Abgeschaut zum Jahreswechsel: Nikolaus Lenau (1802-1850)- »Bitte«

Weil auf mir, du dunkles Auge,
Übe deine ganze Macht,
Ernste, milde, träumerische,
Unergründlich süße Nacht!

Nimm mit deinem Zauberdunkel
Diese Welt von hinnen mir,
Dass du über meinem Leben
Einsam schwebest für und für.

Katzenkind

So selbstverständlich in der Landschaft stehen
konntest nur du, Katzenkind

Unbeachtet mit uns
Unter der Hecke der Alten sitzen
Die wir als Minna kannten

Hier war unser Schlupfwinkel
Aus Kartons und Decken
Immer auf der Spur der Alten
Von der wir nur ahnten, woher sie kam

Wie unseren Handrücken kannten wir den Hof
Ihr wildes Grün am Rande des Dorfes
Geduckt um den Jägerzaun streifend
Und sie immer im Blick
Wie sie mit rundem Rücken am Hoftor verharrte
Bis sie uns erspähte

Nur dich Katzenkind fand sie nie
Du konntest unter dem Fenster streunen
Und sie schaute über dich weg
Während wir mit ihr in der Küche saßen
Und Keiner etwas sagte

Sie stellte dir den Kakao ins Fenster
Und die Tasse verschwand ins Nichts

Serviervorschlag

Da wird auf keine Stimme gehört
keine Volkszählung im Madenteppich
Er wird nicht angetreten in Reihen

Auf dem Marsch zum großen Fund
Reiben sich alle, rauschen sie hin
Der Boden kennt so viele Herbste
Wie die liegengebliebene Hand dort

Regen im Bier

Ist etwas Trauriges, sagt er
Tritt unter den Schirm
Und zählt den Sommer an

Wenn es soweit ist,
Das weiß er, wird er den Bembel heben
Der Sonne zur Ehre
Dem Wirt zur Bestellung

Durchgelesen: Isabel Bogdan – »Der Pfau«

Oha! Was macht dieser Vogel da? Manchmal gibt es Kleinigkeiten, die sich im Alltag verändern und alles durcheinanderbringen. So stelle man sich nun vor, es gebe einen Vogel, der aggressiv auf die Farbe Blau reagiert. Wie sich das auswirken kann führt Isabel Bogdan (*1968) in ihrem 2016 erschienenen Roman „Der Pfau“ vor.

Das titelgebende Tier ist einer von fünf Pfauen auf dem Landsitz von Lord und Lady McIntosh in den schottischen Highlands. Das Paar vermietet die ehemaligen Nebengelasse und Gesindehäuser als Cottages an ruhesuchende Großstädter um den Unterhalt ihres viel zu groß dimensionierten Hauses zu sichern. Dabei werden sie durch den Tausendsassa Ryszard und die zupackende Aileen nach Kräften unterstützt. Trotzdem, das bemerkt man schnell, bröckelt es es an allen Ecken. Da kommt die Anfrage einer Londoner Investmentbank auf dem Landgut eine Teambuildingmaßnahme durchzuführen genau richtig. Schleunigst wird ein kompletter Trakt des Haupthauses auf Vordermann gebracht um es den verwöhnten Bänkern recht zu machen. Alles scheint vorbereitet, als der streitsüchtige Vogel auf den Plan tritt.

Was sich nun entspinnt, kommt ohne die ganz großen Dramen aus und lässt doch fast alle Figuren gezeichnet zurück. Schon bei der Ankunft unserer Bänkertruppe, samt Kursleitung und Köchin, schlägt die Natürlichkeit der Highlands in Form von Gänsedreck zu. Und wo wir schon von Tieren sprechen: Die Chefin der Bänker ist in ihrer Freizeit leidenschaftliche Jägerin und bringt ihren Hund gleich mit. Er wird eine besondere Rolle bekommen. Die Charaktere der einzelnen Kursteilnehmer setzen sich aus dem erwartbaren Feld zusammen: Da ist der Pragmatiker, der eigentlich immer Recht behält. Da ist der Emsige, der versucht der Chefin alles Recht zu machen und da ist der Mitgereiste, der eigentlich nur nach Handyempfang sucht, um Zuhause nach dem Rechten zu sehen. Dazu die überforderte Kursleiterin bei ihrem ersten eigenen Auftrag und die mit allen Wassern gewaschene Köchin. Es könnte alles so dröge werden. Aber da sind ja noch die Tiere und aus dem durchgeplanten Wochenendkurs wird eine bunte Folge von Verbrüderungen und Komplizentum. Der Pfau schlägt zu – der Pfau muss verschwinden – der Pfau verschwindet. Aber wie und wohin?

Spätestens jetzt übernehmen der ironische Grundton und die ständig wechselnden Perspektiven ihre Funktion des Katalysators. Jeder verdächtigt jeden – irgendwie. Das ist eine der sympathischen Eigenheiten dieses immer wieder mit trockenem Humor aufwartenden Romans: Die Figuren legen sich nie fest und bewegen sich in einem ewigen Prozess des Abwägens und der Vorsicht. Nicht einmal der Hund versteht mehr die Welt.

Und vielleicht findet sich in der Vorsicht auch einer der wenigen Schwachpunkte des Buches: Manchmal scheint es dem Leser etwas zuwenig zuzutrauen. So kommt es neben der sehr belebten mit vielen Dialogen vorangetriebenen Handlung hin und wieder zu Stockungen, die nicht immer nachvollziehbar wirken. Nämlich dann, wenn die jeweiligen Positionen der Figuren noch einmal zusammengefasst und abgewogen werden.

„Der Pfau“ bringt ein Stückchen britischen Humor in die deutsche Literatur. Mit einem feinen Gespür für Situationskomik macht Isabel Bogdan einen verrückten Vogel zum „Helden“ eines launigen Wechselspiels.  Auch wenn die ganz tiefe Figurenschilderung ausbleibt und der Stil hin und wieder ein wenig schwatzhaft wirkt, ist hier ein schönes Stück Unterhaltung gelungen.

Isabel Bogdan: Der Pfau. Insel Verlag, 2017. 248 Seiten 10,00 Euro als Taschenbuch.

August. Reingehört.

Fest steht da oben die Sonne

Dachgeschoss im Sommer

Und einer hat die Geräusche gestoppt

Du glaubst an ein Rauschen irgendwo

Vielleicht der Ventilator

Vielleicht das Blut in dir

Oder die Bäche von Schweiß am Rücken

Das kalte Wasser von eben

Klimaerwärmt schmeckt wie Spucke

Perlt kurz, dann könnte auch die Zunge schwitzen

 

Zum Glück gibt es, hast du

NAS und Mobb Deep

Im Dachgeschoss rührt sich wieder was

Der Staub rieselt aus Boxen

207 Meter

Beton hoch

Zwei Ringe leuchten rot

damit die Flugzeuge nicht dagegen

du weißt, die treffen sonst

dieser Schornstein, der Stolz im Dorf

das neue Kraftwerk gleich beim Alten

 

gab niemals Strom

nur die Kohlen lagen da

herangeschafft auf neuen Schienen

Alles vom Feinsten, wie sie sagten

 

brachte niemals Strom

vom einem Tag an

sagten sie, nein – nicht so

da standen der Stolz, die Esse

zwei Ringe leuchten rot

immerhin Orientierung

 

an einem Tag

ein Ringe genügte

Beton fiel quer

neben die Schienen

 

wo war nun dein Dorf

die Skyline aus dem Land genommen

flach ist

flach bleibt es

dein Dorf