Hyänen

Eugen pustet die Erfurter über den Anger. Hier fliegt ein Regenschirm, dort eine Maske. Und ganz hinten hitzige Worte.

Zwei Radfahrer wurden von der Polizei gestoppt. Um den Gleichstand bei den Fahrzeugen zu sichern, kümmern sich zwei Streifenwagen um die Angelegenheit. Die Beamten lassen sich von den lautstarken Protesten der Radler nicht aus der Ruhe bringen: „…muss man jetzt ehrlich mal sagen, dahier. So einen kleinen Radfahrer den könnt ihr anhalten, aber so Klimacamp räumt keiner weg. Jedes Mal wenn ich hier fahre, haltet ihr mich an. Jedes Mal!“ Jetzt werden die Personalien geprüft.

Etwas mehr gelernt hat ein kleines Mädchen an der Tramhaltestelle: „Papa hat mir gesagt die Hyänen, das sind die Tiere mit dem härtesten Biss im Land. Da machen alle Tiere einen großen Bogen herum. Nur ein Tier nicht: Der Gepard. Der ist nämlich der Schnellste. Der geht zu den Hyänen hin, guckt die an und wenn die kommen, düst er wie der Blitz davon!“

Wenn das die Radler mal früher gehört hätten.

Galla

Und schon wieder denkst du an Galla. Heinz Michael Galla, diesen großartigen Künstler, diesen am Ende seines Lebens redescheuen Mann. Dieser Name mal wieder im Kopf. Dann ist da auch gleich Aphroe. Und wieder die Frage ob von dem noch ein Album kommt. Aber Galla, der Galla – für dich RAG und KOPF-STEIN-PFLASTER. Dieses Album damals 98. RAG „Unter Tage“. Aphroe, Pahel, Mr. Wiz und Galla.

Jetzt hattest du auch Helden. Eine eigene Musikrichtung. Jetzt warst du einer von diesen harten Jungs. Oder besser einer von den Jungs, die so lange hart waren, so lange sie harten Jungs zuhören konnten. Das gab es auf deinem Dorfgymnasium nicht. Da hörte man die Ärzte, die Böhsen Onkelz oder Madonna, die mit Frozen ihren 5 Frühling hatte.

Klar – die Rapmusik gab es. Aber die war aus den Staaten oder witzig. Das Deutsche war dir alles zu bequem. HipHop durfte nicht witzig sein wie bei den Beginnern. Rap sollte über das echte Leben sprechen. Rap sollte hart sein. Das Leben auf der Straße, das wolltest du hören.

Und bei den Amis konntest du immer nur mitnuscheln. Und überhaupt die Amis. Da musste man echt aufpassen. Nur nicht den Falschen erzählen, dass man Black Eyed Peas oder Xzibit hört. Sofort war man ein Sellout – ohne das man wusste, was das ist. Und dann stand man da auf dem Schulhof, die Baggy in den Kniekehlen, die Cap schräg auf dem Schädel und übte sich in Handzeichen. Eastcoast, Westcoast. Erst diese Worte gewechselt, dann konspirative Blicke. Reagierte da Jemand? Schüttelte jemand den Kopf?

Und dann kam RAG. Ruhrpott AG. Der Ruhrpott als die Bronx Deutschlands. Bochum, Dortmund, Essen waren hart und dreckig. KOPF-STEIN-PFLASTER. Endlich konntest du mitrappen. Alle Texte im Kopf und alle Hooklines auf der Zunge. An der Kasse im Norma dein Solo.

Endlich Vorbilder aus Deutschland, die es mit den Amis aufnehmen konnten. Helden für dich. Aphroe, Pahel, Mr. Wiz und Galla. Heinz Michael Galla, diesen großartigen Künstler, diesem am Ende seines Lebens so redescheuen Mann.

