Im November

Verstecke ich meine imaginären Freunde

Einer in den Kleiderschrank, einer in die Dusche und einer will sicher sein. Er sitzt in der Wäschetrommel.

Bang schauen wir zu Tür und singen leise: Der Lauterbach kommt, der Lauterbach kommt.

Es ist unser liebster Nachtmahr.

Kurze Freude

Wie sich die Haifischhaut zusammen zieht

Wenn ein anderer Mann in deiner Kehle vergeht

Und er nach kurzem Erschauern fahl wird, sich deinen Schatten zu nutze macht in dem er sich versteckt

Denn er bekam was er wollte und du bekamst was er wollte.

Jetzt in dem Kissen 80×80 als Füllung Daunen und getrocknetes Leben von den Lippen getropft bevor es begann.

Die Stille am Gleis 2 in Bitterfeld an einem mäßig warmen Sonntagmittag im Herbst

Der unplanmäßige Halt deines Zuges

verwährt dir den Umstieg

und so stehst du unter blauem Himmel

umgeben von einer Hundertschaft Güterwaggons

zu wenig Zeit für einen Gang in die Stadt

kaufst du dir ein Büchlein über Ikigai

liest von einem hundertjährigen Sushimacher

der auf Okinawa sein Geschäft aufbaute

mit neuen Ideen jeden Tag den Vögeln abgelauscht

und du spürst die Wärme der Sonne

und das gleichbleibende Surren der elektrischen Spannung

so wie der alte Japaner auf seinem Weg durch Naha

unter dem Rauschen der Bäume

findest du ein Ikigai:

Die Stille am Gleis 2 in Bitterfeld

an einem mäßig warmen Sonntagmittag im Herbst

Vorbereitung

Am Ortsrand rollt die Sonne noch Stroh
das langsame Gehen den Radweg entlang
macht uns das Wochenende weit
wie mit Siebenmeilenschritten geht es voran
frisch mit dem Wind um die Wette
und die großen Ideen im Kopf

zwischen den Dörfern machen wir Halt
blicken auf die Äcker
laden kurz auf

jetzt können sie kommen
sollen sie sich doch zeigen
und ihre Geschichten erzählen


wir sind bereit, wir hören zu
wir haben die Halme unter der Nase

Bei Moderwitz

Das Schild zu den Mittelalterlichen Fleischbänken

und schon bist du verführt an die Pest zu denken

die von hier – Stadtroda – Pößneck – Ilmenau ihren Weg nahm

und Moderwitz in Quarantäne

mit den Schnabelmaskierten auf Wache

und den schwarzen Fahnen der Warnung

gehen die Schlagbäume nach unten, bleiben zu

weil du denkst, dass es war wie es ist

natürlich wurden die Sauen zerlegt hier

in engster Reihung und die Ringelschwänze liefen fort

gingen in die Häuser, brachten Beulen und Bahren

und Moderwitz versank

wie dein Kopf im Chaos

ihr aber fahrt in die andere Richtung

Fundstücke – Ein Penny in Tschechien wird bewertet

Bei der Suche nach einem netten Lokal für einen Wochenendausflug in das böhmische Bäderdreieck bin ich über interessante Bewertungen gestolpert. Nach den ersten Lachern meinerseits, weitete ich die Suche aus und möchte ein Paar Highlights präsentieren.

Diese besonderen Übersetzungen aus dem Tschechischen verdanken wir den kreativen Google Translator.

