An der Regengrenze

Weißt du noch, du saßt am Fenster
Den Vorhang nur für das Licht geöffnet
Wenn es donnerte wie Bergriesen
Und der Sturm das Haus fortriss
Bis ans Ende der Welt
Und wie du gerechnet hast
wie lang es dauert heimzulaufen von dort

Und sie saß immer da
Hart an der Regengrenze
Das Spinnrad fest im Griff
Wie es sich drehte im Akkord
Sie saß da und atmete tief

Wie sie dir winkte zu kommen
Nur einen Moment oder zwei
Und wie sie es wieder schaffte
Unentwegt spinnend
Deinen Blick zu bannen auf den Faden
wie sich das Rauschen aus den Ohren zurückzog
Wie sie es wieder schaffte
Das Gewitter zu packen auf die Spule
Als Kratzen der Wolle auf Haut

PIX – Dubrovnik/Kroatien

Hach Dubrovnik. Wahrscheinlich muss ich hier nicht viele Worte verlieren. Fast jeder kennt die Stadt an der Adriatischen Küste. Eine kompakte Altstadt, komplett umgeben von der völlig intakten Stadtmauer aus der Zeit als hier mit der Republik Ragusa (Blütezeit 14.16. Jahrhundert) eine unabhängige Stadtrepublik eine geschickte Bündnispolitik betrieb um sich gegen die Einnahme durch die Habsburger auf der einen Seite und den Osmanen auf der anderen Seite abzusichern. Zwar bewegte man sich immer als indirekter Vasall, konnte somit aber die Bedeutung als wichtiger Handelshafen im Mittelmeer verteidigen. Diese Phase der Stadtgeschichte hinterlässt uns ein prächtiges Altstadtensemble nahezu ohne neuzeitliche Bausünden. Allerdings sorgt dies auch dafür, dass dieser Teil Dubrovniks nur noch sehr spärlich bewohnt ist. Der Alltag zwischen an den steilen schmalen Gassen und Touristentrauben ist einfach zu beschwerlich. Wir haben die Stadt im Dezember besucht. Doch selbst in dieser absoluten Nebensaison standen wir mit unserer Gruppe häufiger unüberwindbar wie die Stadtmauer im Weg. Die einzigen Bewohner der Stadt, die ungestört ihrer Wege gingen waren die Katzen. Zwar wimmelt es hier nicht so von den Vierbeinern wie in Kotor oder Split, aber es fällt auf, dass sie hier stolz zwischen den Palästen und Kirchen herumstreifen um dem Touristen zu sagen: „Ja schau dich um. Aber hier ist unser Revier.“

Die haben die Burg verkauft – Dialognotat

Das ältere Paar in der Regionalbahn Richtung Eisleben. Beide haben auf je einer Vierergarnitur Platz gefunden. Beide haben ihren Rollator so geklappt und vor sich geparkt, dass für einen weiteren Reisenden kein Platz wäre. Er, Typ genervter Patrick Stewart. Sie ist eher unscheinbar, faltet dafür mit viel Energie Kaubonbonpapiere zu moderner Kunst.

ER: Pass auf, die Tür bleibt wieder offen!
SIE: Ja, das werden die nie verstehen.
ER: (Laut zum nächsten Eintretenden) Drücken Sie mal die grüne Taste neben der Tür.
SIE: Da, an der Tür.
ER: Neben der Tür.
SIE: An der Tür. Es wird kalt.
ER: Neben der Tür da, das leuchtet doch.

Die Tür schließt sich.

ER: Pass auf, da kommt wieder einer.
SIE: (Zieht die Jacke enger um sich.) Dabei wurde es gerade warm.
ER: Pass auf, die Tür bleibt wieder offen!
SIE: Es wird kalt.

Die Tür öffnet sich und wird umgehend wieder geschlossen.

SIE: Ich habe Hunger.
ER: Ich nicht.
SIE: Die Stadt hat kein Geld mehr. Die haben die Wartburg verkauft.

Sie sucht am Fenster nach den Umrissen der Burg. Der Nebel verhindert die Sichtung.

ER: Da kommt wieder einer.
SIE: Kalt ist es.
ER: Heute Morgen war wieder kein Honig da.
SIE: Aber die Marmelade. Wie heißt die, die Echte?
ER: Konfitüre.
SIE: Ne, das meine ich nicht.
ER: Was sprichst du?
SIE: Ich spreche vom Essen.
ER: Ich spreche vom Frühstück.
SIE: Ich spreche vom Essen.
ER: Wie die Tomaten, die es noch so zu kaufen gibt.
SIE: So knochenhart.
ER: Die Schmecken nach nichts mehr.
SIE: Ne.
ER: Ich weiß nicht mehr, wie heißen die Tiere?

