ABGESCHAUT: Paul Verlaine (1844-1896) – ยปSommerยซ

Der Sommer dehnt sich durch des Himmels weiรŸe Glut,

ein Schattenkรถnig, der ein Urteil sieht vollstrecken.

Despotisch siehst du ihn die fahlen Arme recken,

der mรผde Landmann schlรคft und jede Arbeit ruht.

Die Lerche sang heute nicht, sie blieb bei ihrer Brut.

Nicht eine Wolke will ein wenig Blau verdecken,

und nicht ein Windhauch will ein leises Sรคuseln wecken.

Die Stille lastet schwer auf Wiese, Hain und Flut.

In dieser starren Ruh verstummen selbst die Grillen,

die Bรคche flieรŸen nur in schmalen, seichten Rillen,

ihr Kieselbett ist leer, und gelb das Ufermoos.

Im grรผnen Tรผmpel nur im Schatten jener Espen,

da schwirren glitzernd noch Libellen ruhelos,

und manchmal blitzen durch die Luft schwarzgelbe Wespen.


| aus: Zweig, Stefan (Hg.): Paul Verlaine. Gedichte. Eine Anthologie der besten รœbertragungen. Berlin 1907. รœbers. von Otto Hauser.

| Digitalisat unter: Projekt Gutenberg

Auf der Bank

im auge des erpels
siehst du die bank
siehst dich
im auge des erpels
er sitzt gelassen
denkt sich seinen teil
und du entdeckst dich
im auge des erpels
bist du schรถn
er scheint zufrieden
und du bist es auch

Notat – Bryan

Die Vier erklimmt den Hรผgel Richtung Flughafen. Durch die Bahn schallt lautes Kinderlachen.
Ein kleiner Junge wird von seiner Mama angepustet und quittiert dies ausgelassen.
Der Vater reagiert zunehmend genervt. „Bryan bitte! Bryan hรถr auf.“ Hilflos schaut er sich
in der Tram um. „Bryan aufhรถren!“.
Ein Mรคdel in Bryans Alter setzt eine fragende Miene auf und zupft an der Jacke ihrer Mutter.
„Bryan? Mamaโ€ฆBryan?“. „So heiรŸt der Junge“ antwortet die Gefragte. „Nein Mama. So heiรŸt man
doch nicht.“ Die Mutter muss das Lachen unterdrรผcken. „Bryan gibt es immer bei Oma zu Mittag.“
Durch die Bahn schallt lautes Mutterlachen.

Zugvereist

sehr langsam rollt voran
der Zug mit mir
und meinen Gedanken
dem Wunsch einmal im Rathaus
allein in der Nacht
die Gรคnge zu zรคhlen
von Amts wegen und statistisch
verliert sich mein Blick
an einem Baum
an dem wir gerade schon vorbeikamen

Pix โ€“ Streetart in Erfurt โ€“ Die Brรผcke, Frau Korte 2023

Ich habe mir mal wieder die Umgebung des Nordbahnhofs in Erfurt angeschaut.

An alle Artists: Fรผr Verlinkung oder Bitte um Lรถschung bitte kurz melden.


| Frau Korte.

| Wall of Fame Erfurt

| Streetart @ Feels like Erfurt

Pix – Leipzig/Plagwitz Baumwollspinnerei, Parkfriedhof

ABGESCHAUT: WILHELM HEINRICH WACKENRODER (1773-1798) – ยปSehnsucht nach Italienยซ

Durch einen seltsamen Zufall hat sich folgendes kleine Blatt bis jetzt bei mir aufbewahrt, das ich schon in meiner frรผhen Jugend niederschrieb, als ich vor dem Wunsche, endlich einmal Italien, das gelobte Land der Kunst, zu sehen, keine Ruhe finden konnte.

Bei Tage und in der Nacht denkt meine Seele nur an die schรถnen, hellen Gegenden, die mir in allen Trรคumen erscheinen, und mich rufen. Wird mein Wunsch, meine Sehnsucht immer vergebens sein? So mancher reist hin und kommt zurรผck, und weiรŸ dann nicht, wo er gewesen ist, und was er gesehen hat, denn keiner liebt so innig das Land mit seiner einheimischen Kunst.

