Behauptung

Stรถrend

angemacht das gedicht
essig und รถl
verlaufen zwischen den zeilen
stecken kleingewรผrfelt silbenzwiebeln
halten den geschmack zusammen-
gemengt all das
muss ziehen
bis dir am abend
die wolke aus dem blick kippt
das auge in die leere
schaut das haar in der strophe

(Sehr) kurzer Versuch รผber das Wachbleiben

Die Zeit der langen Schatten

das Licht macht aus Bรคumen

Haare und Strรคhnen dunkel

liegen sie auf dem Kupfer aus Laub

du fragst dich

ob Morticia Adams hier mit dem Kamm durchkรคme

alles so lang und glatt

und dann ist es Nosferatu an den du denkst

wenn der Herbst auf Murnau macht

die Schatten lange Finger sind

Komme ihnen nicht zu nahe

Oder nimmst du dich besser in Acht

vor Peer Gynt

Verfรคngst sich sonst in seinen Trรคumen

Kupfer wird Gold in Fingern

und das lange dunkle Haare gehรถrt der Kรถnigin

sie fรคhrt mit euch, mit Peer und dir

durch die Wipfel, in das Licht

Schatten werdet lang ruft ihr

und sie schlieรŸen euer Reich hinter den Augen

Schlรคfst du?

ORTIGIA, gegen Mittag

am papyrusmuseum in Syrakus
holst du luft tief
wie die sonne steht
hinter dir fassaden
und keine bewegung
denkst du nur rauschen
von blut und meer
in und vor dir
luft ist warm
der morgen schlรคgt
wellen ans ufer
es fehlen die zeilen
lesbar im bild

Vater

Angst

Jetzt ist es soweit, da ist sie also,

die Apokalypse, sagst du

mit bebender Stimme

den Blick nach oben gerichtet

siehst du die Anzeige

Linie 4 fรคhrt ein

bringt uns zum Zahnarzt

Abgeschaut: Von Gรผnderrode, Karoline (1780-1806) – ยปDie eine Klageยซ

ยปDie eine klageยซ

Wer die tiefste aller Wunden
Hat in Geist und Sinn empfunden
Bittrer Trennung Schmerz;
Wer geliebt was er verlohren,
Lassen muรŸ was er erkohren,
Das geliebte Herz,

Der versteht in Lust die Thrรคnen
Und der Liebe ewig Sehnen
Eins in Zwei zu sein,
Eins im Andern sich zu finden,
DaรŸ der Zweiheit Grรคnzen schwinden
Und des Daseins Pein.

Wer so ganz in Herz und Sinnen
Konnt‘ ein Wesen liebgewinnen
O! den trรถstet’s nicht
DaรŸ fรผr Freuden, die verlohren,
Neue werden neu gebohren:
Jene sind’s doch nicht.

Das geliebte, sรผรŸe Leben,
Dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick,
Dieses Suchen und dies Finden,
Dieses Denken und Empfinden
Giebt kein Gott zurรผck.

| aus: Von Gรผnderrode, Karoline: Gesammelte Werke, Band 2. Berlin 1920โ€“1922, S. 14-15.

WechselsTromern

Abgeschaut: Baudelaire, Charles (1821-1867) – ยปEinladung zur Reiseยซ

Meine Schwester mein Kind!
Denk dir wie lind
Wรคr es dorthin zu entweichen!
Liebend nur sehn ยท
Liebend vergehn
In Lรคndern die dir gleichen!
Der Sonnen feucht
Verhรผlltes geleucht
Die mir so rรคtselhaft scheinen
Wie selber du bist
Wie dein Auge voll List
Das glitzert mitten im weinen.

Dort wo alles friedlich lacht โ€“
Lust und Heiterkeit und Pracht.

Die Mรถbel geziert
Durch die Jahre poliert
Stรคnden in deinem Zimmer
Und Blumen zart
Von seltenster Art
In Ambraduft und Flimmer.
Die decken weit
Die spiegel breit
In Ostens Prunkgemache
Sie redeten dir
Geheimnisvoll hier
Die sรผรŸe Heimatsprache.

Dort wo alles friedlich lacht โ€“
Lust und Heiterkeit und Pracht.

Sieh im Kanal
Der Schiffe zahl
Mit schweifenden gelรผsten!
Sie kรคmen dir her
Aufs kleinste Begehr
Von noch so entlegenen Kรผsten.
Der Sonne Glut
Ersterbend ruht
Auf Fluss und Stadt und die ganze
Welt sich umspinnt
Mit Gold und jazint
Entschlummernd in tief-warmem Glanze.

Dort wo alles friedlich lacht โ€“
Lust und Heiterkeit und Pracht.


Charles Baudelaire, als einer der groรŸen Erneuerer der europรคischen Lyrik, ist bekannt fรผr seine Portraits der sich verรคndernden Stรคdtelandschaft seiner gleichfalls geliebten und gehassten Heimat Paris (Vorrangig in den „Tableaux parisiens“.) In seiner 1857 erschienen Sammlung „Les fleurs du mal“ verbindet er die Erfahrung der sich rasant wandelnden Lebensumstรคnde der Industrialisierung mit dem Blick des Romantikers fรผr die Schรถnheit im Gegenwรคrtigen.

Das Gedicht โ€žEinladung zur Reiseโ€œ ist seiner Geliebten Marie Daubrun gewidmet. Er fรผhrt der Schauspielerin in dem Zeilen das Ideal eines fernen Landes frei von den Umwรคlzungen in der GroรŸstadt vor. Geradezu idyllisch mutet es an, wenn er das „Entweichen“ in die sonnenreiche Landschaft „wo alles friedlich lacht“ aufruft. Aber Baudelaire nicht der Autor der „Fleurs du mal“, wenn er nicht auch hier die Scheinhaftigkeit mittragen wรผrde (Passend zum Titel des Zyklus „Trรผbsinn und Vergeisterung“).

Henri Duparc (1848-1933) hat das Gedicht – auch hier wieder einer Dame, seiner spรคteren Ehefrau Ellen Mac Swiney, gewidmet – 1870 als Gesang mit Klavierbegleitung vertont.

| aus: Baudelaire, Charles: Die Blumen des Bรถsen. Berlin 1901. S. 72-74. รœbers. v. George, Stefan.

| Digitalisat unter: https://de.wikisource.org/wiki/Einladung_zur_Reise

| Zu den Liedern des Henri Duparc mรถchte ich folgenden Link empfehlen: https://kammermusikkammer.blogspot.com/2018/09/henri-duparc-1848-1933-lieder.html

Stromern

ausgeschickt zur Entdeckung

Abenteuer am Rinnstein

hinein in den Schilfgรผrtel

Von Schwรคnen beachtet

weiter in den Mittag ziehen

immer der See im Auge

Und da drรผben sitzt ein Alter

Mit Suppe im Bart

erzรคhlt er den Pappeln von Bette Davis Eyes

Der Wind greift den Schopf

Zieht dich uns Fispern der Bรคume

dem Reiher hinterher

Gen Heimat geht’s

Zur Suppe, zum Bart.