Der Schnee im Hinterhof

Da liegt er flächendeckend
in die Dämmerung gegeben
der Kopf vermischt die Farben
Grau und Weiß und Backstein

Und man könnte denken
Was soll jetzt noch passieren
wenn schon der Schnee zurück ist

Aber auch damit ist es nicht weit her
von Worten und Zahlen verdeckt
ist da Nichts um das Gesicht zu schützen

Es bleiben dir die einzelnen Tauben,
der Kaffeeduft und ein Husten.

Abgeschaut – Heinrich Heine- „Wenn ich, beseligt von schönen Küssen“

Wenn ich, beseligt von schönen Küssen,
In deinen Armen mich wohl befinde,
Dann mußt du mir nie von Deutschland reden; –
Ich kann’s nicht vertragen – es hat seine Gründe.

Ich bitte dich, laß mich mit Deutschland in Frieden!
Du mußt mich nicht plagen mit ewigen Fragen
Nach Heimath, Sippschaft und Lebensverhältniß; –
Es hat seine Gründe – ich kanns nicht vertragen.

Die Eichen sind grün, und blau sind die Augen
Der deutschen Frauen; sie schmachten gelinde
Und seufzen von Liebe, Hoffnung und Glauben; –
Ich kann’s nicht vertragen – es hat seine Gründe.

| Aus: Heine, Heinrich: Neue Gedichte. Hoffmann und Campe, 1844. Seite 81.

| Digitalisat unter: https://de.wikisource.org/wiki/Wenn_ich,_beseligt_von_sch%C3%B6nen_K%C3%BCssen

Im November

Verstecke ich meine imaginären Freunde

Einer in den Kleiderschrank, einer in die Dusche und einer will sicher sein. Er sitzt in der Wäschetrommel.

Bang schauen wir zu Tür und singen leise: Der Lauterbach kommt, der Lauterbach kommt.

Es ist unser liebster Nachtmahr.

Kurze Freude

Wie sich die Haifischhaut zusammen zieht

Wenn ein anderer Mann in deiner Kehle vergeht

Und er nach kurzem Erschauern fahl wird, sich deinen Schatten zu nutze macht in dem er sich versteckt

Denn er bekam was er wollte und du bekamst was er wollte.

Jetzt in dem Kissen 80×80 als Füllung Daunen und getrocknetes Leben von den Lippen getropft bevor es begann.

Die Stille am Gleis 2 in Bitterfeld an einem mäßig warmen Sonntagmittag im Herbst

Der unplanmäßige Halt deines Zuges

verwährt dir den Umstieg

und so stehst du unter blauem Himmel

umgeben von einer Hundertschaft Güterwaggons

zu wenig Zeit für einen Gang in die Stadt

kaufst du dir ein Büchlein über Ikigai

liest von einem hundertjährigen Sushimacher

der auf Okinawa sein Geschäft aufbaute

mit neuen Ideen jeden Tag den Vögeln abgelauscht

und du spürst die Wärme der Sonne

und das gleichbleibende Surren der elektrischen Spannung

so wie der alte Japaner auf seinem Weg durch Naha

unter dem Rauschen der Bäume

findest du ein Ikigai:

Die Stille am Gleis 2 in Bitterfeld

an einem mäßig warmen Sonntagmittag im Herbst

Alte Liebe

An die Theke gelehnt, mit großen Gesten
erklärt er die Welt aus Schaum und Wellen
des Biers und Bewegungen im Kehlkopf

es ist wie beim Dart sagt er,
wer immer die Mitte trifft kommt voran
schafft es aber nie ans Ende
da bleibt dann das Quäntchen, die letzte Eins

dann prostet er der Luft zu, dem Automaten
aber den hat er sich abgewöhnt sagt er,
das ist dann so eine Sache von Glück und Statistik
und von Glück verstehe er was

er finde das ist wie bei Daumen erzählt er dem neuen Glas
wenn man die so anguckt, sind die doch auch nicht besonders
wer sagt schon „Du schlimmer Daumen!“ und wo zwei sind
da ist eh einer zu viel hat er von seiner Frau gelernt

er verneigt sich und geht
das Publikum ist ausgetrunken
morgen kommt er wieder
und er weiß schon wen er trifft

