Ein Flow

Blick in den Hinterhof

Ein leiernder Beat

Im Kopf den Mond

Der soll in den Text

Kommt nicht raus

Suchst nach Dopamin

Das macht sich rar

Die wenigen beleuchteten Fenster

Dahinter beheizte Räume

Boom Bap

lass es laufen

Bleibst beim Beat

Der leiert den Stift über Papier

Braucht kein Dopamin

Bleibt am Schreiben

Ohne die Fenster

Fließt der Stift

Und du hältst ihn einfach

Flow aus Beat leiert

Boom ein Satz

Bap ein Text

Lass den Mond aus

Den braucht es nicht

Das Bild eh von gestern

Hinterhof sagt

Boom

Welchen Flow es braucht

Um Bap den Text

aus den Stift auf Papier

auf den Beat zu leiern

Pix – Streetart in Erfurt – Die Halle

Schon seit Beginn der Coronapandemie führte mich mein Weg durch die Stadt regelmäßig an der Sporthalle in der Halleschen Straße vorbei und ständig hat die Halle ein neues Aussehen. Immer wieder verewigen Graffitiartists sich hier an den Wänden. Ein paar der neuesten Pieces habe ich mal aufgenommen. Klickt euch einfach durch.

Aber es gibt noch viel mehr Tags und Streetart in der Stadt. In unregelmäßigen Abständen möchte ich neue Tags und Pieces presenten.

Mir lieb nicht, Richtplatz

I

Am Hanseplatz stehst du

machst dir Tradition

das Steinkreuz Erinnerung an Großes

hier war ein Richtplatz, fragst mich

ob ich „Der Richtplatz“ von Aitmatow gelesen

du bist, sagst du, einer der Wölfe

machst Jagd, Nase im Wind

erinnerst die Menschen, Tradition

kein Pelz für Schafe

du Wolf machst Richtplatz

gegen mich und Vieles

gegen mich und Viele

II

mir wird kalt

ohne den Pelz

und will kaufen

bin eben Schaf

da trottest an meine Seite

Pause am Richtplatz

das sollen jetzt auch Andere

ein Wolf ist nie allein

und wenn der Alpha geht

kommt ein Neuer

so ist es Tradition

Durchgelesen: Frederic Schulz – »Eugen«

Was? Sie kennen Eugen nicht? Zugegeben – bis vor Kurzem ging es mir noch genauso. Aber so ist es eben – er war ein Weltstar, der keiner wurde.

Eugen Schnepple, der Früh-Unvollendete, hat in Heilbronn das Licht der Welt erblickt und wurde dabei zu lange kopfüber gehalten. Die Nachbarn wussten da konnte nichts Gutes bei rauskommen. Aber nur wenn man die Wette ohne Eugen macht.

Schon in jungen Jahren war klar, hier wächst ein besonderer Junge heran. Es zieht ihn auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Das Theater hat es ihm angetan. Da kann es kaum verwundern, dass er schon mit 10 die ersten gefeierten Vorstellungen auf dem Pausenhof gibt und kurze Zeit später zum Inventar des Theaters Heilbronn gehört. Mit Federboa und Knautschzylinder geschmückt tritt er den Lausejungen der Bleichstraße entgegen. Ein Eugen Schnepple weiß, wie man mit Feinden umzugehen hat!

Dann ist der große Tag da. Unser Eugen bekommt ein Rollenangebot und wieder ist ein Feind im Weg. Erst kümmert sich Eugen darum und dann geht es ab ins Berlin der Roaring Twenties. Mit Federboa und Knautschzylinder als Verrückter unter noch Verrückteren. Jetzt geht es erst richtig los. Schon im Zug macht er große Pläne mit einem Theaterschreiberling aus Augsburg. Kaum angekommen landet er in den Wirrungen von Politik und merkwürdigen Geheimgesellschaften. Aber auch am Theater und dieses Mal als richtig große Nummer.

Ach man muss ihn einfach lieben. Wenn uns Frederic Schulz hier einen Sonderling (Legenden besagen es könnte sich um seinen eigenen Urgroßonkel handeln.) präsentiert, dann einen besonders liebenswürdigen. »Eugen« ist die Autobiographie eines Früh-Unvollendeten in 13 Akten (Sic!). Mit viel Humor lässt er Eugen durch den Sündenpfuhl seiner Zeit treiben. In den besten Momenten funktioniert das in einer wunderbaren Situationskomik, in den Schwächeren kann es auch mal ein recht offensichtlicher Wortwitz sein.