„so gibt es ein Kampf- und Zerstörungsderby mit Körben: D.“ 

  • Familienmannschaft von Arbeitern, die an ihrem Platz sind !! Ich empfehle, in den Tagen der Rabatte und Veranstaltungen zu besuchen! Ich habe heute 7 Mais und 40 Heller gerettet !!
  • Das schlechteste Geschäft, das ich kenne. Es gibt ein Durcheinander von Anarchie. Terror und Angst.
  • Lass uns den Pyva essen und die Pollenfeste essen, dann haben sie es gemacht, Gurke und Stock, sie waren total übel !!!!
  • Lebensmittelladen für alle Ihre Bedürfnisse. Es gibt auch viel Bier, was schön ist.  
  • Sehr wenig Platz zum Einkaufen, wenn mehr Leute da sind, so gibt es ein Kampf- und Zerstörungsderby mit Körben: D.  
  • Viele Leute und nur zwei Kassierer gingen hin.  
  • Ich habe dort ein Getränk gekauft, also habe ich es satt, 10/10 zu dehydrieren.  
  • Penny Market ist überall gleich, sie haben nichts damit zu tun. Und direkt neben dem Walk of Agrofert, wo sie böse und teure Sandwiches haben.

PIX – Wendelstein

Das Erlebnis Wendelstein beginnt im Idealfall mit einer Fahrt in der Zahnradbahn (Preis Hin-Rückfahrt für Erwachsene 37 Euro). In 30 Minuten geht von 508 Metern über NN bis auf 1723 Richtung Gipfel. Unterwegs bieten die vielen Kurven großartige Aussichten.

Oben angekommen sollte man sich als erstes zum „Gacher Blick“ stürmen. Der Blick von hier bietet ein Panorama über den Wilden Kaiser, den Großglockner, das Karwendel- und Wettersteingebirge bis hin zur Zugspitze. Quasi direkt daneben findet sich die Wendelsteinkirche. Als Deutschlands höchstgelegene Kirche wurde sich 1890 geweiht. Ohne das Engagement des Münchner Kunstprofessors Max Kleiber, hätte es sie wohl nicht gegeben. Nicht nur sammelte er Spenden für die Errichtung, er sorgte auch für den Baugrund. Letzlich ließ er es sich auch nicht nehmen das Kreuz eigenhändig den Berg heraufzutagen.

Wer etwas Zeit mitgebracht hat, sollte sich die Wendelsteinhöhle anschauen. Interaktiv wird hier die Entstehung der Höhle aufbereitet. Bemerkenswert ist diese vorrangig, dass die Höhle heute einige hundert Meter oberhalb des Flussniveaus liegt. Die Höhle muss also bereits vor der Auffaltung der Alpen entstanden sein.

Nach der Höhle sollte man sich auf der Bergterrasse vor dem Wendelsteinhaus ein kühles Blondes gönnen und die Aussicht genießen. Übrigens Vorsicht: Im Sommer besteht verstärkte Sonnenbrandgefahr, trotz relativ frischer Temperaturen.

Auf dem höchsten Punkt des Gipfels thront die 1941 eröffnete Sternwarte. Für Besucher nur im Rahmen von Führungen (Freitag 14:00 und 15:00 Uhr, zwischen Juni und September) besuchbar, sucht die Universitätssternenwarte heute nach extrasolaren Planeten und Erscheinungen wie dunkler Materie.

Atlantikwall bei Sturm


In Belgien, Mellipark,

sahen wir Madonnas Frozen

einen Frikandelrest zwischen den Zähnen

fuhren wir zu Kanonen und Beton

am Atlantikwall war nicht viel los

nur ein Krater wo jetzt der Imbiss steht

in dem das Frittenfett Wellen schlägt

wie andernorts die See

als man hier vergeblich wachte

Madonna singt weiter gegen Raben an

Durchgelesen: Michal Hvorecky – »Tod auf der Donau«

Die Mitarbeiter eines Schiffes sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Jeder hat seine Aufgabe und trägt zum Funktionieren der Abläufe an Bord bei. Das ist zumindest die Theorie. Auf der »MS America« einem Donaukreuzfahrtschiff der Luxusklasse gilt für das Personal eine Grunddevise: In Namen der »American Danube Cruises« muss alles den Anschein der Exzellenz haben – mindestens!

