Durchgelesen: Michal Hvorecky – »Tod auf der Donau«

Die Mitarbeiter eines Schiffes sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Jeder hat seine Aufgabe und trägt zum Funktionieren der Abläufe an Bord bei. Das ist zumindest die Theorie. Auf der »MS America« einem Donaukreuzfahrtschiff der Luxusklasse gilt für das Personal eine Grunddevise: In Namen der »American Danube Cruises« muss alles den Anschein der Exzellenz haben – mindestens!

Für die Passagiere, meist betuchte US-Amerikaner – weiße betuchte US-Amerikaner, eine abweichende Hautfarbe beeinträchtigt den Eindruck der Exzellenz – ist Martin Roy der erste Ansprechpartner. Als »Cruise Director« – vulgo Reiseleiter – ist sein oberstes Ziel die reibungslose Abwicklung der Reise für die anspruchsvolle Kundschaft. Wie viele seiner Kollegen hatte er eigentlich einen anderen Lebensentwurf. Als Magister der Italianistik reiht er sich ein in die Masse der Geisteswissenschaftler in einer ähnlichen Position. Eigentlich wollte er sich mit Übersetzungen aus dem Italienischen über Wasser halten, jetzt liest er den älteren Herrschaften alle Wünsche von den Lippen ab. Darunter finden sich Archetypen, die bei keiner Reisegruppe fehlen dürfen: Die Choleriker, denen Nichts gut genug ist. Die drallen Junggebliebenen, die gerne auch körperlich dem Reiseleiter, pardon Cruise Director, näher kommen wollen. Oder die Gehbehinderten, die durch europäische Katzenkopfpflastersteigungen getragen werden müssen.

Gleich zu Beginn der Reise bekommt Martin Besuch von Mona, einer Jugendliebe. Und obwohl das laut den Statuten des Unternehmens streng verboten ist, erlaubt der Kapitän (Auch er ein Stereotyp.) – Stichwort Gemeinschaft – das die junge Frau an Bord bleiben darf. Damit gerät die Reise, trotz aller Konzentration, für Martin zu einem Durcheinander – mindestens emotional. Da unser Reiseleiter ein Profi ist, erzählt er dennoch routiniert über die aktuellen Ziele der Kreuzfahrt und der Leser bekommt einen Überblick der Geschichte des Kulturraums rund um die Donau.

Hier liegt eine der großen Stärken des Romans. Immer wieder unterbrechen Episoden aus Martins Leben die Schilderungen des Schiffsalltags. Das fühlt sich nicht nur immer folgerichtig an, sondern sorgt wie die Vorträge Martins für ein flüssiges Lektüreerlebnis ohne Längen und bringt die benötigten Handlungsmotivationen des Protagonisten auf den Tisch. (Wir lernen warum Martin den großen europäischen Strom so liebt.) Stilistisch lebt »Tod auf der Donau« davon, dass der lockere Ton einer Vielzahl an Dialogen getragen wird, die sehr natürlich wirken. Selbst die aufgesetzte Freundlichkeit der Besatzung kommt überzeugend zur Geltung. Man darf sich glücklich schätzen, dass Michael Stavarič die Übersetzung übernommen hat. Wer Bücher beider Autoren kennt, erkennt die Verwandtschaft und findet im Buch eine Note Sarkasmus, die aus jeder Beobachtung hervorgeht, ohne zu aufdringlich zu sein.

Manch einer wird sich fragen, wo denn jetzt der Mord bleibt. Nun ja, der passiert – ist aber nie die Hauptsache, denn der Anschein der Exzellenz muss weiter glänzen.

Mit »Tod auf der Donau« hat Michal Hvorecky ein Stück Prosa vorgelegt, wie ich es von ihm nicht erwartet habe. Ganz anders als die dystopischen Szenarien von »City« oder »Troll« atmet der Roman soviel Gegenwärtigkeit, dass der Mikrokosmos der Donaukreuzfahrt nach den Gesetzmäßigkeiten des Pauschaltourismus selber wie eine Dystopie wirkt und dabei sind die Morde an Bord noch das kleinste Schrecknis.

Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen, 2012. 272 Seiten.

