Durchgelesen: Isabel Bogdan – »Der Pfau«

Oha! Was macht dieser Vogel da? Manchmal gibt es Kleinigkeiten, die sich im Alltag verändern und alles durcheinanderbringen. So stelle man sich nun vor, es gebe einen Vogel, der aggressiv auf die Farbe Blau reagiert. Wie sich das auswirken kann führt Isabel Bogdan (*1968) in ihrem 2016 erschienenen Roman „Der Pfau“ vor.

Das titelgebende Tier ist einer von fünf Pfauen auf dem Landsitz von Lord und Lady McIntosh in den schottischen Highlands. Das Paar vermietet die ehemaligen Nebengelasse und Gesindehäuser als Cottages an ruhesuchende Großstädter um den Unterhalt ihres viel zu groß dimensionierten Hauses zu sichern. Dabei werden sie durch den Tausendsassa Ryszard und die zupackende Aileen nach Kräften unterstützt. Trotzdem, das bemerkt man schnell, bröckelt es es an allen Ecken. Da kommt die Anfrage einer Londoner Investmentbank auf dem Landgut eine Teambuildingmaßnahme durchzuführen genau richtig. Schleunigst wird ein kompletter Trakt des Haupthauses auf Vordermann gebracht um es den verwöhnten Bänkern recht zu machen. Alles scheint vorbereitet, als der streitsüchtige Vogel auf den Plan tritt.

Was sich nun entspinnt, kommt ohne die ganz großen Dramen aus und lässt doch fast alle Figuren gezeichnet zurück. Schon bei der Ankunft unserer Bänkertruppe, samt Kursleitung und Köchin, schlägt die Natürlichkeit der Highlands in Form von Gänsedreck zu. Und wo wir schon von Tieren sprechen: Die Chefin der Bänker ist in ihrer Freizeit leidenschaftliche Jägerin und bringt ihren Hund gleich mit. Er wird eine besondere Rolle bekommen. Die Charaktere der einzelnen Kursteilnehmer setzen sich aus dem erwartbaren Feld zusammen: Da ist der Pragmatiker, der eigentlich immer Recht behält. Da ist der Emsige, der versucht der Chefin alles Recht zu machen und da ist der Mitgereiste, der eigentlich nur nach Handyempfang sucht, um Zuhause nach dem Rechten zu sehen. Dazu die überforderte Kursleiterin bei ihrem ersten eigenen Auftrag und die mit allen Wassern gewaschene Köchin. Es könnte alles so dröge werden. Aber da sind ja noch die Tiere und aus dem durchgeplanten Wochenendkurs wird eine bunte Folge von Verbrüderungen und Komplizentum. Der Pfau schlägt zu – der Pfau muss verschwinden – der Pfau verschwindet. Aber wie und wohin?

Spätestens jetzt übernehmen der ironische Grundton und die ständig wechselnden Perspektiven ihre Funktion des Katalysators. Jeder verdächtigt jeden – irgendwie. Das ist eine der sympathischen Eigenheiten dieses immer wieder mit trockenem Humor aufwartenden Romans: Die Figuren legen sich nie fest und bewegen sich in einem ewigen Prozess des Abwägens und der Vorsicht. Nicht einmal der Hund versteht mehr die Welt.

Und vielleicht findet sich in der Vorsicht auch einer der wenigen Schwachpunkte des Buches: Manchmal scheint es dem Leser etwas zuwenig zuzutrauen. So kommt es neben der sehr belebten mit vielen Dialogen vorangetriebenen Handlung hin und wieder zu Stockungen, die nicht immer nachvollziehbar wirken. Nämlich dann, wenn die jeweiligen Positionen der Figuren noch einmal zusammengefasst und abgewogen werden.

„Der Pfau“ bringt ein Stückchen britischen Humor in die deutsche Literatur. Mit einem feinen Gespür für Situationskomik macht Isabel Bogdan einen verrückten Vogel zum „Helden“ eines launigen Wechselspiels.  Auch wenn die ganz tiefe Figurenschilderung ausbleibt und der Stil hin und wieder ein wenig schwatzhaft wirkt, ist hier ein schönes Stück Unterhaltung gelungen.

