SHORT II – Dienstbar

Du sitzt und beobachtet das Ausschwärmen

Der Postfahrzeuge aus ihrem Hive

Von der Königin entsendet

Tragen sie gelb gefärbt ihre frohe Boschaft zu dir

Bestäuben dein Postfach mit Rechnungen

Das sind die Stiche die tiefer gehen

Und alles Fuchteln mit den Armen bleibt sinnlos

Jenseits des Standstreifens

ich kehre die Autobahn
Feudeln gegen Feinstaub
Du sagst
Ich solle Wolken züchten
Wolken auf die Leitplanken wickeln
mit ihren Tropfen die Fahrbahn säubern

wir legen uns auf den Mittelstreifen
sammeln die Sonne ein
zählen Marienkäferbeine auf dem Asphalt
Du sagst
Drei Kirschkerne in einem Schatten
geben noch keinen Arcimboldo

ziehen die Fahrbahnen auseinander
verbinden damit unsere Augen
heben die Arme
Du sagst
jetzt können wir Träumen
jetzt können wir Fliegen

wir fließen dahin
wir reißen die Brücken ein
die Augenbinden zerfleddern
das Licht kehrt wieder
wir sind grenzenlos wie keiner

Tamara Danz Straße

die beiden Bs ihres Lebens
Breitungen und Berlin
hier Kindheit, dort Kunst
heute verbauen sie hier die Seele
die neue Mall, die neuen Häuser
und alles trägt ihren Namen
als Farbfleck auf dem Waschbeton
und unter dem Asphalt liegen die Toten
und Sand ins Auge wehts
von der Werra von der Spree
vom Schloss her, von der Mauer
und vielleicht an roter Ampel
summt ein Bauender »Schlohweißer Tag«

| Der Text wurde zuerst auf der Seite Literaturland Thüringen veröffentlicht.

Ostersonntag

lass uns doch spazieren gehen

vorüber an den Parkflächen

entlang an den Krankenkassen

Büroparks, Spätis, Thai-Masseuren

immer voran zur alten Mälzerei

über den Feldweg von damals

erinnerst du dich

zum Güterbahnhof geht er heute

da raus, wo keiner hin will

lass uns doch ziehen

zur Badausstellung mit den staubigen Fließen

da gibt es auch heute noch Tiere

da gehen wir hin

vielleicht finden wir den einen Waschbären am Bach

der kann uns mit der Flasche winken

die da einer hinterließ zum Gruße

lass uns doch stromern gehn

zu den bunten Tüten wehend im Wind

Abgeschaut: Rainer Maria Rilke (1875-1926) – »Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort«

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus.
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist der Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um

„wieder mehr Mensch sein“ Patrick Volkmar Siebert, Lyriker _ Erfurt 19.3.2022

Vielen Dank an Walter Pobaschnig für die Einladung. Ich durfte ein paar Worte zur aktuellen Situation, Diskurs und Literatur schreiben.

Schaut auf jeden Fall auf seinem Blog vorbei.

Einen besonderen Blick ist die Reihe „Give Peace a Chance“ wert. In Form eines Akrostichons äußern Künstler*innen und Autor*innen Ihre Gedanken zum Krieg in der Ukraine.

Literatur outdoors - Worte sind Wege

Lieber Patrick, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Hallo Walter. Danke für die Gelegenheit hier ein paar Worte zu schreiben. Mein Tagesablauf ist nach einer langen Phase der Kurzarbeit wieder maßgeblich von meinem Broterwerb dominiert. Ich arbeite 9to5 im Tourismussektor. Die Zeit vor und nach der Arbeit gehören der Lektüre und dem Austausch. Es wird immer wichtiger sich über unterschiedliche Medien zu informieren. Dazwischen ist der Arbeitsweg eine gute Gelegenheit sich an der Luft zu bewegen. Auch das wird immer wichtiger, um den Kopf für Kunst und Literatur freizumachen.

Patrick Volkmar Siebert, Lyriker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich möchte nicht für alle sprechen. Das nehme ich nicht für mich in Anspruch.Was ich aber erhoffe, ist wieder mehr Gelassenheit im Diskurs, mehr Ausgewogenheit und vor allem auch, dass nicht mehr Emotionen und die Moralkeule jede einzelne Diskussion überdecken. Das am lautesten vorgetragene Argument gewinnt und durchdachte…

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Abgeschaut – Georg Trakl: »Grodek«

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder

Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen

Und blauen Seen, darüber die Sonne

Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht

Sterbende Krieger, die wilde Klage

Ihrer zerbrochenen Münder.

Doch stille sammelt im Weidengrund

Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt

Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;

Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.

Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen

Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,

Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;

Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.

O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre

Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,

Die ungebornen Enkel.

| Zitiert nach: Trakl, Georg: Das dichterische Werk. München 1972. S. 94-95.

| Digitalisat auf Zeno.org

Altbau

da stand wieder deine Meinung
als Barrikade aus Zündhölzern
mir in den Weg gestellt

und jedes Wort Kartoffelstampf
mit gebreiteten Armen abgehoben
getragen von der rhetorischen Welle
und verbrennend Moralin
landest du auf den Füßen – wo sonst

beziehst deinen Altbau
mit deiner gewohnten Position
machst du ihn schick
Gardinen bewahren die Haltung
nur bisweilen hebt sie die Luft
dahinter knöchernd und spillerig du

Short – Februar 1

Pünktlich abgegeben meine Regenerklärung

Die Elster trug schwer dran

So viel Tau war dabei

Und die Wasserperlen am Fenster

Ziehen ihre Bahnen

Versuchen sich als neue Aussicht

Jetzt geht alles über in Eines

Und Regenfäden binden Asphalt an Bäume

Antwort

I

dein Satz gesprochen schlägt die Stille

zwischen Netlix und Dazn

füllte meine Augen

entleerte den Kopf

verkrampfte die Finger

II

giftig atme ich aus

Worte aus Teer im Hals

treten hervor, treten entgegen

hauen, hacken, stechen

machen Rauch aus dir

machen Asche in die ich mich lege

machen noch einmal Wärme