Die Logik des Wortes Volkslied

Vater und Tochter kommen schwer bepackt aus einem Nebeneingang des Erfurter Shopping-Centers „Anger 1“.

–          Papa magst du Volkslieder?
–          Nein.
–          Warum?

Die Tochter bleibt stehen, schaut ihren Vater an. Er überlegt kurz, lenkt ein:

–          Kommt darauf an welche.
–          Magst du „Alle meine Entchen“?

Er stockt.

–          Aber das ist doch kein Volkslied.

Sie schaut ihn wieder an. Kratzt sich kurz am Kopf.

–          Aber was dann?
–          Ein Kinderlied.
–          Gehören Kinder nicht zum Volk?

Es arbeitet in ihm. Etwas verlegen erklärt er:

–          Na ja. Kinder sind ein besonderes Volk.

Sie schüttelt den Kopf.
–          Aber Papaaaaaa. Das stimmt doch nicht.
–          Warum nicht?
–          Wenn Kinder ein Volk sind, dann sind Kinderlieder doch Volkslieder.

Er lacht.

–          Ertappt.

Held

– Lucky Luke wurde abgeknallt.

Der Fünfjährige hält sein Comicbuch in die Luft.

– Aber der Lebt noch. Kann er nur, weil er ein Held ist.

Seine Mutter lächelt mich entschuldigend an. Sie ergänzt:

– Vielleicht war er auch einfach so schnell, der ist einfach zu Seite gegangen.

– Nein, hier guck. Der wird getroffen.

Er zeigt mir eine Liste von Covern und tatsächlich sieht es aus, als wäre der lonesome cowboy getroffen worden. Erwartungsvoll werde ich von vier Augen angeschaut.

– Hm, ja. Es schaut so aus. Aber wenn du ganz genau hinschaust, siehst du, dass nur sein Schatten getroffen wurde. Den hat er da hingestellt.

– Geht sowas, Mama?

– Ja, das kann er, weil er ein Held ist.

– Glaube ich nicht.

Der Junge schaut wieder mich an.

– Sag du mal.

– Na doch. Genau deswegen kann er das. Guck. Hier kann er machen, dass sein Schatten gegen ihn schießen kann und hier kann er den Schatten eben irgendwo hinstellen.

Er überlegt.

– Und wenn ich einen Schatten mache mit Sonnenschirm?

– Dann bist du ein bisschen ein Held.

Seine Mutter nickt.

– Genau.

– Und wenn ich meinen Schatten rumstellen kann, dann ganz sehr?

Diesmal nicke ich.

– Aber der hat es ja auch gut, der hat immer Sonne. Ich kann nur manchmal ein großer Held sein. Der immer. Unfair.

– Du, wir müssen langsam mal weiter.

Die Mutter schiebt den Sohn ein wenig an.

– Ja gut.

– Wenn mal Sonne ist, dann können wir ja schauen wer der größere Held ist.

– Au ja.

Er nickt, springt und ist verschwunden. Seine Mutter winkt noch kurz.

Beweis. Empirisch.

Die Kassen bei Netto sind unbesetzt. Ein kleines Mädchen, Bauernzopf, rosa Brille, zupft an der Jacke ihrer Mutter. Sie stehen auf Höhe des Zeitschriftenregals.

– Mama, bekomme ich eine Pferdezeitung?

– Mh, was ist das wieder. Magst du jetzt Pferde?

Die Mutter erntet als Antwort ein Kopfschütteln.

– Ich will Justin zeigen, dass er doch ein Pferdegebiss hat.

– Oh, ja. Da kaufen wir eine. Sein Gesicht will ich sehen.

Sie lachen gemeinsam und kaufen eine Wendy.

Phrasen II

Miese Wortspiele, die den Autor erfreuen, Teil II

Sinnlosigkeit durch die Augen eines Jugendlichen:

Das hat doch alles keinen Swag.

