„Gute Frau“

Gegenüber einer Schankstelle in einer mitteldeutschen Großstadt. Es ist Sommer, noch nicht heiß. Die Schankstelle reich bevölkert mit durstigen Männern. Auf der anderen Straßenseite verlässt eine Dame ihr BMW Cabriolet. Sie ist auffallend schlank, trägt ein schwarzes Kostüm. Ihre dunklen Haare sind streng nach hinten gekämmt. Bei sich führt sie eine Boutique-Tasche. Die Herren werden aufmerksam. Der erste zeigt ein leichtes hochschätzendes Nicken. An den Leergutcontainern angekommen, schaut sich die Dame verstohlen nach allen Seiten um. Sie holt langsam eine geleerte Flasche Pfefferminzlikör aus der Tasche. Von der anderen Seite: „Gute Frau, das muss ihnen nicht peinlich sein, das passiert allen mal.“ Sie reagiert nicht und holt Stück für Stück sechs weitere Flaschen aus der Tasche. „Donnerwetter. Da hatten sie aber guten Durst.“ Sie schaut herüber und lächelt: „Ich war zwar aus der Übung. Aber das habe ich noch geschafft.“ „Respekt.“ Heiterkeit in der Schankstelle, Heiterkeit im BMW Cabriolet. Ein guter Start in den Feierabend.

Priorität

Ein Café in der Innenstadt von Worms. Einige Eindrückesammler begutachten gegenseitig ihre Ausbeute an fotografischem Material. Ein Paar in gesetztem Alter nimmt Platz im Gastraum. Er wedelt mit dem Strohhut vor seiner Stirn herum, während sie versucht die Papiertüten des vorangegangenen Einkaufes in einen stabilen Stand zu versetzen. Sie blickt sich skeptisch um, schaut auf die Uhr: „Du weißt aber schon, dass wir da eigentlich keine Zeit haben.“ „Was ist denn jetzt wieder?“ „Wir brauchen noch die Karten für die Festspiele und dann müssen… .“ „Wir sterben und dafür sorgen, dass der Bestatter dick bleibt. Ja, ja.“ „Nicht so laut und red nicht immer so daher. Du weißt, wir müssen… .“ Er erhebt wieder die Stimme: „Gar nichts müssen wir. Ich bin im Urlaub und nicht auf der Flucht.“ Ein beschwichtigende Geste ihrer Hände: „Ja, es muss doch aber alles geregelt sein. Das geht doch vor.“ Er schaut erst ihre Einkaufsbeutel an und dann sie, mit einer Kinnbewegung Richtung Einkäufe: „Natürlich. Die Regelung geht vor. Und die Einkäufe. Nicht wahr?“ Sie schüttelt den Kopf: „Ich wollte doch nur…du weißt, ich habe nicht oft die Gelegenheit und dann muss ich eben… .“ „Eine Stunde lang nach Geschirrtüchern suchen.“ „Was soll das denn? Du hast keinen Blick für so was. Du bist doch der Ego, der jetzt unbedingt einen Kaffee trinken will, obwohl wir die Karten brauchen. Die gehen vor!“ Er schaut ihr in die Augen: „Das Einzige was vor geht, ist deine Uhr.“

 

Schock

Linie 9 ist leicht verspätet. Haltestelle Geschwister-Scholl-Straße. Kurzes Gedränge. Eine laute, aggressive Bekanntgabe. Die Fahrgäste mustern schockiert eine ältere Dame, die temperamentvoll Meinungsverschiedenheiten mit ihrem Lebensgefährten austrägt. Die Nachfrage bei meinem Nebensteher fördert den Grund der kollektiven Entgeisterung zutage. Die Frau hatte tatsächlich geäußert: „Du bist aber kein Glücksbärchie!“