Gleiten

Tram oberhalb des Staubs
klettere auf einen Halm
hier greift dich der Wind
erhebend die Luft unter den Flügeln
treibe bis zum Steig

hier standen die Menschen
schwer vom Denken
bis ihre Kalender vorbei waren
das Licht machte den Letzten aus

uns weist es den Weg

Kurzgelesen – Daniela Danz: »Lange Fluchten«

Cons hatte einen Lebensentwurf. Alles war geplant. Frau, 2 Kinder, Hausbau – Alles ist da. Die Bundeswehr ist seine Berufung, bis er als Zeitsoldat bei einer Übung einen Aussetzer hat. Für einen Einsatz im Kosovo wird er nicht berücksichtigt und von nun an ändert sich alles.

Die Familie lebt auf der (ehemaligen) Baustelle in provisorischen Containern. Während seine Frau den Alltag der Familie bewältigt und die Söhne an ihm vorbei leben, geht Cons seiner Jagdleidenschaft nach. Kaum fähig einen konkreten Gedanken zu fassen lebt er in den Tag.

Daniela Danz nimmt den Leser mit auf eine Reise in das Innere eines Menschen, welches trostloser kaum sein kann. Zwischen Erinnerungen, alten Freundschaften und einem nicht mehr greifbaren Ideal scheitert Cons an sich selber.

Stilistisch holt die 1976 in Eisenach geborene Lyrikerin immer wieder das feine Besteck heraus. Die »Lange[n] Fluchten« sind ein kompaktes, rauschhaftes Werk, lassen den Leser etwas ratlos zurück und erzählen auf den wenigen Seiten so viel mehr über unsere Gegenwart als so manches Opus Magnum.

Schaudort vergibt 9/10 Blickpunkte.

| Danz, Daniela: Lange Fluchten. Wallstein 2016. Roman, 146 Seiten.

Abgeschaut: Rainer Maria Rilke (1875-1926) – »Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort«

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus.
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist der Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um

„wieder mehr Mensch sein“ Patrick Volkmar Siebert, Lyriker _ Erfurt 19.3.2022

Vielen Dank an Walter Pobaschnig für die Einladung. Ich durfte ein paar Worte zur aktuellen Situation, Diskurs und Literatur schreiben.

Schaut auf jeden Fall auf seinem Blog vorbei.

Einen besonderen Blick ist die Reihe „Give Peace a Chance“ wert. In Form eines Akrostichons äußern Künstler*innen und Autor*innen Ihre Gedanken zum Krieg in der Ukraine.

Literatur outdoors - Worte sind Wege

Lieber Patrick, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Hallo Walter. Danke für die Gelegenheit hier ein paar Worte zu schreiben. Mein Tagesablauf ist nach einer langen Phase der Kurzarbeit wieder maßgeblich von meinem Broterwerb dominiert. Ich arbeite 9to5 im Tourismussektor. Die Zeit vor und nach der Arbeit gehören der Lektüre und dem Austausch. Es wird immer wichtiger sich über unterschiedliche Medien zu informieren. Dazwischen ist der Arbeitsweg eine gute Gelegenheit sich an der Luft zu bewegen. Auch das wird immer wichtiger, um den Kopf für Kunst und Literatur freizumachen.

Patrick Volkmar Siebert, Lyriker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich möchte nicht für alle sprechen. Das nehme ich nicht für mich in Anspruch.Was ich aber erhoffe, ist wieder mehr Gelassenheit im Diskurs, mehr Ausgewogenheit und vor allem auch, dass nicht mehr Emotionen und die Moralkeule jede einzelne Diskussion überdecken. Das am lautesten vorgetragene Argument gewinnt und durchdachte…

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Abgeschaut – Georg Trakl: »Grodek«

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder

Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen

Und blauen Seen, darüber die Sonne

Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht

Sterbende Krieger, die wilde Klage

Ihrer zerbrochenen Münder.

Doch stille sammelt im Weidengrund

Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt

Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;

Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.

Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen

Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,

Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;

Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.

O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre

Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,

Die ungebornen Enkel.

| Zitiert nach: Trakl, Georg: Das dichterische Werk. München 1972. S. 94-95.

| Digitalisat auf Zeno.org

Durchgelesen – Abbas Khider »Der Erinnerungsfälscher«.

Das Leben plant oft anders als der Mensch. Gerade hat man alles in halbwegs geordnete Bahnen gelenkt und einen erfolgreichen Ansatz gefunden, schon holt die Vergangenheit zum Gegenschlag aus.

