David OReilly – »The external world«

Vor einigen Wochen sah ich erstmals einen Animationskurzfilm von David OReilly im Rahmen der Reihe »Kino Dynamique« im Kunsthof Jena. »Please say something« zeigt die hochkomplexe Gefühlswelt des Zusammenlebens. Die Figuren, eine weibliche Katze und ihr Lebensgefährte, eine männliche Maus, kämpfen sich durch den Alltag zwischen Selbstbezogenheit und Aufmerksamkeit für den Gegenüber. Wenn sich der erste Eindruck der possierlichen Animation gelegt hat, zeigt sich vor allem in Introspektiven, wie sich die Gefühlswelt der Protagonisten voneinander entfernt, um schon im nächsten Moment wieder zueinander zu finden.

Einen Schritt weiter geht »The external world«. Episodenartig wird die Entgrenzung des Individuums durch Gesellschaft und Medien thematisiert. Was OReilly hier zeigt, ist nicht weniger als das Mittendrin im Nebendraußen. Mit eiskaltem Blick lässt er seine Protagonisten in ihrem Nebeneinander aneinander vorbei darben, ohne ihnen die vollendete Hoffnungslosigkeit vorzusetzen. Der Alltag bietet Erfolge, kleine, manchmal.

THE EXTERNAL WORLD

MÖCHTEN SIE MEHR WISSEN?

| Kunsthof Jena
| Kino Dynamique Jena

| David OReilly auf YT
| David OReilly

Phantasmagorie/Oral

eingekuschelt in deine Hirndecke
als magensaftresistende Phantasie
klopfte ich an deinem Kehlkopf
eine Stimmbänderdehnung hervor
vibrierte recht schmerzhaft
mit an deine Zähne
und immer dagegen
setzte Kiefernadeln an
erreichte nur Zahnfleischbluten
und Spucken von
Rotz im Rachenraum gepaart
mit Speichel, Sputumgeschoss
und zarte Fäden an deiner Lippe
nicht einmal kräuseln konnte ich die
so schnell lag ich ausgespien

Verheißung

auf dem Gehweg ein Maxi Cosi
unter Himmel trüb
das Fleischkäsebrötchen in der Hand
der Mutter noch satt
das Schlendern nur Versuch
wie könnte man hier
zwischen Parkplatz und Brache
flanieren die Wühlmäuse
kein Baum für den Kleiber
kopfüber hinunterzusteigen
die lila Strähne von Mama war schon frischer
dort hinter den Hügeln
da ist Oberhof
da arbeitet Papa im Hotel

Lesen auf »1000Zeichen.de«

Die lieben Kollegen von 1000Zeichen.de haben meine Prosaskizze »Lesen« veröffentlicht. Die Gelegenheit möchte ich nutzen um euch das Projekt ein wenig näher vorzustellen.

Was ist 1000 Zeichen.de?

Ein Literaturblog. Jeden Tag gibt es einen neuen Text, der genau 1000 Zeichen lang ist. Andere thematische und formale Einschränkungen gibt es nicht.

Jeden Tag exakt 1000 Zeichen. Das ist die einzige Regel.

Wer kann mitmachen?

Im Grunde jeder. Sendet euren Text einfach an 1000zeichen@gmx.de. Die Redaktion sucht sich die Besten heraus und wird sie auf dem Blog präsentieren. Sucht euch ein Thema und schreibt los. Nur eine Regel: Genau 1000 Zeichen Umfang darf der Text haben (inkl. Überschrift und Leerzeichen).

Wer ist dabei?

Neben der Redaktion Lena Steeg, Sebastian Dalkowski, Kim Frank, Nilz Bokelberg, Clara Ott, Tobias Jochheim, Katrin Theiner, Carolin Hafen gehören Gastautoren fest zum Projekt. Das ist euer Platz. Als Gastautoren haben bereits Markus Ertle, Stefan Petermann, Matthias Roth und Atze Schröder Beiträge geliefert.

