Grün

Ein Verbrauchermarkt in der Erfurter Krämpfervorstadt. Ein Gespräch zwischen zwei Veteranen des Bierkaufes wird lautstark geführt. Sie sprechen von Nachhaltigkeit und der Notwendigkeit einer grünen Lunge für die Stadt.

– Hast du eine Ahnung, warum die immer so rumblöken? Mit dem Grün und dem ganzen Kram dahier. Ökö?
– Nein, gefällt mir auch gar nicht. Ökö-Aufkleber drauf und es ist teuer.
– Sag ich ja und Aufkleber machen auch nicht grün.
– Na, die sind ja immer grün.
– Ne, aber was ich meine. Guck doch mal draußen die Straßen. Alles voll mit Autos. Parkplätze null. Können doch Hanseplatz und vorne den Dings, na, ach..
– Leipziger Platz?
– Ja, den auch. Einfach wegmachen und Parkplätze hin. Gut für jeden. Auto hin und fertig. Stadt spart Geld muss nicht Gras pflegen und den Brunnen da, kann ich auch nicht mehr sehen.
– Aber alles Grau? Geht doch auch nicht. Bisschen Grün braucht es doch.
– Na in der Leipziger stehen doch die Bäume und dahier die Spielplätze und Sportplätze und so. Sind auch da.
– Aber unsere Bank auf dem Hanseplatz.
– Na, die ist dann auch weg. Egal. Wir finden eine neue. Aber hör was ich sag, solange es Fußball gibt, gibt es in Städten hier in Deutschland auch Grünflächen.

Man nickt sich zu. Man sprach ein großes Wort gelassen aus.

Kunst des Danach?

Ich lese Nachrufe. Viele Nachrufe werden geschrieben, gedruckt. Sie erzählen immer von einem Menschen, der in der Öffentlichkeit geliebt und bewundert wird. Er oder sie spielte in Filmen, die andere rührten. Er oder sie sang die Hymne einer Generation, einer Bewegung. Er oder sie sammelte Preise und Ovationen. Er oder sie.

Er oder sie? Wer war er? Wer war sie?

Ist da vielleicht mehr als die Zahl der Kinder, die, hinterlassen wie sie sind, in einer Ziffer subsumiert wenig Wirkung haben. Mehr als die Frau oder der Mann, der, hinterlassen wie er/sie ist, manchmal einen Namen trägt, der später auch einmal in einem Nachruf erscheinen wird?
Ich lese Nachrufe. Sie ärgern mich. Sie erzählen mir das, was ich wissen kann. Sie erzählen wir das, was ich vielleicht schon weiß. Das ganze Äußere. Ärgert es mich von den gegangenen Personen kein tieferes Wissen zu haben? Ärgert mich diesen Personen nicht nahegekommen zu sein? Ärgert mich mein Narzissmus, das Fehlen von Larmoyanz, die schiere Anwesenheit der Information über einen alltäglichen Vorgang? Liegt der Fehler bei mir? Warum interpretiere ich eine Würdigung als Verwaltungsakt? Ärgert mich, dass ich eigentlich nicht weiß, warum mich überhaupt etwas ärgert?
Es liegt wohl kaum am Journalisten, dem Redakteur, wenn eine Erinnerung wirkt wie eine Sammlung von Fakten. Es liegt wohl kaum an mir, wenn ich diese Fakten wahrnehme, sie verarbeite, abgleiche mit dem, was ich möglicherweise bereits von der gegangenen Person wusste/konsumierte? Es ist die Textform Nachruf, die, wenn kein enges persönliches Verhältnis zwischen der verstorbenen Person und dem Schreibenden bestand, eine Reihe von Konventionen vorgibt, um eine sachliche und professionelle Verarbeitung eines Sachverhaltes zu ermöglichen. So macht diese Art des Schreibens einen natürlichen Vorgang kommensurabel, der durch emotionale Färbung zwar persönlich Angreifen und Anregen kann, den Leser jedoch von dem wegführt, was den Menschen in die Position brachte einen Nachruf zu bekommen. Das Wirken eines Prominenten ist ein betrachtenswerter Sachverhalt. Der Tod eines Prominenten ist ein betrachtenswerter Sachverhalt.

Diese einfache Lehre sollte ich verinnerlichen: Den Tod nicht über das Leben zu stellen.
Ich werde weiterlesen und nicken, wenn ich das Gefühl bekomme, ein Gefühl zu bekommen.

Berufung

Derweil in Erfurt:
Buslinie 9 verlässt einmal mehr die Haltestelle Geschwister-Scholl-Straße. Ein Lesender steht im Fahrzeug. Die Fahrkarten werden kontrolliert: „Junger Mann, schämen Sie sich. Schämen Sie sich. Schämen Sie sich. An einem Ort, mit diesem Namen. Schämen Sie sich.“ Der Lesende blickt fragend auf. „Darf ich fragen…?“ „Nein dürfen Sie nicht, schämen Sie sich. Nazibücher in der Öffentlichkeit! Packen Sie das Buch weg oder ich lasse Sie den Rest Ihrer Strecke laufen, dann können Sie über Ihr Handeln nachdenken“ „Das ist Ernst Jünger, er…“ „Ich weiß, ein Nazi. Buch weg. Schämen Sie sich.“ Der ehemals Lesende, jetzt Schreitende, stieg freiwillig aus.

Verwicklung – Kürzestdrama

Josef: Allein?
Gretel: Er.
Josef: Zieh!