Isabel Bogdan: Der Pfau. Insel Verlag, 2017. 248 Seiten 10,00 Euro als Taschenbuch.

Durchgelesen: Paul Auster – »Timbuktu«

Klar, dass Paul Auster (*1947) einer der großen US-Erzähler seiner Generation ist, lässt sich kaum als Geheimnis bezeichnen. Trotzdem bin ich eher spät auf den Auster-Zug gestiegen und mittlerweile gefällt es mir dort sehr gut. Ich stieg mit „Stadt aus Glas“ ein – dem ersten Teil der New York Trilogie von 1985. Was vordergründig wie ein Kriminalroman anmutet, kippt schnell in einen Versuchsaufbau. Die Handlung dient als Tableau um variantenreich das Themenfeld behauptete und tatsächliche Identität zu umkreisen. Mein nächster Auster wurde „Schlagschatten“ – der zweite Teil der Trilogie – was ich allerdings erst später herausfinden sollte. „Schlagschatten“ zeigt strukturell wie inhaltlich eine enge Verwandschaft zur „Stadt aus Glas“. Wieder dient eine Beschattung als Aufhänger für das Wälzen unterschiedlicher Identitäts- und Benennungsprobleme. Sprache ist bei Auster immer ein explizit hinterfragtes Instrument.

Aha, erwischt! Das ist also sein Ding. Da aber das Bedienen bestimmter Muster nicht unbedingt etwas Negatives sein muss – vielmehr den Wiedererkennungswert des Schreibers steigern kann – und die Lektüre der beiden Romane anregend wie kurzweilig war, sollte nun der Griff zu einem weiteren Buch meinen Verdacht verfestigen und Auster zu meinem Spezialisten für mehr oder weniger raffinierte Denkspiele stempeln.

Tja – das hat dann nicht so geklappt. Schnell wird klar, dass sich „Timbuktu“ von 1999 ganz anders anfühlt. Nach einem noch etwas unentschlossenen Beginn fokussiert sich Auster in diesem Buch auf die Perspektive des Hundes Mr. Bones um uns einen Ausschnitt Amerikas zu zeigen, wie er sich aus einer Position der Schwäche und Hilflosigkeit darstellt. Das Tier, anfänglich mit seinem langjährigen Herrchen Willy unterwegs, muss in schneller Folge eine Reihe von Schicksalsschlägen über sich ergeben lassen.

Ausgangspunkt ist eine Wanderung durch Baltimore, die William Gurevitch alias Willy G. Christmas mit seinem Hund unternimmt, um das neue Zuhause für diesen zu finden. Wobei Wanderung schon zu Viel ist, Gurevitch hat seine letzte Kraft zusammen genommen, denn sein Ende steht kurz bevor. Während Willy sein Leben verpfuschtes Leben als Poet in Flashbacks noch einmal durchlebt, erkennt Mr. Bones, das er von der Welt da draußen vor allem das weiß, was ihm sein Herrchen gelehrt hat. Dazu gehört auch die Vision von einem geweihten Ort Namens Timbuktu, einem Jenseits in dem das Herrchen auf seinen Begleiter warten wird. Auster lässt hier aber nicht nur einen treuen Vierbeiner aufmarschieren. Das Tier schwankt in seiner Wahrnehmung zwischen sympathischer Naivität und Momenten von nahezu erstaunlicher Reflexionstiefe. Dennoch bleibt der Grundkonflikt konstant bestehen: Die Hilflosigkeit des Tieres und seine Abhängigkeit von der Umwelt. Einziger Halt bleibt die Treue zu Willy und das Wissen um das gemeinsame Ziel Timbuktu.

In den Episoden des Wanderlebens unseres vierbeinigen Protagonisten führt Auster den Leser zu verschiedenartigen Abhängigkeiten mit denen der Hund nichts anfangen kann. Sie sind wider seiner Natur – er ist ein Streuner, wie Willy einer war. Am Ende bleibt auch „Timbuktu“ ein Versuch sich der Frage nach Identität und allem was dazu gehört zu nähern.