Sie macht eine beschreibende Handbewegung.

SIE: Tomaten.
ER: Ne, die bei Marksuhl da.
SIE: Ach Tiere. Ja. Lamas. Das sind Lamas.
ER: Alpakas.
SIE: Die machen doch immer so mit den Kindern rum. Im Kreis.
ER: Das sind doch nur zwei.
SIE: Da kann man auch im Kreis laufen.

Sie legt ein Kaupapierbonbonalpaka vor sich.

SIE: Da ist die Burg wieder. Wie immer wenn wir hier lang fahren.
ER: So was Dummes.
SIE: Jetzt kommt die Sonne raus.
ER: Ja, die blendet mich. Ich hab Hunger.
SIE: Ich nicht. Was ist das?
ER: Immelborn.
SIE: Immelborn. Guck dir mal die Wahnsinnsautos an.
ER: So viele braucht man nicht in Immelborn.
SIE: Ja.
ER: Das Grün überall und sie Sonne, die blendet so.

Der Zwischenstopp ist etwas länger. Eine Mutter mit ihren drei Kindern kommt durch die Tür.

SIE: Drücken sie mal auf die Taste neben der Tür.
ER: Neben der Tür da.

Die Tür schließt sich.

ER: Es blendet so.
SIE: Es ist kalt.
ER: Ja, ja waren die Lamas da?
SIE: Alpakas.
ER: Papperlapapp. Es hat geblendet.
SIE: Die Burg war wieder da.
E: So was Dummes.

PIX – Sandcity, Lagoa/Portugal

Ich habe euch ein paar Schnappschüsse aus der Sandcity an der Algarve/Portugal mitgebracht. Sandcity ist ein Sandskulpturenpark, der jedes Jahr unter einem anderen Thema aufgebaut wird. Thema 2019 ist „Around the World in Sand“. Noch bis Ende November könnt ihr dort sehen, was ein internationales Team an Sandkünstlern mit dem einfachen Material erschaffen kann.

Weitere Infos findet Ihr unter: http://www.sandcity.pt

Der rosa Elefant

der rosa Elefant
vor deiner Tür
klopfte nicht an
stand einfach da
und du mit deinen Freunden
ihr gingt durch ihn hindurch

nur für dich wurde das schwerer
irgendwann musstest du drumherum
und die anderen schauten komisch
irgendwas war anders an dir
und das Tier wuchs
immer weitere Wege für dich
und die anderen warteten nicht mehr
auf dich auf deinen langen Wegen
um einen rosa Elefanten herum
und da sprachst du sie an
und erzähltest es ihnen
und die anderen waren gar nicht mehr da

bis auf einer oder zwei
und die liefen auch so lange Wege
bis ihr aufeinander traft
und auf deine Tür zu gingt
einfach so

Abgeschaut – O Wind, der um den Fuji weht – Japanische Lyrik

Heute möchte ich eine kleine Auswahl japanischer Lyrik präsentieren.

Viele Gedichte klingen wahr.
Aber die tiefste Wahrheit lebt in denen,
die einfach sind wie Kinderworte.

Mutsuhito

O Wind, der um den Fuji weht,
könnt ich doch einen Hauch von dir
in meinem Fächer mit nach Hause nehmen!

Matsuo Basho

Wenn du singen könntest, Schmetterling,
hätten sie dich längst
in einen Käfig getan.

Matsuo Basho

Die Wolken sehen aus wie Wogen
und die Wogen wie Wolken.
Ich muß einen Fischer suchen,
daß er mir sagt,
wo das Meer ist.

Ki No Tsurayuki

Vorgestern wälzte sich der Fluß
noch dröhnend vorüber.
Doch gestern zog er schon gedämpfter dahin.
Und heute ist er fast versiegt.
Wie kurz ist und wie sinnlos doch das Leben!

Unbekannter Dichter

Die Gedanken der Menschen
in meinem Heimatdorf
sind mir nicht mehr vertraut.
Aber die Blumen duften noch wie damals,
als ich ein Kind war.

Ki No Tsurayuki

Wenn man den Dieb, den man zur Nacht
gefangen hat, bei Licht besieht,
dann ist es der eigene Sohn.

Yamasaki Sokan

| Alle Texte sind dem folgenden Band entnommen: Hausmann, Manfred: Liebe, Tod und Vollmondnächte, Japanische Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1951.