Pädagogik

Eine Mutter zieht ihren Jungen an der Hand. Er streift die andere Hand an den dreckigen Fassaden einer Nebenstraße entlang. Sie zerrt ihn weg von den Wänden. „Kannst du den Dreck nicht lassen wo er ist?“ Der Junge schüttelt den Kopf: „Papa hat gesagt, wenn ich mal was werden will, muss ich mich erst um den Dreck von anderen kümmern.“ Indignierter Blick bei der Mutter, überlegene Freude beim Kind.

Suhl.

„Hier wurden Waffen gebaut.“, sagt die Oma. „Das sieht man.“, antwortet der Enkel.

Aufmerksamkeit

Der Mann tritt im scheinbar selben Unterhemd wie immer auf den Balkon. Er schaut nach oben. Beschirmt die Augen mit den Händen. Nach einiger Zeit des Betrachtens: „Sag mal, Helga…die Sonne scheint. Willst du nicht einkaufen gehen?“

kalt.

„Ein Wort! Nicht mehr.“ Der Tag war kalt. Deine Hand noch kälter. „Sag es doch!“ Ich schaute an dir vorbei. „Kannst du nicht oder willst du nicht?“ Der Entschluss stand fest. Ich blieb stehen. „Was ist nun?“ Ich schwieg. Du suchtest meinen Blick. Jetzt schaute ich dir in die Augen und sagte: „Ja.“ Wind wehte dir Haare in die Stirn. Ich wusste nicht, was du erwartet hattest. Wusste nicht, was du noch wolltest. Du drehtest dich um. Wolltest du gehen? Nein. Du lachtest befreit auf, legtest den Kopf an meine Schulter. „Ich wusste es doch.“ Deine Hand blieb kalt.


das Tier

„Sag mal, hast du Asterix gesehen?“ Sie stehen an Gleis 3a und die Frau kramt in der Handtasche. „Ich? Ja.“ „Ah gut. Wo?“ „Beim Tierarzt.“ Sie hat einen Labello an den Lippen, schaut fragend. „Wo?“ „Beim Tierarzt.“ „Du hast ihn einschläfern lassen?“ Angstvoll blickt sie ihn an. „Ja.“ Ein Nicken verstärkt sine Aussage. „Zum Glück. Morgen kommt meine Mutter.“ „Mal sehen, vielleicht hat der Tierarzt noch einen Termin frei.“

Stimulus

Der Abend in Weimar schweigt sich aus. Mehr Grau. Der Regionalexpress ist gut gefüllt. Auftritt Hermann und Dorothea, sichtlich gealtert. Sie roter Schal, fuchsiges Haar. Er graumelierte Schläfe, Trenchcoat, seine Langsamkeit betonend. Sie will reden. Er holt die Zeitung heraus. Sie spricht. Er brummt. „Hermann, wir sollten etwas gegen deine Inkontinenz tun.“ Sie hat seine Aufmerksamkeit.

Zivilgesellschaft

Bahnhof Eisenach. Gleis 3. Die Luft freundlich kühl. Drei Bundeswehrsoldaten mit leeren Dosen. Ein Pfandsammler geht seiner Arbeit nach. Freundlich blickend verteilt er Grüße. Einer der jungen Männer steht auf, reicht ihm die Dosen. „Hier guter Mann.“ „Danke, das ist Arbeitsteilung. Die Grundlage der Zivilisation.“ Er schüttelt die Dosen im Licht, verwahrt sie sorgsam. Einer der Soldaten nickt: „Guter Mann.“

Bedecke deinen Himmel Zeus.

Der Abend ist vorangeschritten. Die beiden Mannsbilder sitzen bei Kerzenschein auf dem Balkon. Nr. 1 denkt über das Leben nach: „Weißt du, wenn die Menschen das Feuer nicht hätten, dann wäre es finster.“ Nr. 2 denkt kurz darüber mach und meint: „Ja Mann, mit nem Maglite hätte Odysseus keinen Style gehabt.“ Man erfreut sich der Dämmerung und die Stille wird nur von einem „WICKED!“ hier und da gestört.

Lesen

Straßenbahn, nähe Kaufland. Ein Mädchen erklärt ihrer älteren Schwester die Welt: „…habe ich gelesen. Da bin ich eingeschlafen und habe von einem Buch geträumt. Die Seiten haben mich angeguckt. Irgendwie dachte ich die lesen in mir.“ „Und dann?“ „Ich bin aufgewacht“ „Ah.“ „Und habe das Buch auf die Toilette gelegt.“ „Warum? Willst du dabei beobachtet werden?“ Schweigen bis zum Haltepunkt. Ich habe meinen Einkaufszettel zuhause vergessen.

Attackenlehre: Pokémon

Vormittag. Frühstückspause in der Grundschule Gagarin-Ring Erfurt. Lautstark. Übertönt von einem „Pika-Pikachuuu!“ Es klingt angestrengt. „Das war Donnerblitz. Jetzt kommt der Ruck-Zuck Hieb.“  Der Gegner schaut siegesgewiss, stellt sich an die Schulwand. Der Pikachujunge flitzt im wilden Zick-Zack auf den Wandsteher zu. Dieser macht einen Schritt beiseite. Pikachu rennt gegen die Mauer. „Das wär Härtner.“