Mal schaun – 2. Vj. 2020 -„Küss de hück nit, küss de morje.“

Tja ja. Ich und die Zuverlässigkeit meiner Beiträge. Ausbaufähig. Dennoch möchte ich euch heute mitteilen, was als Nächstes so ansteht auf »Schaudort«.

Der Blog soll etwas weiterentwickelt werden. Hierzu schmeiße ich Kategorien die »Work it« und »Krämpfer« über Bord und sortiere die Restlichen neu. Der Fokus soll weiterhin auf vier Schwerpunkten liegen:

  • Eigene Texte jeder Art: Kurzprosa, Lyrik oder Gesprächsnotate. Zu finden unter »Geschrieben«
  • Rezensionen von für mich mehr als nur ansprechenden Büchern. Hier werde ich neben »Durchgelesen« als klassischer Besprechung mit »Auserlesen« ein neues Format starten. Damit sollen endlich auch Bücher Erwähnung finden, die durch ein besonderes Format und eine besondere persönliche Wirkung auf mich aufweisen. Als ersten Titel hierfür habe ich mir »final image« von Mario Osterland vorgenommen.
  • In »Gesehen« wird es auch weiterhin Texte geben, die ich aus anderen Quellen entweder verlinke oder übernehme. Vorwiegend werden hier gemeinfreie Texte auftauchen. Aber auch literarische Veranstaltungen möchte ich hier teilen. Die nächste „Ausgabe“ wird etwas Lyrik aus Lateinamerika präsentieren.
  • Der Fototeil »Pix« wird fortgeführt. Kurz überlegte ich, ob es nicht cool sein würde einen Reiseblog zu führen. Dann stellte ich fest, dass man Reisen muss um darüber zu bloggen. Keine Option im Moment. Mit »Pix« werde ich weiterhin eigene Aufnahmen eines Ortes in den Mittelpunkt stellen und diese mit einem Begleittext über die jeweilige Destination versehen.

Ferner werde ich eine Kleinigkeit einführen, die mich selber zwingen soll regelmäßig auf den Blog zu schauen: Eine Lektüreliste mit aktuell gelesenen Titeln.

So – jetzt müssen die guten Pläne nur noch umgesetzt werden. Wünscht mir Glück. 😀

Durchgelesen: Marko Dinić – »Die guten Tage« & Marko Dinić zu Gast bei Blaubart & Ginster

Marko Dinić (*1988 / Wien) präsentiert in seinem Debütroman „Die guten Tage“ (erschienen im Zsolnay Verlag/Wien) eine abenteuerliche Fahrt von Wien nach Belgrad. Im „Gastarbeiter-Express“ fährt der Erzähler umgeben von Mittfünfzigern, „denen die Diaspora anzusehen war, die körperliche Arbeit und der Alkoholismus“, in die Heimat um der Beerdigung seiner Großmutter beizuwohnen. Sie war es, die ihn immer bestärkte Belgrad oder am besten gleich ganz Serbien zu verlassen. Und sie ist es auch, für die er die Reise antritt.

Die wenig abwechlungsreiche Fahrt durch öde Landschaften Ungarns wird durch die Reisegesellschaft einerseits untermalt, andererseits auch unerträglich. Dinić beschreibt hier meisterlich die Eigendynamik einer solchen Schicksalsgemeinschaft. Insbesondere der Sitznachbar unseres Erzählers ist eine sehr eigentümliche Gestalt. Er stellt sich als eine Art Chronist der Zu- und Umstände in seinem Heimatland Serbien vor, der „es sich zur Aufgabe macht, dieses verbrecherische Pack zu entlarven“. Angetrieben von der Auseinandersetzung mit diesem Zeitgenossen entsinnt sich der Erzähler in loser Reihen- und Zeitfolge an Episoden seiner Kindheit und Jugendzeit in Serbien, wobei der Jugoslawienkrieg und die nachfolgende Diaspora der Serben einen zentralen Stellenwert erhalten. Nicht ausgeklammert werden dabei Fragen der Schuldigkeit in diesem Konflikt und so wird die Vaterfigur des Erzählers zu einem weiteren Protagonisten des Buches – eine Art Konterpart zur motivierenden Großmutter.