DSCF1572


Lesen

Nach meinem Tod hatte ich endlich wieder Zeit. Bolano, Johnson, Dostojewski. Es war ein kleiner Preis. Ein Umzug. Ein fingierter Unfall. Ja, ich weiß, der Abbruch aller Beziehungen. Aber ich gewann die Literatur zurück. Keine Anforderungen am frühen Morgen. Keine Zwitschereien, Daumenorgien oder Selfies. Ich konnte mich zurücklehnen, die Recherche lesen, ohne Angst, etwas Unnützes zu tun. Welch Wohltat.

Ich stand auf und wusste: Der Tag war da. Auf Arbeit ging ohnehin alles vor die Hunde. Meine Beziehung bestand aus gegenseitigen Mitleidsverweigerungen. Ein Stück jagte ich den Wagen aus der Stadt heraus. Es tat gut, ihn noch mal gnadenlos in den Begrenzer zu jagen. Ich parkte den Wagen am Wald und verteilte mit einer Menge mitgebrachter Schuhe verschiedene Fußspuren. Mit einem Schnitt in die Hand konnte ich etwas Blut mit ins Spiel bringen. Ich hinterließ ein Buch von John Irving. Ein bestelltes Taxi stand an einem ausgemachten Treffpunkt bereit. Macht euch keine Sorgen, ich lese noch.

Rückkehr

Ahoi. Ich habe euch lange ohne einen Ton auf diesem Blog sitzen lassen. Neue Arbeit, neue Projekte. Aber hier bin ich doch zuhause. Ich habe einige neue Miniaturen in Vorbereitung und auch ein oder zwei Fotostrecken sind auf dem Weg. Heute möchte ich die Gelegenheit auch einmal nutzen um auf ein kleines Bändchen hinzuweisen:

»In Paris« – vom wunderbaren Mario Osterland. Frisch erschienen als E-Book -> https://minimore.de/shop/mario-osterland-paris/ |

Natürlich auch als Print in der Parasitenpresse: https://parasitenpresse.wordpress.com/2014/07/05/rezension_in_paris/ |

In seinen Prosagedichten durchstreift er Paris nicht. Er streift es über, streift es ab, zeigt es gestreift und wie einen Streifen. Dennoch bleibt dem Leser immer genug Raum einen Platz zu imaginieren, auch wenn er ihn noch nicht gesehen hat. Die Mischform wird hier nicht etwa genutzt um den Umgang mit dem Medium Sprache zu verdeutlichen. Vielmehr ist es der Fokus auf die sinnliche Wahrnehmung des Raumes mit seinem Spannungsfeld der gegenseitigen Einflussnahme – Raum vs. Wahrnehmung, Wahrnehmung vs. Raum, der nicht nur Mauern und Gänge zum Reden bringt, sondern auch Passagen durch die Assoziationswelt des Spaziergängers schlägt.

Kaya und Cocker

Am Hauptbahnhof Eisenach werden die letzten Einkäufe vor Weihnachten verräumt. In der Regionalbahn Richtung Halle liest man Zeitung und diskutiert über die Themen der Zeit. »Erst der Jürgens, dann der Cocker, echt traurig.« »Den Jürgens finde ich nicht so schlimm, aber Cocker, das ist hart. Aber er hatte ja Krebs. Vielleicht ja auch gut, da steckste nicht drin.« »Ja, hoffentlich war es nicht so schmerzvoll.« »Die Erika hat ja auch Krebs.« »Welche Erika?« »Die vom Seniorenclub.« »Die? Die war doch immer so gesund« Das Schütteln zweier weißer Köpfe. »Ja, ja, so ist das. Heute noch so und morgen schon so.« »Na ja, wenigstens gibt es auch noch Kinder. Wie das vom Klitschko. Kara oder so.« »Nein, Kaya Klitschko.« »Ja, wa. Was immer für komische Namen.« »Mein Enkel sagt immer Klitschkoskaya, so kann ich mir das auch merken.« Hohes Lachen aus zwei Mündern. Sie schütteln sich. »Der Name heißt ja ›Große Schwester‹, der will noch mal nachlegen«. »Hast du die Frau gesehen? Die Kugel war ja schon so groß, als wollte die platzen. Also kommt da noch was rein, ist schon Platz da.« »Klitschko nacht eben keine halben Sachen.« »Aber gleich wieder? Wäre ich dem seine Frau, der könnte aber was hören.« »Bist du aber nicht. Lass sie doch, wenn noch was vom Mutterkuchen da ist.« Unser nächster Halt ist Mechterstädt. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. »Sind wir schon wieder da.« »Grüß mir die Erika. Ich kann sie ja mal besuchen.« Sie gehen langsam, geben sich die Hand. Jeder trägt seine Ladung allein.

