Abgeschaut: Stefan George: ยปDas lied das jener bettler dudeltยซ

Das lied das jener bettler dudelt

Ist wie mein lob das dich vergeblich lรคdt ยท

Ist wie ein bach der fern vom quelle sprudelt

Und den dein mund zu einem trunk verschmรคht.


Das lied das jene blinde leiert

Ist wie ein traum den ich nicht recht verstand ยท

Ist wie mein blick der nur umschleiert

In deinen blicken nicht erwidrung fand.


Das lied das jene kinder trillern

Ist fรผhllos wie die worte die du gibst ยท

Ist wie der รผbergang zu stillern

Gefรผhlen wie du sie allein noch liebst.


| George, Stefan: Das Jahr der Seele. Gesamt-Ausgabe der Werke, Band 4, Berlin 1928, S. 94-95.

| Online unter: http://www.zeno.org/nid/20004811356

Einer kennt dich

Da sitzt er

und zieht dir das Mark

aus den Knochen auf die Haut

malt was du bist auf den Unterarm

hier spielen Elle und Speiche

die Flรคche fรผr dein Portrait

ABGESCHAUT โ€“ PAUL BOLDT (1885-1921) โ€žWIR DICHTERโ€œ

Wie Einsamkeit das Ich im Auge dรคmmt.
Du ist nicht feil, und Du beginnt zu fehlen.
Geh durch die Menge, um Lรคcheln zu stehlen,
Verbrauche deine Kรผsse ungehemmt โ€“:

Ein Schrei wรคrmt dir den Leib! Zu sehr allein.
Es gibt nur dies, unser Blut-Hoch und Ja,
Unsere Kunst, das Labsal anima!
Das Herz bewegt sich in das Wort herein.

Von den Stummheiten sollen wir aufbrechen!
Nicht nur anjahren in der Existenz.
Von Antlitzfrauen aufreizend umschwiegen

Werden wir jetzt, einmal und wenigstens,
Die Herzensrรถte an den Lippen kriegen.
Unseren Dialekt des Menschen sprechen.


|Erstmals erschienen in: Die Aktion.
Wochenschrift fรผr Politik, Literatur, Kunst.
Jg. 4, 1914, Nr. 50/52, 24. Dezember, Sp. 939.

|Digitalisat: http://www.lyriktheorie.uni-wuppertal.de/lyriktheorie/scans/1914_boldt.pdf

Ausbruch

Lass uns gemeinsam die Vรถgel spalten

Wie es die groรŸe Dickinson dichtet

Vielleicht kรถnnen wir dann lachen

รœber die kleinen Schriftrollen

Neben den Herzen eingerollt

Und die Texte des frรผhen Morgen

Wenn wir dann die Vรถgel verstehen

Uns die Dohle ihren Heavy Metal kjackt

Die Tauben uns warnen zum Klimaschutz

Und der Eichelhรคher sich in Reggea Texten versucht

Wenn wir die Arme ausgebreitet im Gras

Singend mit den Vรถgeln fliegen

Und endlich mal etwas einen Sinn hat

Thรผringer Literaturtage 2021 – Der gewohnte Ausnahmezustand vom 12.07.-17.07.2021

### WICHTIGER PROGRAMMHINWEIS ###

Aktuell laufen auf Youtube die Thรผringer Literaturtage, das beste gewohnte Ausnahmeliteraturfestival aller Zeiten. Besonders empfehlen mรถchte ich alle Programmpunkte. Schaut einfach mal rein.

Ganz nebenbei ist das eine perfekte Gelegenheit einmal das Angebot der Literaturburg auf Youtube zu entdecken:

https://www.youtube.com/channel/UCVZ9DF9p6MMQQLye88bJp8A

Trailer:


PROGRAMM:

Weitere Infos zum Programm und den Hintergrรผnden findet ihr hier:

https://thueringer-literaturtage.de/index

Geh nicht, komm her.