Hinzu kommt die Stadt Belgrad selbst, die in regelmäßigen Abständen Schübe der Erneuerung und Veränderung erlebt. Nach seiner Ankunft in der zehn Jahre zuvor verlassenen Heimatstadt findet unser Erzähler Bekanntes und Neues nebeneinander und trotzdem scheint die Stadt ihren widersprüchlichen Charakter konserviert zu haben.

Marko Dinić führt in „Die guten Tage“ eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit vor, welche nicht widerstandslos an der Erzählerfigur vorbeigeht. Diese dreht sich immer schneller zwischen Gegenwart und Bildern aus der Vergangenheit um sich in einem furiosen Finale doch nicht ganz lossagen zu können.

In der aktuellen Ausgabe Ihres Literaturpodcasts „Blaubart&Ginster“ unterhalten sich die Moderatoren Mario Osterland und Ralf Schönfelder mit Marko Dinić über seinen Roman, die immer noch aktuelle Handkedebatte und Arno Schmidt.

In guter Nachbarschaft - Die unabhängige Lesereihe in Thüringen

Marko Dinić, der Gast unsere letzten Nachbarschaft in Jena, hat sich auch bei unseren Freunden von Blaubart & Ginster im Studio blicken lassen. In ihrer aktuellen Sendung sprechen die Moderatoren Ralf Schönfelder und Mario Osterland mit dem Wiener Autor unter anderem über sein aktuelles Buch Die guten Tage, über Arno Schmidt und den Literaturnobelpreis für Peter Handke.

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Durchgelesen: Matthias Brandt – »Raumpatrouille«

Ein Schauspieler schreibt ein Buch. Mit Matthias Brandt (*1961) schreibt ein renommierter Schauspieler ein Buch und benennt es mit „Raumpatrouille“ nach einer deutschen Kultserie aus den 60ern. Und genau hier spielen auch die Geschichten des Bandes. Aus der Sicht eines Kindes erleben wir ein Stück bundesdeutscher Alltagsgeschichte, die durch den Erzählgegenstand – eine besondere Familie – immer auch politische Zeitgeschichte ist. Schon vorneweg lässt sich sagen, dass der Band keine literarische Sensation ist – aber, und das ist er mit jeder Seite, eine sehr unterhaltsame Lektüre mit einem sehr liebenswürdigen Protagonisten. Und so ist es dieser phantasievolle Junge, der uns mit den Eigenheiten des Aufwachsens in einer Kanzlerfamilie bekannt macht.

Die Erzählung wird von einem klaren Stil getragen. Kurze Sätze dominieren. In einem lockeren Plauderton trägt Brandt vor, was viele Andere in Ihrer Kindheit auch erlebt haben: Eine Radtour mit dem Vater, der Besuch bei dem netten älteren Pärchen nebenan oder einfach die Übernachtung bei einem Freund. Was aber wenn die Radtour mit Begleitschutz und Herbert Wehner stattfindet, die älteren Nachbarn der ehemalige Bundespräsident Lübke und seine Frau sind und die Übernachtung beim Freund vor allem ein Ausflug in eine vermeidlich normale Familie mit TV-Abend, Knabbereien und „Jimmi“ ist? Immer wieder bricht dabei die Diskrepanz zwischen „dem Mann im Fernseher“ und dem Vater zuhause in die Erzählungen. Der lange Flur durch den sich der Junge vom Rest der Familie getrennt fühlt ist manchmal Tor zur Freiheit, manchmal Grund für Ängste. In nahezu jeder Episode entwickelt das Kind eine Vision einer großen Zukunft. Mal als Zauberer, mal als Verwaltungsmitarbeiter, mal als Astronaut. Und hier setzen diese liebenswerten Moment wieder an, wenn der Junge seine gesamte Erfindungsgabe in seine Pläne legt, diese aber ständig durchkreuzt werden. Und genau hier darf sich Brandt beglückwünschen, wenn er die Erwartungen und Empfindungen des Kindes so lebendig werden lässt, dass sie der Leser mit durchlebt.

Der Vater übrigens wird nicht nur bei der Radtour sehr lebendig. Kurz vor Ende wird der Junge durch ihn überrascht – aber das solltet ihr selber erlesen.