„Ich bin generell eher ein Langstreckenläufer.“ – SteglitzMind stellt Helge Pfannenschmidt mit seiner edition AZUR vor

Ein sehr gelungenes Portrait zu einem sehr lieb gewonnenen Verlag und einem Macher von ganzem Herzen.

Avatar von Gesine von PrittwitzSteglitzMind

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute erfahren wir etwas mehr über Helge Pfannenschmidt und seine edition AZUR. Vorgeschlagen hatte das Barbara Miklaw vom Mirabilis Verlag.

Eine Skizze vom Verlag…

Die edition AZUR mit Sitz in Dresden wurde 2005 als Imprint des Jenaer Glaux Verlags gegründet und ist seit Anfang 2009 ein eigenständiger Verlag. Pro Jahr erscheinen 4-5 wunderschön gestaltete Bände mit Lyrik und…

Ursprünglichen Post anzeigen 1.415 weitere Wörter

DREIERLEI ∙ Jena/Nordhausen/Weida

3 Lesungen, 3 Orte, 3 Autoren, 3 Kunstformen. Ein Format, dass ich jedem ans Herz legen möchte, der sich in Thüringen mit Kunst beschäftigt.

Avatar von magfliegen fangen

Signet: Walter Sachs

14. November 2014, 20:00
Künstlerische Abendschule Jena, Sophienstraße 18, 07743 Jena

15. November 2014, 15:00
Stadtbibliothek „Rudolf Hagelstange“, Nikolaiplatz 1, 99734 Nordhausen

21. November 2014, 19:00
Osterburg in Weida

  • Es lesen Bärbel Klässner, Hubert Schirneck und Moritz Gause.
  • Präsentation von Kunstdruck-Editionen.
  • Das Osterburg Quartett führt Kompositionen von Joachim Beez (UA), Johannes K. Hildebrandt (UA), Thomas Nathan Krüger, Peter Helmut Lang, Achim Müller-Weinberg und Reinhard Wolschina auf.

Näheres HIER.

Ursprünglichen Post anzeigen

Wartezimmer mit Dackel.

