Der Wagen

Ein Donnerstag. Beste Einkaufszeit. Durch die gut gefüllten Gänge eines Großmarktes schieben sich Paarem Mütter mit Kindern. Einige Menschen tragen ihre Einkäufe auf den Armen. In der Sportwarenabteilung stellt ein junges Mädchen Laufschuhe zurück in das Regal. Sie greift nach weiteren Paaren, stellt sie ab. Mit einem skeptischen Kopfschütteln, wendet sie sich einem kräftig gebautem Herren, um die vierzig, zu. Er trägt eine Stielpfanne und eine Aktenordner unter den Armen. Vor einem Einkaufswagen bleibt er stehen: „Wann hast du denn das alles da reingepackt?“ Seine Tochter schaut ihn an. „Ach Papa, wir haben doch gar keinen Wagen.“ „Bist du sicher?“ „Das Bier sieht ganz nach mir aus.“ Er legt die Pfanne und den Ordner in den Wagen. „Was tun sie da?“ „Meinen Einkauf einpacken.“ „In meinem Wagen?“ „Oh, ich hätte schwören können…“ „Papa, wir haben keinen Wagen.“ Er kratzt sich am Hinterkopf, nickt. „Du hast Recht, das war letzte Woche.“ Der Vater nahm die Waren wieder an sich. Seine Tochter läuft neben ihm her, Richtung Kasse. Hinter ihnen folgt eine junge Frau mit üppig gefülltem Einkaufswagen: „Könnt ihr mal warten? Wo wollt ihr denn hin?“

Neunzig

Wie fahren mit der Linie 4 in Richtung des Flughafens. An der Haltestelle Theater: Auftritt eines älteren Herren. Schlank und aufrecht betritt er die Bahn, setzt sich auf den für ihn geräumten Platz. „Hach, wieder so ein Tag. Kennen sie?“ Die junge Frau nickt. „Ja, auch die Jungen schon. Immer so Tage. Na, nun bin ich schon 90 und habe keine Idee, wie ich das gemacht habe.“ Die junge Frau lächelt und nickt respektvoll. „Aber mir geht es gut und da lasse ich auch nicht dran rütteln.“ „Finde ich gut.“ „Ach, ich habe ja schon alles hinter mir.“ „Sie sind aber noch sehr fit.“ kommentiert die junge Dame. „Ach klar. Warum auch nicht.“ Sie nickt wieder, ergänzt: „Und sie lassen sich die Laune nicht verderben.“ „Woher denn. Ich habe alle Operationen schon gehabt. Auf meinem Bauch ist kein Platz mehr zum Aufschneiden, also kommt da nichts mehr.“ Beide Lachen. Er schwingt sich auf, verlässt mit einem Lächeln die Bahn.

Fahrt

Gesichter konzentriert auf Smartphones und Magazine. Räuspern in trockener Luft. Das Zischen der Wasserflaschen. Nebendraußen Schallschutzwände, ein Feld. Sie sagte nichts. An den Stationen sah sie auf, zählte mit den Fingern wie weit. Sie zählte Rückwärts. Bald reichte eine Hand aus. Finger geklappt in den Handteller. Hier war es. Die Stufen waren hoch. Ich half ihr. Sie ließ mich gewähren. Der alte Koffer mit den Städtenamen. Hamburg, Kopenhagen, Amsterdam, London. Sie wusste genau, was folgen würde. Ein Taxi hielt auf ihr Zeichen. Wir kamen durch die kleine Stadt. Breite Alleen im märkischen Sand. An einer Zelle hielten wir, sie meldete sich ab. Der Monat würde noch gezahlt. Das alles kein Problem. Und ja, so sicher wie lange nicht mehr. Ganz allein ihr Entschluss. Zurück im Wagen sah sie mich an und nickte. Zwischen zwei Weilern der letzte Halt. Der Fahrer reichte ihr das Gepäck. Befragte mich, befragte sie. Alles ganz sicher, beruhigten wir ihn. Winken, dann fuhr ich zurück.

Dieser Text erschien zuerst auf 1000Zeichen.de

„Gute Frau“

Gegenüber einer Schankstelle in einer mitteldeutschen Großstadt. Es ist Sommer, noch nicht heiß. Die Schankstelle reich bevölkert mit durstigen Männern. Auf der anderen Straßenseite verlässt eine Dame ihr BMW Cabriolet. Sie ist auffallend schlank, trägt ein schwarzes Kostüm. Ihre dunklen Haare sind streng nach hinten gekämmt. Bei sich führt sie eine Boutique-Tasche. Die Herren werden aufmerksam. Der erste zeigt ein leichtes hochschätzendes Nicken. An den Leergutcontainern angekommen, schaut sich die Dame verstohlen nach allen Seiten um. Sie holt langsam eine geleerte Flasche Pfefferminzlikör aus der Tasche. Von der anderen Seite: „Gute Frau, das muss ihnen nicht peinlich sein, das passiert allen mal.“ Sie reagiert nicht und holt Stück für Stück sechs weitere Flaschen aus der Tasche. „Donnerwetter. Da hatten sie aber guten Durst.“ Sie schaut herüber und lächelt: „Ich war zwar aus der Übung. Aber das habe ich noch geschafft.“ „Respekt.“ Heiterkeit in der Schankstelle, Heiterkeit im BMW Cabriolet. Ein guter Start in den Feierabend.