Matthias Brandt hat mit seinem Debüt ein Stück autobiographisches Schreiben vorgelegt, wie es leichter und aufrichtiger kaum gestaltet werden kann. Dieser Schauspieler darf gerne weiter in die Tasten hauen.

Durchgelesen: Paul Auster – »Timbuktu«

Klar, dass Paul Auster (*1947) einer der großen US-Erzähler seiner Generation ist, lässt sich kaum als Geheimnis bezeichnen. Trotzdem bin ich eher spät auf den Auster-Zug gestiegen und mittlerweile gefällt es mir dort sehr gut. Ich stieg mit „Stadt aus Glas“ ein – dem ersten Teil der New York Trilogie von 1985. Was vordergründig wie ein Kriminalroman anmutet, kippt schnell in einen Versuchsaufbau. Die Handlung dient als Tableau um variantenreich das Themenfeld behauptete und tatsächliche Identität zu umkreisen. Mein nächster Auster wurde „Schlagschatten“ – der zweite Teil der Trilogie – was ich allerdings erst später herausfinden sollte. „Schlagschatten“ zeigt strukturell wie inhaltlich eine enge Verwandschaft zur „Stadt aus Glas“. Wieder dient eine Beschattung als Aufhänger für das Wälzen unterschiedlicher Identitäts- und Benennungsprobleme. Sprache ist bei Auster immer ein explizit hinterfragtes Instrument.

Aha, erwischt! Das ist also sein Ding. Da aber das Bedienen bestimmter Muster nicht unbedingt etwas Negatives sein muss – vielmehr den Wiedererkennungswert des Schreibers steigern kann – und die Lektüre der beiden Romane anregend wie kurzweilig war, sollte nun der Griff zu einem weiteren Buch meinen Verdacht verfestigen und Auster zu meinem Spezialisten für mehr oder weniger raffinierte Denkspiele stempeln.

Tja – das hat dann nicht so geklappt. Schnell wird klar, dass sich „Timbuktu“ von 1999 ganz anders anfühlt. Nach einem noch etwas unentschlossenen Beginn fokussiert sich Auster in diesem Buch auf die Perspektive des Hundes Mr. Bones um uns einen Ausschnitt Amerikas zu zeigen, wie er sich aus einer Position der Schwäche und Hilflosigkeit darstellt. Das Tier, anfänglich mit seinem langjährigen Herrchen Willy unterwegs, muss in schneller Folge eine Reihe von Schicksalsschlägen über sich ergeben lassen.

Ausgangspunkt ist eine Wanderung durch Baltimore, die William Gurevitch alias Willy G. Christmas mit seinem Hund unternimmt, um das neue Zuhause für diesen zu finden. Wobei Wanderung schon zu Viel ist, Gurevitch hat seine letzte Kraft zusammen genommen, denn sein Ende steht kurz bevor. Während Willy sein Leben verpfuschtes Leben als Poet in Flashbacks noch einmal durchlebt, erkennt Mr. Bones, das er von der Welt da draußen vor allem das weiß, was ihm sein Herrchen gelehrt hat. Dazu gehört auch die Vision von einem geweihten Ort Namens Timbuktu, einem Jenseits in dem das Herrchen auf seinen Begleiter warten wird. Auster lässt hier aber nicht nur einen treuen Vierbeiner aufmarschieren. Das Tier schwankt in seiner Wahrnehmung zwischen sympathischer Naivität und Momenten von nahezu erstaunlicher Reflexionstiefe. Dennoch bleibt der Grundkonflikt konstant bestehen: Die Hilflosigkeit des Tieres und seine Abhängigkeit von der Umwelt. Einziger Halt bleibt die Treue zu Willy und das Wissen um das gemeinsame Ziel Timbuktu.

In den Episoden des Wanderlebens unseres vierbeinigen Protagonisten führt Auster den Leser zu verschiedenartigen Abhängigkeiten mit denen der Hund nichts anfangen kann. Sie sind wider seiner Natur – er ist ein Streuner, wie Willy einer war. Am Ende bleibt auch „Timbuktu“ ein Versuch sich der Frage nach Identität und allem was dazu gehört zu nähern.

