Prinz

Der Mädchen zieht sich eine Strähne des rötlichen Haares ins Gesicht und pustet dagegen: „Mama. Warum sagen immer alle ein Traumprinz kommt auf einem Schimmel?“ Die Mutter kontrolliert den Einkaufszettel, nickt; beiläufig ohne ihre Tochter anzuschauen:  „Weil das edel ist.“  Die Tochter lässt ihre Haare wirr über der Stirn hängen, schüttelt den Kopf energisch: „Aber Schimmel macht doch krank und dann hat der Prinz husten. Ein Prinz mit Husten ist doof.“ Die Mutter prüft die Festigkeit der Mangos.

Zwei Minuten mit einer Dame und einem Buch in der Linie 9.

‎“Wissen sie, ich lese diesen Roman nun schon zum zweiten Mal. Diese Figuren. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube meine eigene Familie ist genau, aber wirklich genau da abgebildet. Da sind noch nicht so viele tot wie im Roman. Aber sonst, sogar der Ohrensessel ist da. Wie in meiner Familie. Wie weit sind sie mit dem Buch?“ „Bei der Hälfte in etwa.“ „Das mit dem Trabant im Wald war schon?“ „Ja, das las ich gestern.“ „Wissen sie, So und wirklich genau So ist unser Herbert auch entstanden.“ „Das ist, ähm…interessant.“ „Ich lese ja immer nur um mich zu erinnern. Kennen sie das, Lesen um sich er erinnern? Deswegen lese ich das auch immer wieder, dann kann ich mich immer wieder erinnern. Immer etwas anders, aber immer wieder frisch.“ „Nun ja, ich lese meist um… .“ „Das sollten sie mal versuchen, Lesen um sich zu erinnern. Das wirkt. So bleibt das Köpfchen helle und frisch. Die Nächste ist Meine. Machen sie es gut. Wenn wir uns wieder treffen, dann können sie mir ja sagen wie sie es fanden. Einen guten Sonntag oder wie ich zu sagen pflege: Einen guten Lesetag. Auf bald.“ „Auf Wiedersehen.“

Grundlagen der Politik I – Das Parteienspektrum

Wissenswertes wird nicht alleine in politischen Seminaren vermittelt. Neben den alltäglichen Diskussionssendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, empfiehlt es sich für den wissbegierigen Studenten auch die Diskussionen am Kleingebäckregal des Gemischtsortimentdiscounters Lidl zu rezipieren:

Sie trägt eine Skinnyjeans in grau, eine hellgrüne übergroße Strickmütze, auch Beanie genannt, eine große Sonnenbrille (schwarze Gläser, weißes, markant dickes Gestell), auf der Jutetasche steht in großen Blockbuchstaben „READ A BOOK NOT A JUTETASCHE“.

Er ist etwa einen halben Kopf größer als Sie, wirkt aufgrund seiner hängenden Schultern jedoch genauso groß. Sowohl Brille als auch Mütze weisen eine frappante Ähnlichkeit zu denen seiner Nebensteherin auf. Seine Beine sind in einer ebenso schwarzen, wie eng geschnittenen Röhrenjeans untergebracht. Zu den auffällig schicken Doc Martens Boots passt das T-Shirt auf dem auffällig schicke Doc Martens Boots abgebildet sind.

Die beiden jungen Personen stehen nun also vor dem Kleingebäckregal des Gemischtsortimentlers Lidl und diskutieren angeregt über Bier, gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Politik.
Lauschen wir einen Moment ihrem Gespräch:
E „Ich kann das Gelaber nicht mehr hören. Schwule, Bla, Ehe Bla. Ist doch alles der gleiche Sabber. Wie das Gebäck hier. Zig Sorten, aber alle schmecken fast gleich.“
S „Lass mal das Knabberzeugs. Hat dir nichts getan.“
E „Ich meine ja nur. Vergleich mal. Jede Partei hier mit im Regal.
S „Aha, aha.“
E „Also CDU, das sind Salzbrezeln. Rund und langweilig. Konservativ, jeder ist dran gewöhnt. Eigentlich nimmt man die nur, weil es sie schon immer gibt und die ja auch immer irgendwie gehen.“
S „Aso. Und die SPD?“
E „Erdnussflips. Fast genauso. Sieht aber anders aus. Auch iwie salzig, auch iwie schon immer da und jeder kennt das Zeug. Vielleicht nicht ganz so oll, aber viel kommt da auch nicht rum.“
S „FDP?“
E „Chio Chips. Flach, gelb, für Bonzen.“
S „Haha, Spinner. Grüne?“
E „Hier, da.“
S „Knabbersticks mit Rosmarin und Meersalz. Aha, aha. Also irgendwie öko und dann doch wieder nicht, oder wie?
E „Joa. Hast es also schon kapiert. Aber auch so: Irgendwie anders, aber nix besonderes mehr. Nimmt man, weil man nicht mit Brezeln oder Chips klarkommt.“
S „Aha, aha. Was gibt es noch so. Ehm. Ja, Piraten.“
E „Tortillachips. So halt, waren mal cool, aber das war auch schnell durch. Und auf der Zunge halt scharf. An den Geschmack erinnert sich keiner, weil alles vom Dip übertüncht ist.“
S „Und jetzt noch die Linke.“
E „Gibt es hier nicht.“
S „Aso, why? Fällt dir da nichts ein?“
E „Ne, anderes Regal.“
S „Aha. Und wo?“
E „Da, Russisch Brot.“
S „Aber das ist doch süß und der Rest so Salz.“
E „Eben. Wie die Linke. Passt nicht richtig dazu. Ist bei hüben und drüben hängengeblieben und Kommunismus halt.“

Wir verlassen den Ort des Diskurses und bedanken uns bei den Vortragenden für die kenntnisreiche Darlegung der Parteienlandschaft der Bundesrepublik Deutschland.

