Die weihnachtliche Kulisse des Erfurter Angers wurde am heutigen Tag durch etwas Folklore bereichert. Vor Martin Luther spielte einmal mehr ein emsig tanzender Indianer auf seiner Panflöte gegen die Kälte an. Ein kleiner Junge stand mit seiner Mutter, die emsig das Taschensortiment eines hiesigen Lederwarenspezialisten begutachtete, in der Nähe und plante seine Zukunft folgendermaßen:
„Mama, wenn ich groß bin, dann will ich auch so ein Panflötenindianer werden.“ „Sag noch mal sowas – und du wirst nicht groß.“ Die Mutter fand keine Tasche nach ihrem Geschmack.
Wirtschaftsweise
Eine Mutter besteigt mit ihren Söhnen in Neudietendorf den Zug. Die Beiden hängen am Fenster. Der Größere, ungefähr zwölf, zeigt häufiger auf Dinge, die ihm auffallen. Der Kleinere, ungefähr acht Jahre alt, nickt dazu. Am Bahnhof Vieselbach entdeckt der ältere Bruder eine größere Baustelle: „Da hinten baut Zalando das neue Lager.“ Der Kleine kratzt sich am Hinterkopf: „Warum sieht das denn nicht aus wie ein Zalandokarton.“ Der Große denkt kurz nach, grinst: „Weil es dann zu viele Unfälle gibt, wenn die Frauen immer schreien, weil sie so einen Karton sehen.“ Der Kleine schüttelt den Kopf: „Dann muss halt noch einer eine Werkstatt daneben bauen.“
Hasen und Hühnerbrüste
Des Morgens in einem ortsansässigen Geflügelfachgeschäft: „Aber das ist schon sehr teuer.“ „Dafür hat er ja zwei Kilo.“ Sie wiegt den Hasen noch einmal mit den Händen. Einmal aufwertend nach unten gezogene Mundwinkel mit einhergehendem knappem Nicken suggerieren ihre Wertschätzung für das Ergebnis. „Nein. Das geht nicht. Das ist zu teuer. Haben sie keinen anderen?“ „Nein, nur diesen.“ „Darf ich mal mit dem Filialleiter reden?“ „Das bin ich!“ „Sie haben zu wenig Hasen.“ „Aha.“ „Dann nehme ich eben Hühnerbrüste. Zwei so.“ „Konventionell oder Bio?“ „Ist Silikon schon so weit, dass es Bio ist?“ „Damit ist die Haltung umschrieben. Bio heißt…“ „So wie ihre halt.“ „Was meinen sie?“ „So wie ihre halt!“ „Was erlauben sie sich?“ „Ich will doch nur Biobrüste.“ „Aha. Also Hühnerbrüste wie meine?“ „Ja.“ „Also erlauben sie mal.“ Er geht, abwinkend. Verärgert hält er der nachfolgenden Kundin die Tür auf: „Seien sie vorsichtig. Die verstehen keine Komplimente.“
moderne Zeiten
Vater und Sohn betreten das Abteil. Sie sind etwas außer Atem. Der Rollkoffer als Bremsgewicht, wurde der Weg zum Zug eine Tortur. Nach fünf Minuten zückt der Sohne sein Handy. „Oh, du hast auch so ein Smartphone. Was macht man eigentlich damit?“ Der Sohn hebt den Zeigefinger: „Warte eine Sekunde. Ich will dir was zeigen.“ Er hält seinem Vater das Telefon sehr knapp vor die Augen. „Du hast Nacktbilder von Männern…“, schaut sich um, bemerkt die aufmerksamen Blicke, leiser: „Du hast Nacktbilder von Männern auf deinem Handy? Bist du schwul?“ Kopfschütteln: „Ähm, nein. Schau mal genauer hin.“ „Denkst du ich bin schwul?“ „Nein, was hast du nur mit schwul. Schau doch einfach.“ Der Vater rückt die Augen noch näher an den Screen. „Oh.“ Er verändert die Farbe seiner Gesichtshaut: „Wann?“ „Das war als du mit Onkel Olaf zum Männertag die Frauen beeindrucken wolltest.“
selber einmal geschaut
Diamantenwelt
Später Abend. Licht und Bläue aus Fenstern. Eine Bushaltestelle und zwei Menschen. „Ich habe gestern meiner Freundin einen hammer-romantischen Brief geschrieben.“ „Einen Brief? Wie süß.“ Mir ausladender Geste: „Ja, hab ihr geschrieben, sie sei so schön wie Diamanten am Himmel.“ Lachend: „Alter, du hast nen Schaden.“ „Warum.“ „Denk mal über deine Scheiß-Diamanten nach, du Hoden. Wenn die am Himmel hängen kommst du nicht dran und wenn du dran kommst, weil sie runterfallen, hauen sie dir den Schädel ein.“ Steht auf: „Du hast recht. Fuck!“
Körperliche Nähe
Wer niemals einmal kuscheln mag, gehört in einen Eichensarg
Früher Gesang.
