Pix – Festival of Lights, Berlin

Einmal im Jahr verwandeln sich Sehenswürdigkeiten in Berlin dank Lichtinstallationen und Videomappings für zehn Tage in leuchtende Botschafter. Das Motto „Creating Tomorrow“ warb in diesem Jahr für einen nachhaltigen Lebensstil und den Erhalt der Umwelt.

Hinterköpfe

I.

Zurückgelehnt die Meisten

Eingelullt vom sanften Airbusrauchen

Über dem Meer versucht so mancher

Das Licht zu fangen und scheitert

Der alternde Playboy in Ehren ergraut

Trägt heute den Skalp gut sichtbar

Gebräunt wie Alle

II.

Es war Sonne, es war Urlaub, es war schön

Und nun auf dem Rückflug beginnen unter der Schädelschwarte

Von neuem die alten Geschichten

Aus dem Hinterkopf hervorgekrämert

Drückt es wie immer auf die Schläfen

Dieses Gewicht, am Morgen noch verdrängt, ist wieder da

Die Kopfhaut spannt sich und nur die Schuppen sind noch leicht

Warteraum

Im Sessel sitzt

Die Maske auf

Die Zeit vergeht im Dauerlauf

Im Buch du liest

Von Wem der schiesst

Und Blut am Straßenrand vergiest

Die Hand zur Faust

Noch hältst du aus

Auch wenn du grimmig umherschaust

Jetzt ist’s vorbei

Die Schießerei

Kann Starten und es regnet Blei

Dann wachst du auf

Und siehst die Tür

Herr Siebert bitte rein zu mir.

Abgeschaut: Stefan George: »Das lied das jener bettler dudelt«

Das lied das jener bettler dudelt

Ist wie mein lob das dich vergeblich lädt ·

Ist wie ein bach der fern vom quelle sprudelt

Und den dein mund zu einem trunk verschmäht.


Das lied das jene blinde leiert

Ist wie ein traum den ich nicht recht verstand ·

Ist wie mein blick der nur umschleiert

In deinen blicken nicht erwidrung fand.


Das lied das jene kinder trillern

Ist fühllos wie die worte die du gibst ·

Ist wie der übergang zu stillern

Gefühlen wie du sie allein noch liebst.


| George, Stefan: Das Jahr der Seele. Gesamt-Ausgabe der Werke, Band 4, Berlin 1928, S. 94-95.

| Online unter: http://www.zeno.org/nid/20004811356

Einer kennt dich

Da sitzt er

und zieht dir das Mark

aus den Knochen auf die Haut

malt was du bist auf den Unterarm

hier spielen Elle und Speiche

die Fläche für dein Portrait

ABGESCHAUT – PAUL BOLDT (1885-1921) „WIR DICHTER“

Wie Einsamkeit das Ich im Auge dämmt.
Du ist nicht feil, und Du beginnt zu fehlen.
Geh durch die Menge, um Lächeln zu stehlen,
Verbrauche deine Küsse ungehemmt –:

Ein Schrei wärmt dir den Leib! Zu sehr allein.
Es gibt nur dies, unser Blut-Hoch und Ja,
Unsere Kunst, das Labsal anima!
Das Herz bewegt sich in das Wort herein.

Von den Stummheiten sollen wir aufbrechen!
Nicht nur anjahren in der Existenz.
Von Antlitzfrauen aufreizend umschwiegen

Werden wir jetzt, einmal und wenigstens,
Die Herzensröte an den Lippen kriegen.
Unseren Dialekt des Menschen sprechen.


|Erstmals erschienen in: Die Aktion.
Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst.
Jg. 4, 1914, Nr. 50/52, 24. Dezember, Sp. 939.

|Digitalisat: http://www.lyriktheorie.uni-wuppertal.de/lyriktheorie/scans/1914_boldt.pdf

Ausbruch

Lass uns gemeinsam die Vögel spalten

Wie es die große Dickinson dichtet

Vielleicht können wir dann lachen

Über die kleinen Schriftrollen

Neben den Herzen eingerollt

Und die Texte des frühen Morgen

Wenn wir dann die Vögel verstehen

Uns die Dohle ihren Heavy Metal kjackt

Die Tauben uns warnen zum Klimaschutz

Und der Eichelhäher sich in Reggea Texten versucht

Wenn wir die Arme ausgebreitet im Gras

Singend mit den Vögeln fliegen

Und endlich mal etwas einen Sinn hat

Thüringer Literaturtage 2021 – Der gewohnte Ausnahmezustand vom 12.07.-17.07.2021

### WICHTIGER PROGRAMMHINWEIS ###

Aktuell laufen auf Youtube die Thüringer Literaturtage, das beste gewohnte Ausnahmeliteraturfestival aller Zeiten. Besonders empfehlen möchte ich alle Programmpunkte. Schaut einfach mal rein.

Ganz nebenbei ist das eine perfekte Gelegenheit einmal das Angebot der Literaturburg auf Youtube zu entdecken:

https://www.youtube.com/channel/UCVZ9DF9p6MMQQLye88bJp8A

Trailer:


PROGRAMM:

Weitere Infos zum Programm und den Hintergründen findet ihr hier:

https://thueringer-literaturtage.de/index

Geh nicht, komm her.

