Abgeschaut: Kurt Tucholsky (1890-1935) – ยปErsterbendes Gemurmelยซ

Allherbstlich,
wenn die braunen Blรคtter fallen,
fรคllt auch dem Dichter dies und jenes ein.
Er sieht, wie Wolken sich zusammenballen,
er hรถrt der Vรถlker wilde Streiterein โ€ฆ
Der deutsche Dichter kratzt sich an den Waden
und fรคngt sich still den letzten Sommerfloh;
und denkt: du kรถnntst dich auch mal wieder baden
und รผberhaupt und so โ€ฆ

Ich bin ein PreuรŸe. Pfui auf die Verneinung!
Ich lob die positive Position.
Und ich besitz das Recht der freien Meinung
in Wort und Bild und auch im Grammophon.
Ich sage, was ich will, und sag es feste,
am Stammtisch sag ichs und im Wahlbรผro.
Stolz sag ichs und mit einer weiten Geste:
ยป โ€ฆ und รผberhaupt und so โ€ฆยซ

Ich wohnte schon in vielen, vielen Zimmern,
am Meer, in Bukarest, in GroรŸenhain;
und immer hรถrt ich eine Jรถhre wimmern,
ein Schreihals muรŸ in jeder StraรŸe sein.
Dann mach ich mir so allerhand Gedanken,
zum Beispiel รผber unsern Reventlow โ€“
Die kleinen Kinder haut man auf den blanken
und รผberhaupt und so โ€ฆ

| aus: Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke. Bd. 1 1907 -1918, Rowohlt, 1993. S. 565. – zuerst in: Die Weltbรผhne, 26.09.2018, Nr. 39, S. 297. (Als Theobald Tiger)

Abgeschaut: Konstantinos Kavafis (1863-1933) – Wenn es sich aufreckt

Versuch, Poet, dies Etwas festzuhalten,

Ganz gleich, ob es dann nur der Abglanz ist:

Der Sinnlichkeit verschiedene Gesichter,

LaรŸ sie versteckt aus Deinen Sรคtzen blicken –

Versuchยดs, Poet: Setz sie in Deinen Sรคtzen fest,

Wenn es sich aufreckt hinter Deiner Stirne

Nachts oder in des Mittags grellem Licht.


| Kavafis, Konstantinos: Gedichte. Insel, 1979. S. 35.

Der Tag wird schon kommen.

Geboren sein, um vom eigenen Tod zu leben!

Cรฉsar Vallejo – Wenn man bedenkt

Stehe Tinte schwitzend

Greife in deine Augen

Ziehe das Herz aus deinem Leib

Packe dir dafรผr den Schmerz hinein

Halte durch!

Vielleicht erleichtert dich ein Lachen

Wenn ich stolpere beim Gehen.

Gleiten

Tram oberhalb des Staubs
klettere auf einen Halm
hier greift dich der Wind
erhebend die Luft unter den Flรผgeln
treibe bis zum Steig

hier standen die Menschen
schwer vom Denken
bis ihre Kalender vorbei waren
das Licht machte den Letzten aus

uns weist es den Weg

Wilde Zeiten

unter dem kreisenden Milan
tritt er in die Sonne
die Augen beschirmt
in seinem Vorgarten die ร„pfel
daran vorbei tritt er zur Garage
und da hochglanzpoliert steht sie und wartet
fahren darf er nicht mehr
er schiebt seine Suhler Queen vor das Tor
da kneift es im Rรผcken

er zuckt zusammen
legt die Hand an den Lenker
sofortige Straffung in allen Zellen
Gรคnsehaut, Schwalbenhaut wie er es nennt
und der Schwung der Beine
schon sitzt er
die Schmerzen im Rรผcken als Sozius
nur den Helm lรคsst er weg
wie er so unter der Sonne steht
summt er schmissige Lieder

