Kunst des Danach?

Ich lese Nachrufe. Viele Nachrufe werden geschrieben, gedruckt. Sie erzählen immer von einem Menschen, der in der Öffentlichkeit geliebt und bewundert wird. Er oder sie spielte in Filmen, die andere rührten. Er oder sie sang die Hymne einer Generation, einer Bewegung. Er oder sie sammelte Preise und Ovationen. Er oder sie.

Er oder sie? Wer war er? Wer war sie?

Ist da vielleicht mehr als die Zahl der Kinder, die, hinterlassen wie sie sind, in einer Ziffer subsumiert wenig Wirkung haben. Mehr als die Frau oder der Mann, der, hinterlassen wie er/sie ist, manchmal einen Namen trägt, der später auch einmal in einem Nachruf erscheinen wird?
Ich lese Nachrufe. Sie ärgern mich. Sie erzählen mir das, was ich wissen kann. Sie erzählen wir das, was ich vielleicht schon weiß. Das ganze Äußere. Ärgert es mich von den gegangenen Personen kein tieferes Wissen zu haben? Ärgert mich diesen Personen nicht nahegekommen zu sein? Ärgert mich mein Narzissmus, das Fehlen von Larmoyanz, die schiere Anwesenheit der Information über einen alltäglichen Vorgang? Liegt der Fehler bei mir? Warum interpretiere ich eine Würdigung als Verwaltungsakt? Ärgert mich, dass ich eigentlich nicht weiß, warum mich überhaupt etwas ärgert?
Es liegt wohl kaum am Journalisten, dem Redakteur, wenn eine Erinnerung wirkt wie eine Sammlung von Fakten. Es liegt wohl kaum an mir, wenn ich diese Fakten wahrnehme, sie verarbeite, abgleiche mit dem, was ich möglicherweise bereits von der gegangenen Person wusste/konsumierte? Es ist die Textform Nachruf, die, wenn kein enges persönliches Verhältnis zwischen der verstorbenen Person und dem Schreibenden bestand, eine Reihe von Konventionen vorgibt, um eine sachliche und professionelle Verarbeitung eines Sachverhaltes zu ermöglichen. So macht diese Art des Schreibens einen natürlichen Vorgang kommensurabel, der durch emotionale Färbung zwar persönlich Angreifen und Anregen kann, den Leser jedoch von dem wegführt, was den Menschen in die Position brachte einen Nachruf zu bekommen. Das Wirken eines Prominenten ist ein betrachtenswerter Sachverhalt. Der Tod eines Prominenten ist ein betrachtenswerter Sachverhalt.

Diese einfache Lehre sollte ich verinnerlichen: Den Tod nicht über das Leben zu stellen.
Ich werde weiterlesen und nicken, wenn ich das Gefühl bekomme, ein Gefühl zu bekommen.

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