Der Morgen wusste noch nicht, dass er angefangen hat. „Sag mal, kennst du das Lied?“ „Welches?“ Ein kurzer Blick macht klar, die Ampel ist grundlos rot. „Warte: So. Noomaawaweedto wmmaatamm saammmee.“ „Ähm. Ne.“ „Nochmal? Noommaawwwweetono waammmteemm sammmneeess.“ Ein Kopfkratzen. „Ähm. Also wenn du so singst, dann könnte das auch ein vorgelesener Ikea-Bauplan sein.“ „Hmm. Nochmal?“ „Ne, lass mal.“ Blicke gekreuzt. So etwas wie ein Einverständnis. Ein PKW, Marke Ford, passiert die Szenerie. Das offene Fenster lässt Lana Del Rey hören. „Hast du gehört? Das Lied meinte ich.“ „Ah, Summertime sadness. Traurig, das Auto singt besser als du.“ „Sehr witzig.“
Begriffsförderung
Begriffsförderung
Ein Müller Blu Ray Regal, dahinter Haare. „Dieses Dingens, wie heißt das denn nur. Man, mir liegt es auf der Zunge.“ „Belag?“ „Haha, nein! Zu warm machen.“ „Heizung?“ „Nein. Nich sowas.“ Die Haare bewegen sich. „Mikrowolle?“ „Alter, denkst schon wieder ans Essen?“ „Ja, beschreib doch mal.“ „Na, so bunt und hell.“ „Hä?“ „Ja, Mann. Das kennst du auch.“ Zwei Jungs erscheinen, 13, Baseballjacken, grüne Hosen. „Das hatten wir doch gerade in Deutsch. In dem Gedicht.“ „Wüste?“ Schaut seinen Freund genervt an:„Du Lauch. Kann man mit Wüste was warm machen?“ Hebt die Achseln:„Ja, wenn man es hinbringt.“ Augendrehen: „Woah, ja Joker.“ „Frau?“ Er zieht die Augenbrauen hoch: „Hää, was laberst du?“ Bestimmt, mit breitem Grinsen: „Frauen machen heiß.“ „Noch en Joker. Brüller.“ „Ja, dann sag doch mal was.“ „Das bringt der den Menschen.“ Denkt nach: „Opfersteuern?“ „Haha. Sei froh, dass es keine gibt.“ Hebt den Blick in die Augen des Andern. Man sieht, dass er es weiß. Er wartet eine Sekunde, dann fängt er an zu lachen: „Alter, meinst du Feuer?“ Wegwerfend: „Hmm, ja.“ „Und ich bin ein Lauch, oder was?“
Reaktionen
Gelangweilt wird in Zeitungen und Apps geblättert. Ein Mobiltelefon vibriert. Gelangweilt wird in Zeitungen und Apps geblättert. Ein Mobiltelefon vibriert noch einmal. Gelangweilt wird das Handy von seinem Besitzer ans Ohr genommen. „Ja?“ Erklärend in die Runde: „Mein Sohn.“ Einer nickt, zwei nicht. Alltäglicher Smalltalk. „Gut.“ „Ja, auch.“ „Mach ich gern.“ Zeitungen und Apps. Neue Stimmlage: „Wie, du bekommst ihn nicht hoch?“ Seitenblicke. Die anderen hatten es auch so verstanden. „Aber du weisst doch, wie das geht.“ Seitenblicke. Kichern ist erlaubt. „So schlimm kann das doch nicht aussehen.“ Frontale Blicke. Offenes Kichern. „Meine Herren. Zweimal im Jahr muss das eben sein.“ Grimassen unterdrücken lautes Johlen. Einer schaut aus dem Fenster, es schüttelt ihn. „Ich hab dir das schon dreimal gezeigt.“ Frontale Blicke. Kichern und Befremdung. „Dann nimm halt den anderen Wagenheber.“ Gesichter werden zu Ach so. Das Handy wird weggesteckt. Gelangweilt wird in Apps geblättert, die Zeitung noch einmal aufzuklappen lohnt nicht.