Said Al-Wahid erhält auf dem Rückweg von seiner ersten Lesung in Mainz die Meldung, dass seine Mutter im Irak im Sterben liege. Kurzentschlossen macht er sich auf den Weg in ein Land, dass er vor Jahren verlassen hat um in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen. Die Anreise als Rahmenhandlung nutzend, lässt Abbas Khider (*1973) seinen Protagonisten eine weitere Reise antreten. Für Said beginnt eine Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie. Von nun an streben die beiden Stränge auf einen gemeinsamen Punkt zu. Umso schneller sich Said seinem Ziel Bagdad nähert, desto schneller erreicht seine Erinnerung die Gegenwart. Oder eben auch nicht. Die Unzuverlässigkeit der Erinnerung übernimmt den Versuch der Selbstvergewisserung.

Das Thema der Flucht aus dem Heimatland wird bei Abbas Khider immer wieder neben die Probleme beim Ankommen im Zielland gestellt. Die Protagonisten wie Said sind überall entfremdet. Während im Zielland die Angst vor Amtlicher Post den Alltag bestimmt, waren es vor der Flucht allgegenwärtige Erfahrungen von Hunger, Krieg und Armut. Zur Schlüsselstelle des Romans wird der Augenblick der „Erfindung des Erinnerns“. Vom Zwang der Korrektheit des Historikers befreit, entdeckt Said die Möglichkeit seine Erfahrungen und Erlebnisse in einer neuen Art und Weise mitzuteilen. Das trifft Abbas Khiders Poetik in nuce – seine Romane sollen als autobiografisch verstanden werden, selbst dann, wenn sie gar nicht über eigene Erfahrungswerte berichten. Und so sind es weder die Schilderungen des täglichen Überlebenskampfes aus „Die Orangen des Präsidenten“ (2011), noch sind es die Probleme bei der Anpassung an die deutsche Gesellschaft und den deutschen Bürokratismus aus „Ohrfeige“ (2016), die über allem schweben, sondern immer die daraus resultierende Kritik an der „Zerstörung der Person“ durch die jeweiligen Zustände.

„Der Erinnerungsfälscher“ ist kein in sich geschlossener Roman. Die Erinnerung wird in Alltagsgeschichten und kurzen Episoden geschildert. Dabei stehen die jeweiligen Augenblicke für eine Stimmung oder eine Herausforderung im Leben von Said. Die Range reicht von traumatischen Erfahrungen wie der Hinrichtung des Vaters durch das Hussein Regime bis zu vordergründigem Alltagsrassismus in einer Berliner Kiezkneipe.

Stilistisch ist auch „Der Erinnerungsfälscher“ ein Roman ohne jegliches Pathos. Die Darstellung der traumatischen Szenen erfolgt bewusst unsentimental. Weniger Raum als in den vorherigen Büchern erhält der für Abbas Khider so typische bissige Humor. Dennoch muss niemand Angst haben hier ein Werk geringerer stilistischer Qualität vor sich zu haben. Einige Sätze wirken wie gestanzt, fast aphoristisch. An dieser Stelle nutzt Khider, dass Said auch als Literat die Beschäftigung mit seiner traumatischen Vergangenheit sucht.

„Der Erinnerungsfälscher“ ist sehr schmal, intensiv und ein typischer Khider.

Ja, die Themen wiederholen sich. Ja, der teils dokumentarische Stil wiederholt sich. Und ja: Genau das brauchen wir – die permanente Konfrontation mit einem gesamtgesellschaftlichen Problemfeld, welches wie kaum ein anderes von unreflektierten Vorurteilen dominiert wird.

Abgeschaut – Ivo Andric – »Der Mensch kann leben«

Der Mensch kann leben, solange er die Kraft besitzt, sich Illusionen hinzugeben, um so die Unvollkommenheit der Welt und die Vergänglichkeit alles Bestehenden zu ertragen; wenn er diese verliert, taugt er nicht mehr fürs Leben, er erträgt es schwer, und es wäre besser für ihn, das Leben möglichst bald auf eine schöne Weise wegzuwerfen. Doch das tut er selten.

Ivo Andric: Wegzeichen. Hanser 1982. S. 15f.

Berlin Hauptbahnhof

Adventskalender Tür24* – Theodor Storm (1817-1888) – »Weihnachten«

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fern her Kirchenglocken
mich lieblich heimatlich verlocken
in märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
anbetend, staunend muß ich stehn;
es sinkt auf meine Augenlider
ein goldner Kindertraum hernieder,
ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.

Adventskalender Tür23* – Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) – »Bäume leuchtenD«


Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Überall das Süße spendend.
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend –
Solch ein Fest ist uns bescheret.
Mancher Gaben Schmuck verehret;
Staunend schaun wir auf und nieder,
Hin und Her und immer wieder.

Aber, Fürst, wenn dir’s begegnet
Und ein Abend so dich segnet,
Dass als Lichter, dass als Flammen
Von dir glänzten all zusammen
Alles, was du ausgerichtet,
Alle, die sich dir verpflichtet:
Mit erhöhten Geistesblicken
Fühltest herrliches Entzücken.

  • 24 weihnachtliche oder winterliche Gedichte von Autoren bis zum heiligen Abend. Morgen haben wir es geschafft.