Durchgelesen: Paul Auster – »Timbuktu«

Klar, dass Paul Auster (*1947) einer der großen US-Erzähler seiner Generation ist, lässt sich kaum als Geheimnis bezeichnen. Trotzdem bin ich eher spät auf den Auster-Zug gestiegen und mittlerweile gefällt es mir dort sehr gut. Ich stieg mit „Stadt aus Glas“ ein – dem ersten Teil der New York Trilogie von 1985. Was vordergründig wie ein Kriminalroman anmutet, kippt schnell in einen Versuchsaufbau. Die Handlung dient als Tableau um variantenreich das Themenfeld behauptete und tatsächliche Identität zu umkreisen. Mein nächster Auster wurde „Schlagschatten“ – der zweite Teil der Trilogie – was ich allerdings erst später herausfinden sollte. „Schlagschatten“ zeigt strukturell wie inhaltlich eine enge Verwandschaft zur „Stadt aus Glas“. Wieder dient eine Beschattung als Aufhänger für das Wälzen unterschiedlicher Identitäts- und Benennungsprobleme. Sprache ist bei Auster immer ein explizit hinterfragtes Instrument.

Aha, erwischt! Das ist also sein Ding. Da aber das Bedienen bestimmter Muster nicht unbedingt etwas Negatives sein muss – vielmehr den Wiedererkennungswert des Schreibers steigern kann – und die Lektüre der beiden Romane anregend wie kurzweilig war, sollte nun der Griff zu einem weiteren Buch meinen Verdacht verfestigen und Auster zu meinem Spezialisten für mehr oder weniger raffinierte Denkspiele stempeln.

Tja – das hat dann nicht so geklappt. Schnell wird klar, dass sich „Timbuktu“ von 1999 ganz anders anfühlt. Nach einem noch etwas unentschlossenen Beginn fokussiert sich Auster in diesem Buch auf die Perspektive des Hundes Mr. Bones um uns einen Ausschnitt Amerikas zu zeigen, wie er sich aus einer Position der Schwäche und Hilflosigkeit darstellt. Das Tier, anfänglich mit seinem langjährigen Herrchen Willy unterwegs, muss in schneller Folge eine Reihe von Schicksalsschlägen über sich ergeben lassen.

Ausgangspunkt ist eine Wanderung durch Baltimore, die William Gurevitch alias Willy G. Christmas mit seinem Hund unternimmt, um das neue Zuhause für diesen zu finden. Wobei Wanderung schon zu Viel ist, Gurevitch hat seine letzte Kraft zusammen genommen, denn sein Ende steht kurz bevor. Während Willy sein Leben verpfuschtes Leben als Poet in Flashbacks noch einmal durchlebt, erkennt Mr. Bones, das er von der Welt da draußen vor allem das weiß, was ihm sein Herrchen gelehrt hat. Dazu gehört auch die Vision von einem geweihten Ort Namens Timbuktu, einem Jenseits in dem das Herrchen auf seinen Begleiter warten wird. Auster lässt hier aber nicht nur einen treuen Vierbeiner aufmarschieren. Das Tier schwankt in seiner Wahrnehmung zwischen sympathischer Naivität und Momenten von nahezu erstaunlicher Reflexionstiefe. Dennoch bleibt der Grundkonflikt konstant bestehen: Die Hilflosigkeit des Tieres und seine Abhängigkeit von der Umwelt. Einziger Halt bleibt die Treue zu Willy und das Wissen um das gemeinsame Ziel Timbuktu.

In den Episoden des Wanderlebens unseres vierbeinigen Protagonisten führt Auster den Leser zu verschiedenartigen Abhängigkeiten mit denen der Hund nichts anfangen kann. Sie sind wider seiner Natur – er ist ein Streuner, wie Willy einer war. Am Ende bleibt auch „Timbuktu“ ein Versuch sich der Frage nach Identität und allem was dazu gehört zu nähern.

Pix – Wernigerode

„Die Bunte Stadt im Harz“ – so nennt sich Wernigerode selber. Tourismusmarketing benötigt einprägsame Floskeln, diese hier soll immerhin auf Hermann Löns zurückgehen und der kannte sich mit Farben aus. Bunt ist Wernigerode tatsächlich – zumindest die Fassaden der Innenstadt.
Wen es hierhin verschlägt – der sucht zumeist drei bekannte Landmarken:

  • Das mittelalterliche Rathaus.
  • Den Brocken, der von hier aus mit der Schmalspurbahn erreichbar ist.
  • Das Wernigeroder Schloss über der Stadt.