Durchgelesen: Stefan Petermann – »Der weiße Globus«

Für den Blog der großartigen Lesereihe „In guter Nachbarschaft“ durfte ich den aktuellen Band von Stefan Petermann besprechen. Vergesst nicht bei der Nachbarschaft vorbeizuschauen. Mario Osterland versorgt euch dort mit Literatur aus und in Thüringen.

In guter Nachbarschaft - Die unabhängige Lesereihe in Thüringen

Gar nicht so erwartbar 

Stefan Petermanns Erzählband Der weisse Globus

Da steht dieser ausgewachsene Kerl vor einer Meute Halbwüchsiger und deren Eltern. Er soll verkünden was er vor Ort erlebt hat – in Syrien. Schon der Titel Sag was über Syrien zeigt auf, hier führt eine Erzählung vor, was so oft im Alltag passiert: Es gibt eine Erwartung, die das Individuum unmöglich einhalten kann. Als Restaurator und Kunsthistoriker präsentiert der Mann dann auch nicht unbedingt das Bild, welches man auf einem Kuchenbasar zugunsten syrischer Kinder erwartet hätte.

Da steht dieser ausgewachsene Kerl vor einem verstopfen Abflussrohr und kämpft mit allen Tricks darum es wieder frei zu bekommen. Und als das Wasser wieder fließt hat er eine Story, die ihn über Wochen auf einer Welle der Euphorie trägt – Das Ende der Geschichte wird jedoch ein anderes sein.

Da sitzt dieser ausgewachsene Kerl in der Schweiz vor einem weißen Globus. Alle…

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„Mooooaaah“ – Joachim Meyerhoffs Roman »Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke«, Kurzkritik

Mit 20 ist das Leben noch frisch – eigentlich. Unser Erzähler hat schon einen Bruder verloren und steckt gerade in einer Krise. So richtig weiß er nicht, wo es hingehen soll. Nach seinem Jahr in Amerika (Im ersten Teil des „Alle Toten fliegen hoch“- Erinnerungsprojektes.) ist er zurück in der Norddeutschen Provinz. Zum Glück gibt es da noch die Großeltern in München, mit Ihrer Villa direkt am Nymphenburger Park. Klingt mondän – ist es auch. Die Großmutter ist eine ehemalige Schauspielerin und formvollendete Diva, der Großvater ein emeritierter Philosophie-Professor und respekteinflössend. Und plötzlich wird diese Villa mit ihren Ritualen zu seinem Rückhalt. Der „Lieberling“, wie ihn die Großmutter nennt, landet an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule. Dort stößt er mit seiner Art des „Schauspielerns“ oft an, kann mit seinem „Knautschgesicht“ viele Emotionen nicht nachbilden. Ein Ausgleich ist das Aikido-Training in der Schule, ein anderer sind die Großeltern. Diese Polstern sich Ihren Alltag mit festen Trinkritualen kuschelig weich und auch der Lieberling findet gefallen daran.

Wer die anderen Teile der Reihe bereits kennt, weiß wie eng bei Meyerhoff (*1967) Komik und Rührung aufeinander folgen. Eben noch werden die teils seltsamen, teils wohl nur für Eingeweihte verständlichen Rituale der Schauspielschule exerziert und schon wird das Kammerspiel durch eine Nachricht aus der Heimat zerlegt. Das Meyerhoff die meisten der Situationen so oder so ähnlich erlebt haben muss, zeigt sich immer wieder in den ausgedehnten Anekdoten, wie dem Kampf um einen richtigen Ton im Gesangsunterricht oder dem „Bau einer Körpermaschine“ mit den Kommilitonen. Da krampft und zischt so viel Selbstbeschau, dass es dem Leser mehr als leicht fällt sich daneben stehend zu wähnen und einen Blick auf dieses bemitleidenswerte Geschöpf zu haben. Aber so wie sich der „Lieberling“ durch die Jahre in der Schule kämpft, so löst sich auch immer wieder die Erzählung von einer bloßen Nabelschau und bindet das Umfeld ein. Ja, es sind, ausgenommen die Großeltern, mehrheitlich Statisten, die hier auftreten, aber gerade das zeigt die Meisterschaft des Buches, dass man ihm die teils sehr schablonenartig geratenen Nebenfiguren nicht übel nimmt. Stattdessen versteht man sie als die Wahrnehmungen unseres ziemlich auktorialen Erzählers – mehr gerät nicht in das Narrativ, als das selber erlebte unseres „Lieberlings“. Und selbst wo ein Hauch des Assoziativen auftaucht, bleibt die Rekonstruktion des Erfahrenen im Mittelpunkt.

