Pix – Streetart zur »Tapefabrik 2022«, Wiesbaden

Die Area um den Schlachthof in Wiesbaden ist ein Hot-Spot der Jugendkultur in der Landeshauptstadt. Aber auch Kreativwirtschaft und Medienunternehmen sind hier in direkter Nachbarschaft. Hervorzuheben ist dabei das Murnau-Filmtheater. Betrieben von der Murnaustiftung wird hier ein schicker Mix an internationalen Independentfilmen gezeigt

Der Schlachthof selber ist seit 1994 ein Kulturzentrum. Die Location mit mehreren Floors war Bühne für die »Tapefabrik 2022«. Die zehnte Ausgabe der Jam sollte schon 2020 stattfinden, was aus bekannten Gründen nun nachgeholt werden musste. Und hell yeah – das hat sich mal so richtig gelohnt.

Auf der Bühne Old Skool Acts wie Cora E und die Stieber Twins, Hypeacts wie OG Keemo oder fresher Boom Bap Ship von Die P oder Presslufthanna.
Und zu einer richtigen Jam gehört auch Graffiti Art. An und um den Schlachthof gab es frische Walls und den Geruch von Lack. Ein Paar der besten Pieces habe ich hier mal zusammengestellt.

* Wenn ein Writer hier eines seiner Werke sieht und gerne eine Verlinkung möchte oder das die Pics nicht hierher gehören, schreibt einfach kurz hier.

** Nicht alle Pieces sind dieses Jahr entstanden.

| Schlachthof Wiesbaden.

| Tapefabrik.

Abgeschaut: Rainer Maria Rilke (1875-1926) – »Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort«

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus.
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist der Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um

„wieder mehr Mensch sein“ Patrick Volkmar Siebert, Lyriker _ Erfurt 19.3.2022

Vielen Dank an Walter Pobaschnig für die Einladung. Ich durfte ein paar Worte zur aktuellen Situation, Diskurs und Literatur schreiben.

Schaut auf jeden Fall auf seinem Blog vorbei.

Einen besonderen Blick ist die Reihe „Give Peace a Chance“ wert. In Form eines Akrostichons äußern Künstler*innen und Autor*innen Ihre Gedanken zum Krieg in der Ukraine.

Literatur outdoors - Worte sind Wege

Lieber Patrick, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Hallo Walter. Danke für die Gelegenheit hier ein paar Worte zu schreiben. Mein Tagesablauf ist nach einer langen Phase der Kurzarbeit wieder maßgeblich von meinem Broterwerb dominiert. Ich arbeite 9to5 im Tourismussektor. Die Zeit vor und nach der Arbeit gehören der Lektüre und dem Austausch. Es wird immer wichtiger sich über unterschiedliche Medien zu informieren. Dazwischen ist der Arbeitsweg eine gute Gelegenheit sich an der Luft zu bewegen. Auch das wird immer wichtiger, um den Kopf für Kunst und Literatur freizumachen.

Patrick Volkmar Siebert, Lyriker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich möchte nicht für alle sprechen. Das nehme ich nicht für mich in Anspruch.Was ich aber erhoffe, ist wieder mehr Gelassenheit im Diskurs, mehr Ausgewogenheit und vor allem auch, dass nicht mehr Emotionen und die Moralkeule jede einzelne Diskussion überdecken. Das am lautesten vorgetragene Argument gewinnt und durchdachte…

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Durchgelesen – Abbas Khider »Der Erinnerungsfälscher«.

Das Leben plant oft anders als der Mensch. Gerade hat man alles in halbwegs geordnete Bahnen gelenkt und einen erfolgreichen Ansatz gefunden, schon holt die Vergangenheit zum Gegenschlag aus.

