Bei Wutha ist warten

im ICE
auf was?

der eine sagt, nach Fulda geht’s
da möchte er spielen
das locke die Kinder
mit dem Rhythmus im Blut
die trommeln dann mit

auf was sonst
als die Wartburg
sagt einer
und lacht allein

dann bleiben wir ruhig
ich habe Zeit
auch wieder hier
sagt noch der Schaffner
was auch immer das heißt

Durchgelesen: Stefan Petermann – »Der weiße Globus«

Für den Blog der großartigen Lesereihe „In guter Nachbarschaft“ durfte ich den aktuellen Band von Stefan Petermann besprechen. Vergesst nicht bei der Nachbarschaft vorbeizuschauen. Mario Osterland versorgt euch dort mit Literatur aus und in Thüringen.

In guter Nachbarschaft - Die unabhängige Lesereihe in Thüringen

Gar nicht so erwartbar 

Stefan Petermanns Erzählband Der weisse Globus

Da steht dieser ausgewachsene Kerl vor einer Meute Halbwüchsiger und deren Eltern. Er soll verkünden was er vor Ort erlebt hat – in Syrien. Schon der Titel Sag was über Syrien zeigt auf, hier führt eine Erzählung vor, was so oft im Alltag passiert: Es gibt eine Erwartung, die das Individuum unmöglich einhalten kann. Als Restaurator und Kunsthistoriker präsentiert der Mann dann auch nicht unbedingt das Bild, welches man auf einem Kuchenbasar zugunsten syrischer Kinder erwartet hätte.

Da steht dieser ausgewachsene Kerl vor einem verstopfen Abflussrohr und kämpft mit allen Tricks darum es wieder frei zu bekommen. Und als das Wasser wieder fließt hat er eine Story, die ihn über Wochen auf einer Welle der Euphorie trägt – Das Ende der Geschichte wird jedoch ein anderes sein.

Da sitzt dieser ausgewachsene Kerl in der Schweiz vor einem weißen Globus. Alle…

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Pix – Meißen

Zugegeben. Das war eine One-Shot Aktion. Ich wollte unbedingt dieses Foto haben. Vorne Elbe, dahinter die Burg. Dieses eine überall bekannte Bild von Meißen. Aber fährt man denn wirklich dafür 2,5 Stunden mit dem Zug hin und auch wieder zurück? Absolut.

Was hier über der Stadt thront, als das sichtbare der beiden Wahrzeichen, vermarktet sich selbst als „erstes deutsches Schloss“, errichtet ab 1470. Wirklich eindrucksvoll wirkt die Albrechtsburg aber erst im Ensemble mit dem Meißner Dom und der war schon vorher da. Muss ja auch mal gesagt werden. Vom Porzellan wird hier übrigens nicht die Rede sein. Denn weder die Manufaktur, noch ihre Erzeugnisse interessierten mich – obwohl sich das Porzellan-Museum mit seiner Sammlung im Gebäude der „Meissen ART“ prominent präsentiert.

So trieb es mich, wie jeden guten Tagestouristen, einmal am Elb-Burg-Panorama entlang und in Windeseile den Burghügel hinauf. Hier angekommen und mit der Eintrittskarte für Dom und Burg ausgestattet galt es erst einmal eine Weinschorle zu trinken. Wahrscheinlich inspiriert durch den Blick von der Burg über die Elbe und die gegenüberliegenden Weinberge. Hach, das klingt ja alles so romantisch. Ist es auch – hier aber im positiven Sinne des Wortes. Die Altstadt präsentiert sich weitestgehend gut erhalten und wird nur selten von modernen Versatzstücken unterbrochen. Und das ist für mich immer ein Grund zu sagen – hier fühle mich ich aufgehoben.

Ein wenig ratlos ließ mich zum Teil die Ausgestaltung des Museums der Burg. Nahezu alle Exponate werden hier in stählernen Konstrukten präsentiert – womöglich eine Verneigung vor dem Motto der Ausstellung „Trendsetter SEIT 1471. Entdecken Sie das älteste Schloss Deutschlands“. Ich empfand diese Art der Präsentation eher als störend und gerade für die Fokussierung auf die Tradition dieses Gebäudes als widersinnig. Aber das ist ein Geschmacksurteil. Informativ ist das Ganze auf jeden Fall und damit erfüllt es seine Hauptfunktion. Glanzstück der Burg ist die Große Hofstube, die durch die Renovierung im 19. Jahrhundert eine Bildersprache erhielt, wie sie typisch für die Vorstellungen des Mittelalters in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war – farbenfroh und voller Minne.