[โ€ฆ] Paulus Bรถhmer

I

Auf dem Weg zum Anger

Krรคmpferbrรผcke, Krรคmpfertor

Auf dem Weg kommen sie dir entgegen

Auf Rรคdern, zu FuรŸ

Vielen von ihnen in Eile

Und du so langsam

Das es dich fast mitzieht

So viele von Ihnen kommen dir entgegen

Wollen weg aus der Stadt

Nicht weg von dir

Aber aus der Stadt

Das es dich fast mitzieht

Um das Angerentree herum

und auch hier siehst du sie hasten

Auf Rรคdern, zu FuรŸ

Finden sie Wege

Am Besten am Ellenbogen entlang

Immer gerade durch

und dich zieht es fast mit

aber du hรคltst dich

noch immer ihnen entgegen

bis einer steht

II

und der da wartet auf dich

fรคllt auf, der ruht,

der fรคngt deine Blicke

so dass es dich mitzieht.

DURCHGELESEN: Kathrine Kressmann Taylor โ€“ ยปADRESSAT UNBEKANNTยซ

Eine Autorin, die heute fast vergessen ist – eine sehr wechselhafte Rezeptions- und Publikationsgeschichte und ein Text, der zusammengefasst auf weniger als 50 Seiten Platz findet. Wenn dann das Genre auch noch Briefnovelle heiรŸt – was kann man von solch einem Werk erwarten?

Kurz gesagt: Alles! Was Kathrine Kressmann Taylor hier gelingt ist nicht weniger als eine der eindringlichsten Geschichten der Wandlung Deutschlands in den Monaten der Machtรผbernahme durch die Nationalsozialisten 1933. Ganz nebenbei wird eine stupende Vergeltung fรผr Mittรคterschaft ausgerollt, wie sie in dieser Art sehr selten in der Literatur ist.

Warum geht es eigentlich? Martin Schulse und Max Eisenstein betreiben gemeinsam eine gut gehende Kunstgalerie in San Fransisco. Allerdings hat sich Schulse dazu entschieden wieder zurรผck nach Deutschland zu ziehen um dort mit seiner Familie in der Nรคhe von Mรผnchen ein ruhiges und angenehmes Leben zu fรผhren. Teils trauert ihm sein Kompagnon nach, da Schulse ein „Geschick im Umgang mit den alten jรผdischen Matronen“ hat, andererseits beneidet er ihn fรผr „die geistige Freiheit“ in Deutschland. Zusรคtzlich erwรคhnt Eisenstein noch die Erfolge seiner Schwester auf deutschen Bรผhnen, womit das Grundszenario bereits umrissen ist. Was von nun an in wenigen und immer kรผrzer werdenden Briefen passiert, kann man nur mit dem Attribut „schlagartig“ versehen. Freut sich Schulse in seinem ersten Antwortbrief (Dezember 1932) noch รผber die Ausstattung seines Hauses und die Ponys seiner Sรถhne, heiรŸt es schon im nรคchsten Brief (Mรคrz 1933) Hitler kรถnnte „in einiger Hinsicht gut fรผr Deutschland“ sein. Im dritten Brief (Juli 1933) ist die Wandlung Schulses bereits abgeschlossen und Max Eisenstein, ein guter Freund der Familie, ist plรถtzlich „in erster Linie Jude“, der „um [s]ein Volk jammert“. Die Schwester des ehemaligen Partners, eben noch „die SรผรŸe“, wird umgehend zu einer Gefahr fรผr die Ambitionen Schulses, der seinen Aufstieg Nomenklatura der nationalsozialistischen Partei beginnt und bald รผber Alles andere stellt.

Die folgenden Briefe Eisensteins werden zusehends flehentlicher ob es Schicksals seiner Schwester in Deutschland, da er einen Brief an diese mit dem Hinweis „Adressat unbekannt“ zurรผckerhรคlt. Dieser Ton jedoch soll wenig nรผtzen und im Dezember erhรคlt Eisenstein einen mit „Heil Hitler“ erรถffneten Brief Schulses, der nicht weniger als „die unmiรŸverstรคndliche Pflicht“ des Deutschen und einen Bericht รผber die Ermordung seiner Schwester enthรคlt.

Was nun passiert, ist das eigentliche Meisterstรผck der รผberschaubaren Novelle. Eisenstein schafft es mit wenigen Briefen die Rollen komplett umzukehren. Plรถtzlich ist es Schulse der „aus einer Verzweiflung heraus“ schreibt, die Eisenstein sich „nicht vorstellen“ kรถnne. Wie ihm dies gelingt mรถge jeder selber lesen. Allerdings sei verraten, dass die Novelle ihren Titel nicht bloรŸ aufgrund eines unbekannten Adressaten trรคgt.

