Durchgelesen: Lutz Seiler – »Kruso«

Ed landet auf Hiddensee. Sein altes Leben steht ihm kalt gegenüber. Ihm, dem Germanistikstudenten mit dem unglaublichen Gedächtnis. Es ist genug. Er nimmt Reißaus. Ziel: Hiddensee. Die Insel begegnet ihm mit Befremden. Er bleibt auch dort ein Suchender ohne Anschluss. Dann gelangt er an den Klausner. Der Leiter dieses FDBG Ferienheimes, Herr Krombach, liest Ed auf. Nimmt ihn auf in seine „Besatzung“. Der Klausner ist ihm ein Schiff, die Besatzung eine Familie. In Alexander Krusowitsch, genannt Kruso, findet Ed einen Freund und Vertrauten. Als Abwäscher eingestellt, lebt sich Ed schnell ein und erlebt den Klausner als Heimat. Langsam erarbeitet er sich das Vertrauen Krusos, bis dieser ihm das eigentliche Wesen des „Klausners“ offenbar. Die Saisonarbeiter auf Hiddensee bilden eine Gemeinschaft mit eigenen Ritualen und Gesetzen. Und die „Esskas“, wie sie sich nennen, unterhalten ein feines Netz aus Verbindungen über die ganze Insel. Sie sind oft die letzte Hoffnung der Gestrandeten, die versuchen über Hiddensee die „Republik“ in Richtung Dänemark zu verlassen. Ed erlebt einen wechselhaften Sommer von seiner sexuellen Initiation, über eine handfeste Auseinandersetzung mit Kollegen und ungewünschten Kontakt mit den aufmerksamen Untersuchungsbehörden hier am Ende der DDR.

Bei seinem Romandebüt war Lutz Seiler (*1963 in Gera) als Autor bereits bestens etabliert. Der Lyrikband »Pech und Blende« von 2000 und spätestens die Erzählungen unter dem Titel »Die Zeitwaage« von 2010 sorgten für eine breite öffentliche Aufmerksamkeit und ein vernehmbares Echo in Form von Preisen. Hier sollte sich »Kruso« mit dem Johnson-Preis 2014 und dem Deutschen Buchpreis 2014 nahtlos einreihen.

Warum eigentlich?

Stilistisch geht der Roman wenige Risiken ein. Weder wird experimentell gearbeitet, noch verliert sich die Sprache in salbadernd poetisierenden Sätzen. Alles wird unaufgeregt, teilweise routiniert wirkend präsentiert. Die Spannung bezieht dieses Buch aus seinem Setting. Die wenig beachtete Möglichkeit der Flucht aus der DDR über Hiddensee und die zugehörige Sonderbewachung der Insel durch den Staat. Hier findet sich übrigens einer der bemerkenswertesten Kniffe des Buches: Das System der Repression bleibt meist diffus im Hintergrund. Zwar bleibt immer der Eindruck, schon auf der nächsten Seite kommen die Schlapphüte und sperren den Klausner ab, seine Besatzung ein. Der zunehmende Zerfall des „Esska“-Netzes und die immer prekärere Situation im Ferienheim lassen den Leser immer häufiger mit der Selbstbefragung zurück: „Sollte man Ed jetzt beneiden oder bemitleiden?“. Beneiden um sein unzerstörbares Vertrauen und seinen Durchhaltewillen. Bemitleiden für diesen Weg, der in einem immer enger werdenden Korridor hineinführt. Umkehrmöglichkeit ausgeschlossen.

Lutz Seiler liefert mit »Kruso« ein Stück Prosa, welches sich von einem anfänglich, dank der relativen Unbedarftheit seines Protagonisten, recht naiven zu einem dynamisch und packenden Geflecht entwickelt. Die sich steigernde Anspannung bildet die Stimmungslage der dargestellten Episode der Zeitgeschichte treffend ab. Nebenbei treten Ed und Kruso als nicht immer rational nachvollziehbare Figuren auf, die in ihrem nicht zu erschöpfenden Idealismus (Ed glaubt an Kruso, Kruso an eine Verpflichtung) zeitlos wirken. Ihr don-quichottesker Kampf gegen „das System“ bleibt im Kopf haften.

Lutz Seiler: Kruso. Suhrkamp Verlag, 2014. 480 Seiten 9,99 Euro als Taschenbuch

|Zur Vorstellung des Buches auf der Seites des Verlages

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