Hartes Urteil

Ein Skaterplatz in einer Thüringer Stadt. Es gibt die üblichen Longboarder, BMXer und Randchicas.
Einer der Bretterhühnen verlässt die Halfpipe. Das Sportgerät unterm Arm geht er zu den Mädels.
Eines der Mädchen steckt das Smartphone weg, läuft auf ihn zu und will ihn umarmen. Er stößt sie beiseite.

„Was willst du denn?“
„Kuscheln.“
„Und warum jetzt?“
„Weil es schön ist.“
„Ne, komm mal klar. Ich kuschel nicht mit dir in der Öffentlichkeit.“
„Aber im Bett oder was?“
„Alte, du bist mein Sommerloch. Dachte das wäre logisch.“

Synchron bewegen sich ihr linker Arm und ihr rechtes Bein. Dem Schlag ins Gesicht, folgt ein Tritt in die Körpermitte.
Zusammen mit ihren Freundinnen hinterlässt sie die Reste eines großen Egos.

Neue Lieblinge – Bei Facebook gesammelt

Neue Verben:

schischan

selfien

appen

 

Neue Beziehungsformen:

Vergeben mit mein Handy

Vergeben mit Facebook

Single bis auf meine Facebookbitches

Verheiratet mit Apple, aber nur bis Galaxy S6

 

Schlagender Dialog:

„Du hast so schöne blaue Augen.“ „Du auch gleich.“

„Du hast so schöne blaue Augen.“ „Du hättest den anderen sehen sollen.“

 

Beschreibung:

Mein Traummann soll Groß. Blaue Augen und Muskeln. Er sollte Humor, Schlau und Nett. Er muss treu, sonst ist bald Schluss.

 

Schaudort möchte wachsen

 

Was möchtet ihr in Zukunft gerne auf SchauDort lesen oder sehen? Die neue Kategorie wird zu einer monatlichen Rubrik.

Vertrag

Manchmal ist das Schlangestehen vor dem Imbiss langweilig und so beginnen die Schlangeninsassen über ihre Karrieren zu diskutieren. Hier ein kurzer Beitrag aus der bunten Welt der Mannequins.

„Man, das dauert wieder.“ „Und dann noch so etwas Ungesundes.“ „Hast du eine bessere Idee?“ „Fischrestaurant!“ „Noch was? Geldscheißer?“ „Ne, aber was zu feiern.“ „Na, las man hören.“ „Ich habe einen Modelvertrag gemacht.“ „Model? Du?“ „Ja. Und hör auf zu lachen.“ „Ne, geht nicht. Für was? Für Übergrößen?“ „Für die Apothekenumschau.“ „Was?“ „Für die Apothekenumschau.“ „Sorry, aber…. .“ Die anderen Wartenden drehen sich um, einige lachen mit. „Was gibt es da zu lachen?“ „Ach nichts. Als was brauchen die dich, als Gallenstein?“ „Idiot.“

Imitation

Die ältere Frau legt den Kopf an die Fensterscheibe, schaut nach draußen. Sie hat ein Grinsen auf den Lippen. Ihre Enkelin: „Oma, was machst du da?“ „Siehst du doch?“ „Nein.“ „Ich chille.“ Die Enkelin mit einer Miene, wie sie oft nach dem Biss in eine Peperoni zu sehen ist: „Du was?“ „Ich chille. Wenn ihr das könnt, kann ich das auch. Guck.“ Das Gesicht der Enkelin löst sich, sie beginnt zu lachen: „Los, chillen wir zusammen.“ „Klar.“

Strategien

„Gehen sie ruhig vor mit ihren drei Sachen.“ „Danke sehr. Es sollte nur eine Sache werden und dann.“ „Ja, ich kenne das. Gibt es kein Mittel dagegen.“ „Ich habe ja mal gelesen, die Stellen die Regale so, dass man besonders viel kauft. „Ja, das habe ich auch schon gehört.“ „Eigentlich ganz schlau.“ „Bei meinem Mann klappt das nicht.“ „Sie glückliche.“ „Im Gegenteil. Ich stelle den Mülleimer so, damit er sieht, dass auch der Gelbe Sack voll ist und die Flaschen und das Altpapier und was passiert? Nichts.“ „Wie bei meinem Sohn.“ Sie beginnt zu lachen: „Vielleicht haben wir einfach nur die Angebotsschilder vergessen.“ Nachdenkliche Zustimmung: „Das wird es sein.“