Bei Moderwitz

Das Schild zu den Mittelalterlichen Fleischbänken

und schon bist du verführt an die Pest zu denken

die von hier – Stadtroda – Pößneck – Ilmenau ihren Weg nahm

und Moderwitz in Quarantäne

mit den Schnabelmaskierten auf Wache

und den schwarzen Fahnen der Warnung

gehen die Schlagbäume nach unten, bleiben zu

weil du denkst, dass es war wie es ist

natürlich wurden die Sauen zerlegt hier

in engster Reihung und die Ringelschwänze liefen fort

gingen in die Häuser, brachten Beulen und Bahren

und Moderwitz versank

wie dein Kopf im Chaos

ihr aber fahrt in die andere Richtung

Atlantikwall bei Sturm


In Belgien, Mellipark,

sahen wir Madonnas Frozen

einen Frikandelrest zwischen den Zähnen

fuhren wir zu Kanonen und Beton

am Atlantikwall war nicht viel los

nur ein Krater wo jetzt der Imbiss steht

in dem das Frittenfett Wellen schlägt

wie andernorts die See

als man hier vergeblich wachte

Madonna singt weiter gegen Raben an

Doch auch Luft ist unersättlich – Südamerikanische Lyrik

Bandeira, Manuel (1886-1968) – Selbstbildnis

(Curt Meyer-Clason)

Provinzler der nie verstand
Eine Krawatte auszuwählen;
Pernambukaner den das Messer
Des Pernambukaners abstößt;
Schlechter Poet der in der Kunst der Poesie
In der Kindheit der Kunst alterte;
Und sogar Chroniken schreibend
Provinzchronist wurde;
Gescheiterter Architekt, gescheiterter
Musiker (eines Tages verschluckte er
Ein Klavier, nur die Tastatur
Blieb außen); ohne Familie,
Religion oder Philosophie;
Kaum im Besitz der Unruhe des Geistes
Die vom Übernatürlichen kommt,
Und in Sachen des Berufs
Ein professioneller Schwindsüchtiger.

 

Vallejo, César (1892-1938) – Himmel und Staub

(Hans Magnus Enzensberger)

Wer hat keinen blauen Anzug im Schrank?
Wer nimmt kein Frühstück und keine Trambahn,
die ewige Zigarette im Mund, in der Brieftasche seinen Gram?
Ich, der geboren ist und sonst nichts!
Ich, der geboren ist und sonst nichts!

Wer schreibt nicht dann und wann einen Brief?
Wer hat keine dringende Sache im Kopf
Und stirbt nicht aus Gewohnheit, weinen nach dem Gehör?
Ich, der einzig und allein geboren ist!
Ich, der einzig und allein geboren ist!

Wer heißt nicht Carlos oder sonstwie Sonstwie?
Wer nennt die Katze anders als Katze Katze?
Ach, ich! der geboren ist einzig und allein und sonst nichts!
Ach, ich! der geboren ist einzig und allein und sonst nichts!

 

Lima, Jorge de (1895-1953) – Alte schwarze Dienerin

(Curt Meyer-Clason)

Es gibt noch vieles zu verdrängen,
Celidônia, schönes Ioruba-Mädchen,
das meine Hängematte wiegte,
das mich in die Schule begleitete,
das mir Tiergeschichten erzählte,
als ich klein war,
noch sehr klein.

Vieles gibt es noch zu verdrängen:
Deine schwarzen Hände, die über mich dahinstreichen,
deine violetten Lippen, die über mich dahinwellten,
als ich klein war,
noch sehr klein.

Vieles gibt es noch zu verdrängen,
schönes schwarzes Dienstmädchen,
verirrtes Fleisch,
erschöpfte Nacht,
dunkelbraune Rose,
erste Zauberin.

 

Rojas, Gonzalo (1916-2011) – Von unten

(Anna Jonas)

Dann hängten sie uns an den Füßen auf, sogen uns
das Blut durch die Augen,
mit einem Messer
ritzten sie uns in die Schenkel, ich bin Nummer
25.033,
baten uns
sanft,
ganz nah am Ohr,
rufen sollt ihr
es lebe ich weiß nicht wer.
Der Rest
sind diese Seine, die uns zudecken, der Wind.

 

Juarroz, Roberto (1925-1995) – Kommt ein Tag

(Anna Jonas)

Kommt ein Tag,
an dem die Hand die Grenzen einer Seite erspürt
und fühlt, daß die Schatten der Buchstaben, die sie schreibt,
vom Papier hüpfen.

Hinter die Schatten,
geht sie daraufhin, schreibt auf die dieser Welt zugeteilten Körper,
auf ausgestreckte Arme,
auf leere Gläser
auf die Reste von irgendwas.

Doch dann kommt ein anderer Tag,
an dem die Hand fühlt, daß jeder Körper
insgeheim, viel zu früh
die dunkle Nahrung der Zeichen verschlingt.
Für sie ist der Zeitpunkt gekommen,
auf Luft zu schreiben,
sich in diese Geste beinahe zu fügen.
Doch auch Luft ist unersättlich,
und ihre Grenzen sind abschüssig und eng.

Dann vollzieht die Hand ihre letzte Wandung:
ganz bescheiden beginnt sie
über sich selbst zu schreiben.

 


Alle Texte aus:

| Oviedo, José Miguel (Hg.): Lateinamerika, Gedichte und Erzählungen 1930-1980. Suhrkamp 1982².

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