Statt Tucholsky

Eine der kleineren Grünanlagen in Erfurt:

Ein sonniger Tag lockt ins Freie. Einen kleinen Band Tucholsky vor der Nase. Das echte Leben im Ohr. „So, hier musst du auspassen.“ Eine Mutter, gertenschlank, aufrecht sitzend im Damensattel und ihr Zögling, etwas pummelig, krumgebeugt auf seinem BMX-Rad, nutzen entgegen der Verkehrsrichtung den Radweg. Die Stimme der Frau klingt entspannt, passt in den Tag. Der Sohn brüllt: „Fahr doch mal lammsam!“ „Ich bin doch langsam. Du musst nur schneller werden.“ Der Abstand zwischen Mutter und Sohn vergrößert sich zusehends und zugegebenermaßen: Sie fährt wirklich langsam. „Jetzt wirst du immer schneller, was soll das?“ „Ich werde nicht schneller. Jetzt mach endlich hin.“ Eine gewisse Reizung nun auch in ihren Tonfall. Der Sohn indessen hat bereits reagiert, das Rad weggeworfen und angefangen zu weinen: „Wenn ich schneller fahr, brech mich mir den Kopf und dann kann ich nie wieder DS zocken.“ Die Mutter fährt weiter, brüllt zurück: „Was bist du nur für ein dummes, fettes Kind. Wer hat dich gemacht. Hä, wer hat dich gemacht.“ „Halt dein Maul.“ Auch die Mutter stoppt. „Was hast du gesagt?“ „Halt dein Maul!“ Immer noch liegen ungefähr hundert Meter zwischen den Beiden, was für die Kraft ihrer Stimmen allerdings kein Problem darstellt: „Wenn du nicht mein Kind wärst, würde ich dich auf der Stelle verprügeln. Aber so können wir nach Hause fahren und Papa nimmt die Hausschuhe dafür.“ Einen Einwand, dass ihr Kind doch aufgrund ihrer Erziehung so entwickelt sei, wischt sie mit der Bemerkung weg: „Das ist die Gesellschaft.Schauen sie sich doch an. Auch fett und dumm. Hängen sich einfach in Sachen rein, die sie nichts angehen.“ Auch das man Kinder nicht schlage, beantwortet sie standfest: „Was kommt denn raus, wenn man Kinder nicht schlägt. Lauter Weicheier. Kleine fette Weicheier. So wird das nichts mit dem Land. Wenn ein Kind eine gelangt bekommt, dann ist das nie falsch.“ Der Sohn war mittlerweile herangekommen, allerdings ohne sein Rad. „Mama. ‚Ntschuldige. Ich wollt das nicht so sagen. Ich war nur böse, weil du so schnell warst.“ Die Mutter plötzlich wieder ruhig: „Ach. Na geht doch. Trotzdem wirst du ‚ne ordentliche Tracht bekommen. Schau dir mal dein Rad an.“ „Aber.“ „Nix aber. Holen. Nach Hause. Schuhe holen.“ Einen weiteren Einwand ließ sie noch zu. Mit einer Handbewegung schob sie nach: „Sie haben keine Kinder. Das sehe ich. Wenn sie wieder sich wieder irgendwo reinhängen wollen, dann sprechen sie mit meinem Mann. Der kriegt sie schon noch kürzer.“

Phrasen I

Miese Wortspiele, die den Autoren erfreuen, Teil I

durch das Päderaster fallen

Kausale Kette

…nur wenn der Bandwurm gute Musik spielt, hat der Ohrwurm was zu tun…

Sondershausen

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I

Die rote Mütze der Alten leuchtet über dem Pflaster des Marktplatzes. Sie summt in die Zigarette. Auf dem Schloss Musikprobe für die Ü-30 Party im Achteckhaus mit Hugo, dem neuen Kultgetränk. Eine Damengruppe betrachtet in der Marktstraße Auslagen, beschließt das Halbwarengeschäft (geschlossen am 05.04. wegen Messeeinkaufs) in der kommenden Woche zu besuchen. Vor Bäckerei Axt sitzt jaulend eine Katze, kratzt am Fenster. Ein grauer Kopf aus der Etage darüber und schon ist die weg.

II

Die Damengruppe überlegt wo der Strässer war: „Ich sage doch Gisela. Im Grünen. Im Grünen war der, bis dann seine Tochter… .“ „Die ist doch in den Westen.“ „Ja, ja. Aber im Grünen, da war der.“ „Und da war immer der Friseur.“ „Wo?“ „Da.“ „Ne Quatsch, da war doch so ein Lederladen und dann der Fidschi.“ „Ich sag dir, der Friseur war da.“ „Wann?“ „Schon nach der Wende.“ „Oder war da der Strässer drin?“ „Ne, der Friseur. Wenn ich es doch sag. Ich weiß noch, da bin ich immer hin, weil der Bescheid wusste. Der kannte sich aus mit dem Kohl und dem Vogel und so. Nicht wahr, ein Friseur, der nicht Bescheid weiß ist nichts für uns.“ Lachen. „Aber ich könnte schwöre, da war schon immer der Lederladen.“ „Ne, der war in der Bebelstraße.“ „Unfug. Bebelstraße.“ „Na jedenfalls hier im Reisebüro buchen wir immer unsere Kreuzfahrten.“ „Das ist doch zu dahier.“ „Na ja, die war doch so krank geworden und da hat sie erst mal dicht gemacht. Aber die kommt wieder.“ „Ne, die ist doch vor zwei Jahren im Sommer gestorben.“ „Wer? Na hier die Frau Dietl.“ „Ne, was? Die?“ „Ja, liegt oben neben dem Huber.“ „Die war doch nocht so jung.“ „58.“ „Na 58, das ist doch kein Alter.“ Auf dem Marktplatz wieder Stille.