Motivation

Wenn du über den Hund kommst, kommst du über den Schwanz.

– Alltagsphilosophien in Deutschen Prüfungsämtern.

Nachhaltig

Der frühe Morgen treibt eine Kippe zur Verzweiflung. Sie ertränkt sich in der Kanalisation. Sonst ist an der Bushaltestelle keinerlei Bewegung zu vermelden. Die erstarrten Gesichter auf den Plakaten grinsen weiter. Die Bäckereifiliale im Hintergrund bringt das Leben zurück. Zwei Halbwüchsige auf dem Weg zur täglichen Dosis Bildung haben sich mit Salamibrötchen versorgt, kauen, frieren, gähnen, kauen. „Seit gestern kaufe ich nachhaltig ein.“ „Ehm, was?“ „Seit gestern kaufe ich nachhaltig ein.“ „Aha und was soll das sein.“ „Du Arschkuh, nachhaltig.“ „Lutscher, das Wort kenne ich schon. Aber was heißt das bei dir?“ „Ich geh nur zu Aldi.“ „Aha. Und was is da nachhaltig? Haben die jetzt Solar auf dem Dach?“ „Ne“, er fängt an zu lachen, „die machen Pferdtrade.“ „Wie?“ „Pferdtrade. Wühhühhüühüüü.“ „Oh, jetzt hab ichs. Haha.“ Und immer noch grinsen die Plakate.

Aufgaben

Zwei junge Frauen, offenbar Lehrerinnen, unterhalten sich über den heutigen Dienst. Während die eine dabei in ihrem Terminkalender grünfarbene Haken verteilt, schält die andere eine Clementine. „Meine Schüler waren heute wieder besonders kreativ.“ „Ach was, haben sie wieder ein Bild von dir an die Tafel gemalt.“ „Ich hab dir schon einmal gesagt; das sollte nicht ich sein, sondern Sebastian Vettel.“ Diese Entgegnung erzeugte ein knappes Nicken bei gleichzeitigem Augenverdrehen. „Was gab es denn heut?.“ „Ich wollte gerade die Hausaufgaben ansagen, da meldet sich Lukas. Weißt ja, der Kleine von dem ich schon ein paarmal erzählt habe.“ „Ja, der mit den komischen Ohren“ „Genau. Na jedenfalls, fragt der mich ob er auch Hausaufgaben machen muss. Ich frage ihn, wie er das meint. Da haut er raus: ‚Meine Eltern sind nicht so reich. Wir haben nur eine Wohnung. Und weil wir nur eine Wohnung haben und die anderen Reich sind und ein Haus haben – damit es nicht so ungerecht ist, muss ich dann vielleicht keine Hausaufgaben machen?“ „Und was hast du gesagt?“ „Ab heute gibt es bei mir Haus-, Wohnungs-, Garten-, Zelt- und Schlossaufgaben.“

http://www.litblogs.net/

Heute möchte ich außer der Reihe einfach mal eine Empfehlung für diese Seite aussprechen. Es gibt kaum einen besseren Ausgangspunkt um sich der überbordenden Vielfalt literarischer Blogs im Internet zu nähern. Selbstverständlich finden sich hier vor allem etablierte Online-Repräsentanzen, von ebenso mehr oder weniger etablierten Autoren – sucht man aber etwas Licht im Dunkel, ist diese Taschenlampe jeder anderen Kerze vorzuziehen.

Fakt I

Einen Vorteil hat es fett zu sein: Auf dicke Hose machen geht ohne besondere Anstrengung.

Kompetenzen

Neulich auf dem Bolzplatz. Der große Bruder im Bayerntrikot mit Riberyaufschrift versucht den Ball zu jonglieren, schießt und trifft den kleinen Bruder im Gesicht. Der kleine Bruder beginnt zu maulen: „Warum bin ich immer im Tor?“ „Einer muss ja da sein.“ Der Größere holt sich den Ball will wieder schießen, der Kleine verlässt den Kasten. „Ich will aber auch richtig mitspielen.“ „Du kannst doch kein Fußball.“ „Und warum muss ich dann im Tor stehen?“ „Na ja, du kannst halt stehen.“

Hintergründe

Soeben wollte ich eine kleine Episode des Erfurter Zusammenlebens abtippen, da schaut ein Junge, ungefähr 8 Jahre alt, sehr aufmerksam auf den Bildschirm meines Laptops: „Du, sag mal, bist du Tierpfleger oder so?“ Ich verneinte. Er zog seine Mutter hinzu. „Mama, guck mal, der hat Grillensex auf dem Computer.“ Ich schaue mir die Aufnahme selber an und musste feststellen, der Junge hatte Recht. „Warum hast du das da drauf?“, fragte er weiter. „Ich fand das Foto einfach schön.“ „Mama, der findet Grillensex schön.“ Die Aufmerksamkeit in der Bahnhofsbäckerei verlagerte sich zusehends in Richtung meines Rechners. „Junger Mann, was erzählen sie da eigentlich meinem Sohn“ „Nichts weiter. Nur eben, dass ich dieses Foto als Hintergrund verwende, weil ich es sehr ansprechend finde.“ „Ach! Und über die Hintergründe ihres Hintergrundes haben sie sich keine Gedanken gemacht.“ Ich gab zu, dies sei nicht der Fall gewesen. Der Junge lachte mich weiter an. Zwei Damen, ca. 30, aus ihrer Diskussion über die optimale Farbe von Preiselbeermuffins gerissen, lachten mich aus. Der Zugbegleiter nebenan betrachtete mich mitleidig.