Eine Autorin, die heute fast vergessen ist – eine sehr wechselhafte Rezeptions- und Publikationsgeschichte und ein Text, der zusammengefasst auf weniger als 50 Seiten Platz findet. Wenn dann das Genre auch noch Briefnovelle heiรt – was kann man von solch einem Werk erwarten?
Kurz gesagt: Alles! Was Kathrine Kressmann Taylor hier gelingt ist nicht weniger als eine der eindringlichsten Geschichten der Wandlung Deutschlands in den Monaten der Machtรผbernahme durch die Nationalsozialisten 1933. Ganz nebenbei wird eine stupende Vergeltung fรผr Mittรคterschaft ausgerollt, wie sie in dieser Art sehr selten in der Literatur ist.
Warum geht es eigentlich? Martin Schulse und Max Eisenstein betreiben gemeinsam eine gut gehende Kunstgalerie in San Fransisco. Allerdings hat sich Schulse dazu entschieden wieder zurรผck nach Deutschland zu ziehen um dort mit seiner Familie in der Nรคhe von Mรผnchen ein ruhiges und angenehmes Leben zu fรผhren. Teils trauert ihm sein Kompagnon nach, da Schulse ein „Geschick im Umgang mit den alten jรผdischen Matronen“ hat, andererseits beneidet er ihn fรผr „die geistige Freiheit“ in Deutschland. Zusรคtzlich erwรคhnt Eisenstein noch die Erfolge seiner Schwester auf deutschen Bรผhnen, womit das Grundszenario bereits umrissen ist. Was von nun an in wenigen und immer kรผrzer werdenden Briefen passiert, kann man nur mit dem Attribut „schlagartig“ versehen. Freut sich Schulse in seinem ersten Antwortbrief (Dezember 1932) noch รผber die Ausstattung seines Hauses und die Ponys seiner Sรถhne, heiรt es schon im nรคchsten Brief (Mรคrz 1933) Hitler kรถnnte „in einiger Hinsicht gut fรผr Deutschland“ sein. Im dritten Brief (Juli 1933) ist die Wandlung Schulses bereits abgeschlossen und Max Eisenstein, ein guter Freund der Familie, ist plรถtzlich „in erster Linie Jude“, der „um [s]ein Volk jammert“. Die Schwester des ehemaligen Partners, eben noch „die Sรผรe“, wird umgehend zu einer Gefahr fรผr die Ambitionen Schulses, der seinen Aufstieg Nomenklatura der nationalsozialistischen Partei beginnt und bald รผber Alles andere stellt.
Die folgenden Briefe Eisensteins werden zusehends flehentlicher ob es Schicksals seiner Schwester in Deutschland, da er einen Brief an diese mit dem Hinweis „Adressat unbekannt“ zurรผckerhรคlt. Dieser Ton jedoch soll wenig nรผtzen und im Dezember erhรคlt Eisenstein einen mit „Heil Hitler“ erรถffneten Brief Schulses, der nicht weniger als „die unmiรverstรคndliche Pflicht“ des Deutschen und einen Bericht รผber die Ermordung seiner Schwester enthรคlt.
Was nun passiert, ist das eigentliche Meisterstรผck der รผberschaubaren Novelle. Eisenstein schafft es mit wenigen Briefen die Rollen komplett umzukehren. Plรถtzlich ist es Schulse der „aus einer Verzweiflung heraus“ schreibt, die Eisenstein sich „nicht vorstellen“ kรถnne. Wie ihm dies gelingt mรถge jeder selber lesen. Allerdings sei verraten, dass die Novelle ihren Titel nicht bloร aufgrund eines unbekannten Adressaten trรคgt.
Kathrine Kressmann Taylor (1903-1996) hat ein extrem รผberschaubares literarisches Werk vorgelegt. Mit „Bis zu jenem Tag“ aus dem Jahr 1942 nimmt sie das Thema des Nationalsozialismus noch einmal auf und berichtet รผber den Widerstand deutscher Christen am Beispiel von Leopold Bernhard. „Adressat unbekannt“ hatte es in den USA 1939 zu eine Auflage von 50.000 Exemplaren gebracht. Danach war es lange still um das Werk. Mit der erneuten Publikation in den USA bei Simon und Schuster 1995 gelang das Bรผchlein zu internationaler Bedeutung. Mit einer deutschen Auflage dauerte es bis 2001. Diese schaffte es dann allerdings sofort auf die Bestsellerlisten.
Wenn Elke Heidenreich im Nachwort befรผrwortet, dass „Adressat unbekannt“ zu Schullektรผre werden sollte, liegt sie komplett richtig. Eindringlicher als hier lรคsst sich der Wandel Deutschlands von einer „wunderbaren politischen Freiheit“ hin zu einem Staat der ehemals enge Freunde dazu bringt รผber Leichen zu gehen kaum darstellen. Da ist kein Wort zu viel und kein Wort zu wenig. Es ist fast schon eine Tragรถdie, dass wir nicht mehr Bรผcher aus der Feder von Kressmann Taylor lesen dรผrfen.
| Kressmann Taylor, Kathrine: Adressat unbekannt. Atlantik bei Hofmann und Campe 2014. Briefnovelle, 76 Seiten. (รbers. von Dorothee Bรถhm.)
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