Skyline

auf der Brücke – nein
auf der richtigen Brücke – nein
in der Mitte der richtigen Brücke
rücken die Schrapnelle zusammen
stehen als Flimmerfäden Visier

und jetzt auf die Sprache zielen
dazwischen springen
hängenbleiben im Netz
so stark schwingt es
hinter den Fassaden
und davor eine Luft
die viele Begriffe kennt

gespannt wie Wäscheleinen
zwischen Büros
der Ruf hinüber zum nächsten
eine Schwingung dem Vogelflug im Weg

Bedarfe

Nächster Halt: Glück auf
Nächster Halt: Glück auf
das hörst du zwei Mal
kurz vor Nordhausen
Bedarfshalt, und du weißt

es wird so ein Tag
hell ist der
und macht den Herbst beliebt

und du fährst zur Brennerei
das Wort Verkostung im Kopf
Glück auf, der erste Korn
Glück auf, der zweite Korn
Bedarfshalt Gedicht

Nordhausen in der Kehle
und du schreibst wieder
nur vom Schnaps

Vorm Anadolu

Mädchen  was  stehst  du

Nervös im  Rauch

Vorm Anadolu

Gemeinsam  mit  den Tomaten

Lokaler Anbau,  recht  günstig.

Was  zitterst du in  Richtung der Zwei

Die  fährt  in  die  falsche  Dichtung

Aber  damit hast du  nichts  zu  tun

Ich  brauche  dich  hier

Vorm Anadolu

Mit  dem Skelettkopf auf dem Shirt

Und  deinem Zittern

So  ruhelos

Wärmst  du  dich  an  deiner Kippe

Dass  auch der Dönermann  um  dich  besorgt

In  den  Zeilen  erscheint

Vorm Anadolu

Herrschen Kälte  und Poesie

Und  beide  greifen  nach  dir.

Schöpfe

wo noch die Haare sind
jetzt Undercut und Scheitel
glänzt ganz sicher bald
verräterisch dir der Schädel
dann brennt sich die Sonne furchig ein

Wer will daran denken?

Ich singe dir dennoch ein Lied
das Lied von der Fleischkuppe
das Lied von den Augen gerichtet
auf verrunzelten Kopf

damit erhoffe ich dich abzulenken vom Grau
das sich bald in meinen Scheitel schleicht
und ich mit Hüten tarne

Durchgelesen: Christoph Meckel »Russische Zone – Erinnerung an den Nachkrieg«

Wer an einem Brennpunkt der Geschichte lebt, macht Erfahrungen, die für die Nachgeborenen schwer nachfühlbar sind. Der »Nachkrieg«, eine Phase relativer Unsicherheit, ist für einen Jungen in der Arnstädter Straße in Erfurt entbehrungsreich und hinterlässt doch den Eindruck eines Lebensabschnittes, den der Autor keinesfalls missen möchte. Wenn Christoph Meckel (*1935) in »Russische Zone, Erinnerung an den Nachkrieg« über seine Zeit in Erfurt schreibt, sind es die Monate vom Dezember 1944 bis Sommer 1947.

Die Mutter floh mit den Kindern aus dem zerbombten Freiburg nach Thüringen, zu den Großeltern, »zwei schwarz gekleideten Leuten«. Auch hier kam der »große Luftangriff […] in der nächsten Nacht«. Meckel will nicht vom Krieg reden, sondern von Tagen die einander vordergründig »grau in grau« glichen. Für den Jungen brachte das Ende der Kämpfe vorerst keine spürbaren Veränderungen. Zukunft war ein Wort »mager geworden [war] wie die, die es riefen«. Immer kehrt nach lichten Momenten das Schrecken zurück. Das Klagen der Großmutter »verschrumpfte zu einem Klagelaut, der in den Jahren des Nachkriegs derselbe blieb«.

Nach der Episode mit den »Amis«, die als Befreier kamen: »Sie waren willkommen, Militärs mit lässiger Gangart und freundlichen Köpfen«, übernahmen die Russen. Aus »Tanzmusik, Blues und Cowboy-Songs« wurden Razzia und Ausgangssperre. Die »menschenmögliche Zeit« war zu Ende. Der Russe als »Gottes Barbar« wurde als der wilde Gegenentwurf zur Leichtigkeit der Amerikaner empfunden. Für den Jungen war der Russischunterricht ein Erlebnis mit Lehrerinnen in Uniform »mit bekannten Orden auf Brust und Kragen«. Nach erster Abwehr sollte Meckel an der Sprache und vorrangig der Literatur aus dem Osten später noch großen Gefallen finden.