Auch wenn es mich nicht auf den Brocken getrieben hat – ich war wieder sehr touristisch veranlagt. Immerhin ergibt sich so immer ein guter erster Eindruck.
Es ging bei ständig wechselndem Wetter als Erstes hinauf zum Schloss. Wie viele andere ist es eine zu großen Teilen eher junge Anlage und im typischen Stil des Historismus erbaut.
Die Fürsten von Stolberg-Wernigerode folgten am Ende des 19. Jahrhunderts dem aktuellen Trend zum Umbau des Stammhauses zu einer repräsentativen Anlage, bei der Punkte wie die Wehrhaftigkeit nur noch als Gestaltungsmomente verblieben. Nähert man sich aus der Stadt wirkt der Bau eher gedrungen – ein Eindruck, der sich beim Blick über den kompakten Innenhof nochmals verstärkt. Hier zeigen sich auch die unterschiedlichen Bauphasen am deutlichsten. Ganz anders zeigt sich der Bau beim Betreten über die Schlossterrasse. Hier wirkt das alles wesentlich harmonischer und großzügig angelegt. Diese Front ist natürlich auch das beliebteste Fotomotiv des Schlosses. Über die Stadt hinweg geht die Aussicht bis zum Brocken. Bemerkenswert ist wie flächendeckend die umliegenden Erhebungen bewaldet sind.


Die Stadt ist geprägt von den schon angesprochenen bunten Fassaden und eine geschlossene Fachwerkbebauung. Das prägnanteste Beispiel ist natürlich am Marktplatz zu finden: Das Rathaus mit seiner bekannten Doppelturmfassade und der Vielzahl an Schnitzfiguren an Fachwerk und Geschossüberständen. Und auch wenn der Bau die Blicke auf sich zieht – er drängt sich nicht auf. Überhaupt ist Wernigerode, wie auch Meißen oder Wittenberg eine Stadt die im Zentrum sehr harmonisch wirkt. Immer wieder zeigt sich mittendrin ein Kleinod, dass sich entweder durch Schnitzwerk oder sein Fachwerk abhebt.

Der Frosch – Eine Hälfte eines Gespräches

Tatort: Südthüringenbahn zwischen Meiningen und anderswo
Tatzeit: Anfang März, Samstag vormittag. Es ist kalt und ungemütlich.

Beim Betreten des Zuges liegt auf einer 4er-Sitzgruppe ein Handtuch quer über das Polster.
Daneben steht ein geöffneter Wander-Rucksack. Aus der Toilette des Schienenfahrzeuges ein Klingeln.
Der Besitzer des Polsterarrangements verlässt die Sanitärkabine und das Gespräch beginnt:

…ja mein Schatz! Ich bin gerade noch im Zug.
…im Zuhug. Nach heim.
…Eine halbe Stunde.
…Eine halbe Stunde noch.
…Sowieso alles scheißig hier. So bumsglatt. Hab mich erstmal auf den Arsch gepackt.
…Jetzt ist ein Handtuch untergelegt.
…Was lachst du’n da? Habe ich immer dabei.
…damit der Sitz nicht nass wird.
…Ja der wird doch sonst nass.
…Ne, das machen wir dann am Nachmittag.
…Du kannst ja schon mal unsere Straße machen.
…Doch in eher halben Stunde. Sonst macht eben Papa wieder alles allein.
…Ja Papa.
…Deswegen bist du doch meine Göttin. Küsschen.
…Die packst du in die Babysitzschale und den Skianzug und dann los.
…Klar kannst du, das sind zehn Minuten.
…Wenn nicht, dann ruf die Iris an. Die nimmt sie so lang. Die hat doch immer Zeit.
…Oder tu sie hoch zu der Krankenschwester.
…Zehn Minuten sind das. Mehr nicht.
…Dann eben fünfzehn.
…Ich hab ziemlich Hunger.
…Dann macht das eben der Papa.
…Deswegen bist du ja meine Göttin.
…Ich streichele auch deinen kleinen Frosch.
…Ja bis er glitschig ist.
…Wie machst es mit Baby?
…Zur Krankenschwester? Gut.
…Ja auch die Kaulquappe kommt.
…Zum Frosch.
…Zum Frohosch.
…Lieb dich Göttin.
…Nein dich.
…Den Frosch auch.
…Gleich. Jetzt mach die Straße.
…Papa kommt ja gleich. Halbe Stunde.
…Ja dich.
…Küsschen.