Stilistisch wird hier nicht ungemein viel gewagt. Dem Buch ist eine gewisse Leichtigkeit eigen, dass immer wieder einmal gebrochen wird von lakonischen Kommentaren des Protagonisten, wenn er sich einmal mehr ausgesperrt fühlt aus der Welt des Theaters. Man darf Meyerhoff konstatieren auch im bereits dritten Band der autobiographischen Reihe sehr gut unterhalten und an einigen Stellen überraschen zu können. Viel darf man kaum erwarten von einem Roman, der die Erzähllust selten verliert, allerdings aufpassen muss, sich nicht selber in eine Musterhaftigkeit zu drängen, die in den ersten beiden Bänden von „Alle Toten fliegen hoch“ noch nicht zu spüren war. Klar ist, die Erwartungen an die Bände sind mittlerweile vorgezeichnet und klar ist auch, die Erwartungen sind gepaart mit Lust auf mehr.

Joachim Meyerhoff: »Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke« (=Alle Toten fliegen hoch, Teil 2), Kiepenheuer & Witsch, 348 Seiten, 10,99 Euro.

Auf nach Kingania! – Terézia Moras Roman „Alle Tage“, Kurzkritik

Nach einigen eher generischen Titeln brauchte meine Lektüre wieder etwas Schwung. Den habe ich bei Terézia Mora (*1971) gefunden. Das Buch „Alle Tage“ (2004 erschienen) lag bei mir einige Zeit auf dem Stapel „zu lesen“. Möglicherweise war ich etwas durch den Kommentar von Elke Heidenreich auf dem Cover (btb-Ausgabe) abgeschreckt: »Es ist eine Kostbarkeit dieses Buch, es ist ganz etwas Besonderes!«. Gut, Frau Heidenreich hatte schon irgendwie recht. Die Protagonisten des Romans sind durch die Bank weg schräge Figuren mit einem gewissen Hang zum Anarchismus.

Worum geht es eigentlich? Abel Nema, in einer ungenannten Stadt gestrandet, beherrscht zehn Sprachen und verdient sich damit seinen Lebensunterhalt eher schlecht als Recht. Doch unser Sprachengenie hat ein Problem ausgerechnet mit der Sprache. Zwar kann er reden und tut es auch, wenn es die Situation erfordert, aber die meiste Zeit schweigt er. Mal als Beobachter in seinem „Stammlokal“, der »Klapsmühle« – über die noch zu reden sein wird; mal als Ehegatte einer Frau mit einem Faible für besondere Männerfiguren. Nur mit seinem Stiefsohn Omar kann Abel ungehemmt Gespräche führen. So schleppt unser Protagonist immer eine Aura des Unberührbaren mit sich herum. Trotz einer Ehe und ein paar Kontakten bleibt er immer fremd in der Stadt.

Sein überschaubares soziales Umfeld schwankt zwischen einem akademischen Kreis und eher „abseitigen“ Figuren. Da ist Thanos, der Wirt der Klapsmühle, der für Abel so etwas wie ein Ratgeber und vielleicht auch eine Vaterfigur darstellt. In der Klapsmühle verbringt Abel einen großen Teil seiner Freizeit. Hier schweben halbnackte Engel an der Decke und nicht selten verlassen die Gäste das Lokal erst, wenn am Montag nach dem Wochenende der Kehraus gemacht wird. Da ist auf der anderen Seite Kinga, die Kämpferin. Bei ihr strandet Abel auf der Suche nach einer neuen Bleibe, nachdem er die Universität verlassen hat. Für sie ist er »das Kind«. Er lässt sich treiben als Teil von »Kingania«, einem „Salon“ für Trinker, unterhalten durch die Kämpferin und drei Musiker. Vor allem in Kinga, einer Suchenden, einer Ungezügelten, bringt er Roman so viel Lebenslust und Lebensfrust in einer einzigen Figur zusammen, dass sich dem Leser die Frage aufdrängt, was ein einzelner Mensch ertragen kann.

