Vertrag

Manchmal ist das Schlangestehen vor dem Imbiss langweilig und so beginnen die Schlangeninsassen über ihre Karrieren zu diskutieren. Hier ein kurzer Beitrag aus der bunten Welt der Mannequins.

„Man, das dauert wieder.“ „Und dann noch so etwas Ungesundes.“ „Hast du eine bessere Idee?“ „Fischrestaurant!“ „Noch was? Geldscheißer?“ „Ne, aber was zu feiern.“ „Na, las man hören.“ „Ich habe einen Modelvertrag gemacht.“ „Model? Du?“ „Ja. Und hör auf zu lachen.“ „Ne, geht nicht. Für was? Für Übergrößen?“ „Für die Apothekenumschau.“ „Was?“ „Für die Apothekenumschau.“ „Sorry, aber…. .“ Die anderen Wartenden drehen sich um, einige lachen mit. „Was gibt es da zu lachen?“ „Ach nichts. Als was brauchen die dich, als Gallenstein?“ „Idiot.“

Imitation

Die ältere Frau legt den Kopf an die Fensterscheibe, schaut nach draußen. Sie hat ein Grinsen auf den Lippen. Ihre Enkelin: „Oma, was machst du da?“ „Siehst du doch?“ „Nein.“ „Ich chille.“ Die Enkelin mit einer Miene, wie sie oft nach dem Biss in eine Peperoni zu sehen ist: „Du was?“ „Ich chille. Wenn ihr das könnt, kann ich das auch. Guck.“ Das Gesicht der Enkelin löst sich, sie beginnt zu lachen: „Los, chillen wir zusammen.“ „Klar.“

Strategien

„Gehen sie ruhig vor mit ihren drei Sachen.“ „Danke sehr. Es sollte nur eine Sache werden und dann.“ „Ja, ich kenne das. Gibt es kein Mittel dagegen.“ „Ich habe ja mal gelesen, die Stellen die Regale so, dass man besonders viel kauft. „Ja, das habe ich auch schon gehört.“ „Eigentlich ganz schlau.“ „Bei meinem Mann klappt das nicht.“ „Sie glückliche.“ „Im Gegenteil. Ich stelle den Mülleimer so, damit er sieht, dass auch der Gelbe Sack voll ist und die Flaschen und das Altpapier und was passiert? Nichts.“ „Wie bei meinem Sohn.“ Sie beginnt zu lachen: „Vielleicht haben wir einfach nur die Angebotsschilder vergessen.“ Nachdenkliche Zustimmung: „Das wird es sein.“

Lehrreich

Ein kalter Tag im Februar. Erstmals in dieser Woche – es ist Samstag, fährt die Regionalbahn Richtung Halle plangemäß ein. „Ja, ja, fünf Zentimeter Schnee und alles bricht zusammen.“ Die späteren Fahrgäste, jetzt Einsteigenden, greifen zu Gepäck und sich von ihnen verabschiedenden Händen. Die ersten Beine haben die Stiegen erklommen, andere warten geduldig auf den Moment, in dem ihnen der Weg bereitet wird. Unplanmäßig nun: Die Türen des Schienenfahrzeuges schließen, also noch eine Vielzahl künftiger Fahrgäste, jetzt Stehender, mit den Füßen nur den Beton des Bahnsteiges berühren. Umgehend verbreitet sich Empörung, werden Schicksale beschworen. An einigen Stellen verbaler, an anderen Stellen gewalttätiger Kampf gegen die Verriegelungsautomatik. Man Glücklicher findet noch Eingang durch eine Tür, die von baldigen Mitreisenden, jetzt Mitleidenden verteidigt wird. „So etwas hat es noch nie gegeben. Anzeigen werde ich die.“

