Adventskalender Tür24* – Theodor Storm (1817-1888) – »Weihnachten«

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fern her Kirchenglocken
mich lieblich heimatlich verlocken
in märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
anbetend, staunend muß ich stehn;
es sinkt auf meine Augenlider
ein goldner Kindertraum hernieder,
ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.

Adventskalender Tür18* – Rainer Maria Rilke (1875-1926) – »Die hohen Tannen atmen«

Die hohen Tannen atmen heiser
im Winterschnee, und bauschiger
schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.
Die weißen Wege werden leiser,
die trauten Stuben lauschiger.

Da singt die Uhr, die Kinder zittern:
Im grünen Ofen kracht ein Scheit
und stürzt in lichten Lohgewittern, –
und draußen wächst im Flockenflittern
der weiße Tag zur Ewigkeit.

  • 24 weihnachtliche und winterliche Gedichte bis Heiligabend von 24 Autoren.

Gegenseitig

Zwei ca. 14 Jährige unterhielten sich heute auf dem Weihnachtsmarkt in Erfurt. Thema war die Homosexualität.
– Wie sehr schwul bist du eigentlich?
– Hm, so voll. Ganz halt.
– Ist da irgendwas anders als bei anderen Jungs?
– Na, ja. Ich schaue manche anders an. Wie, ähm.
Er dreht das Gesicht zur Seite. Denkt nach. Leise:
– Dich.
– Mich? Wie schaust du mich denn an?
Er dreht sich noch ein Stück weiter, senkt den Kopf etwas. Noch leiser:
– Ich finde dich süß?
– Mich?
– Ja.
Er will loslaufen. Seine Beine kennen nur noch die Richtung: Weg von hier. Sein Freund hält ihn fest, zieht ihn an sich heran.
– Cool. Kann ich dir ja verraten, dass ich dich mag.

Weihnachtsmarktwirtschaft

Ein Montagmittag in Erfurt. Den Anger erstickt unter weihnachtlichen Klängen, Glühweinverführungen und Käsefüßen. In einem der Stände werden Wollmützen feilgeboten. Interessiert trete ich an die Verkäuferin heran.
– Guten Tag junger Mann, was kann ich für sie tun?
– Guten Tag. Ich suche eine Mütze für eine Frau mittleren Alters.
– Sind wir ehrlich, habe ich hier nur solche. Aber mir gefallen diese hier besonders.
Sie zeigt mir eine weiße Mütze mit grauer Bommel.
– Ja, ziemlich gut. Was könnten sie mir noch empfehlen?
– Die Grauen gehen auch gut. Aber dieser Glitzerflitter daran.
– Gebe ich ihnen Recht. Würde ihr auch nicht gefallen.
– Diese hier? Schwarz, weiße Bommel.
– Zu dunkel.
Eine weitere Kundin hat sich der Bude genähert. Betrachtet die Szene interessiert.
– Und diese hier?
– Auch wieder Glitzerflitter. Ich nehme die erste, die weiße Mütze.
Die Verkäuferin beginnt zu suchen. Verwundert durchkramt sie die vorgestellten Mützen nach dem ersten Exponat. Die Beobachterin tritt näher heran.
– Was suchen sie denn?
– Eine weiße Mütze für den jungen Mann.
– Die auf ihrer Hand?
Mit einem erleichterten, wie überraschten Lachen erkennt die Verkäuferin ihren Fauxpas.
– Oh ja. Ach wie immer. Es wird Zeit für das Ende des Weihnachtsmarktes.
Die Beobachterin wendet skeptisch ein:
– Aber dann sind sie auch wieder arbeitslos.
– Ja, das stimmt. Junger Mann ihre Mütze. Macht 15 Euro bitte.
– Ich danke ihnen. Auf Wiedersehen.
Die Beobachterin verbleibt noch am Stand.