Frederic Schulz, Mitglied der Erfurter „Aktionsgruppe Eskapismus“, stellt er uns mit »Eugen« eine Groteske über einen so naiven, wie zupackenden jungen Mann vor, der in seinem kurzen, intensiven Leben alles mitgenommen hat, was ihm seine Zeit bot. Selber Historiker, ließ es sich Schulz nicht nehmen die Großstadt der goldenen Zwanziger hier mit allen ihren Abgründen auf einen Charakter treffen zu lassen, der genauso fiebernd agiert.

Und so ist »Eugen« eine rauschhafte, lebensbejahende, aber auch tragische Debuterzählung, die Lust darauf macht, doch noch etwas mehr aus dieser Zeit zu lesen, die uns in der jetzigen Situation so komplett abhanden gekommen zu sein scheint. Perfekt funktionierender Eskapismus also.

| Frederic Schulz: Eugen. Proof Verlag, 2020. 158 Seiten.

Der Schnee im Hinterhof

Da liegt er flächendeckend
in die Dämmerung gegeben
der Kopf vermischt die Farben
Grau und Weiß und Backstein

Und man könnte denken
Was soll jetzt noch passieren
wenn schon der Schnee zurück ist

Aber auch damit ist es nicht weit her
von Worten und Zahlen verdeckt
ist da Nichts um das Gesicht zu schützen

Es bleiben dir die einzelnen Tauben,
der Kaffeeduft und ein Husten.

Abgeschaut – Johann Wolfgang von Goethe „Die Frösche“*

Sehr viel passender kann man die „Magie“ der Vorsätze für das neue Jahr kaum zusammenfassen.

Ein großer Teich war zugefroren;
Die Fröschlein, in der Tiefe verloren,
Durften nicht ferner quaken noch springen,
Versprachen sich aber, im halben Traum,
Fänden sie nur da oben Raum,
Wie Nachtigallen wollten sie singen.
Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,
Nun ruderten sie und landeten stolz
Und saßen am Ufer weit und breit
Und quakten wie vor alter Zeit.

*Der Titel „Die Frösche“ ist eine spätere Zuschreibung. In der Werkausgabe letzter Hand von 1827 ist das Gedicht Abschnitt 10 unter den „Parabolischen Gedichten“.

|Zitiert nach: Goethe, Johann Wolfgang von: Werke 1, Gedichte, West-östlicher Divan. Insel Verlag 2007, S. 244.

Im November

Verstecke ich meine imaginären Freunde

Einer in den Kleiderschrank, einer in die Dusche und einer will sicher sein. Er sitzt in der Wäschetrommel.

Bang schauen wir zu Tür und singen leise: Der Lauterbach kommt, der Lauterbach kommt.

Es ist unser liebster Nachtmahr.

Kurze Freude

Wie sich die Haifischhaut zusammen zieht

Wenn ein anderer Mann in deiner Kehle vergeht

Und er nach kurzem Erschauern fahl wird, sich deinen Schatten zu nutze macht in dem er sich versteckt

Denn er bekam was er wollte und du bekamst was er wollte.

Jetzt in dem Kissen 80×80 als Füllung Daunen und getrocknetes Leben von den Lippen getropft bevor es begann.

Die Stille am Gleis 2 in Bitterfeld an einem mäßig warmen Sonntagmittag im Herbst

Der unplanmäßige Halt deines Zuges

verwährt dir den Umstieg

und so stehst du unter blauem Himmel

umgeben von einer Hundertschaft Güterwaggons

zu wenig Zeit für einen Gang in die Stadt

kaufst du dir ein Büchlein über Ikigai

liest von einem hundertjährigen Sushimacher

der auf Okinawa sein Geschäft aufbaute

mit neuen Ideen jeden Tag den Vögeln abgelauscht

und du spürst die Wärme der Sonne

und das gleichbleibende Surren der elektrischen Spannung

so wie der alte Japaner auf seinem Weg durch Naha

unter dem Rauschen der Bäume

findest du ein Ikigai:

Die Stille am Gleis 2 in Bitterfeld

an einem mäßig warmen Sonntagmittag im Herbst