– Ende –

Inspiration

Wie immer werktags gegen 18.00 Uhr ist der Regionalexpress zwischen Jena und Erfurt gut gefüllt. Fahrradkohorten und eine Dänische Dogge tragen ihr Übriges bei zur Verschärfung der Situation. In Weimar drängelt sich ein junger Mann durch die dichtgeschlossenen Reihen. Er ist schlank, trägt einen 3-Tage-Bart, Skinny Jeans. Insgesamt der Typ Soft-Hipster. Bei einer jungen Frau, die bereits die gesamte Fahrt über mit großer Bangigkeit ihren Rollkoffer fixiert hält, trifft er auf ein besonderes Hindernis. Er hebt seine Tasche an, lehnt den Oberkörper leicht nach vorne, schiebt behände das linke Bein an ihrem Leib vorbei. Was nun folgt, rechnete er nicht ein. Die junge Frau putzt sich die Nase. Dabei kommt es zu einer ruckartigen Lageveränderung ihres Oberkörpers. Vehementer noch ihr Aufschrei ob der ungewollten Nähe fremder Gliedmaßen.

– Sagen Sie, was fällt Ihnen ein?
– Ein Gedicht.
– Wie, ein Gedicht. Wollen Sie mich verarschen?
– Ich ging im Zug so für mich hin/ ihn zu verlassen war mein Sinn/doch ist im Weg die holde Maid/nicht nur ihr Koffer ist sehr breit.

Schneller als sich die Mimik der jungen Frau an das Gehörte anpassen kann, ist der Künstler breits auf der Treppe, steht auf dem sicheren Weimarer Boden. Barocker Vergeltung konnte er so entgehen.

Auslegung

Elias Cupcake: Hey.
Justin Dustin: Hej.
Elias Cupcake: Wie gayts?
Justin Dustin: Geht.
Elias Cupcake: Waschlos?
Justin Dustin: Allein.
Elias Cupcake: Kenn ich. So schlimm?
Justin Dustin: Ja schon.
Elias Cupcake: Sorry.
Justin Dustin: Ja so übel. Wenn meine linke Hand dazu kommt, nenne ich es Orgie.
Elias Cupcake: Hahahahaha.

Photoshop

Conny Krümelcore: Schon wieder ein bearbeitetes Foto?
Arthur Zwiebelthrone: Ja und.
Conny Krümelcore: Lappen. Warum machst das immer?
Arthur Zwiebelthrone: Y not?
Conny Krümelcore: Weil es halt nervt. Zeig dich doch wie du wirklich aussiehst.
Arthur Zwiebelthrone: Hab ich doch.
Conny Krümelcore: Denke das Bild ist gefaket.
Arthur Zwiebelthrone: Ja.
Conny Krümelcore: Waschnu? Ja oder nein.
Arthur Zwiebelthrone: Jo, ich habe das Handy gefaket.
Conny Krümelcore: Das I-Phone? Warum das.
Arthur Zwiebelthrone: Hab gar kein I-Phone. Nur ein Huawei.
Conny Krümelcore: Oh, aso. Da versteh ich den Fake.

Persönlichkeitsveränderung

Eine Veränderung meiner Persönlichkeit wurde angesprochen:
– Du hast dich verändert.
– Habe ich nicht bemerkt.
– Doch, du bist nicht mehr so witzig.
– Ich war witzig?
– Ja, aber jetzt nicht mehr.
– Und was ist anders als früher?
– Du machst gar keine Smileys mehr in deine Nachrichten.

Die Schönheit von Erfurt

Auf dem Weg zum Petersberg, dem klassischen Treffpunkt der Erfurter in der Silvesternacht, unterhalten sich zwei Zugereiste über die Vorteile der Stadt.
– Ich find Erfurt ja schon gut.
– Jo, mir gefällt es auch so.
Er zündet eine Rakete, lässt sie aus seiner Hand starten.
– Ich meine, hier oben guter Blick, so auf die ganze Stadt und Feuerwerk.
– Jo, aber ich mein was ganz anderes. Ist erst später wichtig.
– Was meinst?
– Beim Kotzen dann.
– Was hat die Stadt mit Kotzen zu tun?
– Pass auf…
Er nimmt einen Zug aus der Flasche Goldene Aue Saurer Apfel. Holt mit den Armen weit aus.
-…wenn du in Erfurt kotzt, dann ist das gut.
– Verstehe nicht.
– Jo Bro, weil wenn du hier kotzt, siehst du schöne Häuser dabei.
– Und was ist da jetzt gut dran?
– Das war das Gute.
– Verstehe ich nicht.
– Dann pass auf…
Er nimmt einen Zug aus der Flasche Goldene Aue Saurer Apfel. Holt mit den Armen weit aus und schaut sich um.
-…wenn du hier kotzt, dann kotzt du nicht im Ghetto. Heißt halt, es liegt nicht am Ort.
– Aha, und?
– Du Lappen. Wenn du hier kotzt, ist es halt wirklich, weil du zu bist.
– Ah, verstehe. Hand drauf.

Saubert

Ein letztes Mal sind wir auf einem Weihnachtsmarkt. Heute in der Bachstadt Eisenach. An einem beliebten Glühweinstand diskutiert die Ausschenkerin mit ihrem Nachwuchs.
– Oh, warum können wir denn nicht noch einen trinken?
– Jetzt geht endlich, ihr steht schon seit gestern Abend hier und sauft meine Einnahmen weg.
– Wir trinken doch kaum was.
– Verschwindet endlich. Die Leute gucken schon.
– Ja, weil wir dursten müssen.
– Diskutiert nicht, haut ab. Und duscht endlich mal. Ich stehe hier neben dem Glühwein und einem Fischstand und alles was ich rieche, seid ihr.
Die Jungs gehen. Ein Passant gibt noch seine Meinung zum besten.
– Richtig so, junge Frau. Wenn meine Kinder stinken, schicke ich sie auch immer unter die Dusche.