Caprice

immer wenn du von der Tinte verfolgt
mit den Blättern vom Baum
und dann durch die Pfützen fielst
immer tiefer bis zum Magmakern

wenn du in Luftschiffen
auf Polarexpeditionen gingst
um mit den Eisbären zu sprechen
über Finnwale und andere Freunde

wenn du Shibuya entdecken gingst
unbemerkt mit der Menge
aus dem Rahmen liefst
wie im japanischen Holzschnitt

immer dann machten wir
aus dem Schweigen eine Burg
zogen uns in das sachte Kratzen zurück
und genossen wie sich die Worte sammelten

Warum eigentlich nicht?

Warum sollten wir nicht am Leipziger Platz

die Weltwunder suchen

Augen geworfen nach Links, nach Rechts

und jede Ampelpause macht friedlich


Warum sollten wir nicht an der Werra

laufen bis zum Wehr

mit den singenden, springenden Fischen flussabwärts

die Schwanzflossen glänzend im Licht


Warum sollten wir nicht die Sonne

auf wie Wilhelmsburg tragen

über der Stadt die Freude verschütten

Burggräben füllen mit Glück


Warum sollten wir nicht mit Sisyhpos

den Stein auf den Inselberg rollen

bis er klein und bleich im Schnee liegt

und wir rodeln dem Glühwein entgegen


Warum eigentlich nicht?

Abgeschaut: Kurt Tucholsky (1890-1935) – »Ersterbendes Gemurmel«

Allherbstlich,
wenn die braunen Blätter fallen,
fällt auch dem Dichter dies und jenes ein.
Er sieht, wie Wolken sich zusammenballen,
er hört der Völker wilde Streiterein …
Der deutsche Dichter kratzt sich an den Waden
und fängt sich still den letzten Sommerfloh;
und denkt: du könntst dich auch mal wieder baden
und überhaupt und so …

Ich bin ein Preuße. Pfui auf die Verneinung!
Ich lob die positive Position.
Und ich besitz das Recht der freien Meinung
in Wort und Bild und auch im Grammophon.
Ich sage, was ich will, und sag es feste,
am Stammtisch sag ichs und im Wahlbüro.
Stolz sag ichs und mit einer weiten Geste:
» … und überhaupt und so …«

Ich wohnte schon in vielen, vielen Zimmern,
am Meer, in Bukarest, in Großenhain;
und immer hört ich eine Jöhre wimmern,
ein Schreihals muß in jeder Straße sein.
Dann mach ich mir so allerhand Gedanken,
zum Beispiel über unsern Reventlow –
Die kleinen Kinder haut man auf den blanken
und überhaupt und so …

| aus: Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke. Bd. 1 1907 -1918, Rowohlt, 1993. S. 565. – zuerst in: Die Weltbühne, 26.09.2018, Nr. 39, S. 297. (Als Theobald Tiger)

Abgeschaut: Konstantinos Kavafis (1863-1933) – Wenn es sich aufreckt

Versuch, Poet, dies Etwas festzuhalten,

Ganz gleich, ob es dann nur der Abglanz ist:

Der Sinnlichkeit verschiedene Gesichter,

Laß sie versteckt aus Deinen Sätzen blicken –

Versuch´s, Poet: Setz sie in Deinen Sätzen fest,

Wenn es sich aufreckt hinter Deiner Stirne

Nachts oder in des Mittags grellem Licht.


| Kavafis, Konstantinos: Gedichte. Insel, 1979. S. 35.

Der Tag wird schon kommen.

Geboren sein, um vom eigenen Tod zu leben!

César Vallejo – Wenn man bedenkt

Stehe Tinte schwitzend

Greife in deine Augen

Ziehe das Herz aus deinem Leib

Packe dir dafür den Schmerz hinein

Halte durch!

Vielleicht erleichtert dich ein Lachen

Wenn ich stolpere beim Gehen.

Gleiten

Tram oberhalb des Staubs
klettere auf einen Halm
hier greift dich der Wind
erhebend die Luft unter den Flügeln
treibe bis zum Steig

hier standen die Menschen
schwer vom Denken
bis ihre Kalender vorbei waren
das Licht machte den Letzten aus

uns weist es den Weg

Wilde Zeiten

unter dem kreisenden Milan
tritt er in die Sonne
die Augen beschirmt
in seinem Vorgarten die Äpfel
daran vorbei tritt er zur Garage
und da hochglanzpoliert steht sie und wartet
fahren darf er nicht mehr
er schiebt seine Suhler Queen vor das Tor
da kneift es im Rücken

er zuckt zusammen
legt die Hand an den Lenker
sofortige Straffung in allen Zellen
Gänsehaut, Schwalbenhaut wie er es nennt
und der Schwung der Beine
schon sitzt er
die Schmerzen im Rücken als Sozius
nur den Helm lässt er weg
wie er so unter der Sonne steht
summt er schmissige Lieder

Short VII – Sturz

Jetzt sind sie alle übereinandergestürzt

Vertrieben durch den Marmorkopf vom Alten Fritz

Segeln die Bände und blättern sich zusammen

Da landet der Ermittler aus Berlin in Istanbul und wird aus Venedig gegrüßt

Hier geht es ja zu wie bei der ARD denke ich und sortiere meine Mediathek neu.

Wir Sitzen im Bach

Wenn am Abend die Biber schlafen
gegen die Strömung träumen sie an
und dann wird gebaut
sie schaufeln und wir
machen es uns gemütlich
ist ihr Bau und wächst
uns ins Herz schaufeln sie
gegen die Strömung träumen wir an
den Abenden sitzen wir gemeinsam

Short V – Bachstraße

In der Bachstraße stehen wir

Und fangen den Wind mit unseren Träumen

Zwischen den Waggons der Bahn westwärts

Liegen und den Schotter ertragen

Und den Blick an die Bäume heften

Ob sie nun da sind oder Nicht

Über uns werden die Fenster verfunkelt.