Adventskalender Tür5* – Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) – »In der ChristnachT.«

Welch helle Töne hallen aus der Ferne!

Wie wird′s auf einmal mir so weh, so bang!

Zum Kirchgang laden freundlich alle Sterne

und ruft der Kerzenschein und Orgelklang.

  • Täglich ein kleines winterliches oder weihnachtliches Gedicht bis zum 24.12.2021.

Adventskalender Tür4* – Walther von der Vogelweide (~1170-~1230) – »Uns hât der winter geschât über al«

Uns hât der winter geschât über al:
heide unde walt die sint beide nû val,
dâ manic stimme vil suoze inne hal.
saehe ich die megede an der strâze den bal
werfen! sô kaeme uns der vogele schal.

Möhte ich verslâfen des winters zît!
wache ich die wile, sô hân ich sîn nît,
daz sîn gewalt ist sô breit und sô wît.
weizgot er lât ouch dem meien den strît:
sô lise ich bluomen dâ rîfe nû lît.

Übersetzung von Richard Zoozmann (1863-1934)

Winter allorts uns mit Schaden bezwang,
Kahl ist der Wald und die Felder sind blank,
Wo einst so lieblich manch Stimmlein erklang!
Würfen die Mägdlein erst Straßen entlang
Wieder den Ball, kläng auch Vogelgesang!

Könnt ich verschlafen im Winter die Zeit!
Wach ich indessen, so schafft es mir Leid,
Daß er sein Zepter so weit schwingt und breit!
Endlich besiegt ihn der Mai doch im Streit:
Blumen dann pflück ich, wo heut es noch schneit!

  • Täglich ein kleines winterliches oder weihnachtliches Gedicht bis zum 24.12.2021.

Adventskalender Tür3* – Ferdinand Sauter (1804-1854) – »Winter«

Aus Nebellüften gaukeln lichte Flocken
Hernieder auf die ausgestorbne Fläche,
Vom Eise starren Seen, Flüß‘ und Bäche
Und alle frischen Lebenskeime stocken.

Da schleicht der Lenz heran auf grünen Socken,
Daß er die Kraft des alten Rieden breche,
Daß er den Mord der tausend Blüten räche,
Und wirft den grimmen Feind mit Blumenglocken.

Wie tröstlich ist’s, in winterlichen Schauern,
Und in der Wesen allgemeinem Trauern
Zu wissen, daß ein neuer Frühling grüne;

Doch düster schattet eine Wetterwolke
Verfinsternd über einem ganzen Volke,
Und ohne daß ein Rächer ihm erschiene!

  • Täglich ein kleines winterliches oder weihnachtliches Gedicht bis zum 24.12.2021.

Adventskalender Tür2* – Gottfried Keller (1819-1890) – »Im Schnee«

Wie naht das finster türmende
Gewölk so schwarz und schwer!
Wie jagt der Wind, der stürmende,
Das Schneegestöber her!

Verschwunden ist die blühende
Und grüne Weltgestalt;
Es eilt der Fuß, der fliehende,
Im Schneefeld nass und kalt.

Wohl dem, der nun zufrieden ist
Und innerlich sich kennt!
Dem warm ein Herz beschieden ist,
Das heimlich loht und brennt!

Wo, traulich sich dran schmiegend, es
Die wache Seele schürt,
Ein perlend, nie versiegendes
Gedankenbrauwerk rührt!

  • Täglich ein kleines winterliches oder weihnachtliches Gedicht bis zum 24.12.2021.

Adventskalender Tür1* – Heinrich Heine (1797-1856) – »WINTER«

Die Kälte kann wahrlich brennen
Wie Feuer. Die Menschenkinder
Im Schneegestöber rennen
Und laufen immer geschwinder.

Oh, bittre Winterhärte!
Die Nasen sind erfroren,
Und die Klavierkonzerte
Zerreißen uns die Ohren.

Weit besser ist es im Summer,
Da kann ich im Walde spazieren,
Allein mit meinem Kummer,
Und Liebeslieder skandieren.