Daneben findet sich das eigentliche Highlight des Burgberges. Der Dom mit seiner Westturmanlage. Diese Doppelturmfront wird luftig und massiv zugleich. Daneben gibt es übrigens einige Schenken und mit der zweiten Weinschorle lässt sich der Blick noch besser genießen. Das Innere des Doms präsentiert sich einheitlich und schlicht. Wobei das nur für den ersten Eindruck gilt. Sowohl die Fürstenkapelle, mit Ihrem reich verzierten Westportal aus dem 14. Jahrhundert, als auch der Achteckbau, als Beispiel für ein komplexes gotisches Raumkonzept sind ein Kontrast zur ausgeprägten Hallenwirkung des Langhauses.



Sobald es dann wieder hinunter in die Stadt geht und man versucht noch aus allen Winkeln und Rückblicken besonders gute Aufnahmen herbeizuzaubern, darf man sich ein kleines Urteil erlauben. Für mich heißt das zumindest Eines: Schön hier. Hach.



Binsenjungfer

angezählt die Bewegungen
bleibst hängen neben Schilf,
Schlag, Schlag,
das machen die Flügel

Schlag, der Tümpel grüßt
Schlag, für einen Betrachter
Schlag, macht er sich Farben zu eigen
die sind geborgt

im Sehloch des Schauers gerichtet
Schlag, dreht der sich
Schlag, fällst du ab
gebraucht
der Schauende hat Neues
für dich sind Froschmaul und Brack

Durchgelesen: Lutz Seiler – »Kruso«

Ed landet auf Hiddensee. Sein altes Leben steht ihm kalt gegenüber. Ihm, dem Germanistikstudenten mit dem unglaublichen Gedächtnis. Es ist genug. Er nimmt Reißaus. Ziel: Hiddensee. Die Insel begegnet ihm mit Befremden. Er bleibt auch dort ein Suchender ohne Anschluss. Dann gelangt er an den Klausner. Der Leiter dieses FDBG Ferienheimes, Herr Krombach, liest Ed auf. Nimmt ihn auf in seine „Besatzung“. Der Klausner ist ihm ein Schiff, die Besatzung eine Familie. In Alexander Krusowitsch, genannt Kruso, findet Ed einen Freund und Vertrauten. Als Abwäscher eingestellt, lebt sich Ed schnell ein und erlebt den Klausner als Heimat. Langsam erarbeitet er sich das Vertrauen Krusos, bis dieser ihm das eigentliche Wesen des „Klausners“ offenbar. Die Saisonarbeiter auf Hiddensee bilden eine Gemeinschaft mit eigenen Ritualen und Gesetzen. Und die „Esskas“, wie sie sich nennen, unterhalten ein feines Netz aus Verbindungen über die ganze Insel. Sie sind oft die letzte Hoffnung der Gestrandeten, die versuchen über Hiddensee die „Republik“ in Richtung Dänemark zu verlassen. Ed erlebt einen wechselhaften Sommer von seiner sexuellen Initiation, über eine handfeste Auseinandersetzung mit Kollegen und ungewünschten Kontakt mit den aufmerksamen Untersuchungsbehörden hier am Ende der DDR.

Bei seinem Romandebüt war Lutz Seiler (*1963 in Gera) als Autor bereits bestens etabliert. Der Lyrikband »Pech und Blende« von 2000 und spätestens die Erzählungen unter dem Titel »Die Zeitwaage« von 2010 sorgten für eine breite öffentliche Aufmerksamkeit und ein vernehmbares Echo in Form von Preisen. Hier sollte sich »Kruso« mit dem Johnson-Preis 2014 und dem Deutschen Buchpreis 2014 nahtlos einreihen.

Warum eigentlich?

