Adventskalender Tür14* – AdElbert von Chamisso (1781-1838) – »Das Kind an die erloschene Kerze.«

Du arme, arme Kerze,
    Giebst fürder keinen Schein,
Erloschen ist so schnelle
Dein Licht, das freud’ge, helle,
    O mußt‘ es also sein!
Du arme, arme Kerze,
    Giebst fürder keinen Schein!

’s ist nicht, weil ich nun weilen
    Muß in der Dunkelheit!
O brenntest du nur immer,
Und gäb‘ dein lieber Schimmer
    Nur Andern Freudigkeit!
’s ist nicht, weil ich nun weilen
    Muß in der Dunkelheit!

Du arme, arme Kerze,
    Giebst fürder keinen Schein!
’s ist nicht, weil ich alleine
Im Dunkeln bin und weine,
    Ich bin ja gern allein!
Du arme, arme Kerze,
    Giebst für der keinen Schein!

  • 24 adventlich, weihnachtlich, winterliche Gedichte von 24 Autoren bis Heiligabend.

Reisen

Sommer nahe der Bahn
an taubgestandener Industrie
Ziegelbau in Weißenfels
Bäume gewurzelt im Dachgebälk
des gurrenden Mauerwerks

neben der Rollkoffertrasse
ein stromerndes Kind
zerrt an der Schafgarbe vergeblich
der Alte daneben macht auf Big Ben
und summt standhaft das eine Lied
das er kennt

am Bahnsteig gegenüber ein Fuchs
verbliebener Fahrgast
zwischen Moos und Schachtelhalm

das Reden vom Reisen
macht die Welt weit

im nächsten Jahr vielleicht
wie der Fuchs
Richtung Süden allein

Schlafen

Der Weg zum Hauptbahnhof. Im Bus sitzt eine schlanke Frau, ungefähr 30 Jahre alt. Ihre Tochter (5) trägt eine riesige Mütze und einen weißen Schal an dem sie immer zieht. Die beiden reden von der anstehenden Zugfahrt, die sehr lang werden wird. Das Mädchen gibt sich besorgt: „Was ist wenn ich einschlafe?“ „Nein, du wirst nicht einschlafen, was soll ich denn dann machen?“ Die Mutter scheint wirklich betroffen von dieser Aussicht. „Aber was ist, wenn ich schlapp bin?“ „Du bist doch nicht schlapp, oder?“ „Na jetzt nicht, aber bald bestimmt.“ Die Mutter überlegt einen Ausweg. „Aber du hast doch schon lange keinen Mittagsschlaf gemacht.“ „Da bin ich ja auch nicht Zug gefahren“ „Na pass auf! Wenn du einschläfst, dann besorge ich einen Kinderwagen und fahre dich durch die Stadt, dann lachen dich alle aus, weil so ein großes Kind im Kinderwagen sitzt.“ Das Mädchen schüttelt den Kopf: „Die lachen dann dich aus, weil du so eine komische Idee hattest und so sehr schwitzt wenn du mich schieben musst.“