den Jahren des Nachkriegs derselbe blieb«.

Nach der Episode mit den »Amis«, die als Befreier kamen: »Sie waren willkommen, Militärs mit lässiger Gangart und freundlichen Köpfen«, übernahmen die Russen. Aus »Tanzmusik, Blues und Cowboy-Songs« wurden Razzia und Ausgangssperre. Die »menschenmögliche Zeit« war zu Ende. Der Russe als »Gottes Barbar« wurde als der wilde Gegenentwurf zur Leichtigkeit der Amerikaner empfunden. Für den Jungen war der Russischunterricht ein Erlebnis mit Lehrerinnen in Uniform »mit bekannten Orden auf Brust und Kragen«. Nach erster Abwehr sollte Meckel an der Sprache und vorrangig der Literatur aus dem Osten später noch großen Gefallen finden.

Überleben wurde zur Mutprobe für die Jungen wenn sie in den Wald zum Holzholen gingen oder dem Russen Brot von den Wagen klauten. Der revanchierte sich mit einem Schuss auf die Kinder. Aber Russe war nicht gleich Russe. Meckel blieb ein »Bilderbuch-Soldat« in Erinnerung, der über ein »singendes, weiches Deutsch und die Höflichkeit eines Chevaliers im Märchen« verfügte. Zwar war der ein hoffnungsloser Säufer, aber er war kultiviert und verstand etwas von Frauen. Das Großelternhaus atmete auf wenn der Offizier »mit seiner Königin da war.« Das Bewahren von Traditionen hielt das Leben aufrecht: »Es war die Bridgepartie am Donnerstag, nachmittags pünktlich um 16 Uhr«, die »eisern für immer und ewig galt«. Einen diametralen Gegenpunkt findet der Schrecken der Russenzeit in der ersten Martinsnacht nach dem Krieg: »Etwas unerhörtes stand bevor, denn jeder Mensch war eingeladen – die Erwachsenen und alle Kinder«. Der Junge erfährt in dieser Nacht ungekannte Emotionen: »Ich vergaß nie, dass ich mit Tränen dastand und dass es mir gut ging mit den Tränen.« Für Meckel, der ein »Kriegskind« war, wie er dem Deutschlandfunk 2012 sagte, »sprungbereit, alles notierend, im Gehirn«, begann an diesem Abend eine neue Art der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt: »Sechs Jahre später schrieb ich die ersten Gedichte«.

Mit der Arbeit an »Russische Zone« konnte Meckel, der die Beschäftigung mit Nationalsozialismus und Nachkrieg schon 1980 in »Suchbild. Über meinen Vater« begann, ein wichtiges Kapitel der Vergangenheitsbewältigung vorantreiben: »Im Lauf der Gestaltung wird das Erinnerte immer deutlicher, immer deutlicher, bis es eine Deutlichkeit hat, die fast nicht mehr zu ertragen ist.«. Aus der klaren Sprache drängen die Bilder ungefiltert. Hier wird nicht beschönigt, hier wird nicht dramatisiert. Vor dem Schleier einer »grauen« Zeit findet Meckel Ausdruckspotentiale für alle Stimmungslagen. 1947 wird der Vater aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Meckel und seine Mutter fliehen erneut. Sie kehren zurück nach Freiburg aus einem Osten, der noch immer »fremd, dunkel, erschreckend und feindlich« wirkte. In Freiburg war der Weg durch Schulpflicht und Familie bis 1953 vorgezeichnet. Auch dieser Abschnitt brachte Schwierigkeiten mit sich. Die beiden »Suchbilder« genannten Bände zu Vater (1980) und Mutter (2002) weisen über die kurze Erfurter Episode hinaus, zeigen an der Charakterisierung der Eltern als distanziert und verkopft auf warum alle »Ausbrüche zurückführen mussten« in das Elternhaus. Es blieb nur der Ausweg in die »Windrose« der Lektüre.

Die Erfurter Zeit nahm im Leben Christoph Meckels 2,5 Jahre (hier 10-12 Jahre alt) mit Erlebnissen ein, die im Zwiespalt aus russischer Obstruktionspolitik und dem freieren Dasein nach dem Kriegsende stehen. Dem Mangel stellte sich Kreativität, dem Schreckbild des Russen kindlicher Mut entgegen. »Russische Zone. Erinnerung an den Nachkrieg.« ist ein Zeitdokument und greift über eine subjektive Erinnerungsverarbeitung hinaus. Die seltsam ungelenkt anmutende Phase der Nachkrieges erhält ein Gesicht, das vielgestaltiger daherkommt, als man es erwarten würde. Allein dafür lohnt es sich diesen Meckel wieder zu lesen.


Christoph Meckel »Russische Zone – Erinnerung an den Nachkrieg«, Libelle Verlag 2011, 106 Seiten, 16,90 Euro.