Zehn Minuten später. Das Fahrzeug hat bereits Vieselbach verlassen und die Stimmung in den Waggons ist angespannt. Zwischen Todesstrafe für den Lokführer und Anschlägen auf den Unternehmensvorstand werden diverse Optionen eines Rückschlages gegen den Konzern erörtert. Ein Jeder steht im Diskurs. Der Zugbegleiter, noch relativ unversehrt, möchte Karten kontrollieren, muss sich den Fragen stellen. Eine Antwort forderte einen neuen Höhepunkt des Zornes in der dampfenden Masse heraus: „Der Lokführer sah die Leute trödeln. Die wollte er etwas antreiben.“ „Und das wollte er durch geschlossene Türen erreichen?“ „Nicht alle waren zu.“ „Passen sie auf, sie…“ „Nun lassen sie doch den Mann, der kann auch nichts dafür. Stimmt doch, oder?“ „Genau, wie sie es sagen.“ „Und was machen die jetzt am Bahnsteig?“ „Auf den nächsten Zug warten, nehme ich an. Der kommt in zehn Minuten.“ „Das geht ja noch.“ „Aber ehrlich, sie müssen doch auch zugeben, der Lokführer hat da Scheiße gebaut.“ „Nein, finde ich nicht.“ „Passen sie auf, sie…“ „Es kann nicht sein, dass Verabschiedungen am Zug zwanzig Minuten dauern. Wir standen sieben Minuten am Bahnhof.“ Der Zugbegleiter kontrolliert Karten und wechselt in den nächsten Waggon. „Habt ihr das gesehen, diese Arroganz.“ „Mit uns kann man es ja machen, nie wieder mit mir, nie wieder.“ „Steinigen sollte man die.“ „Ach was.“

Unerwartet

Donnerstag, 16:30. Die Sonne scheint in den Alltag. Allseits hektische Schritte, Katzenkopfpflaster, klappernde Räder. Eine Gruppe asiatischer Studenten, angeführt von einer rüstigen Fremdenführerin steht vor der Stadtkirche St. Michael in Jena. Die Dame erklärt ihren Zuhörern das Brautportal, schaut in viele nickende Gesichter. Die Gruppe nähert sich der Tür. Noch einmal wird Station gemacht, die Baugeschichte des Turmes präsentiert. »Nun schauen wir einmal hinein. Im Innenraum wenden wir uns zuerst nach links. Mir nach.« Der erste Versuch das Portal zu öffnen scheitert. Entschuldigend schaut sie in die Runde, unternimmt einen neuen Anlauf. Sie überlegt: »Ich vergaß. Seit gestern wird der Chor renoviert. Tut mir leid. Folgen sie mir zum Rathaus, unserem nächsten Halt.« Ein junger Mann löst sich aus der Gruppe, betrachtet den Schaukasten vor der Kirche. Er fängt an zu lachen. Ruft etwas und zeigt auf seine Uhr. Die ganze Gruppe lacht. An Werktagen schließt die Kirche um 16.00 Uhr.

Reingeschaut I: Artenschutz

„Die Erde ist aller Wesen Erhalterin, sowohl der Menschen, der sie bebaut, als des Hamsters, der sie durchwühlt.“

Aus: Sulzer, Friedrich Gabriel: Versuch einer Naturgeschichte des Hamsters. Göttingen/Gotha 1774.

 

Klangwelten

Es ist Sonntag. Es flaniert, wer flanieren kann, alle anderen spazieren. Die ist recht ruhig an diesem Frühlingstag. Doch vollkommene Stille stellt sich nicht ein. „Was ist das eigentlich für ein Krach da drin?“, wird eine Nachbarin gefragt, aus deren Haus die Misstöne erschallen. „Was meinen Sie?“ „Das Geklimper.“ „Ach das, das ist meine Tochter.“ „Übt sie Jazz auf dem Flügel?“ „Nein, nein, das ist ihre erste Übung für das wohltemperierte Klavier.“ „Wohltemperiert? Das klingt, als liege das Instrument mit Malaria im Sterben!“ „Leider haben sie recht. Aber sie will eben spielen.“