  • Täglich ein kleines winterliches oder weihnachtliches Gedicht bis zum 24.12.2021.

Abgeschaut – »Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe. Long Story Short«

Vor kurzem nahm ich mir endlich einen 2019 in Albufeira gekauften Lyrikband „Lissabonner Dichter“ vor. Vorgestellt werden hier fünf portugiesische Lyriker von Luís Vaz de Camões (1524-1580), der mit den „Luisaden“ einen wichtigen Beitrag zur Dichtung während der Renaissancezeit vorlegte, bis zu Mário de Sá-Carneiro (1890-1916), dem Schöpfer eines schmalen aber äußerst wirkmächtigen Ouevres. Dieser frühvollendete, genialisch veranlagte Bohèmien mit seiner tief verwurzelten Todessehnsucht zählt zusammen mit dem großen Namen der portugiesischen modernen Lyrik Fernando Pessoa (1888-1935) zu den Begründern dessen, was wir heute mit der Dichtung ihres Heimatlandes verbinden. Zusammen mit Luís de Montalvor (1891-1947) begründeten sie 1915 die legendäre Zeitschrift „Orpheu“. Diese brachte es zwar nur auf zwei Nummern, wirkte als innovatives und avantgardistisches Leitmedium aber weit in das 20. Jahrhundert.

Pessoa, dessen Werk sich durch eine Vielfalt an Stilen auszeichnet, entwarf für die Veröffentlichung seiner Texte eine Reihe von Heteronymen. Jedes gestaltet mit eigener Biographie, Stilistik und Denkweise. Auch „Das Buch der Unruhe“ erscheint unter Pseudonym. Als Autor ist der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares vermerkt. Pessoa legte hier keinen linear erzählten Roman vor, sondern sammelte, wie es der Titel des zentralen Kapitels „Autobiografie ohne Ereignisse“ bereits andeutet Lebenszeugnisse ohne direkten narrativen Zusammenhang. Soares, gewissenhafter Angestellter mit angenehmer Erscheinung, bewertet sich und sein Auftreten. Allerdings scheint er dabei nicht besonders gut wegzukommen. Als „Nichts“, als „Fliege“ bezeichnet er sich, nur um daraus im nächsten Absatz einen Vorzug seiner Persönlichkeit zu sehen. Die fast 500 Fragmente variieren wiederkehrende Introspektionen und Sequenzen von Befindlichkeiten. Handlungsstränge werden durch Umschreibungen und Gedankensplitter ersetzt. Die nicht immer ganz einfache Lektüre gewinnt durch die rhythmisierende Sprache und Wortwiederholungen einen ganz eigenen Flowcharakter.

Blendend zusammengefasst und filmisch übersetzt wurde das „Buch der Unruhe“ durch José F. A. Oliver (*1961) und Johanna Springer im Rahmen des Projektes „Long Story Short“ des Lese-Leichen e.V. Im kurzen bis mittellangen Animationsfilmen werden Werke der Weltliteratur anschaulich gemacht.

In betont minimalistischen Bildern schickt Johanna Springer die Gedanken auf Reisen. Geschickt nimmt sie zentrale Motive des Textes von José F. A. Oliver und wandelt diese in schwarz-graue Sequenzen (Unterstützt von der Signalfarbe eines dunklen Orange.) um. Eine leise und sparsame Symbolik wendet sich der Verlassenheit des Schreibenden zwischen allen seinen eigenen Heteronymen zu.

Der Text José F. A. Olivers macht sich auf die Suche nach den eigentlichen Beweg- und Schreibgründen Pessoas. Einzelne Episoden, gekennzeichnet durch den Auftritt der einzelnen Charakterentwürfe werden befragt. Die Frage ob es Pessoa gibt – diesen einen Menschen gibt wird gestellt und bleibt trotz möglicher Antwort offen. Es bleibt die Suche.

| * Zur Literaturburg: https://www.youtube.com/c/Literaturburg

| * Zur Homepage von José F.A. Oliver: http://oliverjose.com/

| * Zur Homepage von Johanna Springer: https://johannaspringer.de/

Abgeschaut: Stefan George: »Das lied das jener bettler dudelt«

Das lied das jener bettler dudelt

Ist wie mein lob das dich vergeblich lädt ·

Ist wie ein bach der fern vom quelle sprudelt

Und den dein mund zu einem trunk verschmäht.