III

Manchmal ein Kinderlachen aus dem Thüringer Hof und ein 1er BMW Coupé mit einer Abgasanlage von Hartge-Tuning. Die rote Mütze hustet, läuft um den Rathausplatz, setzt sich wieder auf die schmale Treppe des Optikers. Einmal steht sie auf, scharrt mit den Füßen, scheint etwas sagen zu wollen, doch es ist keiner da. Im Hintergrund irgendwo ein Scherz in der Damengruppe, von der nur das Lachen blieb. Unterhalb des Schloßes eine moderne Shopping-Passage. Vor dem Rewe dort findet sich die Stadt-Jugend am Wackelauto ein und vertilgt Monster. Der Passagenbäcker mit dem „brotal guten“ Gebäck ist gut besucht. Zwei schmale Mützenhipster versuchen eine Landpomeranze von einer gemeinsamen Tour zu überzeugen. Sie schaut noch etwas verliebt nach einem Käsebrötchen, dann ziehen sie los. Außerhalb der Passagen wieder diese Sondershäuser Stille, gestört nur von der Musik des Pardecks: „Baby give it up. Give it up Baby, give it uhup.“

IV

Ein junger Mann mit kleiner Tochter fragt mich etwas und ja: „Ich mache mir ein wenig ein Bild von der Stadt.“ „Na wohl eher eine ganze Reihe. Photograph?“ Er zeigt auf meine Kamera. Er schlittert die seitliche Böschung der Auffahrt zum schallenden Parkdeck herunter, zieht dabei seine Tochter hinter sich her. „Wissen sie, ich bin immer verdammt froh nach Sondershausen zu kommen. Sonst bin ich ja in München. Arbeit, Geld, was will man machen.“ „Er ist ein wenig still hier.“ „Genau das ist mein Sondershausen. Hier ist kein Stress. Hier ist Ruhe. Wenn ich hier besoffen durch die Stadt laufe, dann macht mir Keiner Ärger. Machen sie das mal in München“ „Oh ja.“ „Waren sie schon auf dem Schloss?“, er zeigt in Richtung des imposanten, das Stadtbild beherrschenden Baus. „Japp, da war ich quasi als erstes.“ „Wie finden sie es.“ „Ich dachte zuerst. Aha, wieder so ein klassizistischer Kasten. Aber der alte Flügel, hier zu Stadt hin – der ist sehr interessant.“ „Finde auch, wir haben ein schönes Schloss. Und das alte Gefängnis dahier – auch gesehen?“ „Ein Gefängnis noch nicht. Oben auf dem Schloss ein Verlies.“ „Ne, das mein ich nicht. Hier gleich, dahinter.“ Er geht einen Schritt Richtung Bordsteinkante und weist auf eine Reihe gelbgetünchter Mehrfamilienhäuser. Kurzentschlossen packt er mich. „Kommen sie. Ich zeige es ihnen. Gleich da vorne ich ein schmaler Gang und dahinter steht es schon.“ Am Ärmel des Mantels hat er mich. Links zieht er seine Tochter, rechts mich hinter sich her: „Das Gefängnis ist natürlich keins mehr. Schon 30 Jahre oder so steht es leer. Besser für die Leute die da wohnen.“ Er kann sich ein Grinsen nicht verkneifen und scheint auf Bestätigung zu warten. „Ja natürlich.“, stimme ich zu. Er schaut zufrieden- Auf der anderen Straßenseite angekommen, entlässt er seine Tochter aus seinem Griff. Noch einmal betrachtet er das Schloss: „Wissen sie, ich liebe es da oben. Das gibt es in München nicht. Da geht man hoch, schaut den Leuten auf die Dächer und weiß genau da unten sind Menschen, die einem helfen. In München rennen doch alle nur vor sich selbst weg.