Warum liegt es so fern von mir, daรŸ es mein FuรŸ nicht in einigen Tagereisen erreichen kann? DaรŸ ich dann vor den unsterblichen Werken der groรŸen Kรผnstler niederknie und ihnen alle meine Bewunderung und Liebe bekenne? DaรŸ ihre Geister es hรถren, und mich als den getreusten Schรผler bewillkommen? โ€“

Wenn zufรคllig von meinen Freunden die Landkarte aufgeschlagen wird, muรŸ ich sie immer mit Rรผhrung betrachten; ich durchwandre mit meinem Geiste Stรคdte, Flecken und Dรถrfer, โ€“ ach! und fรผhle nur zu bald, daรŸ alles nur Einbildung sei.

Wรผnsch ich mir doch kein glรคnzendes Glรผck dieser Erde; aber soll es mir auch nicht einmal vergรถnnt sein, dir, o heilige Kunst, ganz zu leben?

Soll ich in mir selbst verschmachten

Und in Liebe ganz vergehn?

Wird das Schicksal mein nicht achten,

Dieses Sinnen, dieses Trachten

Stets mit MiรŸvergnรผgen sehn?

Bin ich denn so ganz verloren,

Den VerstoรŸnen zugeweiht?

O beglรผckt, wer auserkoren,

Fรผr die Kรผnste nur geboren,

Ihnen Herz und Leben weiht!

Ach, mein Glรผck liegt wohl noch ferne,

Kommt noch lange mir nicht nah!

Freilich zweifelt‘ ich so gerne, โ€“

Doch noch oft drehn sich die Sterne, โ€“

Endlich, endlich ist es da!

Dann ohne Sรคumen,

Nach langen Trรคumen,

Nach tiefer Ruh,

Durch Wies‘ und Wรคlder,

Durch blรผhnde Felder

Der Heimat zu!

Mir dann entgegen

Fliegen mit Segen

Genien, bekrรคnzt,

Strahlenumglรคnzt!

Sie fรผhren den Mรผden

Dem sรผรŸen Frieden,

Den Freuden, der Ruh,

Der Kunstheimat zu!

| aus: Wackenroder, Wilhelm Heinrich: Werke und Briefe. Hanser, 1984. S. 14ff.

| Digitalisat unter: http://www.zeno.org/Literatur/M/Wackenroder,+Wilhelm+Heinrich/Schriften+und+Dichtungen/Herzensergie%C3%9Fungen+eines+kunstliebenden+Klosterbruders/Sehnsucht+nach+Italien

Wiesenstories

erzรคhlt von den Halmen
ein kurzer Weg der Augen
รผber gramselnden Geschehen

erzรคhlt รผber den Halmen
von dir und mir
beim Verlassen des Tages

erzรคhlt in den Halmen
von den Beinen der Schrecke
der wir liegend lauschen

erzรคhlt fรผr uns
die wir zu Halmen werden
wiegend im Wind

Caprice

immer wenn du von der Tinte verfolgt
mit den Blรคttern vom Baum
und dann durch die Pfรผtzen fielst
immer tiefer bis zum Magmakern

wenn du in Luftschiffen
auf Polarexpeditionen gingst
um mit den Eisbรคren zu sprechen
รผber Finnwale und andere Freunde

wenn du Shibuya entdecken gingst
unbemerkt mit der Menge
aus dem Rahmen liefst
wie im japanischen Holzschnitt

immer dann machten wir
aus dem Schweigen eine Burg
zogen uns in das sachte Kratzen zurรผck
und genossen wie sich die Worte sammelten

Warum eigentlich nicht?

Warum sollten wir nicht am Leipziger Platz

die Weltwunder suchen

Augen geworfen nach Links, nach Rechts

und jede Ampelpause macht friedlich


Warum sollten wir nicht an der Werra

laufen bis zum Wehr

mit den singenden, springenden Fischen flussabwรคrts

die Schwanzflossen glรคnzend im Licht


Warum sollten wir nicht die Sonne

auf wie Wilhelmsburg tragen

รผber der Stadt die Freude verschรผtten

Burggrรคben fรผllen mit Glรผck


Warum sollten wir nicht mit Sisyhpos

den Stein auf den Inselberg rollen

bis er klein und bleich im Schnee liegt

und wir rodeln dem Glรผhwein entgegen


Warum eigentlich nicht?