Reisen

Sommer nahe der Bahn
an taubgestandener Industrie
Ziegelbau in Weißenfels
Bäume gewurzelt im Dachgebälk
des gurrenden Mauerwerks

neben der Rollkoffertrasse
ein stromerndes Kind
zerrt an der Schafgarbe vergeblich
der Alte daneben macht auf Big Ben
und summt standhaft das eine Lied
das er kennt

am Bahnsteig gegenüber ein Fuchs
verbliebener Fahrgast
zwischen Moos und Schachtelhalm

das Reden vom Reisen
macht die Welt weit

im nächsten Jahr vielleicht
wie der Fuchs
Richtung Süden allein

Neunzig

Wie fahren mit der Linie 4 in Richtung des Flughafens. An der Haltestelle Theater: Auftritt eines älteren Herren. Schlank und aufrecht betritt er die Bahn, setzt sich auf den für ihn geräumten Platz. „Hach, wieder so ein Tag. Kennen sie?“ Die junge Frau nickt. „Ja, auch die Jungen schon. Immer so Tage. Na, nun bin ich schon 90 und habe keine Idee, wie ich das gemacht habe.“ Die junge Frau lächelt und nickt respektvoll. „Aber mir geht es gut und da lasse ich auch nicht dran rütteln.“ „Finde ich gut.“ „Ach, ich habe ja schon alles hinter mir.“ „Sie sind aber noch sehr fit.“ kommentiert die junge Dame. „Ach klar. Warum auch nicht.“ Sie nickt wieder, ergänzt: „Und sie lassen sich die Laune nicht verderben.“ „Woher denn. Ich habe alle Operationen schon gehabt. Auf meinem Bauch ist kein Platz mehr zum Aufschneiden, also kommt da nichts mehr.“ Beide Lachen. Er schwingt sich auf, verlässt mit einem Lächeln die Bahn.

Lehrreich

Ein kalter Tag im Februar. Erstmals in dieser Woche – es ist Samstag, fährt die Regionalbahn Richtung Halle plangemäß ein. „Ja, ja, fünf Zentimeter Schnee und alles bricht zusammen.“ Die späteren Fahrgäste, jetzt Einsteigenden, greifen zu Gepäck und sich von ihnen verabschiedenden Händen. Die ersten Beine haben die Stiegen erklommen, andere warten geduldig auf den Moment, in dem ihnen der Weg bereitet wird. Unplanmäßig nun: Die Türen des Schienenfahrzeuges schließen, also noch eine Vielzahl künftiger Fahrgäste, jetzt Stehender, mit den Füßen nur den Beton des Bahnsteiges berühren. Umgehend verbreitet sich Empörung, werden Schicksale beschworen. An einigen Stellen verbaler, an anderen Stellen gewalttätiger Kampf gegen die Verriegelungsautomatik. Man Glücklicher findet noch Eingang durch eine Tür, die von baldigen Mitreisenden, jetzt Mitleidenden verteidigt wird. „So etwas hat es noch nie gegeben. Anzeigen werde ich die.“

Zehn Minuten später. Das Fahrzeug hat bereits Vieselbach verlassen und die Stimmung in den Waggons ist angespannt. Zwischen Todesstrafe für den Lokführer und Anschlägen auf den Unternehmensvorstand werden diverse Optionen eines Rückschlages gegen den Konzern erörtert. Ein Jeder steht im Diskurs. Der Zugbegleiter, noch relativ unversehrt, möchte Karten kontrollieren, muss sich den Fragen stellen. Eine Antwort forderte einen neuen Höhepunkt des Zornes in der dampfenden Masse heraus: „Der Lokführer sah die Leute trödeln. Die wollte er etwas antreiben.“ „Und das wollte er durch geschlossene Türen erreichen?“ „Nicht alle waren zu.“ „Passen sie auf, sie…“ „Nun lassen sie doch den Mann, der kann auch nichts dafür. Stimmt doch, oder?“ „Genau, wie sie es sagen.“ „Und was machen die jetzt am Bahnsteig?“ „Auf den nächsten Zug warten, nehme ich an. Der kommt in zehn Minuten.“ „Das geht ja noch.“ „Aber ehrlich, sie müssen doch auch zugeben, der Lokführer hat da Scheiße gebaut.“ „Nein, finde ich nicht.“ „Passen sie auf, sie…“ „Es kann nicht sein, dass Verabschiedungen am Zug zwanzig Minuten dauern. Wir standen sieben Minuten am Bahnhof.“ Der Zugbegleiter kontrolliert Karten und wechselt in den nächsten Waggon. „Habt ihr das gesehen, diese Arroganz.“ „Mit uns kann man es ja machen, nie wieder mit mir, nie wieder.“ „Steinigen sollte man die.“ „Ach was.“