[…] Paulus Böhmer

I

Auf dem Weg zum Anger

Krämpferbrücke, Krämpfertor

Auf dem Weg kommen sie dir entgegen

Auf Rädern, zu Fuß

Vielen von ihnen in Eile

Und du so langsam

Das es dich fast mitzieht

So viele von Ihnen kommen dir entgegen

Wollen weg aus der Stadt

Nicht weg von dir

Aber aus der Stadt

Das es dich fast mitzieht

Um das Angerentree herum

und auch hier siehst du sie hasten

Auf Rädern, zu Fuß

Finden sie Wege

Am Besten am Ellenbogen entlang

Immer gerade durch

und dich zieht es fast mit

aber du hältst dich

noch immer ihnen entgegen

bis einer steht

II

und der da wartet auf dich

fällt auf, der ruht,

der fängt deine Blicke

so dass es dich mitzieht.

DURCHGELESEN: Kathrine Kressmann Taylor – »ADRESSAT UNBEKANNT«

Eine Autorin, die heute fast vergessen ist – eine sehr wechselhafte Rezeptions- und Publikationsgeschichte und ein Text, der zusammengefasst auf weniger als 50 Seiten Platz findet. Wenn dann das Genre auch noch Briefnovelle heißt – was kann man von solch einem Werk erwarten?

Kurz gesagt: Alles! Was Kathrine Kressmann Taylor hier gelingt ist nicht weniger als eine der eindringlichsten Geschichten der Wandlung Deutschlands in den Monaten der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933. Ganz nebenbei wird eine stupende Vergeltung für Mittäterschaft ausgerollt, wie sie in dieser Art sehr selten in der Literatur ist.

Warum geht es eigentlich? Martin Schulse und Max Eisenstein betreiben gemeinsam eine gut gehende Kunstgalerie in San Fransisco. Allerdings hat sich Schulse dazu entschieden wieder zurück nach Deutschland zu ziehen um dort mit seiner Familie in der Nähe von München ein ruhiges und angenehmes Leben zu führen. Teils trauert ihm sein Kompagnon nach, da Schulse ein „Geschick im Umgang mit den alten jüdischen Matronen“ hat, andererseits beneidet er ihn für „die geistige Freiheit“ in Deutschland. Zusätzlich erwähnt Eisenstein noch die Erfolge seiner Schwester auf deutschen Bühnen, womit das Grundszenario bereits umrissen ist. Was von nun an in wenigen und immer kürzer werdenden Briefen passiert, kann man nur mit dem Attribut „schlagartig“ versehen. Freut sich Schulse in seinem ersten Antwortbrief (Dezember 1932) noch über die Ausstattung seines Hauses und die Ponys seiner Söhne, heißt es schon im nächsten Brief (März 1933) Hitler könnte „in einiger Hinsicht gut für Deutschland“ sein. Im dritten Brief (Juli 1933) ist die Wandlung Schulses bereits abgeschlossen und Max Eisenstein, ein guter Freund der Familie, ist plötzlich „in erster Linie Jude“, der „um [s]ein Volk jammert“. Die Schwester des ehemaligen Partners, eben noch „die Süße“, wird umgehend zu einer Gefahr für die Ambitionen Schulses, der seinen Aufstieg Nomenklatura der nationalsozialistischen Partei beginnt und bald über Alles andere stellt.

Die folgenden Briefe Eisensteins werden zusehends flehentlicher ob es Schicksals seiner Schwester in Deutschland, da er einen Brief an diese mit dem Hinweis „Adressat unbekannt“ zurückerhält. Dieser Ton jedoch soll wenig nützen und im Dezember erhält Eisenstein einen mit „Heil Hitler“ eröffneten Brief Schulses, der nicht weniger als „die unmißverständliche Pflicht“ des Deutschen und einen Bericht über die Ermordung seiner Schwester enthält.

Was nun passiert, ist das eigentliche Meisterstück der überschaubaren Novelle. Eisenstein schafft es mit wenigen Briefen die Rollen komplett umzukehren. Plötzlich ist es Schulse der „aus einer Verzweiflung heraus“ schreibt, die Eisenstein sich „nicht vorstellen“ könne. Wie ihm dies gelingt möge jeder selber lesen. Allerdings sei verraten, dass die Novelle ihren Titel nicht bloß aufgrund eines unbekannten Adressaten trägt.

Kathrine Kressmann Taylor (1903-1996) hat ein extrem überschaubares literarisches Werk vorgelegt. Mit „Bis zu jenem Tag“ aus dem Jahr 1942 nimmt sie das Thema des Nationalsozialismus noch einmal auf und berichtet über den Widerstand deutscher Christen am Beispiel von Leopold Bernhard. „Adressat unbekannt“ hatte es in den USA 1939 zu eine Auflage von 50.000 Exemplaren gebracht. Danach war es lange still um das Werk. Mit der erneuten Publikation in den USA bei Simon und Schuster 1995 gelang das Büchlein zu internationaler Bedeutung. Mit einer deutschen Auflage dauerte es bis 2001. Diese schaffte es dann allerdings sofort auf die Bestsellerlisten.

Wenn Elke Heidenreich im Nachwort befürwortet, dass „Adressat unbekannt“ zu Schullektüre werden sollte, liegt sie komplett richtig. Eindringlicher als hier lässt sich der Wandel Deutschlands von einer „wunderbaren politischen Freiheit“ hin zu einem Staat der ehemals enge Freunde dazu bringt über Leichen zu gehen kaum darstellen. Da ist kein Wort zu viel und kein Wort zu wenig. Es ist fast schon eine Tragödie, dass wir nicht mehr Bücher aus der Feder von Kressmann Taylor lesen dürfen.

| Kressmann Taylor, Kathrine: Adressat unbekannt. Atlantik bei Hofmann und Campe 2014. Briefnovelle, 76 Seiten. (Übers. von Dorothee Böhm.)