Wortspiel

Der Sandmann sitzt wie immer mit dem Rücken zu Gera. Neben ihm auf der Bank ein Halbwüchsiger mit Pilotenbrille. Er notiert etwas in sein Notizbuch. Ein Freund schaut ihm fragend über die Schulter. „Was schreibst du immer auf?“ „Was mir so einfallt.“ „Ach. Und was?“ „So Worte.“ „Aha. Und was da so?“ „Wortspiele.“ ?_? „Was?“ „Hier. Gestern bin ich colabiert.“ „So schlimm war es doch gar nicht.“ „Cooooolaaaabiert. Verstehste? „Ne? Ist das witzig?“ „Ja. Eigentlich schon.“ Der Freund fängt an zu lachen: „Ach so.“

Wandel

Die Sonne umscheint Bad Sulza. Nach einer Diskussion über die Qualität des Saale-Unstrut-Weines, beginnen die Herrschaften über ihre Ortschaft zu diskutieren. „Nein, früher war nicht alles besser.“ Den Zeigefinger erhebend: „Aber alles anders.“ Nickend: „Ja, alles anders.“ „Weißt du noch, wie wir angefangen haben?“ Kopschüttelnd: „Da war ich noch gar nicht da.“ „Ach, da warst du noch gar nicht da.“ „Nein.“ „Wann bist du hergezogen?“ „92.“ „Ach. So spät. Dann weißt du nicht wie wir angefangen haben.“ „Nein.“ „Damals waren wir Sommerfrische.“ „Schönes Wort.“ „Ja, so Wörter gibt es heute nicht mehr.“ „Wenige.“ „Wie sich die Leute immer freuten, wenn der hohe Besuch kam. Tja, das war mal.“ „Ja, aber jetzt ist doch auch noch schön.“ „Ja, aber keiner sagt mehr Sommerfrische.“ „Ja. So schöne Wörter gibt es nicht mehr.“ „Wenige.“ „Ja, alles ist anders.“ Den Zeigefinger erhebend: „Aber nicht besser.“ „Nein.“ „Nur anders. Früher Sommerfrische, heute Wellnest.“ „Kein schönes Wort.“ „Nein.“

Vergleiche

Der kühle Wind macht die Ärmel wieder lang. Neben einem Papiercontainer stehen zwei Herrschaften mit Hund. Meinungsverschiedenheiten führen zu lautstarken Wortwechseln. „Das kannst du doch nicht tun!“ „Und ob ich kann.“ Der Hund hebt das Bein. Man mustert sich gegenseitig: „Warum denn nur?“ „Weil du wie eine Schleckerfiliale bist. Grau und abgenutzt.“

Wetterphänomen

In Nordhausen am Busbahnhof wartet eine Traube Menschen. Zwei reden über den Alltag: „Sophie war wieder kalt gestern.“ „Warum? Hat sie dich nicht rangelassen? „Nicht doch, ich meine die Eisheilige.“ „So schlimm ist es bei euch?“

Schock

Linie 9 ist leicht verspätet. Haltestelle Geschwister-Scholl-Straße. Kurzes Gedränge. Eine laute, aggressive Bekanntgabe. Die Fahrgäste mustern schockiert eine ältere Dame, die temperamentvoll Meinungsverschiedenheiten mit ihrem Lebensgefährten austrägt. Die Nachfrage bei meinem Nebensteher fördert den Grund der kollektiven Entgeisterung zutage. Die Frau hatte tatsächlich geäußert: „Du bist aber kein Glücksbärchie!“  

Zusammenhänge

Nach einem wichtigen Meisterschaftsspiel: „Seit gestern habe ich was gegen Naturschützer.“ „Warum denn das schon wieder?“ „Die haben doch was gegen das Töten von Robbenbabies.“ „Und?“ „Wer hat gestern den Elfer verschossen?“

Arbeitsteilung

Zurück in Weissenfels. Der Himmel glanzlos. Angestrengt starrt der Lokführer aus dem engen Fenster seiner Kabine über den Bahnsteig und wartet auf das Signal des Zugbegleiters. Geschäftig auch dieser. Er läuft strammen Schritts in Richtung des nächsten Triebwagens. Als eine Traube ehemaliger Fahrgäste an ihm vorbeizieht, hält er inne und schaut den Menschen nach. Nach einem kurzen Augenblick äußerster Angespanntheit nimmt seine Mundpartie einen „Nicht übel!“ Ausdruck an und er hebt den Daumen. Der Lokführer, nun seines Wartens enthoben, lockert ebenso seine Miene, ändert erwartungsfroh seine Blickrichtung. Nachdem die Brünette mit der engen Jeans aus seinem Gesichtsfeld verschwindet, hebt auch er die Hand – Zeigefinger und Daumen zu einem „O“ geformt. Zufrieden schließt er das Fenster und das Fahrzeug spurtet seinem Fahrplan nach.

Weissenfels

Am Bahnhof Weissenfels schaut ein Junge über die Gleise, er schüttelt den Kopf. „Warum ist das Haus dort leer?“ Er zeigt auf einen Industriebau. Der Vater betrachtet das verfallende Gebäude. „Ja, warum stehen eigentlich überall verlassene Gewerbeanlagen?“ Sein Kinn zuckt in Blickrichtung der bröckelnden Fassade. Der Großvater holt zu einer Erklärung aus: „Ja wisst ihr, das ist so…“. Der Junge hält sich die Ohren zu, sein Vater checkt E-Mails auf seinem Handy.

Watte

Die STB erreicht Förtha. Einstieg: Eine jugendliche und eine weniger jugendliche Person. „Blutet Nase.“ „Ich sehs.“ „Ma ma Watte.“ „Hab keine bei.“ „Ma ma Watte!“ „Hab eben keine bei.“ Lautstark: „Ma ma Watte ey!“ Eine Dame reicht ein Taschentuch. Es ist still. Lautsprecher: „Nächster Halt Eisenach.“ „Wir sind falsch gefahrn.“ „Ma ma Tsabwäi.“

Schlafen

Der Weg zum Hauptbahnhof. Im Bus sitzt eine schlanke Frau, ungefähr 30 Jahre alt. Ihre Tochter (5) trägt eine riesige Mütze und einen weißen Schal an dem sie immer zieht. Die beiden reden von der anstehenden Zugfahrt, die sehr lang werden wird. Das Mädchen gibt sich besorgt: „Was ist wenn ich einschlafe?“ „Nein, du wirst nicht einschlafen, was soll ich denn dann machen?“ Die Mutter scheint wirklich betroffen von dieser Aussicht. „Aber was ist, wenn ich schlapp bin?“ „Du bist doch nicht schlapp, oder?“ „Na jetzt nicht, aber bald bestimmt.“ Die Mutter überlegt einen Ausweg. „Aber du hast doch schon lange keinen Mittagsschlaf gemacht.“ „Da bin ich ja auch nicht Zug gefahren“ „Na pass auf! Wenn du einschläfst, dann besorge ich einen Kinderwagen und fahre dich durch die Stadt, dann lachen dich alle aus, weil so ein großes Kind im Kinderwagen sitzt.“ Das Mädchen schüttelt den Kopf: „Die lachen dann dich aus, weil du so eine komische Idee hattest und so sehr schwitzt wenn du mich schieben musst.“