Überleben wurde zur Mutprobe für die Jungen wenn sie in den Wald zum Holzholen gingen oder dem Russen Brot von den Wagen klauten. Der revanchierte sich mit einem Schuss auf die Kinder. Aber Russe war nicht gleich Russe. Meckel blieb ein »Bilderbuch-Soldat« in Erinnerung, der über ein »singendes, weiches Deutsch und die Höflichkeit eines Chevaliers im Märchen« verfügte. Zwar war der ein hoffnungsloser Säufer, aber er war kultiviert und verstand etwas von Frauen. Das Großelternhaus atmete auf wenn der Offizier »mit seiner Königin da war.« Das Bewahren von Traditionen hielt das Leben aufrecht: »Es war die Bridgepartie am Donnerstag, nachmittags pünktlich um 16 Uhr«, die »eisern für immer und ewig galt«. Einen diametralen Gegenpunkt findet der Schrecken der Russenzeit in der ersten Martinsnacht nach dem Krieg: »Etwas unerhörtes stand bevor, denn jeder Mensch war eingeladen – die Erwachsenen und alle Kinder«. Der Junge erfährt in dieser Nacht ungekannte Emotionen: »Ich vergaß nie, dass ich mit Tränen dastand und dass es mir gut ging mit den Tränen.« Für Meckel, der ein »Kriegskind« war, wie er dem Deutschlandfunk 2012 sagte, »sprungbereit, alles notierend, im Gehirn«, begann an diesem Abend eine neue Art der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt: »Sechs Jahre später schrieb ich die ersten Gedichte«.

Mit der Arbeit an »Russische Zone« konnte Meckel, der die Beschäftigung mit Nationalsozialismus und Nachkrieg schon 1980 in »Suchbild. Über meinen Vater« begann, ein wichtiges Kapitel der Vergangenheitsbewältigung vorantreiben: »Im Lauf der Gestaltung wird das Erinnerte immer deutlicher, immer deutlicher, bis es eine Deutlichkeit hat, die fast nicht mehr zu ertragen ist.«. Aus der klaren Sprache drängen die Bilder ungefiltert. Hier wird nicht beschönigt, hier wird nicht dramatisiert. Vor dem Schleier einer »grauen« Zeit findet Meckel Ausdruckspotentiale für alle Stimmungslagen. 1947 wird der Vater aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Meckel und seine Mutter fliehen erneut. Sie kehren zurück nach Freiburg aus einem Osten, der noch immer »fremd, dunkel, erschreckend und feindlich« wirkte. In Freiburg war der Weg durch Schulpflicht und Familie bis 1953 vorgezeichnet. Auch dieser Abschnitt brachte Schwierigkeiten mit sich. Die beiden »Suchbilder« genannten Bände zu Vater (1980) und Mutter (2002) weisen über die kurze Erfurter Episode hinaus, zeigen an der Charakterisierung der Eltern als distanziert und verkopft auf warum alle »Ausbrüche zurückführen mussten« in das Elternhaus. Es blieb nur der Ausweg in die »Windrose« der Lektüre.

Die Erfurter Zeit nahm im Leben Christoph Meckels 2,5 Jahre (hier 10-12 Jahre alt) mit Erlebnissen ein, die im Zwiespalt aus russischer Obstruktionspolitik und dem freieren Dasein nach dem Kriegsende stehen. Dem Mangel stellte sich Kreativität, dem Schreckbild des Russen kindlicher Mut entgegen. »Russische Zone. Erinnerung an den Nachkrieg.« ist ein Zeitdokument und greift über eine subjektive Erinnerungsverarbeitung hinaus. Die seltsam ungelenkt anmutende Phase der Nachkrieges erhält ein Gesicht, das vielgestaltiger daherkommt, als man es erwarten würde. Allein dafür lohnt es sich diesen Meckel wieder zu lesen.


Christoph Meckel »Russische Zone – Erinnerung an den Nachkrieg«, Libelle Verlag 2011, 106 Seiten, 16,90 Euro.

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Nach längerer Zeit wagte ich mal wieder einen Ausflug in den Bereich der Rezensionen. Diesen Text schrieb ich für die Sparte „Wiedergelesen“ der Seite „Literaturland-Thüringen“. In den kommenden Tagen werde ich die Seite ein wenig genauer vorstellen. Hier könnt ihr schon einmal reinschauen:

> LiteraturLand Thüringen

Strukturrast

Strukturrrast
Strukturrrast

Der Wind durchzieht
Epidermis und erzählt

Verkröpfungen in der Kruste
und Horn so leicht
er trägt es ab

jetzt trudelt es gen Staub
da bleibt es

Eine kurze Frage…

Wofür hast du
Sag mal,
Wofür hast du studiert,
Die Jahre für die Katz‘
Miau
Sogar die hat mehr als du
M.A. das macht
Wie Maggi
Wenig Eindruck.
Wofür hast du….

An dieser Stelle musste der Autor den Fragenden verlassen.