Das lied das jene blinde leiert

Ist wie ein traum den ich nicht recht verstand ·

Ist wie mein blick der nur umschleiert

In deinen blicken nicht erwidrung fand.


Das lied das jene kinder trillern

Ist fühllos wie die worte die du gibst ·

Ist wie der übergang zu stillern

Gefühlen wie du sie allein noch liebst.


| George, Stefan: Das Jahr der Seele. Gesamt-Ausgabe der Werke, Band 4, Berlin 1928, S. 94-95.

| Online unter: http://www.zeno.org/nid/20004811356

ABGESCHAUT – PAUL BOLDT (1885-1921) „WIR DICHTER“

Wie Einsamkeit das Ich im Auge dämmt.
Du ist nicht feil, und Du beginnt zu fehlen.
Geh durch die Menge, um Lächeln zu stehlen,
Verbrauche deine Küsse ungehemmt –:

Ein Schrei wärmt dir den Leib! Zu sehr allein.
Es gibt nur dies, unser Blut-Hoch und Ja,
Unsere Kunst, das Labsal anima!
Das Herz bewegt sich in das Wort herein.

Von den Stummheiten sollen wir aufbrechen!
Nicht nur anjahren in der Existenz.
Von Antlitzfrauen aufreizend umschwiegen

Werden wir jetzt, einmal und wenigstens,
Die Herzensröte an den Lippen kriegen.
Unseren Dialekt des Menschen sprechen.


|Erstmals erschienen in: Die Aktion.
Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst.
Jg. 4, 1914, Nr. 50/52, 24. Dezember, Sp. 939.

|Digitalisat: http://www.lyriktheorie.uni-wuppertal.de/lyriktheorie/scans/1914_boldt.pdf

Thüringer Literaturtage 2021 – Der gewohnte Ausnahmezustand vom 12.07.-17.07.2021

### WICHTIGER PROGRAMMHINWEIS ###

Aktuell laufen auf Youtube die Thüringer Literaturtage, das beste gewohnte Ausnahmeliteraturfestival aller Zeiten. Besonders empfehlen möchte ich alle Programmpunkte. Schaut einfach mal rein.

Ganz nebenbei ist das eine perfekte Gelegenheit einmal das Angebot der Literaturburg auf Youtube zu entdecken:

https://www.youtube.com/channel/UCVZ9DF9p6MMQQLye88bJp8A

Trailer:


PROGRAMM:

Weitere Infos zum Programm und den Hintergründen findet ihr hier:

https://thueringer-literaturtage.de/index

DURCHGELESEN: Kathrine Kressmann Taylor – »ADRESSAT UNBEKANNT«

Eine Autorin, die heute fast vergessen ist – eine sehr wechselhafte Rezeptions- und Publikationsgeschichte und ein Text, der zusammengefasst auf weniger als 50 Seiten Platz findet. Wenn dann das Genre auch noch Briefnovelle heißt – was kann man von solch einem Werk erwarten?

Kurz gesagt: Alles! Was Kathrine Kressmann Taylor hier gelingt ist nicht weniger als eine der eindringlichsten Geschichten der Wandlung Deutschlands in den Monaten der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933. Ganz nebenbei wird eine stupende Vergeltung für Mittäterschaft ausgerollt, wie sie in dieser Art sehr selten in der Literatur ist.