Das Glockenspiel des Bartholomäusturmes. Der Nadeldrucker für Rezepte. In der Etage über uns laute Schritte. Still ist es nie im Wartezimmer. Die Schwester spricht mit einem Patienten. Er gibt sich nicht zufrieden mit der Wartezeit. Es ist extra früher aufgestanden, damit er vor dem Mittag wieder nach Hause kann. Das wird heute knapp. Er lässt sich einen Termin ausstellen und geht. Der Versuch die Tür zu knallen, wird vom Türstopp ab absurdum geführt. Ein oder zwei Flüche auf dem Gang hinterlässt er noch. Kurz herrscht Ruhe. Es folgt der Auftritt einer Dame. Schwerer Gang. Sachte Bewegungen. Es ist, als bette sie die Gegenstände auf den Tresen. Auf dem Arm, in einen kleinen Pullover gewandet, trägt sie einen Hund. Zu sehen sind nur die Nasenspitze und Zunge, der Rest verschwindet irgendwo zwischen Frauchens Arm und Busen. Sie bekommt ein neues Rezept ausgestellt. Schaut sich langsam um. Ein stetes Lächeln erhält jeder von ihr, der den Blickkontakt riskiert. Der Dackel gräbt sich frei. Wir hören ihn Bellen. Nicht laut, fast distinguiert. Ein Tier auf Zimmerlautstärke. Ein Zischen von Frauchen stellt die Ruhe im Tier wieder her. „Entschuldigen sie, Jackman ist noch so verspielt. Und die ungewohnte Umgebung, sie wissen ja, das regt die kleinen Geschöpfe immer so auf.“ Kleine Geschöpfe hat sie gesagt. Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, was sie für das Tier empfindet. Es ist nicht einfach ein Hund für sie. Es ist Beistand, Stütze. So erscheint die Szene wie aus einem einem Lewitscharoff-Roman. Nicht der Mensch ist es, der das Tier pflegt. Es ist der Dackel, der sich auf den Menschen einstellt. Das geht über gewöhnliches Aufmuntern hinaus. Es stellt sich eine Symbiose ein, die man gut nachempfinden kann. Versuche sie zu verstehen gehen fehl. Die Schwester schaut auf. Eine leise Heiterkeit um die Augen. „Jackman heißt er?“ „Ja, richtig. Ich empfand diesen Namen als sehr passend.“ „Ist er so ein Wilder?“ „Ein Wilder? Wie muss ich die Frage verstehen?“ „Wegen Jackman, ich dachte… .“ „Nein, nein. Ich dachte zuerst, ich nenne ihn Jack. Das war mir dann aber schlicht zur kurz. Eine Silbe, wie bei einem Husten. Aber Jack sollte es sein. Da kam ich auf Jackman.“ „Wie der Schauspieler.“ „Ein Schauspieler? Ein Guter? Ich kenne ihn nicht. Was spielt er? Auf welchen Bühnen?“ „Nicht Bühnen. Filme, Kino.“ „Ah. Sehen sie, daher kenne ich ihn auch nicht. Ich schaue selten Filme. Früher ja, aber heute? Die sind mir alle zu grell. Aber dieser Jackman ist ein Guter?“ „Na ja. Er ist wandlungsfähig.“ „Ganz wie meiner.“ „Ihr Rezept. Sie kennen die Dosierung ja.“ „Ja, ich habe Erfahrung. Leider.“ Ein kurzes Lächeln. Irgendwie zehrt es an einem. „Ich danke Ihnen. Ich komme dann wieder in einem oder zwei Monaten.“ „Genau, sie wissen ja wo sie uns finden.“ „Gewiss. Einen schönen Tag wünsche ich.“ Jackman lässt die Zunge noch einmal sehen. Sie geht die drei Schritte zur Tür in Zeitlupe. So übertrieben bedacht wirkt jede Regung. Die Tür gleitet hinter ihr zu.

Wer hat die Zeit geklaut?

Heute einmal außer der Reihe: Ein Blick auf einen Blog der alltäglicher und damit lebendiger kaum sien könnte – heute ein Beitrag zu Leben, Arbeit und Kind. Danke Jördis für die Einblicke.

Avatar von salzigeswasserSchnupplon

Es ist also soweit: Seit zwei Wochen drehe ich mich wieder mit – im Hamsterrad der freien Marktwirtschaft: Die Elternzeit ist vorbei. Ich arbeite – Vollzeit. Meine Tochter ist jetzt 14 Monate alt und besucht von 9 Uhr morgens bis 17.30 Uhr einen Kindergarten – mehr als acht Stunden. Dass unser Kindergarten verlängerte Öffnungszeiten hat, ist Fluch und Segen zugleich. Ohne diese Öffnungszeiten könnte ich meinen Beruf nicht mehr ausüben. Leider bedeuten die Öffnungszeiten auch, dass sich Arbeitskollegen und Chefs darauf verlassen, dass ich länger bleibe.

Es ist verblüffend, wie viele Menschen zu mir gesagt haben: Wieso arbeitest du denn nicht Teilzeit? Oder: Kannst du nicht einfach früher Schluss machen. Der Vater meiner Tochter hörte solche Fragen nicht. Wo wir wieder beim Thema Emanzipation und Gleichberechtigung wären, aber dazu habe ich mich ja bereits ausgelassen („Was willst du Bitch“).

DSC_0178 (2)Ich hatte Angst vorm Wiedereinstieg, Angst davor, keine Zeit mehr für…

Ursprünglichen Post anzeigen 502 weitere Wörter