Stilistisch geht der Roman wenige Risiken ein. Weder wird experimentell gearbeitet, noch verliert sich die Sprache in salbadernd poetisierenden Sätzen. Alles wird unaufgeregt, teilweise routiniert wirkend präsentiert. Die Spannung bezieht dieses Buch aus seinem Setting. Die wenig beachtete Möglichkeit der Flucht aus der DDR über Hiddensee und die zugehörige Sonderbewachung der Insel durch den Staat. Hier findet sich übrigens einer der bemerkenswertesten Kniffe des Buches: Das System der Repression bleibt meist diffus im Hintergrund. Zwar bleibt immer der Eindruck, schon auf der nächsten Seite kommen die Schlapphüte und sperren den Klausner ab, seine Besatzung ein. Der zunehmende Zerfall des „Esska“-Netzes und die immer prekärere Situation im Ferienheim lassen den Leser immer häufiger mit der Selbstbefragung zurück: „Sollte man Ed jetzt beneiden oder bemitleiden?“. Beneiden um sein unzerstörbares Vertrauen und seinen Durchhaltewillen. Bemitleiden für diesen Weg, der in einem immer enger werdenden Korridor hineinführt. Umkehrmöglichkeit ausgeschlossen.

Lutz Seiler liefert mit »Kruso« ein Stück Prosa, welches sich von einem anfänglich, dank der relativen Unbedarftheit seines Protagonisten, recht naiven zu einem dynamisch und packenden Geflecht entwickelt. Die sich steigernde Anspannung bildet die Stimmungslage der dargestellten Episode der Zeitgeschichte treffend ab. Nebenbei treten Ed und Kruso als nicht immer rational nachvollziehbare Figuren auf, die in ihrem nicht zu erschöpfenden Idealismus (Ed glaubt an Kruso, Kruso an eine Verpflichtung) zeitlos wirken. Ihr don-quichottesker Kampf gegen „das System“ bleibt im Kopf haften.

Lutz Seiler: Kruso. Suhrkamp Verlag, 2014. 480 Seiten 9,99 Euro als Taschenbuch

|Zur Vorstellung des Buches auf der Seites des Verlages

…sind noch da

die Alten hier
haben den See gegraben
haben die Straße geteert
haben den Marktplatz gepflastert
haben die Kneipe gefüllt
haben sich Bilder gebracht

die Alten hier
sehen Müll am Ufer
warten auf das Bäckerauto
fragen nach dem Bus
füllen die Bank vor der Kirche
und ihre Bilder…

30.6. – Jena – In guter Nachbarschaft #13 – Junges Literaturforum Edition — In guter Nachbarschaft – Die unabhängige Lesereihe in Thüringen

IN GUTER NACHBARSCHAFT #13 – Lesung der PreisträgerInnen des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen 2017 /// Freitag, 30. Juni 2017 – Schillers Gartenhaus (Schillergäßchen 2, 07745 Jena) Beginn: 19:30 Uhr Eintritt: 3,-€ (nur Abendkasse) /// Das Junge Literaturforum Hessen-Thüringen schreibt jedes Jahr einen Literaturwettbewerb aus, an dem sich 16- bis 25-Jährige mit Wohnsitz in Hessen und Thüringen […]

über 30.6. – Jena – In guter Nachbarschaft #13 – Junges Literaturforum Edition — In guter Nachbarschaft – Die unabhängige Lesereihe in Thüringen

Bedrohung

wieder sitzen sie
auf dem Erker nebenan
in Formation zu Zwein
Gu-Ru
sitzen in sich ändernder Zahl
sitzen

eine Taube – was ist das schon
ein ganzes Dach voll
und du bist verstört

was wollen sie so nah
was wollen sie bei dir
du verstehst sie nicht
Gu-Ru
das ist ein Reden
du hörst es
Gu-Ru
verstehst es nicht

was planen sie
planen sie deinen Tod
was soll ihr Blick
Gu-Ru
dieser gleichgültige Blick

Gu-Ru
bleib in Deckung
Gu-Ru vor dem Fenster
Gu-Ru die Furcht
Gu-Ru in der Nacht
beobachten dich die roten Augen

Das Profilbild ist von www. brieftaubenfoto.de entnommen.