Warum geht es eigentlich? Martin Schulse und Max Eisenstein betreiben gemeinsam eine gut gehende Kunstgalerie in San Fransisco. Allerdings hat sich Schulse dazu entschieden wieder zurück nach Deutschland zu ziehen um dort mit seiner Familie in der Nähe von München ein ruhiges und angenehmes Leben zu führen. Teils trauert ihm sein Kompagnon nach, da Schulse ein „Geschick im Umgang mit den alten jüdischen Matronen“ hat, andererseits beneidet er ihn für „die geistige Freiheit“ in Deutschland. Zusätzlich erwähnt Eisenstein noch die Erfolge seiner Schwester auf deutschen Bühnen, womit das Grundszenario bereits umrissen ist. Was von nun an in wenigen und immer kürzer werdenden Briefen passiert, kann man nur mit dem Attribut „schlagartig“ versehen. Freut sich Schulse in seinem ersten Antwortbrief (Dezember 1932) noch über die Ausstattung seines Hauses und die Ponys seiner Söhne, heißt es schon im nächsten Brief (März 1933) Hitler könnte „in einiger Hinsicht gut für Deutschland“ sein. Im dritten Brief (Juli 1933) ist die Wandlung Schulses bereits abgeschlossen und Max Eisenstein, ein guter Freund der Familie, ist plötzlich „in erster Linie Jude“, der „um [s]ein Volk jammert“. Die Schwester des ehemaligen Partners, eben noch „die Süße“, wird umgehend zu einer Gefahr für die Ambitionen Schulses, der seinen Aufstieg Nomenklatura der nationalsozialistischen Partei beginnt und bald über Alles andere stellt.

Die folgenden Briefe Eisensteins werden zusehends flehentlicher ob es Schicksals seiner Schwester in Deutschland, da er einen Brief an diese mit dem Hinweis „Adressat unbekannt“ zurückerhält. Dieser Ton jedoch soll wenig nützen und im Dezember erhält Eisenstein einen mit „Heil Hitler“ eröffneten Brief Schulses, der nicht weniger als „die unmißverständliche Pflicht“ des Deutschen und einen Bericht über die Ermordung seiner Schwester enthält.

Was nun passiert, ist das eigentliche Meisterstück der überschaubaren Novelle. Eisenstein schafft es mit wenigen Briefen die Rollen komplett umzukehren. Plötzlich ist es Schulse der „aus einer Verzweiflung heraus“ schreibt, die Eisenstein sich „nicht vorstellen“ könne. Wie ihm dies gelingt möge jeder selber lesen. Allerdings sei verraten, dass die Novelle ihren Titel nicht bloß aufgrund eines unbekannten Adressaten trägt.

Kathrine Kressmann Taylor (1903-1996) hat ein extrem überschaubares literarisches Werk vorgelegt. Mit „Bis zu jenem Tag“ aus dem Jahr 1942 nimmt sie das Thema des Nationalsozialismus noch einmal auf und berichtet über den Widerstand deutscher Christen am Beispiel von Leopold Bernhard. „Adressat unbekannt“ hatte es in den USA 1939 zu eine Auflage von 50.000 Exemplaren gebracht. Danach war es lange still um das Werk. Mit der erneuten Publikation in den USA bei Simon und Schuster 1995 gelang das Büchlein zu internationaler Bedeutung. Mit einer deutschen Auflage dauerte es bis 2001. Diese schaffte es dann allerdings sofort auf die Bestsellerlisten.

Wenn Elke Heidenreich im Nachwort befürwortet, dass „Adressat unbekannt“ zu Schullektüre werden sollte, liegt sie komplett richtig. Eindringlicher als hier lässt sich der Wandel Deutschlands von einer „wunderbaren politischen Freiheit“ hin zu einem Staat der ehemals enge Freunde dazu bringt über Leichen zu gehen kaum darstellen. Da ist kein Wort zu viel und kein Wort zu wenig. Es ist fast schon eine Tragödie, dass wir nicht mehr Bücher aus der Feder von Kressmann Taylor lesen dürfen.

| Kressmann Taylor, Kathrine: Adressat unbekannt. Atlantik bei Hofmann und Campe 2014. Briefnovelle, 76 Seiten. (Übers. von Dorothee Böhm.)