Sonntagmorgen bei Regen

Liegen und Worte zรคhlen die man noch sagen kann
beim Vorschlag Matratze schon stutzt du
das kรถnnte doch zur Krisenkommunikation genutzt werden
so eine Matratze ist ein Refugium, unter ihr versteckt man
auf ihr liegt man und tut Dinge, die ich auch tun wollte
aber wir zรคhlen weiter. Den Vorschlag Montag lehnst du auch ab.
Montag ist Krise in einem Wort. Montag ist wie ein Diktator der Woche.
Keiner will ihn und alle gehorchen. Beim Vorschlag Wiese schรผttelst du den Kopf.
Wiesen sind keine gute Idee. Wie auf der Matratze kann man hier liegen und Dinge tun, die ich auch tun mรถchte.
Aber jetzt wo die Wiesen alle dรผrr sind, legt man sich nicht freiwillig. Ich sage Strand. Du sagst Wohlstandssignal.
Ich sage Kaffeetasse. Du sagst Anbaumethoden und Plantagenwirtschaft. Ich sage Kuss, da sagst du รœbergriffigkeit.
Ich sage du. Da denkst du kurz nach. Schรผttelst den Kopf. Dein Blick der zu einem trotzigen Kind.
Du heiรŸe immer von sich weisen. Du heiรŸe vom Ich ablenken.
Jetzt ist die Liste immer noch leer und ich lasse dich allein.

Short VII – Sturz

Jetzt sind sie alle รผbereinandergestรผrzt

Vertrieben durch den Marmorkopf vom Alten Fritz

Segeln die Bรคnde und blรคttern sich zusammen

Da landet der Ermittler aus Berlin in Istanbul und wird aus Venedig gegrรผรŸt

Hier geht es ja zu wie bei der ARD denke ich und sortiere meine Mediathek neu.

Pix – Streetart zur ยปTapefabrik 2022ยซ, Wiesbaden

Die Area um den Schlachthof in Wiesbaden ist ein Hot-Spot der Jugendkultur in der Landeshauptstadt. Aber auch Kreativwirtschaft und Medienunternehmen sind hier in direkter Nachbarschaft. Hervorzuheben ist dabei das Murnau-Filmtheater. Betrieben von der Murnaustiftung wird hier ein schicker Mix an internationalen Independentfilmen gezeigt

Der Schlachthof selber ist seit 1994 ein Kulturzentrum. Die Location mit mehreren Floors war Bรผhne fรผr die ยปTapefabrik 2022ยซ. Die zehnte Ausgabe der Jam sollte schon 2020 stattfinden, was aus bekannten Grรผnden nun nachgeholt werden musste. Und hell yeah – das hat sich mal so richtig gelohnt.

Auf der Bรผhne Old Skool Acts wie Cora E und die Stieber Twins, Hypeacts wie OG Keemo oder fresher Boom Bap Ship von Die P oder Presslufthanna.
Und zu einer richtigen Jam gehรถrt auch Graffiti Art. An und um den Schlachthof gab es frische Walls und den Geruch von Lack. Ein Paar der besten Pieces habe ich hier mal zusammengestellt.

* Wenn ein Writer hier eines seiner Werke sieht und gerne eine Verlinkung mรถchte oder das die Pics nicht hierher gehรถren, schreibt einfach kurz hier.

** Nicht alle Pieces sind dieses Jahr entstanden.

| Schlachthof Wiesbaden.

| Tapefabrik.

Wir Sitzen im Bach

Wenn am Abend die Biber schlafen
gegen die Strรถmung trรคumen sie an
und dann wird gebaut
sie schaufeln und wir
machen es uns gemรผtlich
ist ihr Bau und wรคchst
uns ins Herz schaufeln sie
gegen die Strรถmung trรคumen wir an
den Abenden sitzen wir gemeinsam

Short V – BachstraรŸe

In der BachstraรŸe stehen wir

Und fangen den Wind mit unseren Trรคumen

Zwischen den Waggons der Bahn westwรคrts

Liegen und den Schotter ertragen

Und den Blick an die Bรคume heften

Ob sie nun da sind oder Nicht

รœber uns werden die Fenster verfunkelt.