“ Der Gang, von dem er sprach, ist tatsächlich gerade einmal fahrradbreit. Nach wenigen Metern zwischen den Wohngebäuden gibt er den Blick auf einen quadratischen Ziegelbau mit angedeuteten Ecktürmen frei. Die 30 Jahre der Nichtbenutzung erscheinen mir aufgrund des äußeren Zustandes der Mauern dann aber doch recht optimistisch geschätzt. „Steht bei Ebay drin. Weiß nicht, glaub 80.000 Euro wollen die dafür. Ich meine, warum nicht? Wer das Kleingeld hat.“ „Ist erst einmal nicht so Viel. Aber was will man damit schon machen. Die Bausubstanz ist doch absolut marode.“ „Unterschätzen sie solche Bauten nicht, die sind solide aufgestellt. Aber klar muss da was reingesteckt werden. 80.000 sind da das wenigste. Hat ja auch schon mal ein Fischkopf kaufen wollen. Aus Hamburg oder so. Erlebnis-Gastronomie wollte der da machen. Ging aber nicht recht. Hat er nicht durchbekommen. Auflagen. Denkmalschutz, Brandschutz, Lärmschutz, all so ein Kram.“ „Schlecht war die Idee ja gar nicht mal. So ein Gefängnis-Hotel eben, mit Buffet im Kerker. Gibt es ja alles.“ „Also ich würde da ein Gruselkabinett rein machen. Wie da in London oder Berlin.“ „Sondershausen Dungeon.“ „Warum nicht. Kriegt man auch die Jugend mal vom Rewe weg.“ „Sollen die da mitarbeiten?“ „Richtig. Für viel mehr würde es eh nicht reichen und so machen die dann auch was Sinnvolles. Viel ist ja eh nicht da.“ „Aber das ist ja leider nicht nur in Sondershausen so.“ „Ich weiß. Aber was hier noch so rumläuft. Da reden wir besser nicht drüber. Sonst kommen die mit ihrem Rewe-Wackelauto noch rübergefahren.“ Eine unbekannte Stimme aus der Nähe erklang: „Papa, Mama wartet.“ „Oh, oh. Gleich wird es ernst, den Ton hat sie von ihrer Mutter.“ Die Tochter verdreht die Augen. „Na, ihnen noch viel Spaß heute. Ich werde ja erstmal Ärger bekommen.“ „Ich danke ihnen. Und noch einen schönen Tag und nicht ärgern lassen in München.“

Priorität

Ein Café in der Innenstadt von Worms. Einige Eindrückesammler begutachten gegenseitig ihre Ausbeute an fotografischem Material. Ein Paar in gesetztem Alter nimmt Platz im Gastraum. Er wedelt mit dem Strohhut vor seiner Stirn herum, während sie versucht die Papiertüten des vorangegangenen Einkaufes in einen stabilen Stand zu versetzen. Sie blickt sich skeptisch um, schaut auf die Uhr: „Du weißt aber schon, dass wir da eigentlich keine Zeit haben.“ „Was ist denn jetzt wieder?“ „Wir brauchen noch die Karten für die Festspiele und dann müssen… .“ „Wir sterben und dafür sorgen, dass der Bestatter dick bleibt. Ja, ja.“ „Nicht so laut und red nicht immer so daher. Du weißt, wir müssen… .“ Er erhebt wieder die Stimme: „Gar nichts müssen wir. Ich bin im Urlaub und nicht auf der Flucht.“ Ein beschwichtigende Geste ihrer Hände: „Ja, es muss doch aber alles geregelt sein. Das geht doch vor.“ Er schaut erst ihre Einkaufsbeutel an und dann sie, mit einer Kinnbewegung Richtung Einkäufe: „Natürlich. Die Regelung geht vor. Und die Einkäufe. Nicht wahr?“ Sie schüttelt den Kopf: „Ich wollte doch nur…du weißt, ich habe nicht oft die Gelegenheit und dann muss ich eben… .“ „Eine Stunde lang nach Geschirrtüchern suchen.“ „Was soll das denn? Du hast keinen Blick für so was. Du bist doch der Ego, der jetzt unbedingt einen Kaffee trinken will, obwohl wir die Karten brauchen. Die gehen vor!“ Er schaut ihr in die Augen: „Das Einzige was vor geht, ist deine Uhr.“