Bevor Terézia Mora in der (noch unvollständigen) Trilogie um den IT Spezialisten Darius Kopp die Abgründe der Psyche ins Visier nimmt, leuchtet „Alle Tage“ den Bereich der Gesellschaft aus, für den sich die Autorin interessiert. Mit einer Abfolge schneller Schnitte und ständigen Wechseln der Erzählperspektive legt der Roman ein sehr dynamisches Erzähltempo vor. Unterstützt durch einen parataktischen Satzbau und die sehr klare, direkte Sprache findet der Leser einen schnellen Zugang zu den Figuren. Durch die intelligente, wie lebensnahe Dialoggestaltung wird das Umfeld unseres Protagonisten mit seinen Problemen nicht nur nachfühlbar, sondern präsentiert sich darüber hinaus als Panorama der gesellschaftlichen Gegenwart. Der Fremde auf der Suche nach Anschluss wird zum zentralen Thema.

„Alle Tage“ überzeugt durch ein gut gezeichnetes Personal mit Ecken und Kanten und eine überaus dichte Atmosphäre. Der Roman will mehr als nur die Probleme seiner Hauptfigur nacherzählen und schafft das auch indem er Fremdheit zulässt und Abel Nema trotz seiner Besonderheiten nie vorführt, sondern ihm Raum gibt sich in der Gesellschaft zu bewähren oder eben zu scheitern.

dav

Durchgelesen: Christoph Meckel »Russische Zone – Erinnerung an den Nachkrieg«

Wer an einem Brennpunkt der Geschichte lebt, macht Erfahrungen, die für die Nachgeborenen schwer nachfühlbar sind. Der »Nachkrieg«, eine Phase relativer Unsicherheit, ist für einen Jungen in der Arnstädter Straße in Erfurt entbehrungsreich und hinterlässt doch den Eindruck eines Lebensabschnittes, den der Autor keinesfalls missen möchte. Wenn Christoph Meckel (*1935) in »Russische Zone, Erinnerung an den Nachkrieg« über seine Zeit in Erfurt schreibt, sind es die Monate vom Dezember 1944 bis Sommer 1947.

Die Mutter floh mit den Kindern aus dem zerbombten Freiburg nach Thüringen, zu den Großeltern, »zwei schwarz gekleideten Leuten«. Auch hier kam der »große Luftangriff […] in der nächsten Nacht«. Meckel will nicht vom Krieg reden, sondern von Tagen die einander vordergründig »grau in grau« glichen. Für den Jungen brachte das Ende der Kämpfe vorerst keine spürbaren Veränderungen. Zukunft war ein Wort »mager geworden [war] wie die, die es riefen«. Immer kehrt nach lichten Momenten das Schrecken zurück. Das Klagen der Großmutter »verschrumpfte zu einem Klagelaut, der in den Jahren des Nachkriegs derselbe blieb«.

Nach der Episode mit den »Amis«, die als Befreier kamen: »Sie waren willkommen, Militärs mit lässiger Gangart und freundlichen Köpfen«, übernahmen die Russen. Aus »Tanzmusik, Blues und Cowboy-Songs« wurden Razzia und Ausgangssperre. Die »menschenmögliche Zeit« war zu Ende. Der Russe als »Gottes Barbar« wurde als der wilde Gegenentwurf zur Leichtigkeit der Amerikaner empfunden. Für den Jungen war der Russischunterricht ein Erlebnis mit Lehrerinnen in Uniform »mit bekannten Orden auf Brust und Kragen«. Nach erster Abwehr sollte Meckel an der Sprache und vorrangig der Literatur aus dem Osten später noch großen Gefallen finden.