Namensfindung

Die Kassenschlangen der Rewe-Filiale im Erfurter Anger 1 erleben eine wichtige Entscheidungsfindung. Ein junges Paar könnte an der Schwelle eines neuen Lebensabschnittes stehen. „Aber du bist doch nicht schwanger von mir.“ „Wer weiß?“ „Ach kommt, du wüsstest das doch. Und ich würde das sofort sehen.“ Sie schüttelt den Kopf. „Hm. Weiß nicht. Ist immer so ein Strich und mal ein halber Strich beim Test. Das ist so halbschwanger.“ „Halbschwanger?“ „Ja, wollte nie halbe Sachen machen und jetzt das?“ Er freut sich sichtbar über die Zukunftsaussichten: „Kommt ein halbes Kind.“ „Hoffentlich die Hälfte mit Kopf. Denk mal, da würden nur Beine im Kinderwagen liegen.“ „Auf jeden Fall würden wir das Kind immer erkennen.“ „Wenn es nur halb kommt, brauchen wir bestimmt auch einen Brutkasten.“ „Ich habe einen Brotkasten. Wir können eine Kerze reinstellen.“ Sie lacht, schüttelt sich: „Neee.“ Sie schaut sich um. „Hmm, die Leute gucken schon.“ „Mir egal. Wir sind bald die Two and a half Fam. Da gucken dann eh alle.“ „Wie wollen wir ihn nennen?“ „Warum ihn? Na sagen wir Frodo oder Sam.“ „Sehr gut. Die Halblinge. Aber die haben wenigstens alle Körperteile.“ „Ja, aber auch Haare an den Füßen.“ „Wenn unser Halbling Haare an den Füßen hat, kommt er in die Babyklappe.“ „Armer Frodo.“ Betrübt bezahlen sie.

Taschen

Er trägt zwei Einkaufstüten gehobener Bekleidungshersteller, sie eine bemerkenswert große Handtasche mit Fellbesatz. Der Name Armtasche wäre maßstäblich richtiger. Kurz vor dem Eingang zum Parkhaus beginnt sie zu kramen. Erst entspannt und nebenbei, dann zusehends genervter und panischer. Er bemerkt es, lässt sie anfänglich in ihrer Tätigkeit gewähren. Dann aber:
– Sag bloß der Autoschlüssel ist wieder in deinem Sack verschollen.
– Das ist kein Sack, das ist eine Tasche. Ich finde ihn halt gerade nicht.
– Wundert mich nicht.
– Sag nur, du verlegst nie etwas.
– Verlegen ist gut. Etwas in einer Tasche verlegen. Ha ha.
Er schüttelt den Kopf, ihrer ist bereits nur noch teilweise zu sehen.
– Brauchst du eine Taschenlampe?
– Kannst du vielleicht mal ruhig sein? Ich hab doch gesagt, du sollst ihn nehmen. Aber der Herr will keine ausgebeulte Hose.
– Wofür trägst du denn das Zelt da mit rum, wenn nichts reinkommt? Dafür habe ich die Tasche doch gekauft.
– Aha. Das hat sich damals aber anders angehört. Ich will dir eine Freude machen, bla bla.
– Ja, ja. Jetzt mach das du den Schlüssel findest. Die Leute gucken schon.
Er beginnt zu lachen.
– Was hast du jetzt schon wieder? Lachst du mich aus?
– Nein.
– Also, was ist?
– Ich denke an Flugzeuge.
– Hä? Und das ist lustig?
– Ja schon. Hast du vielleicht dieses verschwundene Flugzeug auch da drin, MHN 370 oder so? Ist mir klar, dass es keiner findet.
Sie hält den Autoschlüssel endlich in der Hand, geht wortlos weiter. Er grinst noch ein wenig.

Spam

Spammails können nun auch Emphase:

„Wir denken an dich, auch wenn es sonst keiner tut: Gratis Socken für dich.“

„Wir haben gesehen, du fühlst dich allein. Das bleibt nicht so. Finde bei uns den passenden Partner.“

„Save the day: Gratis Klingen für dich.“

„Du musst dich nicht schlecht fühlen. Nimm ab! Mit uns!“

„Wir freuen uns für Sie. 30% Nachlass für Gartenmöbel. Wir tun alles um Sie glücklich zu machen.“

„Diese Zahnschmerzen. Es ist nicht auszuhalten. Tu was dagegen. Zahnzusatzversicherung, damit Löcher im Zahn keine Löcher im Portmonee reißen.

Danke.