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Nach längerer Zeit wagte ich mal wieder einen Ausflug in den Bereich der Rezensionen. Diesen Text schrieb ich für die Sparte „Wiedergelesen“ der Seite „Literaturland-Thüringen“. In den kommenden Tagen werde ich die Seite ein wenig genauer vorstellen. Hier könnt ihr schon einmal reinschauen:

> LiteraturLand Thüringen

10 Pix V – Burg Ranis (15Pix)

Am vergangenen Wochenende konnte ich endlich wieder Ranis besuchen. Jedes Mal ist es hier wie ein kleines Homecoming. Stadt und Dorf gehörten einige Jahre zum Sommer einfach dazu. Immer Ende Juli/Anfang August lädt der Lesezeichen e.V. hier zur Sommerwerkstatt „Art & Wiese“. Unter der Leitung der charmanten Daniela Danz und dem unvergleichlichen Helge Pfannschmidt können Nachwuchsautoren und alle, die das Schreiben einfach mal probieren wollen, für einige Tage auf Burg Ranis und im Jugend- und Touristikzentrum „Papilio“/Ludwigshof testen, was sie schon gut können und wo vielleicht noch ein wenig geübt werden muss. Aber nicht nur geschrieben wird in und auf Ranis. Auch die Kunst steht nicht zurück und so können unter den Augen des Grafikers und Fotografen Andreas Berner und der Malerin Manuela Hemman auch junge Künstler Ihr Talent unter Beweis stellen. Ich fand hier Freunde, Inspiration und einfach eine gute Zeit. Legendär sind auch die gemeinsamen Abend am Lagerfeuer. Eine Zeit, die ich nicht missen möchte.

Dieses Jahr besuchte ich Ranis als Gast zu den Autorentagen. Den Weg zur Burg nutzte ich für eine kleine Wanderung von Krölpa über Schluss Brandenstein zum Place to be. Der Samstag war vollgepackt mit Hochkarätern. José Oliver zeigte neben seinem literarischen Talent auch seine musikalischen Begabungen. Saša Stanišic stellte seinen neuen Band „Fallensteller“ vor. „Lyrik im Konzert“ brachte drei sehr unterschiedliche Stimmen der Gegenwartslyrik an das Mikrofon. Von den Klangteppichen des Weimarer Percussionisten Kay Kalytta begleitet, präsentierten die staunenswerte Nancy Hünger, die munderbunte Carolin Callies und meine persönliche Entdeckung des Abends, Jovan Nikolic, nicht Texte die von Ost nach West, vom Großen zum Kleinen, zur Zelle, zu Zellen führten. Sie zeigten wie man sieht, sehen kann, hören kann, hören muss, nicht fühlen will. Ins Nebendraußen, daran vorbei, darin zugrunde.

In den kommenden Tage werde ich zu »Weißer Rabe, schwarzes Lamm« von Jovan Nikolic eine kurze Rezension liefern.

Der Weg begann mit Scherben
Der Weg begann mit Scherben
Die Rettungsinsel für Robben in Krölpa
Die Rettungsinsel für Robben in Krölpa.
Ein Stückchen Wald gab es auch.
Ein Stückchen Wald gab es auch.
Die Zwischenstation: Schloss Brandenstein mit dem großartigen Cafe Cattarius.
Die Zwischenstation: Schloss Brandenstein mit dem großartigen Cafe Cattarius.
Da ist schon das Ziel, drohend auf dem Hügel.
Da ist schon das Ziel, drohend auf dem Hügel.
Vorbei am Brandensteiner Meer.
Vorbei am Brandensteiner Meer.
SheepRomance01
SheepRomance01
SheepRomance01
SheepRomance01
Im Dorf wurde apostrophiert.
In der Stadt wurde apostrophiert.
Und der Eingang ins Glück - Die Vorderburg.
Und der Eingang ins Glück – Die Vorderburg.
Kay Kalytta erklärt einen Klangbogen.
Kay Kalytta erklärt einen Klangbogen.
Nancy Hünger - Bezaubernd wie immer.
Nancy Hünger – Bezaubernd wie immer.
Carolin Callies brachte Ihre Zellen mit.
Carolin Callies brachte Ihre Zellen mit.
Jovan Nikolic - Die Entdeckung des Tages.
Jovan Nikolic – Die Entdeckung des Tages.
Es wird abend, aber sie steht stolz.
Es wird Abend, aber sie steht stolz.
Der italienische Meter von Ranis.
Der italienische Meter von Ranis.

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Rot-Weiß und Grau

Linie 6 verlässt die Stadt. Eine Horde Rot-Weiß Fans beherrscht die Szene. Eine gutgefüllte Bahn mit schlecht gefüllten Mägen. In einer Ecke wird über Bücher diskutiert.

– Mama, da ist das I-Buch wieder.

Die lesende Frau nebenan schreckt aus der Lektüre.

– Meinst du mich?

Das Mädchen nickt. Die Leserin, Mitte 40, ist verwundert und zwinkert.

– Das ist ein normales Buch, wie du siehst. Schau, kein Bildschirm.

– Warum Bildschirm?

Das Mädchen lüpft die Augenbrauen. Die Mutter schaltet sich amüsiert ein.

– Glaube die Frau denkt du meinst E-Book.

– Aber ich habe doch Buch gesagt.

Die Leserin nickt.

– Ja stimmt. Aber was ist ein I-Buch dann?

– Na, wo die so machen.

Das Mädchen schiebt einen Finger durch einen Kreis, den sie aus Daumen und Zeigefinger bildet. Die Mutter lacht laut auf. Die Leserin errötet. Die Rot-Weiß-Fans sind Rot-Weiß-Fans. Die Dame legt die Fifty shades of Grey zur Seite. Einer der Rot-Weiß Fans freut sich.

– Das habe ich auch gelesen. Ging gut ab.

Die Leserin nickt wieder.

http://www.litblogs.net/

Heute möchte ich außer der Reihe einfach mal eine Empfehlung für diese Seite aussprechen. Es gibt kaum einen besseren Ausgangspunkt um sich der überbordenden Vielfalt literarischer Blogs im Internet zu nähern. Selbstverständlich finden sich hier vor allem etablierte Online-Repräsentanzen, von ebenso mehr oder weniger etablierten Autoren – sucht man aber etwas Licht im Dunkel, ist diese Taschenlampe jeder anderen Kerze vorzuziehen.