Die Einsamkeit des Reiseleiters

In einem Bus sitzen die 41 Gesichter abgezählt

Würzburg mit Wein und Brücke

und du erzählst wie immer

im Halbschlaf die Zahlen und Namen

und wie immer einer in Reihe 8

der kann es dir besser erklären

er weiß es vom WDR

die Landpartie mit Landpomeranze

Reihe 8 dreht und wendet den Kopf

aber keine Aufmerksamkeit

dafür die rote Sonne von Barbados

und Würzburg im Regen

also wieder kein Trinkgeld heute

dafür drückt die Blase in Reihe 3

nach vier Minuten Autobahn

jetzt noch schnell den Schenkelklopfer

und die Damen stoßen mit Sekt an

schrilles Kichern über das Späßchen

dann ist endlich Ruhe

nur bei den Flippers

scheint immer noch diese Scheißsonne

Ein Flow

Blick in den Hinterhof

Ein leiernder Beat

Im Kopf den Mond

Der soll in den Text

Kommt nicht raus

Suchst nach Dopamin

Das macht sich rar

Die wenigen beleuchteten Fenster

Dahinter beheizte Räume

Boom Bap

lass es laufen

Bleibst beim Beat

Der leiert den Stift über Papier

Braucht kein Dopamin

Bleibt am Schreiben

Ohne die Fenster

Fließt der Stift

Und du hältst ihn einfach

Flow aus Beat leiert

Boom ein Satz

Bap ein Text

Lass den Mond aus

Den braucht es nicht

Das Bild eh von gestern

Hinterhof sagt

Boom

Welchen Flow es braucht

Um Bap den Text

aus den Stift auf Papier

auf den Beat zu leiern

Pix – Streetart in Erfurt – Die Halle

Schon seit Beginn der Coronapandemie führte mich mein Weg durch die Stadt regelmäßig an der Sporthalle in der Halleschen Straße vorbei und ständig hat die Halle ein neues Aussehen. Immer wieder verewigen Graffitiartists sich hier an den Wänden. Ein paar der neuesten Pieces habe ich mal aufgenommen. Klickt euch einfach durch.

Aber es gibt noch viel mehr Tags und Streetart in der Stadt. In unregelmäßigen Abständen möchte ich neue Tags und Pieces presenten.

Mir lieb nicht, Richtplatz

I

Am Hanseplatz stehst du

machst dir Tradition

das Steinkreuz Erinnerung an Großes

hier war ein Richtplatz, fragst mich

ob ich „Der Richtplatz“ von Aitmatow gelesen

du bist, sagst du, einer der Wölfe

machst Jagd, Nase im Wind

erinnerst die Menschen, Tradition

kein Pelz für Schafe

du Wolf machst Richtplatz

gegen mich und Vieles

gegen mich und Viele

II

mir wird kalt

ohne den Pelz

und will kaufen

bin eben Schaf

da trottest an meine Seite

Pause am Richtplatz

das sollen jetzt auch Andere

ein Wolf ist nie allein

und wenn der Alpha geht

kommt ein Neuer

so ist es Tradition

Mond

du willst tanzen auf dem Mond
tanzen auf dem Mond
kalt hier und kein Licht
willst sein ein Wirbel
Pirouetten auf dem Mond
das Licht willst du sein
für die Krater

Hertzsprung
willst sein wie der Mond
und kalt an meinen Händen

Durchgelesen: Frederic Schulz – »Eugen«

Was? Sie kennen Eugen nicht? Zugegeben – bis vor Kurzem ging es mir noch genauso. Aber so ist es eben – er war ein Weltstar, der keiner wurde.

Eugen Schnepple, der Früh-Unvollendete, hat in Heilbronn das Licht der Welt erblickt und wurde dabei zu lange kopfüber gehalten. Die Nachbarn wussten da konnte nichts Gutes bei rauskommen. Aber nur wenn man die Wette ohne Eugen macht.