Mal schaun…was wir jetzt machen

Wie ihr sicher mitbekommen habt, ist der Blog eine bunte Mischung aus einigen meiner literarischen Texte, Fotografien von Ausflügen und einer Reihe von „fremden“ Beiträgen, die ich einfach rebloggen musste. Vor allem die Beiträge der Parasitenpresse möchte ich hervorheben. Kinga Tóths „Wir bauen eine Stadt“ macht mich ein wenig glücklich. Nicht weil die Sprache als „Bauherrin“ agiert – nein – ich genieße einfach die Unbändigkeit der Texte. Dabei bemerke ich, was meinen eigenen Texten fehlt. Sie werden durch das Fehlen eines Attributes nicht automatisch schlechter, aber es regt zum Nachdenken an. Auch die Unbedingtheit von Björn Kuhligks‘ Langgedicht „Die Sprache von Gibraltar“ überzeugt. Nehme ich noch die Spiellust der Lyrik von Thomas Kunst hinzu, komme ich auf eine Zahl von starken Einflüssen, die mir in den nächsten Wochen und Monaten vielleicht helfen wieder etwas produktiver zu werden.

Ich bin es selber leid, dass ich den Alltag und den Broterwerb immer als Gründe vorschiebe wenig zu schreiben. Vollkommener Unsinn. Wenn Abende mit Netflix die Regel sind, dann sollte es kaum verwundern, dass die Zeit für die eigene Literatur knapp wird.

Ich werde den Blog mit einigen kleinen Änderungen weiterführen. Die „Work it“ Reihe wird auf jeden Fall weitergeführt. Die „10 Pix“ Fotobeiträge natürlich ebenso. Neu werde ab und an Beiträge wie diesen einstreuen. Unregelmäßig kommen damit Wasserstandsmeldungen zu meiner Lektüre und dem Stand meiner Texte. Beiträge von Außen bleiben an Bord um zu zeigen, was mich gerade beschäftigt.

Auf wiederschaun.

P.

Frühjahrsputz

HALLO IHR TOLLEN MENSCHEN,

Wer häufiger auf diesem Blog unterwegs ist, hat ja bereits gesehen, dass sich das Layout ein wenig verändert hat. Aber auch inhaltlich gibt es Neues.

In der Rubrik 10Pix gebe ich mit jeweils 10 Bildern einen kleinen Blick auf einen Ort. Unsere Ümgebung ist viel zu Schade, um sie unkommentiert zu durchwandern. Durchgelesen und durchgeklickt präsentieren neue Bücher, Lesungen, Beiträge von Freunden und anderen talentierten Menschen.

Aber eigentlich wollte ich ja putzen. Die Menüs werden angepasst, die Seiten zu Blog und Autor aktualisiert und, ganz wichtig, die Links werden gecheckt und neu sortiert.

Bis bald, schaut rein, schaut dort.

Lesen auf »1000Zeichen.de«

Die lieben Kollegen von 1000Zeichen.de haben meine Prosaskizze »Lesen« veröffentlicht. Die Gelegenheit möchte ich nutzen um euch das Projekt ein wenig näher vorzustellen.

Was ist 1000 Zeichen.de?

Ein Literaturblog. Jeden Tag gibt es einen neuen Text, der genau 1000 Zeichen lang ist. Andere thematische und formale Einschränkungen gibt es nicht.

Jeden Tag exakt 1000 Zeichen. Das ist die einzige Regel.

Wer kann mitmachen?

Im Grunde jeder. Sendet euren Text einfach an 1000zeichen@gmx.de. Die Redaktion sucht sich die Besten heraus und wird sie auf dem Blog präsentieren. Sucht euch ein Thema und schreibt los. Nur eine Regel: Genau 1000 Zeichen Umfang darf der Text haben (inkl. Überschrift und Leerzeichen).

Wer ist dabei?

Neben der Redaktion Lena Steeg, Sebastian Dalkowski, Kim Frank, Nilz Bokelberg, Clara Ott, Tobias Jochheim, Katrin Theiner, Carolin Hafen gehören Gastautoren fest zum Projekt. Das ist euer Platz. Als Gastautoren haben bereits Markus Ertle, Stefan Petermann, Matthias Roth und Atze Schröder Beiträge geliefert.

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Lesen

Nach meinem Tod hatte ich endlich wieder Zeit. Bolano, Johnson, Dostojewski. Es war ein kleiner Preis. Ein Umzug. Ein fingierter Unfall. Ja, ich weiß, der Abbruch aller Beziehungen. Aber ich gewann die Literatur zurück. Keine Anforderungen am frühen Morgen. Keine Zwitschereien, Daumenorgien oder Selfies. Ich konnte mich zurücklehnen, die Recherche lesen, ohne Angst, etwas Unnützes zu tun. Welch Wohltat.

Ich stand auf und wusste: Der Tag war da. Auf Arbeit ging ohnehin alles vor die Hunde. Meine Beziehung bestand aus gegenseitigen Mitleidsverweigerungen. Ein Stück jagte ich den Wagen aus der Stadt heraus. Es tat gut, ihn noch mal gnadenlos in den Begrenzer zu jagen. Ich parkte den Wagen am Wald und verteilte mit einer Menge mitgebrachter Schuhe verschiedene Fußspuren. Mit einem Schnitt in die Hand konnte ich etwas Blut mit ins Spiel bringen. Ich hinterließ ein Buch von John Irving. Ein bestelltes Taxi stand an einem ausgemachten Treffpunkt bereit. Macht euch keine Sorgen, ich lese noch.