Warteraum

Im Sessel sitzt

Die Maske auf

Die Zeit vergeht im Dauerlauf

Im Buch du liest

Von Wem der schiesst

Und Blut am Straßenrand vergiest

Die Hand zur Faust

Noch hältst du aus

Auch wenn du grimmig umherschaust

Jetzt ist’s vorbei

Die Schießerei

Kann Starten und es regnet Blei

Dann wachst du auf

Und siehst die Tür

Herr Siebert bitte rein zu mir.

Berufung

Derweil in Erfurt:
Buslinie 9 verlässt einmal mehr die Haltestelle Geschwister-Scholl-Straße. Ein Lesender steht im Fahrzeug. Die Fahrkarten werden kontrolliert: „Junger Mann, schämen Sie sich. Schämen Sie sich. Schämen Sie sich. An einem Ort, mit diesem Namen. Schämen Sie sich.“ Der Lesende blickt fragend auf. „Darf ich fragen…?“ „Nein dürfen Sie nicht, schämen Sie sich. Nazibücher in der Öffentlichkeit! Packen Sie das Buch weg oder ich lasse Sie den Rest Ihrer Strecke laufen, dann können Sie über Ihr Handeln nachdenken“ „Das ist Ernst Jünger, er…“ „Ich weiß, ein Nazi. Buch weg. Schämen Sie sich.“ Der ehemals Lesende, jetzt Schreitende, stieg freiwillig aus.

Zwei Minuten mit einer Dame und einem Buch in der Linie 9.

‎“Wissen sie, ich lese diesen Roman nun schon zum zweiten Mal. Diese Figuren. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube meine eigene Familie ist genau, aber wirklich genau da abgebildet. Da sind noch nicht so viele tot wie im Roman. Aber sonst, sogar der Ohrensessel ist da. Wie in meiner Familie. Wie weit sind sie mit dem Buch?“ „Bei der Hälfte in etwa.“ „Das mit dem Trabant im Wald war schon?“ „Ja, das las ich gestern.“ „Wissen sie, So und wirklich genau So ist unser Herbert auch entstanden.“ „Das ist, ähm…interessant.“ „Ich lese ja immer nur um mich zu erinnern. Kennen sie das, Lesen um sich er erinnern? Deswegen lese ich das auch immer wieder, dann kann ich mich immer wieder erinnern. Immer etwas anders, aber immer wieder frisch.“ „Nun ja, ich lese meist um… .“ „Das sollten sie mal versuchen, Lesen um sich zu erinnern. Das wirkt. So bleibt das Köpfchen helle und frisch. Die Nächste ist Meine. Machen sie es gut. Wenn wir uns wieder treffen, dann können sie mir ja sagen wie sie es fanden. Einen guten Sonntag oder wie ich zu sagen pflege: Einen guten Lesetag. Auf bald.“ „Auf Wiedersehen.“