Wie der alte Hooker

I’m in a mood
Spangen aus Haaren reißen
die Wolken zählen über dem Meer
in einem Horrorfilm weinen

in a mood
Bäume fällen mit dem Teelöffel
dem Blick eines Kindes standhalten

a mood
eine Grille fangen
auf der Autobahn
sie aussetzen und warten
bis sie springt

mood
eine Narbe im Gesicht tragen
statt eines Freundes
einem Falken den Rücken zudrehen

Mut
einem Japaner in Weimar
den Fischerhut klauen

Der letzte Ichthyosaurus

Die freien Tage zu Pfingsten luden ein die weitere Umgebung zu erkunden. Ein beliebtes Ziel ist der »Gottesgarten«, wie Viktor von Scheffel (1826-1886) die Landschaft um Bad Staffelstein nannte. Hier am Obermain liegen das auf einem Bergsporn errichtete Kloster Banz und die den 14 Nothelfern geweihte Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen. Trotz der reichen Barockausstattung der von Balthasar Neumann (1687-1753) errichteten Basilika Vierzehmheiligen, ist es das unscheinbare Museum in Kloster Banz, welches mit einem besonderen Kleinod die Aufmerksamkehit auf sich zog.

In der dortigen Petrefaktensammlung (Fossiliensammlung) findet sich ein in seiner Schwermut kaum übertreffliches Werk über das Schicksal des letzten Ichthysosarus aus der Feder des Viktor von Scheffel:

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Möchten sie mehr wissen?

> Kurzbiograpghie und weitere Werke von Viktor von Scheffel auf Projekt Gutenberg
> Wikipediaeintrag zum Ichthyosarus
> Museum Kloster Banz

So konnten wir nicht weitergehen.

Dieser alte Riesenbau in der Uhlworm, den du mit zeigen wolltest, natürlich stand er noch. Mauern so wehrhaft, bis die Fallen, steht in der Umgebung kein Stein mehr auf dem anderen. Irgendein Investor hatte auch einmal große Pläne gehabt. Ein Tagungs- und Begegnungszentrum sollte wohl entstehen. So ganz genau weiß man es nicht. Du zeigtest mit deinen spillerigen Armen auf das Schild. Verwaschen und verfalbt von 15 Jahren Stadt. Aber warum gerade hierher? Konnten wir nicht wie alle anderen in eine Bar gehen, einen Pub? Warum sollte unser zweites Treffen auf einem abgesperrten Baugrundstück stattfinden? Wir suchen Lücken, schwache Elemente im mannshohen Bretterzaun. Und ehe ich noch dem Mund öffnen konnte, warst du schon durch eine Spalte geschlüpft. Ich konnte dich nur noch erahnen. Zu leicht der Klang deiner Schritte. Dann deine Stimme und Anweisungen. Wir gingen nebeneinander, getrennt von 1,5 Zentimetern Holz in einem leichten Blauton. Hin und wieder sah ich ein Stück Sohle oder ein Paar Fasern Hosensaum. Du redetest mit mir, damit ich den Mut nicht verlor. Ein Eingang für mich in deine Welt, es musste ihn geben. Das Ende des Weges. Wir kehrten um. Wieder nur Sohne und Hosensaum. Eine besonders große Öffnung ließ mich deinen Oberschenkel erblicken. Deine Stimme zog mich noch immer. Es war doch nur etwas Holz. Bretter nebeneinander gezimmert und schlecht gestrichen. Meine Tritte und Schläge brachten keinen Erfolg. Du wolltest das auch nicht. Wenn ich zu dir käme, dann sollte es still und friedlich sein, wie du selbst. Was mir blieb war Klettern. Aber auch sagtest du nein. Du wusstest einfach, dass es einen Weg geben musste. Auch jetzt näherten wir uns wieder dem Ende des Weges. Über den Brettern deine Fingerspitzen sichtbar. Deine Lockrufe zogen mich über den Kies der Gehbahn. Gegenüber, auf einen Rollator gestützt, ging eine ältere Dame im Gespräch mit sich selbst. Sie war zu sehr mit sich beschäftigt um zu registrieren, wie gierig ich diesen Zaun anstierte.

David OReilly – »The external world«

Vor einigen Wochen sah ich erstmals einen Animationskurzfilm von David OReilly im Rahmen der Reihe »Kino Dynamique« im Kunsthof Jena. »Please say something« zeigt die hochkomplexe Gefühlswelt des Zusammenlebens. Die Figuren, eine weibliche Katze und ihr Lebensgefährte, eine männliche Maus, kämpfen sich durch den Alltag zwischen Selbstbezogenheit und Aufmerksamkeit für den Gegenüber. Wenn sich der erste Eindruck der possierlichen Animation gelegt hat, zeigt sich vor allem in Introspektiven, wie sich die Gefühlswelt der Protagonisten voneinander entfernt, um schon im nächsten Moment wieder zueinander zu finden.