Für die Passagiere, meist betuchte US-Amerikaner – weiße betuchte US-Amerikaner, eine abweichende Hautfarbe beeinträchtigt den Eindruck der Exzellenz – ist Martin Roy der erste Ansprechpartner. Als »Cruise Director« – vulgo Reiseleiter – ist sein oberstes Ziel die reibungslose Abwicklung der Reise für die anspruchsvolle Kundschaft. Wie viele seiner Kollegen hatte er eigentlich einen anderen Lebensentwurf. Als Magister der Italianistik reiht er sich ein in die Masse der Geisteswissenschaftler in einer ähnlichen Position. Eigentlich wollte er sich mit Übersetzungen aus dem Italienischen über Wasser halten, jetzt liest er den älteren Herrschaften alle Wünsche von den Lippen ab. Darunter finden sich Archetypen, die bei keiner Reisegruppe fehlen dürfen: Die Choleriker, denen Nichts gut genug ist. Die drallen Junggebliebenen, die gerne auch körperlich dem Reiseleiter, pardon Cruise Director, näher kommen wollen. Oder die Gehbehinderten, die durch europäische Katzenkopfpflastersteigungen getragen werden müssen.

Gleich zu Beginn der Reise bekommt Martin Besuch von Mona, einer Jugendliebe. Und obwohl das laut den Statuten des Unternehmens streng verboten ist, erlaubt der Kapitän (Auch er ein Stereotyp.) – Stichwort Gemeinschaft – das die junge Frau an Bord bleiben darf. Damit gerät die Reise, trotz aller Konzentration, für Martin zu einem Durcheinander – mindestens emotional. Da unser Reiseleiter ein Profi ist, erzählt er dennoch routiniert über die aktuellen Ziele der Kreuzfahrt und der Leser bekommt einen Überblick der Geschichte des Kulturraums rund um die Donau.

Hier liegt eine der großen Stärken des Romans. Immer wieder unterbrechen Episoden aus Martins Leben die Schilderungen des Schiffsalltags. Das fühlt sich nicht nur immer folgerichtig an, sondern sorgt wie die Vorträge Martins für ein flüssiges Lektüreerlebnis ohne Längen und bringt die benötigten Handlungsmotivationen des Protagonisten auf den Tisch. (Wir lernen warum Martin den großen europäischen Strom so liebt.) Stilistisch lebt »Tod auf der Donau« davon, dass der lockere Ton einer Vielzahl an Dialogen getragen wird, die sehr natürlich wirken. Selbst die aufgesetzte Freundlichkeit der Besatzung kommt überzeugend zur Geltung. Man darf sich glücklich schätzen, dass Michael Stavarič die Übersetzung übernommen hat. Wer Bücher beider Autoren kennt, erkennt die Verwandtschaft und findet im Buch eine Note Sarkasmus, die aus jeder Beobachtung hervorgeht, ohne zu aufdringlich zu sein.

Manch einer wird sich fragen, wo denn jetzt der Mord bleibt. Nun ja, der passiert – ist aber nie die Hauptsache, denn der Anschein der Exzellenz muss weiter glänzen.

Mit »Tod auf der Donau« hat Michal Hvorecky ein Stück Prosa vorgelegt, wie ich es von ihm nicht erwartet habe. Ganz anders als die dystopischen Szenarien von »City« oder »Troll« atmet der Roman soviel Gegenwärtigkeit, dass der Mikrokosmos der Donaukreuzfahrt nach den Gesetzmäßigkeiten des Pauschaltourismus selber wie eine Dystopie wirkt und dabei sind die Morde an Bord noch das kleinste Schrecknis.

Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen, 2012. 272 Seiten.

