Geräuschpegel März 2020

Zuerst blieb die Musik weg
Gebrüll in Telefone fiel aus
das Hupen wurde weniger
nichts mehr von den Kindern
kein Lachen, kein Schreien
das Rattern der Bahnen vereinzelte sich
wie das Geratter von Kabinentrolleys

es blieben einige Schritte unruhig
immer wieder der Heulton von Sirenen
und mancher versuchte zu singen
dann schritten die Nachbarn ein

die Vögel wurden immer lauter
wie auch die Räderwerke in Uhren

das Fingergras im Fenster
wurde unser Lieblingston
ein Wispern von Wachstum
machte uns hoffnungsfroh
das noch etwas kommt

*Das Beitragsbild zeigt die Installation „Die Welt ist wie ein Puppenspiel“ des Künstlers Roland Lindner in Zeitz.

Bei Wutha ist warten

im ICE
auf was?

der eine sagt, nach Fulda geht’s
da möchte er spielen
das locke die Kinder
mit dem Rhythmus im Blut
die trommeln dann mit

auf was sonst
als die Wartburg
sagt einer
und lacht allein

dann bleiben wir ruhig
ich habe Zeit
auch wieder hier
sagt noch der Schaffner
was auch immer das heißt

Die Logik des Wortes Volkslied

Vater und Tochter kommen schwer bepackt aus einem Nebeneingang des Erfurter Shopping-Centers „Anger 1“.

–          Papa magst du Volkslieder?
–          Nein.
–          Warum?

Die Tochter bleibt stehen, schaut ihren Vater an. Er überlegt kurz, lenkt ein:

–          Kommt darauf an welche.
–          Magst du „Alle meine Entchen“?

Er stockt.

–          Aber das ist doch kein Volkslied.

Sie schaut ihn wieder an. Kratzt sich kurz am Kopf.

–          Aber was dann?
–          Ein Kinderlied.
–          Gehören Kinder nicht zum Volk?

Es arbeitet in ihm. Etwas verlegen erklärt er:

–          Na ja. Kinder sind ein besonderes Volk.

Sie schüttelt den Kopf.
–          Aber Papaaaaaa. Das stimmt doch nicht.
–          Warum nicht?
–          Wenn Kinder ein Volk sind, dann sind Kinderlieder doch Volkslieder.

Er lacht.

–          Ertappt.