Einen Schritt weiter geht »The external world«. Episodenartig wird die Entgrenzung des Individuums durch Gesellschaft und Medien thematisiert. Was OReilly hier zeigt, ist nicht weniger als das Mittendrin im Nebendraußen. Mit eiskaltem Blick lässt er seine Protagonisten in ihrem Nebeneinander aneinander vorbei darben, ohne ihnen die vollendete Hoffnungslosigkeit vorzusetzen. Der Alltag bietet Erfolge, kleine, manchmal.

THE EXTERNAL WORLD

MÖCHTEN SIE MEHR WISSEN?

| Kunsthof Jena
| Kino Dynamique Jena

| David OReilly auf YT
| David OReilly

Phantasmagorie/Oral

eingekuschelt in deine Hirndecke
als magensaftresistende Phantasie
klopfte ich an deinem Kehlkopf
eine Stimmbänderdehnung hervor
vibrierte recht schmerzhaft
mit an deine Zähne
und immer dagegen
setzte Kiefernadeln an
erreichte nur Zahnfleischbluten
und Spucken von
Rotz im Rachenraum gepaart
mit Speichel, Sputumgeschoss
und zarte Fäden an deiner Lippe
nicht einmal kräuseln konnte ich die
so schnell lag ich ausgespien

Verheißung

auf dem Gehweg ein Maxi Cosi
unter Himmel trüb
das Fleischkäsebrötchen in der Hand
der Mutter noch satt
das Schlendern nur Versuch
wie könnte man hier
zwischen Parkplatz und Brache
flanieren die Wühlmäuse
kein Baum für den Kleiber
kopfüber hinunterzusteigen
die lila Strähne von Mama war schon frischer
dort hinter den Hügeln
da ist Oberhof
da arbeitet Papa im Hotel

Lesen auf »1000Zeichen.de«

Die lieben Kollegen von 1000Zeichen.de haben meine Prosaskizze »Lesen« veröffentlicht. Die Gelegenheit möchte ich nutzen um euch das Projekt ein wenig näher vorzustellen.

Was ist 1000 Zeichen.de?

Ein Literaturblog. Jeden Tag gibt es einen neuen Text, der genau 1000 Zeichen lang ist. Andere thematische und formale Einschränkungen gibt es nicht.

Jeden Tag exakt 1000 Zeichen. Das ist die einzige Regel.

Wer kann mitmachen?

Im Grunde jeder. Sendet euren Text einfach an 1000zeichen@gmx.de. Die Redaktion sucht sich die Besten heraus und wird sie auf dem Blog präsentieren. Sucht euch ein Thema und schreibt los. Nur eine Regel: Genau 1000 Zeichen Umfang darf der Text haben (inkl. Überschrift und Leerzeichen).

Wer ist dabei?

Neben der Redaktion Lena Steeg, Sebastian Dalkowski, Kim Frank, Nilz Bokelberg, Clara Ott, Tobias Jochheim, Katrin Theiner, Carolin Hafen gehören Gastautoren fest zum Projekt. Das ist euer Platz. Als Gastautoren haben bereits Markus Ertle, Stefan Petermann, Matthias Roth und Atze Schröder Beiträge geliefert.

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Lesen

Nach meinem Tod hatte ich endlich wieder Zeit. Bolano, Johnson, Dostojewski. Es war ein kleiner Preis. Ein Umzug. Ein fingierter Unfall. Ja, ich weiß, der Abbruch aller Beziehungen. Aber ich gewann die Literatur zurück. Keine Anforderungen am frühen Morgen. Keine Zwitschereien, Daumenorgien oder Selfies. Ich konnte mich zurücklehnen, die Recherche lesen, ohne Angst, etwas Unnützes zu tun. Welch Wohltat.

Ich stand auf und wusste: Der Tag war da. Auf Arbeit ging ohnehin alles vor die Hunde. Meine Beziehung bestand aus gegenseitigen Mitleidsverweigerungen. Ein Stück jagte ich den Wagen aus der Stadt heraus. Es tat gut, ihn noch mal gnadenlos in den Begrenzer zu jagen. Ich parkte den Wagen am Wald und verteilte mit einer Menge mitgebrachter Schuhe verschiedene Fußspuren. Mit einem Schnitt in die Hand konnte ich etwas Blut mit ins Spiel bringen. Ich hinterließ ein Buch von John Irving. Ein bestelltes Taxi stand an einem ausgemachten Treffpunkt bereit. Macht euch keine Sorgen, ich lese noch.

