Behauptung

Abgeschaut: Van Hoddis, Jakob (1887-1942) – »Der Träumende«

»Der Träumende«

Blaugrüne Nacht, die stummen Farben glimmen.

Ist er bedroht vom roten Strahl der Speere

Und rohen Panzern? Ziehn hier Satans Heere?

Die gelben Flecke, die im Schatten schwimmen,

Sind Augen wesenloser großer Pferde.

Sein Leib ist nackt und bleich und ohne Wehre.

Ein fades Rosa eitert aus der Erde.

| aus: Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts. DTV, 1962.

Störend

angemacht das gedicht
essig und öl
verlaufen zwischen den zeilen
stecken kleingewürfelt silbenzwiebeln
halten den geschmack zusammen-
gemengt all das
muss ziehen
bis dir am abend
die wolke aus dem blick kippt
das auge in die leere
schaut das haar in der strophe

(Sehr) kurzer Versuch über das Wachbleiben

Die Zeit der langen Schatten

das Licht macht aus Bäumen

Haare und Strähnen dunkel

liegen sie auf dem Kupfer aus Laub

du fragst dich

ob Morticia Adams hier mit dem Kamm durchkäme

alles so lang und glatt

und dann ist es Nosferatu an den du denkst

wenn der Herbst auf Murnau macht

die Schatten lange Finger sind

Komme ihnen nicht zu nahe

Oder nimmst du dich besser in Acht

vor Peer Gynt

Verfängst sich sonst in seinen Träumen

Kupfer wird Gold in Fingern

und das lange dunkle Haare gehört der Königin

sie fährt mit euch, mit Peer und dir

durch die Wipfel, in das Licht

Schatten werdet lang ruft ihr

und sie schließen euer Reich hinter den Augen

Schläfst du?

ORTIGIA, gegen Mittag

am papyrusmuseum in Syrakus
holst du luft tief
wie die sonne steht
hinter dir fassaden
und keine bewegung
denkst du nur rauschen
von blut und meer
in und vor dir
luft ist warm
der morgen schlägt
wellen ans ufer
es fehlen die zeilen
lesbar im bild

Vater

Angst

Jetzt ist es soweit, da ist sie also,

die Apokalypse, sagst du

mit bebender Stimme

den Blick nach oben gerichtet

siehst du die Anzeige

Linie 4 fährt ein

bringt uns zum Zahnarzt

Abgeschaut: Lenau, Nikolaus (1802-1850) – »Unmut«

»Unmut« (1832 erschienen)

Die Hoffnung, eine arge Dirne,
Verbuhlte mir den Augenblick,
Bestahl mit frecher Lügenstirne
Mein junges Leben um sein Glück.

Nun ists vorüber; in den Tagen,
Als ihr Betrug ins Herz mir schnitt,
Hab ich das süße Kind erschlagen,
Und mit dem Leben bin ich quitt.

Nicht mehr zum Lustschloß umgelogen,
Scheint mir die Erde, was sie ist:
Ein schwankes Zelt, das wir bezogen –
Tod, habe Dank! – auf kurze Frist.

| aus: Lenau, Nikolaus: Sämtliche Werke und Briefe. Bd. 1. Leipzig und Frankfurt 1970, S. 27.

Abgeschaut: Von Günderrode, Karoline (1780-1806) – »Die eine Klage«

»Die eine klage«

Wer die tiefste aller Wunden
Hat in Geist und Sinn empfunden
Bittrer Trennung Schmerz;
Wer geliebt was er verlohren,
Lassen muß was er erkohren,
Das geliebte Herz,

Der versteht in Lust die Thränen
Und der Liebe ewig Sehnen
Eins in Zwei zu sein,
Eins im Andern sich zu finden,
Daß der Zweiheit Gränzen schwinden
Und des Daseins Pein.

Wer so ganz in Herz und Sinnen
Konnt‘ ein Wesen liebgewinnen
O! den tröstet’s nicht
Daß für Freuden, die verlohren,
Neue werden neu gebohren:
Jene sind’s doch nicht.

Das geliebte, süße Leben,
Dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick,
Dieses Suchen und dies Finden,
Dieses Denken und Empfinden
Giebt kein Gott zurück.

| aus: Von Günderrode, Karoline: Gesammelte Werke, Band 2. Berlin 1920–1922, S. 14-15.

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