Work it 2 – Im Schatten von Mauern geboren

Liegen wir flach und schwarzhaarig
Weit weg vom legendären Wasser
Einer erzählte uns davon
Vom Leben unter Wellen wie
Leben unterm Halm

Uns trägt hier keiner raus
Wir bleiben liegen/sitzen
Einige sollen gegangen sein
Ihre Köpfe auf die Mauer gesprüht
Neben ihren Tags lehnen wir

Und liegen weiter unter der Sonne
Die kennt unsere Seite und die andere
Manchmal wagen wir das Klopfen
Und hoffen auf Antwort
Von irgendwas da drüben
Es bleibt still

Und keiner kann uns andres sagen
Die Mauer war da vor euch
Vor uns, vor denen vor uns
Wir haben uns hier drinnen
Das reicht vollends

Und wir liegen hier in Ruhe
Mit den Bienen auf der Hand
Und der Honig macht es erträglich
Warm und süß
Bleibt keine Wolke im Blick.

Mal schaun – Türe zum Schnee – Ich bin faul

Wozu hast du überhaupt einen Blog, wenn du nichts postest? Zugegeben: Die Frage stelle ich mir häufiger. Aber einen Blog nur zu bestücken, damit da überhaupt etwas passiert erscheint mir auch nicht sehr sinnvoll. So gab es im Laufe des Jahres einige Pausen und die wird es auch nächstes Jahr wieder geben. Ein Blog sollte Spaß machen und interessant sein – allerdings – und da bin ich ehrlich, noch mehr für mich, als für den Leser. Das Tippen eines Beitrages oder auch nur das Verlinken eines Beitrages anderer Blogs ist zwar nicht immer große Arbeit, aber ohne einen eigenen Impuls macht es für mich keine Freude.

Impulse sind auch bei Lektüre und Schreiben immer wichtige Themen und hier bin ich schon wieder bei Jürgen Becker (*1932) gelandet. Erst in Form des Bandes „Die Türe zum Meer“ (1983), dann in Form einiger Videos auf dem Youtube-Channel seines Verlages Suhrkamp. Jetzt ist es einfach das Impulssuchen eines verdienten Lyrikers mit dem Eigenen in Verbindung zu bringen und zu sagen: „Genau so ist es! Schaut an, er hat das selbe Problem“. Tolle Apotheose der eigenen Faulheit. Natürlich sind wichtigere Dinge zu Tun, gerade wenn das Schreiben „nur ein Hobby“ ist. Arbeit, soziales Umfeld, die eigene Weiterentwicklung – gerne vorgeschobene Punkte, die ganz sicher eine Menge eigener Potentiale binden und trotzdem: Macht man – mache ich – es mir nicht oft zu einfach, wenn ich das altbekannte „morgen, morgen, nur nicht Heute anstimme“? Wenn es immer einen Grund gibt nicht das eigene Schreiben, die eigenen Texte zielgerichtet voranzutreiben?

Ich bin faul. Ich bin zu bequem. Nicht in allen Belangen. Das immerhin kann ich mir zugute halten. Aber in der Literatur bin ich wirklich eine lahme Socke. Das bemerkt man nicht nur an Pausen für den Blog, sondern auch an einer Vielzahl verstrichener Ausschreiben. Der Kalender wird gefüllt mit einer Reihe von Terminen. Von wichtig, über vielleicht wichtig, bis überschaubar wichtig farblich abgestuft. Sie rücken näher, rücken heran, rücken vorbei. Aha, wieder einer rum. Und nun? Na der nächste kommt bestimmt.

Versteht mich nicht falsch: Ich möchte euch nicht erzählen, dass ich faul bin und daher nichts schreibe. Ich beabsichtige nur, dass ihr es nicht auch so macht. Wenn ihr den Impuls bemerkt, wenn ihr das Gefühl habt, da ist etwas, was verdient hat ausgerückt zu werden – dann schnappt euch ein geeignetes Medium und haut das Ding raus. Und wenn es nicht gleich rund ist – egal! Dann platziert es so vor euch, dass ihr gar nicht drumherum kommt euch damit auseinanderzusetzen. Haut raus, was raus gehört. Vielleicht – aber nur vielleicht – schaffe ich das auch mal wieder häufiger und ihr sehr nicht immer den gleichen Beitrag, wenn ihr hier landet.

Finale Nachbarschaft 2017 – mon ami Weimar – 08.12.2017 – Wassily Kandinsky als Dichter

 

Zum Jahresende stellen wir mit In guter Nachbarschaft noch einmal etwas richtig Großes auf die Beine! Meine wärmste Empfehlung – nicht nur als Veranstalter. Wir sehen uns in Weimar. Alle Infos hier.

über Wassily Kandinsky als Dichter — Novastation

Gleichberge.