Doch auch Luft ist unersättlich – Südamerikanische Lyrik

Bandeira, Manuel (1886-1968) – Selbstbildnis

(Curt Meyer-Clason)

Provinzler der nie verstand
Eine Krawatte auszuwählen;
Pernambukaner den das Messer
Des Pernambukaners abstößt;
Schlechter Poet der in der Kunst der Poesie
In der Kindheit der Kunst alterte;
Und sogar Chroniken schreibend
Provinzchronist wurde;
Gescheiterter Architekt, gescheiterter
Musiker (eines Tages verschluckte er
Ein Klavier, nur die Tastatur
Blieb außen); ohne Familie,
Religion oder Philosophie;
Kaum im Besitz der Unruhe des Geistes
Die vom Übernatürlichen kommt,
Und in Sachen des Berufs
Ein professioneller Schwindsüchtiger.

 

Vallejo, César (1892-1938) – Himmel und Staub

(Hans Magnus Enzensberger)

Wer hat keinen blauen Anzug im Schrank?
Wer nimmt kein Frühstück und keine Trambahn,
die ewige Zigarette im Mund, in der Brieftasche seinen Gram?
Ich, der geboren ist und sonst nichts!
Ich, der geboren ist und sonst nichts!

Wer schreibt nicht dann und wann einen Brief?
Wer hat keine dringende Sache im Kopf
Und stirbt nicht aus Gewohnheit, weinen nach dem Gehör?
Ich, der einzig und allein geboren ist!
Ich, der einzig und allein geboren ist!

Wer heißt nicht Carlos oder sonstwie Sonstwie?
Wer nennt die Katze anders als Katze Katze?
Ach, ich! der geboren ist einzig und allein und sonst nichts!
Ach, ich! der geboren ist einzig und allein und sonst nichts!

 

Lima, Jorge de (1895-1953) – Alte schwarze Dienerin

(Curt Meyer-Clason)

Es gibt noch vieles zu verdrängen,
Celidônia, schönes Ioruba-Mädchen,
das meine Hängematte wiegte,
das mich in die Schule begleitete,
das mir Tiergeschichten erzählte,
als ich klein war,
noch sehr klein.

Vieles gibt es noch zu verdrängen:
Deine schwarzen Hände, die über mich dahinstreichen,
deine violetten Lippen, die über mich dahinwellten,
als ich klein war,
noch sehr klein.

Vieles gibt es noch zu verdrängen,
schönes schwarzes Dienstmädchen,
verirrtes Fleisch,
erschöpfte Nacht,
dunkelbraune Rose,
erste Zauberin.

 

Rojas, Gonzalo (1916-2011) – Von unten

(Anna Jonas)

Dann hängten sie uns an den Füßen auf, sogen uns
das Blut durch die Augen,
mit einem Messer
ritzten sie uns in die Schenkel, ich bin Nummer
25.033,
baten uns
sanft,
ganz nah am Ohr,
rufen sollt ihr
es lebe ich weiß nicht wer.
Der Rest
sind diese Seine, die uns zudecken, der Wind.

 

Juarroz, Roberto (1925-1995) – Kommt ein Tag

(Anna Jonas)

Kommt ein Tag,
an dem die Hand die Grenzen einer Seite erspürt
und fühlt, daß die Schatten der Buchstaben, die sie schreibt,
vom Papier hüpfen.

Hinter die Schatten,
geht sie daraufhin, schreibt auf die dieser Welt zugeteilten Körper,
auf ausgestreckte Arme,
auf leere Gläser
auf die Reste von irgendwas.

Doch dann kommt ein anderer Tag,
an dem die Hand fühlt, daß jeder Körper
insgeheim, viel zu früh
die dunkle Nahrung der Zeichen verschlingt.
Für sie ist der Zeitpunkt gekommen,
auf Luft zu schreiben,
sich in diese Geste beinahe zu fügen.
Doch auch Luft ist unersättlich,
und ihre Grenzen sind abschüssig und eng.

Dann vollzieht die Hand ihre letzte Wandung:
ganz bescheiden beginnt sie
über sich selbst zu schreiben.

 


Alle Texte aus:

| Oviedo, José Miguel (Hg.): Lateinamerika, Gedichte und Erzählungen 1930-1980. Suhrkamp 1982².

  • Übersetzer der Texte in (Klammern)