Said Al-Wahid erhält auf dem Rückweg von seiner ersten Lesung in Mainz die Meldung, dass seine Mutter im Irak im Sterben liege. Kurzentschlossen macht er sich auf den Weg in ein Land, dass er vor Jahren verlassen hat um in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen. Die Anreise als Rahmenhandlung nutzend, lässt Abbas Khider (*1973) seinen Protagonisten eine weitere Reise antreten. Für Said beginnt eine Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie. Von nun an streben die beiden Stränge auf einen gemeinsamen Punkt zu. Umso schneller sich Said seinem Ziel Bagdad nähert, desto schneller erreicht seine Erinnerung die Gegenwart. Oder eben auch nicht. Die Unzuverlässigkeit der Erinnerung übernimmt den Versuch der Selbstvergewisserung.

Das Thema der Flucht aus dem Heimatland wird bei Abbas Khider immer wieder neben die Probleme beim Ankommen im Zielland gestellt. Die Protagonisten wie Said sind überall entfremdet. Während im Zielland die Angst vor Amtlicher Post den Alltag bestimmt, waren es vor der Flucht allgegenwärtige Erfahrungen von Hunger, Krieg und Armut. Zur Schlüsselstelle des Romans wird der Augenblick der „Erfindung des Erinnerns“. Vom Zwang der Korrektheit des Historikers befreit, entdeckt Said die Möglichkeit seine Erfahrungen und Erlebnisse in einer neuen Art und Weise mitzuteilen. Das trifft Abbas Khiders Poetik in nuce – seine Romane sollen als autobiografisch verstanden werden, selbst dann, wenn sie gar nicht über eigene Erfahrungswerte berichten. Und so sind es weder die Schilderungen des täglichen Überlebenskampfes aus „Die Orangen des Präsidenten“ (2011), noch sind es die Probleme bei der Anpassung an die deutsche Gesellschaft und den deutschen Bürokratismus aus „Ohrfeige“ (2016), die über allem schweben, sondern immer die daraus resultierende Kritik an der „Zerstörung der Person“ durch die jeweiligen Zustände.

„Der Erinnerungsfälscher“ ist kein in sich geschlossener Roman. Die Erinnerung wird in Alltagsgeschichten und kurzen Episoden geschildert. Dabei stehen die jeweiligen Augenblicke für eine Stimmung oder eine Herausforderung im Leben von Said. Die Range reicht von traumatischen Erfahrungen wie der Hinrichtung des Vaters durch das Hussein Regime bis zu vordergründigem Alltagsrassismus in einer Berliner Kiezkneipe.

Stilistisch ist auch „Der Erinnerungsfälscher“ ein Roman ohne jegliches Pathos. Die Darstellung der traumatischen Szenen erfolgt bewusst unsentimental. Weniger Raum als in den vorherigen Büchern erhält der für Abbas Khider so typische bissige Humor. Dennoch muss niemand Angst haben hier ein Werk geringerer stilistischer Qualität vor sich zu haben. Einige Sätze wirken wie gestanzt, fast aphoristisch. An dieser Stelle nutzt Khider, dass Said auch als Literat die Beschäftigung mit seiner traumatischen Vergangenheit sucht.

„Der Erinnerungsfälscher“ ist sehr schmal, intensiv und ein typischer Khider.

Ja, die Themen wiederholen sich. Ja, der teils dokumentarische Stil wiederholt sich. Und ja: Genau das brauchen wir – die permanente Konfrontation mit einem gesamtgesellschaftlichen Problemfeld, welches wie kaum ein anderes von unreflektierten Vorurteilen dominiert wird.

Abgeschaut – Ivo Andric – »Der Mensch kann leben«

Der Mensch kann leben, solange er die Kraft besitzt, sich Illusionen hinzugeben, um so die Unvollkommenheit der Welt und die Vergänglichkeit alles Bestehenden zu ertragen; wenn er diese verliert, taugt er nicht mehr fürs Leben, er erträgt es schwer, und es wäre besser für ihn, das Leben möglichst bald auf eine schöne Weise wegzuwerfen. Doch das tut er selten.