Das ist nix
Nicht viel, jedenfalls
Machst du halt an den Gleichbergen
Die stehen da als Solitär
Und irgendwer hat das Drumherum vergessen
Sie stehen da, vielleicht ja für den Wandersmann
Bestiegen zu sein, beschwingten Gangs

Aber dann stell dir vor
Es lässt einer Wasser ins Becken
Um Römhild kannst du dann
Den Städtchen Abschied winken
An den Kirchentürmen ankern
Um nach den Hügelgräbern zu tauchen
El Gouna in Thüringen
Bad Königshofen Resort und Spa
All Inclusive Hildburghausen

Bei Wutha ist warten

im ICE
auf was?

der eine sagt, nach Fulda geht’s
da möchte er spielen
das locke die Kinder
mit dem Rhythmus im Blut
die trommeln dann mit

auf was sonst
als die Wartburg
sagt einer
und lacht allein

dann bleiben wir ruhig
ich habe Zeit
auch wieder hier
sagt noch der Schaffner
was auch immer das heißt

Pix – Meißen

Zugegeben. Das war eine One-Shot Aktion. Ich wollte unbedingt dieses Foto haben. Vorne Elbe, dahinter die Burg. Dieses eine überall bekannte Bild von Meißen. Aber fährt man denn wirklich dafür 2,5 Stunden mit dem Zug hin und auch wieder zurück? Absolut.

Was hier über der Stadt thront, als das sichtbare der beiden Wahrzeichen, vermarktet sich selbst als „erstes deutsches Schloss“, errichtet ab 1470. Wirklich eindrucksvoll wirkt die Albrechtsburg aber erst im Ensemble mit dem Meißner Dom und der war schon vorher da. Muss ja auch mal gesagt werden. Vom Porzellan wird hier übrigens nicht die Rede sein. Denn weder die Manufaktur, noch ihre Erzeugnisse interessierten mich – obwohl sich das Porzellan-Museum mit seiner Sammlung im Gebäude der „Meissen ART“ prominent präsentiert.

So trieb es mich, wie jeden guten Tagestouristen, einmal am Elb-Burg-Panorama entlang und in Windeseile den Burghügel hinauf. Hier angekommen und mit der Eintrittskarte für Dom und Burg ausgestattet galt es erst einmal eine Weinschorle zu trinken. Wahrscheinlich inspiriert durch den Blick von der Burg über die Elbe und die gegenüberliegenden Weinberge. Hach, das klingt ja alles so romantisch. Ist es auch – hier aber im positiven Sinne des Wortes. Die Altstadt präsentiert sich weitestgehend gut erhalten und wird nur selten von modernen Versatzstücken unterbrochen. Und das ist für mich immer ein Grund zu sagen – hier fühle mich ich aufgehoben.

Ein wenig ratlos ließ mich zum Teil die Ausgestaltung des Museums der Burg. Nahezu alle Exponate werden hier in stählernen Konstrukten präsentiert – womöglich eine Verneigung vor dem Motto der Ausstellung „Trendsetter SEIT 1471. Entdecken Sie das älteste Schloss Deutschlands“. Ich empfand diese Art der Präsentation eher als störend und gerade für die Fokussierung auf die Tradition dieses Gebäudes als widersinnig. Aber das ist ein Geschmacksurteil. Informativ ist das Ganze auf jeden Fall und damit erfüllt es seine Hauptfunktion. Glanzstück der Burg ist die Große Hofstube, die durch die Renovierung im 19. Jahrhundert eine Bildersprache erhielt, wie sie typisch für die Vorstellungen des Mittelalters in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war – farbenfroh und voller Minne.





Daneben findet sich das eigentliche Highlight des Burgberges. Der Dom mit seiner Westturmanlage. Diese Doppelturmfront wird luftig und massiv zugleich. Daneben gibt es übrigens einige Schenken und mit der zweiten Weinschorle lässt sich der Blick noch besser genießen. Das Innere des Doms präsentiert sich einheitlich und schlicht. Wobei das nur für den ersten Eindruck gilt. Sowohl die Fürstenkapelle, mit Ihrem reich verzierten Westportal aus dem 14. Jahrhundert, als auch der Achteckbau, als Beispiel für ein komplexes gotisches Raumkonzept sind ein Kontrast zur ausgeprägten Hallenwirkung des Langhauses.



Sobald es dann wieder hinunter in die Stadt geht und man versucht noch aus allen Winkeln und Rückblicken besonders gute Aufnahmen herbeizuzaubern, darf man sich ein kleines Urteil erlauben. Für mich heißt das zumindest Eines: Schön hier. Hach.



Binsenjungfer

angezählt die Bewegungen
bleibst hängen neben Schilf,
Schlag, Schlag,
das machen die Flügel

Schlag, der Tümpel grüßt
Schlag, für einen Betrachter
Schlag, macht er sich Farben zu eigen
die sind geborgt

im Sehloch des Schauers gerichtet
Schlag, dreht der sich
Schlag, fällst du ab
gebraucht
der Schauende hat Neues
für dich sind Froschmaul und Brack