Priorität

Ein Café in der Innenstadt von Worms. Einige Eindrückesammler begutachten gegenseitig ihre Ausbeute an fotografischem Material. Ein Paar in gesetztem Alter nimmt Platz im Gastraum. Er wedelt mit dem Strohhut vor seiner Stirn herum, während sie versucht die Papiertüten des vorangegangenen Einkaufes in einen stabilen Stand zu versetzen. Sie blickt sich skeptisch um, schaut auf die Uhr: „Du weißt aber schon, dass wir da eigentlich keine Zeit haben.“ „Was ist denn jetzt wieder?“ „Wir brauchen noch die Karten für die Festspiele und dann müssen… .“ „Wir sterben und dafür sorgen, dass der Bestatter dick bleibt. Ja, ja.“ „Nicht so laut und red nicht immer so daher. Du weißt, wir müssen… .“ Er erhebt wieder die Stimme: „Gar nichts müssen wir. Ich bin im Urlaub und nicht auf der Flucht.“ Ein beschwichtigende Geste ihrer Hände: „Ja, es muss doch aber alles geregelt sein. Das geht doch vor.“ Er schaut erst ihre Einkaufsbeutel an und dann sie, mit einer Kinnbewegung Richtung Einkäufe: „Natürlich. Die Regelung geht vor. Und die Einkäufe. Nicht wahr?“ Sie schüttelt den Kopf: „Ich wollte doch nur…du weißt, ich habe nicht oft die Gelegenheit und dann muss ich eben… .“ „Eine Stunde lang nach Geschirrtüchern suchen.“ „Was soll das denn? Du hast keinen Blick für so was. Du bist doch der Ego, der jetzt unbedingt einen Kaffee trinken will, obwohl wir die Karten brauchen. Die gehen vor!“ Er schaut ihr in die Augen: „Das Einzige was vor geht, ist deine Uhr.“

 

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