Uns hât der winter geschât über al: heide unde walt die sint beide nû val, dâ manic stimme vil suoze inne hal. saehe ich die megede an der strâze den bal werfen! sô kaeme uns der vogele schal.
Möhte ich verslâfen des winters zît! wache ich die wile, sô hân ich sîn nît, daz sîn gewalt ist sô breit und sô wît. weizgot er lât ouch dem meien den strît: sô lise ich bluomen dâ rîfe nû lît.
Übersetzung von Richard Zoozmann (1863-1934)
Winter allorts uns mit Schaden bezwang, Kahl ist der Wald und die Felder sind blank, Wo einst so lieblich manch Stimmlein erklang! Würfen die Mägdlein erst Straßen entlang Wieder den Ball, kläng auch Vogelgesang!
Könnt ich verschlafen im Winter die Zeit! Wach ich indessen, so schafft es mir Leid, Daß er sein Zepter so weit schwingt und breit! Endlich besiegt ihn der Mai doch im Streit: Blumen dann pflück ich, wo heut es noch schneit!
Täglich ein kleines winterliches oder weihnachtliches Gedicht bis zum 24.12.2021.
Aus Nebellüften gaukeln lichte Flocken Hernieder auf die ausgestorbne Fläche, Vom Eise starren Seen, Flüß‘ und Bäche Und alle frischen Lebenskeime stocken.
Da schleicht der Lenz heran auf grünen Socken, Daß er die Kraft des alten Rieden breche, Daß er den Mord der tausend Blüten räche, Und wirft den grimmen Feind mit Blumenglocken.
Wie tröstlich ist’s, in winterlichen Schauern, Und in der Wesen allgemeinem Trauern Zu wissen, daß ein neuer Frühling grüne;
Doch düster schattet eine Wetterwolke Verfinsternd über einem ganzen Volke, Und ohne daß ein Rächer ihm erschiene!
Täglich ein kleines winterliches oder weihnachtliches Gedicht bis zum 24.12.2021.
Vor kurzem nahm ich mir endlich einen 2019 in Albufeira gekauften Lyrikband „Lissabonner Dichter“ vor. Vorgestellt werden hier fünf portugiesische Lyriker von Luís Vaz de Camões (1524-1580), der mit den „Luisaden“ einen wichtigen Beitrag zur Dichtung während der Renaissancezeit vorlegte, bis zu Mário de Sá-Carneiro (1890-1916), dem Schöpfer eines schmalen aber äußerst wirkmächtigen Ouevres. Dieser frühvollendete, genialisch veranlagte Bohèmien mit seiner tief verwurzelten Todessehnsucht zählt zusammen mit dem großen Namen der portugiesischen modernen Lyrik Fernando Pessoa (1888-1935) zu den Begründern dessen, was wir heute mit der Dichtung ihres Heimatlandes verbinden. Zusammen mit Luís de Montalvor (1891-1947) begründeten sie 1915 die legendäre Zeitschrift „Orpheu“. Diese brachte es zwar nur auf zwei Nummern, wirkte als innovatives und avantgardistisches Leitmedium aber weit in das 20. Jahrhundert.
Pessoa, dessen Werk sich durch eine Vielfalt an Stilen auszeichnet, entwarf für die Veröffentlichung seiner Texte eine Reihe von Heteronymen. Jedes gestaltet mit eigener Biographie, Stilistik und Denkweise. Auch „Das Buch der Unruhe“ erscheint unter Pseudonym. Als Autor ist der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares vermerkt. Pessoa legte hier keinen linear erzählten Roman vor, sondern sammelte, wie es der Titel des zentralen Kapitels „Autobiografie ohne Ereignisse“ bereits andeutet Lebenszeugnisse ohne direkten narrativen Zusammenhang. Soares, gewissenhafter Angestellter mit angenehmer Erscheinung, bewertet sich und sein Auftreten. Allerdings scheint er dabei nicht besonders gut wegzukommen. Als „Nichts“, als „Fliege“ bezeichnet er sich, nur um daraus im nächsten Absatz einen Vorzug seiner Persönlichkeit zu sehen. Die fast 500 Fragmente variieren wiederkehrende Introspektionen und Sequenzen von Befindlichkeiten. Handlungsstränge werden durch Umschreibungen und Gedankensplitter ersetzt. Die nicht immer ganz einfache Lektüre gewinnt durch die rhythmisierende Sprache und Wortwiederholungen einen ganz eigenen Flowcharakter.
Blendend zusammengefasst und filmisch übersetzt wurde das „Buch der Unruhe“ durch José F. A. Oliver (*1961) und Johanna Springer im Rahmen des Projektes „Long Story Short“ des Lese-Leichen e.V. Im kurzen bis mittellangen Animationsfilmen werden Werke der Weltliteratur anschaulich gemacht.
In betont minimalistischen Bildern schickt Johanna Springer die Gedanken auf Reisen. Geschickt nimmt sie zentrale Motive des Textes von José F. A. Oliver und wandelt diese in schwarz-graue Sequenzen (Unterstützt von der Signalfarbe eines dunklen Orange.) um. Eine leise und sparsame Symbolik wendet sich der Verlassenheit des Schreibenden zwischen allen seinen eigenen Heteronymen zu.
Der Text José F. A. Olivers macht sich auf die Suche nach den eigentlichen Beweg- und Schreibgründen Pessoas. Einzelne Episoden, gekennzeichnet durch den Auftritt der einzelnen Charakterentwürfe werden befragt. Die Frage ob es Pessoa gibt – diesen einen Menschen gibt wird gestellt und bleibt trotz möglicher Antwort offen. Es bleibt die Suche.
Aktuell laufen auf Youtube die Thüringer Literaturtage, das beste gewohnte Ausnahmeliteraturfestival aller Zeiten. Besonders empfehlen möchte ich alle Programmpunkte. Schaut einfach mal rein.
Ganz nebenbei ist das eine perfekte Gelegenheit einmal das Angebot der Literaturburg auf Youtube zu entdecken:
„Darum gleicht jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt.“ (Matthäus 13,52)