Kathrine Kressmann Taylor (1903-1996) hat ein extrem รผberschaubares literarisches Werk vorgelegt. Mit „Bis zu jenem Tag“ aus dem Jahr 1942 nimmt sie das Thema des Nationalsozialismus noch einmal auf und berichtet รผber den Widerstand deutscher Christen am Beispiel von Leopold Bernhard. „Adressat unbekannt“ hatte es in den USA 1939 zu eine Auflage von 50.000 Exemplaren gebracht. Danach war es lange still um das Werk. Mit der erneuten Publikation in den USA bei Simon und Schuster 1995 gelang das Bรผchlein zu internationaler Bedeutung. Mit einer deutschen Auflage dauerte es bis 2001. Diese schaffte es dann allerdings sofort auf die Bestsellerlisten.

Wenn Elke Heidenreich im Nachwort befรผrwortet, dass „Adressat unbekannt“ zu Schullektรผre werden sollte, liegt sie komplett richtig. Eindringlicher als hier lรคsst sich der Wandel Deutschlands von einer „wunderbaren politischen Freiheit“ hin zu einem Staat der ehemals enge Freunde dazu bringt รผber Leichen zu gehen kaum darstellen. Da ist kein Wort zu viel und kein Wort zu wenig. Es ist fast schon eine Tragรถdie, dass wir nicht mehr Bรผcher aus der Feder von Kressmann Taylor lesen dรผrfen.

| Kressmann Taylor, Kathrine: Adressat unbekannt. Atlantik bei Hofmann und Campe 2014. Briefnovelle, 76 Seiten. (รœbers. von Dorothee Bรถhm.)

Geschlossen

Suchten nach der farblosesten Stadt

Fรผr ein Gedicht sollte es sein

Eilten an Plattenbauten entlang

Versuchten es bei Autowerken

Irgendwie blieb alles zu bunt

Und so trennten wir uns

Du wolltest nach Dรคchern sehen

Ich nach Fassaden und Putz

Und immer noch alles zu krรคftig

Ich formte also ein Schild in den Text

Weitere Verse sind frisch gestrichen.

FRAGE FรœR EINEN FREUND #4 โ€“ mit Lukas Rietzschel und Mario Osterland โ€” Novastation

FRAGE FรœR EINEN FREUND kehrt zurรผck. Am 24.6. um 19 Uhr begrรผรŸt Moderator Mario Osterland den Schriftsteller Lukas Rietzschel im Werkstattgesprรคch. Sie sprechen รผber seinen Weg zur Literatur, den Debรผtroman โ€žMit der Faust in die Welt schlagenโ€œ (Ullstein) und geben einen Ausblick auf den im Herbst erscheinenden Nachfolger โ€žRaumfahrerโ€œ (dtv). AuรŸerdem wird der Bogen zu [โ€ฆ]

FRAGE FรœR EINEN FREUND #4 โ€“ mit Lukas Rietzschel โ€” Novastation

Meldet euch unter fragefuereinenfreund@gmx.de fรผr das Zoommeeting an. „Frage fรผr einen Freund“ ist kein steifes Interview, sondern ein Treffen von Literaturinteressierten mit Autoren. Mario Osterland fรผhrt als Moderator und Stichwortgeber durch den Abend, aber jeder darf und soll sich einbringen ins das Gesprรคch mit dem Gast.

Ich muss zugeben bisher noch kein Buch von Lukas Rietzschel gelesen zu haben und nutze die Gelegenheit um seine Literatur kennenzulernen. Eine kurze Rezension zu seinem Debut „Mit der Faust in die Welt schlagen“ folgt am kommenden Wochenende (19./20. Juni).

Ein Tausch

dein Mund machte nichts
und der Tag kam heran
schlich sich von allen Seiten
an unsere Leiber
kroch durch die Ritzen
machte es sich unter der Decke bequem
und da wurde es dir zu eng
du eiltest davon
und ich genoss etwas Wรคrme