Rückkehr

Ahoi. Ich habe euch lange ohne einen Ton auf diesem Blog sitzen lassen. Neue Arbeit, neue Projekte. Aber hier bin ich doch zuhause. Ich habe einige neue Miniaturen in Vorbereitung und auch ein oder zwei Fotostrecken sind auf dem Weg. Heute möchte ich die Gelegenheit auch einmal nutzen um auf ein kleines Bändchen hinzuweisen:

»In Paris« – vom wunderbaren Mario Osterland. Frisch erschienen als E-Book -> https://minimore.de/shop/mario-osterland-paris/ |

Natürlich auch als Print in der Parasitenpresse: https://parasitenpresse.wordpress.com/2014/07/05/rezension_in_paris/ |

In seinen Prosagedichten durchstreift er Paris nicht. Er streift es über, streift es ab, zeigt es gestreift und wie einen Streifen. Dennoch bleibt dem Leser immer genug Raum einen Platz zu imaginieren, auch wenn er ihn noch nicht gesehen hat. Die Mischform wird hier nicht etwa genutzt um den Umgang mit dem Medium Sprache zu verdeutlichen. Vielmehr ist es der Fokus auf die sinnliche Wahrnehmung des Raumes mit seinem Spannungsfeld der gegenseitigen Einflussnahme – Raum vs. Wahrnehmung, Wahrnehmung vs. Raum, der nicht nur Mauern und Gänge zum Reden bringt, sondern auch Passagen durch die Assoziationswelt des Spaziergängers schlägt.

Kaya und Cocker

Am Hauptbahnhof Eisenach werden die letzten Einkäufe vor Weihnachten verräumt. In der Regionalbahn Richtung Halle liest man Zeitung und diskutiert über die Themen der Zeit. »Erst der Jürgens, dann der Cocker, echt traurig.« »Den Jürgens finde ich nicht so schlimm, aber Cocker, das ist hart. Aber er hatte ja Krebs. Vielleicht ja auch gut, da steckste nicht drin.« »Ja, hoffentlich war es nicht so schmerzvoll.« »Die Erika hat ja auch Krebs.« »Welche Erika?« »Die vom Seniorenclub.« »Die? Die war doch immer so gesund« Das Schütteln zweier weißer Köpfe. »Ja, ja, so ist das. Heute noch so und morgen schon so.« »Na ja, wenigstens gibt es auch noch Kinder. Wie das vom Klitschko. Kara oder so.« »Nein, Kaya Klitschko.« »Ja, wa. Was immer für komische Namen.« »Mein Enkel sagt immer Klitschkoskaya, so kann ich mir das auch merken.« Hohes Lachen aus zwei Mündern. Sie schütteln sich. »Der Name heißt ja ›Große Schwester‹, der will noch mal nachlegen«. »Hast du die Frau gesehen? Die Kugel war ja schon so groß, als wollte die platzen. Also kommt da noch was rein, ist schon Platz da.« »Klitschko nacht eben keine halben Sachen.« »Aber gleich wieder? Wäre ich dem seine Frau, der könnte aber was hören.« »Bist du aber nicht. Lass sie doch, wenn noch was vom Mutterkuchen da ist.« Unser nächster Halt ist Mechterstädt. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. »Sind wir schon wieder da.« »Grüß mir die Erika. Ich kann sie ja mal besuchen.« Sie gehen langsam, geben sich die Hand. Jeder trägt seine Ladung allein.

„Ich bin generell eher ein Langstreckenläufer.“ – SteglitzMind stellt Helge Pfannenschmidt mit seiner edition AZUR vor

Ein sehr gelungenes Portrait zu einem sehr lieb gewonnenen Verlag und einem Macher von ganzem Herzen.

Avatar von Gesine von PrittwitzSteglitzMind

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute erfahren wir etwas mehr über Helge Pfannenschmidt und seine edition AZUR. Vorgeschlagen hatte das Barbara Miklaw vom Mirabilis Verlag.

Eine Skizze vom Verlag…

Die edition AZUR mit Sitz in Dresden wurde 2005 als Imprint des Jenaer Glaux Verlags gegründet und ist seit Anfang 2009 ein eigenständiger Verlag. Pro Jahr erscheinen 4-5 wunderschön gestaltete Bände mit Lyrik und…

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