Schon in jungen Jahren war klar, hier wächst ein besonderer Junge heran. Es zieht ihn auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Das Theater hat es ihm angetan. Da kann es kaum verwundern, dass er schon mit 10 die ersten gefeierten Vorstellungen auf dem Pausenhof gibt und kurze Zeit später zum Inventar des Theaters Heilbronn gehört. Mit Federboa und Knautschzylinder geschmückt tritt er den Lausejungen der Bleichstraße entgegen. Ein Eugen Schnepple weiß, wie man mit Feinden umzugehen hat!

Dann ist der große Tag da. Unser Eugen bekommt ein Rollenangebot und wieder ist ein Feind im Weg. Erst kümmert sich Eugen darum und dann geht es ab ins Berlin der Roaring Twenties. Mit Federboa und Knautschzylinder als Verrückter unter noch Verrückteren. Jetzt geht es erst richtig los. Schon im Zug macht er große Pläne mit einem Theaterschreiberling aus Augsburg. Kaum angekommen landet er in den Wirrungen von Politik und merkwürdigen Geheimgesellschaften. Aber auch am Theater und dieses Mal als richtig große Nummer.

Ach man muss ihn einfach lieben. Wenn uns Frederic Schulz hier einen Sonderling (Legenden besagen es könnte sich um seinen eigenen Urgroßonkel handeln.) präsentiert, dann einen besonders liebenswürdigen. »Eugen« ist die Autobiographie eines Früh-Unvollendeten in 13 Akten (Sic!). Mit viel Humor lässt er Eugen durch den Sündenpfuhl seiner Zeit treiben. In den besten Momenten funktioniert das in einer wunderbaren Situationskomik, in den Schwächeren kann es auch mal ein recht offensichtlicher Wortwitz sein.

Frederic Schulz, Mitglied der Erfurter „Aktionsgruppe Eskapismus“, stellt er uns mit »Eugen« eine Groteske über einen so naiven, wie zupackenden jungen Mann vor, der in seinem kurzen, intensiven Leben alles mitgenommen hat, was ihm seine Zeit bot. Selber Historiker, ließ es sich Schulz nicht nehmen die Großstadt der goldenen Zwanziger hier mit allen ihren Abgründen auf einen Charakter treffen zu lassen, der genauso fiebernd agiert.

Und so ist »Eugen« eine rauschhafte, lebensbejahende, aber auch tragische Debuterzählung, die Lust darauf macht, doch noch etwas mehr aus dieser Zeit zu lesen, die uns in der jetzigen Situation so komplett abhanden gekommen zu sein scheint. Perfekt funktionierender Eskapismus also.

| Frederic Schulz: Eugen. Proof Verlag, 2020. 158 Seiten.

Der Schnee im Hinterhof

Da liegt er flächendeckend
in die Dämmerung gegeben
der Kopf vermischt die Farben
Grau und Weiß und Backstein

Und man könnte denken
Was soll jetzt noch passieren
wenn schon der Schnee zurück ist

Aber auch damit ist es nicht weit her
von Worten und Zahlen verdeckt
ist da Nichts um das Gesicht zu schützen

Es bleiben dir die einzelnen Tauben,
der Kaffeeduft und ein Husten.

Abgeschaut – Johann Wolfgang von Goethe „Die Frösche“*

Sehr viel passender kann man die „Magie“ der Vorsätze für das neue Jahr kaum zusammenfassen.

Ein großer Teich war zugefroren;
Die Fröschlein, in der Tiefe verloren,
Durften nicht ferner quaken noch springen,
Versprachen sich aber, im halben Traum,
Fänden sie nur da oben Raum,
Wie Nachtigallen wollten sie singen.
Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,
Nun ruderten sie und landeten stolz
Und saßen am Ufer weit und breit
Und quakten wie vor alter Zeit.

*Der Titel „Die Frösche“ ist eine spätere Zuschreibung. In der Werkausgabe letzter Hand von 1827 ist das Gedicht Abschnitt 10 unter den „Parabolischen Gedichten“.

|Zitiert nach: Goethe, Johann Wolfgang von: Werke 1, Gedichte, West-östlicher Divan. Insel Verlag 2007, S. 244.