Überleben wurde zur Mutprobe für die Jungen wenn sie in den Wald zum Holzholen gingen oder dem Russen Brot von den Wagen klauten. Der revanchierte sich mit einem Schuss auf die Kinder. Aber Russe war nicht gleich Russe. Meckel blieb ein »Bilderbuch-Soldat« in Erinnerung, der über ein »singendes, weiches Deutsch und die Höflichkeit eines Chevaliers im Märchen« verfügte. Zwar war der ein hoffnungsloser Säufer, aber er war kultiviert und verstand etwas von Frauen. Das Großelternhaus atmete auf wenn der Offizier »mit seiner Königin da war.« Das Bewahren von Traditionen hielt das Leben aufrecht: »Es war die Bridgepartie am Donnerstag, nachmittags pünktlich um 16 Uhr«, die »eisern für immer und ewig galt«. Einen diametralen Gegenpunkt findet der Schrecken der Russenzeit in der ersten Martinsnacht nach dem Krieg: »Etwas unerhörtes stand bevor, denn jeder Mensch war eingeladen – die Erwachsenen und alle Kinder«. Der Junge erfährt in dieser Nacht ungekannte Emotionen: »Ich vergaß nie, dass ich mit Tränen dastand und dass es mir gut ging mit den Tränen.« Für Meckel, der ein »Kriegskind« war, wie er dem Deutschlandfunk 2012 sagte, »sprungbereit, alles notierend, im Gehirn«, begann an diesem Abend eine neue Art der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt: »Sechs Jahre später schrieb ich die ersten Gedichte«.

Mit der Arbeit an »Russische Zone« konnte Meckel, der die Beschäftigung mit Nationalsozialismus und Nachkrieg schon 1980 in »Suchbild. Über meinen Vater« begann, ein wichtiges Kapitel der Vergangenheitsbewältigung vorantreiben: »Im Lauf der Gestaltung wird das Erinnerte immer deutlicher, immer deutlicher, bis es eine Deutlichkeit hat, die fast nicht mehr zu ertragen ist.«. Aus der klaren Sprache drängen die Bilder ungefiltert. Hier wird nicht beschönigt, hier wird nicht dramatisiert. Vor dem Schleier einer »grauen« Zeit findet Meckel Ausdruckspotentiale für alle Stimmungslagen. 1947 wird der Vater aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Meckel und seine Mutter fliehen erneut. Sie kehren zurück nach Freiburg aus einem Osten, der noch immer »fremd, dunkel, erschreckend und feindlich« wirkte. In Freiburg war der Weg durch Schulpflicht und Familie bis 1953 vorgezeichnet. Auch dieser Abschnitt brachte Schwierigkeiten mit sich. Die beiden »Suchbilder« genannten Bände zu Vater (1980) und Mutter (2002) weisen über die kurze Erfurter Episode hinaus, zeigen an der Charakterisierung der Eltern als distanziert und verkopft auf warum alle »Ausbrüche zurückführen mussten« in das Elternhaus. Es blieb nur der Ausweg in die »Windrose« der Lektüre.

Die Erfurter Zeit nahm im Leben Christoph Meckels 2,5 Jahre (hier 10-12 Jahre alt) mit Erlebnissen ein, die im Zwiespalt aus russischer Obstruktionspolitik und dem freieren Dasein nach dem Kriegsende stehen. Dem Mangel stellte sich Kreativität, dem Schreckbild des Russen kindlicher Mut entgegen. »Russische Zone. Erinnerung an den Nachkrieg.« ist ein Zeitdokument und greift über eine subjektive Erinnerungsverarbeitung hinaus. Die seltsam ungelenkt anmutende Phase der Nachkrieges erhält ein Gesicht, das vielgestaltiger daherkommt, als man es erwarten würde. Allein dafür lohnt es sich diesen Meckel wieder zu lesen.


Christoph Meckel »Russische Zone – Erinnerung an den Nachkrieg«, Libelle Verlag 2011, 106 Seiten, 16,90 Euro.

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Nach längerer Zeit wagte ich mal wieder einen Ausflug in den Bereich der Rezensionen. Diesen Text schrieb ich für die Sparte „Wiedergelesen“ der Seite „Literaturland-Thüringen“. In den kommenden Tagen werde ich die Seite ein wenig genauer vorstellen. Hier könnt ihr schon einmal reinschauen:

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