Ivo Andric: Wegzeichen. Hanser 1982. S. 15f.

Abgeschaut – »Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe. Long Story Short«

Vor kurzem nahm ich mir endlich einen 2019 in Albufeira gekauften Lyrikband „Lissabonner Dichter“ vor. Vorgestellt werden hier fünf portugiesische Lyriker von Luís Vaz de Camões (1524-1580), der mit den „Luisaden“ einen wichtigen Beitrag zur Dichtung während der Renaissancezeit vorlegte, bis zu Mário de Sá-Carneiro (1890-1916), dem Schöpfer eines schmalen aber äußerst wirkmächtigen Ouevres. Dieser frühvollendete, genialisch veranlagte Bohèmien mit seiner tief verwurzelten Todessehnsucht zählt zusammen mit dem großen Namen der portugiesischen modernen Lyrik Fernando Pessoa (1888-1935) zu den Begründern dessen, was wir heute mit der Dichtung ihres Heimatlandes verbinden. Zusammen mit Luís de Montalvor (1891-1947) begründeten sie 1915 die legendäre Zeitschrift „Orpheu“. Diese brachte es zwar nur auf zwei Nummern, wirkte als innovatives und avantgardistisches Leitmedium aber weit in das 20. Jahrhundert.

Pessoa, dessen Werk sich durch eine Vielfalt an Stilen auszeichnet, entwarf für die Veröffentlichung seiner Texte eine Reihe von Heteronymen. Jedes gestaltet mit eigener Biographie, Stilistik und Denkweise. Auch „Das Buch der Unruhe“ erscheint unter Pseudonym. Als Autor ist der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares vermerkt. Pessoa legte hier keinen linear erzählten Roman vor, sondern sammelte, wie es der Titel des zentralen Kapitels „Autobiografie ohne Ereignisse“ bereits andeutet Lebenszeugnisse ohne direkten narrativen Zusammenhang. Soares, gewissenhafter Angestellter mit angenehmer Erscheinung, bewertet sich und sein Auftreten. Allerdings scheint er dabei nicht besonders gut wegzukommen. Als „Nichts“, als „Fliege“ bezeichnet er sich, nur um daraus im nächsten Absatz einen Vorzug seiner Persönlichkeit zu sehen. Die fast 500 Fragmente variieren wiederkehrende Introspektionen und Sequenzen von Befindlichkeiten. Handlungsstränge werden durch Umschreibungen und Gedankensplitter ersetzt. Die nicht immer ganz einfache Lektüre gewinnt durch die rhythmisierende Sprache und Wortwiederholungen einen ganz eigenen Flowcharakter.

Blendend zusammengefasst und filmisch übersetzt wurde das „Buch der Unruhe“ durch José F. A. Oliver (*1961) und Johanna Springer im Rahmen des Projektes „Long Story Short“ des Lese-Leichen e.V. Im kurzen bis mittellangen Animationsfilmen werden Werke der Weltliteratur anschaulich gemacht.

In betont minimalistischen Bildern schickt Johanna Springer die Gedanken auf Reisen. Geschickt nimmt sie zentrale Motive des Textes von José F. A. Oliver und wandelt diese in schwarz-graue Sequenzen (Unterstützt von der Signalfarbe eines dunklen Orange.) um. Eine leise und sparsame Symbolik wendet sich der Verlassenheit des Schreibenden zwischen allen seinen eigenen Heteronymen zu.

