Adventskalender Tür4* – Walther von der Vogelweide (~1170-~1230) – »Uns hât der winter geschât über al«

Uns hât der winter geschât über al:
heide unde walt die sint beide nû val,
dâ manic stimme vil suoze inne hal.
saehe ich die megede an der strâze den bal
werfen! sô kaeme uns der vogele schal.

Möhte ich verslâfen des winters zît!
wache ich die wile, sô hân ich sîn nît,
daz sîn gewalt ist sô breit und sô wît.
weizgot er lât ouch dem meien den strît:
sô lise ich bluomen dâ rîfe nû lît.

Übersetzung von Richard Zoozmann (1863-1934)

Winter allorts uns mit Schaden bezwang,
Kahl ist der Wald und die Felder sind blank,
Wo einst so lieblich manch Stimmlein erklang!
Würfen die Mägdlein erst Straßen entlang
Wieder den Ball, kläng auch Vogelgesang!

Könnt ich verschlafen im Winter die Zeit!
Wach ich indessen, so schafft es mir Leid,
Daß er sein Zepter so weit schwingt und breit!
Endlich besiegt ihn der Mai doch im Streit:
Blumen dann pflück ich, wo heut es noch schneit!

  • Täglich ein kleines winterliches oder weihnachtliches Gedicht bis zum 24.12.2021.

Adventskalender Tür3* – Ferdinand Sauter (1804-1854) – »Winter«

Aus Nebellüften gaukeln lichte Flocken
Hernieder auf die ausgestorbne Fläche,
Vom Eise starren Seen, Flüß‘ und Bäche
Und alle frischen Lebenskeime stocken.

Da schleicht der Lenz heran auf grünen Socken,
Daß er die Kraft des alten Rieden breche,
Daß er den Mord der tausend Blüten räche,
Und wirft den grimmen Feind mit Blumenglocken.

Wie tröstlich ist’s, in winterlichen Schauern,
Und in der Wesen allgemeinem Trauern
Zu wissen, daß ein neuer Frühling grüne;

Doch düster schattet eine Wetterwolke
Verfinsternd über einem ganzen Volke,
Und ohne daß ein Rächer ihm erschiene!

  • Täglich ein kleines winterliches oder weihnachtliches Gedicht bis zum 24.12.2021.

Adventskalender Tür1* – Heinrich Heine (1797-1856) – »WINTER«

Die Kälte kann wahrlich brennen
Wie Feuer. Die Menschenkinder
Im Schneegestöber rennen
Und laufen immer geschwinder.

Oh, bittre Winterhärte!
Die Nasen sind erfroren,
Und die Klavierkonzerte
Zerreißen uns die Ohren.

Weit besser ist es im Summer,
Da kann ich im Walde spazieren,
Allein mit meinem Kummer,
Und Liebeslieder skandieren.

  • Täglich ein kleines winterliches oder weihnachtliches Gedicht bis zum 24.12.2021.

Diesen Mai

Diesen Mai
sterben die Bienen nicht mehr
vermehren sich die Tauben
Rekordemai, warm wie nie

eigentlich frierst du
wenn es draußen brennt
frierst an dir
kennst das nicht anders

machst dich fröhlich im Gesicht
stellst die Mimik für den Sommer ein
das Update – Guru –
hast du von den Tauben gelernt
die Lachen mit dir und tun
wie man von ihnen erwartet

Es flanierte

Einmal ein Gedicht
Mit Hut und Binde
Den Stock geschwungen
Der Knauf 925er Sterling
Hundekopf gefletschte Lefzen

Ein Gentleman bin ich
Habe er gesagt, es heißt
Jemand habe ihn so verstanden

Den Hut gelüftet
Darunter Nichts
Als die Binde
Ein wenig die Luft zu behalten

Da kam keiner mehr vorüber
Und der Gedicht verschlief
Das Ende seiner Gehbahn
Wachte zwischen Wolkenkratzern auf
Machte Diät und wurde zu fresh
für Binde und Lefzen

Der Gedicht fing an zu joggen
Rannte pfiffig unter den Türmen
Den Herren keck winkend
Die machten aus ihm eine Werbung
Und er machte sich einen Namen

Work it III – Ablagerung, Final

Junge, Junge. Das war eine lange Zeit. Heute zeige ich endlich das Ergebnis der erste „Work it“-Reihe mit dem Titel „Ablagerung“:

Ablagern.

weg vom Ufer
zwischen den Zehen
morsches Holz
die Stege von gestern
Schilf gürtet den See

dir schlägt das Herz
die Kälte aus den Gliedern
die Fersen reiben am Grund
die Schwerkraft will es
du nicht

Eine kurze Frage…

Wofür hast du
Sag mal,
Wofür hast du studiert,
Die Jahre für die Katz‘
Miau
Sogar die hat mehr als du
M.A. das macht
Wie Maggi
Wenig Eindruck.
Wofür hast du….

An dieser Stelle musste der Autor den Fragenden verlassen.