„Mooooaaah“ – Joachim Meyerhoffs Roman »Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke«, Kurzkritik

Mit 20 ist das Leben noch frisch – eigentlich. Unser Erzähler hat schon einen Bruder verloren und steckt gerade in einer Krise. So richtig weiß er nicht, wo es hingehen soll. Nach seinem Jahr in Amerika (Im ersten Teil des „Alle Toten fliegen hoch“- Erinnerungsprojektes.) ist er zurück in der Norddeutschen Provinz. Zum Glück gibt es da noch die Großeltern in München, mit Ihrer Villa direkt am Nymphenburger Park. Klingt mondän – ist es auch. Die Großmutter ist eine ehemalige Schauspielerin und formvollendete Diva, der Großvater ein emeritierter Philosophie-Professor und respekteinflössend. Und plötzlich wird diese Villa mit ihren Ritualen zu seinem Rückhalt. Der „Lieberling“, wie ihn die Großmutter nennt, landet an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule. Dort stößt er mit seiner Art des „Schauspielerns“ oft an, kann mit seinem „Knautschgesicht“ viele Emotionen nicht nachbilden. Ein Ausgleich ist das Aikido-Training in der Schule, ein anderer sind die Großeltern. Diese Polstern sich Ihren Alltag mit festen Trinkritualen kuschelig weich und auch der Lieberling findet gefallen daran.

Wer die anderen Teile der Reihe bereits kennt, weiß wie eng bei Meyerhoff (*1967) Komik und Rührung aufeinander folgen. Eben noch werden die teils seltsamen, teils wohl nur für Eingeweihte verständlichen Rituale der Schauspielschule exerziert und schon wird das Kammerspiel durch eine Nachricht aus der Heimat zerlegt. Das Meyerhoff die meisten der Situationen so oder so ähnlich erlebt haben muss, zeigt sich immer wieder in den ausgedehnten Anekdoten, wie dem Kampf um einen richtigen Ton im Gesangsunterricht oder dem „Bau einer Körpermaschine“ mit den Kommilitonen. Da krampft und zischt so viel Selbstbeschau, dass es dem Leser mehr als leicht fällt sich daneben stehend zu wähnen und einen Blick auf dieses bemitleidenswerte Geschöpf zu haben. Aber so wie sich der „Lieberling“ durch die Jahre in der Schule kämpft, so löst sich auch immer wieder die Erzählung von einer bloßen Nabelschau und bindet das Umfeld ein. Ja, es sind, ausgenommen die Großeltern, mehrheitlich Statisten, die hier auftreten, aber gerade das zeigt die Meisterschaft des Buches, dass man ihm die teils sehr schablonenartig geratenen Nebenfiguren nicht übel nimmt. Stattdessen versteht man sie als die Wahrnehmungen unseres ziemlich auktorialen Erzählers – mehr gerät nicht in das Narrativ, als das selber erlebte unseres „Lieberlings“. Und selbst wo ein Hauch des Assoziativen auftaucht, bleibt die Rekonstruktion des Erfahrenen im Mittelpunkt.

Stilistisch wird hier nicht ungemein viel gewagt. Dem Buch ist eine gewisse Leichtigkeit eigen, dass immer wieder einmal gebrochen wird von lakonischen Kommentaren des Protagonisten, wenn er sich einmal mehr ausgesperrt fühlt aus der Welt des Theaters. Man darf Meyerhoff konstatieren auch im bereits dritten Band der autobiographischen Reihe sehr gut unterhalten und an einigen Stellen überraschen zu können. Viel darf man kaum erwarten von einem Roman, der die Erzähllust selten verliert, allerdings aufpassen muss, sich nicht selber in eine Musterhaftigkeit zu drängen, die in den ersten beiden Bänden von „Alle Toten fliegen hoch“ noch nicht zu spüren war. Klar ist, die Erwartungen an die Bände sind mittlerweile vorgezeichnet und klar ist auch, die Erwartungen sind gepaart mit Lust auf mehr.

Joachim Meyerhoff: »Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke« (=Alle Toten fliegen hoch, Teil 2), Kiepenheuer & Witsch, 348 Seiten, 10,99 Euro.

Wanderlust

der Leib unter Wasser
als Flusslandschaft verstanden
zeigt mir die Unsinnigkeit von Karten
statt nach dem Ziel zu suchen
flaniere ich durch Kerben und Senken