Der Text José F. A. Olivers macht sich auf die Suche nach den eigentlichen Beweg- und Schreibgründen Pessoas. Einzelne Episoden, gekennzeichnet durch den Auftritt der einzelnen Charakterentwürfe werden befragt. Die Frage ob es Pessoa gibt – diesen einen Menschen gibt wird gestellt und bleibt trotz möglicher Antwort offen. Es bleibt die Suche.

| * Zur Literaturburg: https://www.youtube.com/c/Literaturburg

| * Zur Homepage von José F.A. Oliver: http://oliverjose.com/

| * Zur Homepage von Johanna Springer: https://johannaspringer.de/

Pix – Festival of Lights, Berlin

Einmal im Jahr verwandeln sich Sehenswürdigkeiten in Berlin dank Lichtinstallationen und Videomappings für zehn Tage in leuchtende Botschafter. Das Motto „Creating Tomorrow“ warb in diesem Jahr für einen nachhaltigen Lebensstil und den Erhalt der Umwelt.

ABGESCHAUT – PAUL BOLDT (1885-1921) „WIR DICHTER“

Wie Einsamkeit das Ich im Auge dämmt.
Du ist nicht feil, und Du beginnt zu fehlen.
Geh durch die Menge, um Lächeln zu stehlen,
Verbrauche deine Küsse ungehemmt –:

Ein Schrei wärmt dir den Leib! Zu sehr allein.
Es gibt nur dies, unser Blut-Hoch und Ja,
Unsere Kunst, das Labsal anima!
Das Herz bewegt sich in das Wort herein.

Von den Stummheiten sollen wir aufbrechen!
Nicht nur anjahren in der Existenz.
Von Antlitzfrauen aufreizend umschwiegen

Werden wir jetzt, einmal und wenigstens,
Die Herzensröte an den Lippen kriegen.
Unseren Dialekt des Menschen sprechen.


|Erstmals erschienen in: Die Aktion.
Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst.
Jg. 4, 1914, Nr. 50/52, 24. Dezember, Sp. 939.

|Digitalisat: http://www.lyriktheorie.uni-wuppertal.de/lyriktheorie/scans/1914_boldt.pdf

Thüringer Literaturtage 2021 – Der gewohnte Ausnahmezustand vom 12.07.-17.07.2021

### WICHTIGER PROGRAMMHINWEIS ###

Aktuell laufen auf Youtube die Thüringer Literaturtage, das beste gewohnte Ausnahmeliteraturfestival aller Zeiten. Besonders empfehlen möchte ich alle Programmpunkte. Schaut einfach mal rein.

Ganz nebenbei ist das eine perfekte Gelegenheit einmal das Angebot der Literaturburg auf Youtube zu entdecken:

https://www.youtube.com/channel/UCVZ9DF9p6MMQQLye88bJp8A

Trailer:


PROGRAMM:

Weitere Infos zum Programm und den Hintergründen findet ihr hier:

https://thueringer-literaturtage.de/index

FRAGE FÜR EINEN FREUND #4 – mit Lukas Rietzschel und Mario Osterland — Novastation

FRAGE FÜR EINEN FREUND kehrt zurück. Am 24.6. um 19 Uhr begrüßt Moderator Mario Osterland den Schriftsteller Lukas Rietzschel im Werkstattgespräch. Sie sprechen über seinen Weg zur Literatur, den Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ (Ullstein) und geben einen Ausblick auf den im Herbst erscheinenden Nachfolger „Raumfahrer“ (dtv). Außerdem wird der Bogen zu […]

FRAGE FÜR EINEN FREUND #4 – mit Lukas Rietzschel — Novastation

Meldet euch unter fragefuereinenfreund@gmx.de für das Zoommeeting an. „Frage für einen Freund“ ist kein steifes Interview, sondern ein Treffen von Literaturinteressierten mit Autoren. Mario Osterland führt als Moderator und Stichwortgeber durch den Abend, aber jeder darf und soll sich einbringen ins das Gespräch mit dem Gast.

Ich muss zugeben bisher noch kein Buch von Lukas Rietzschel gelesen zu haben und nutze die Gelegenheit um seine Literatur kennenzulernen. Eine kurze Rezension zu seinem Debut „Mit der Faust in die Welt schlagen“ folgt am kommenden Wochenende (19./20. Juni).