hauptversammlung

alles war bereitet
reihum saßen die honoratioren
die kröte mit dem sonnenschirm
der spatz mit der zigarre
daneben die grille aufgebracht
mit einem spielverbot in der tasche

die bilanz gezogen
tropfte dividende in den blätterdom
gläser wurden erhoben
die geschäfte gingen gut
seit der biber übernommen
vom gestürzten dachs

Urlaub

in den großen Ferienorten
nehmen wir den Sand mit ins Herz
auf der Seebrücke die Arme nach Ost und West
sammeln Wolken hinter den Augen
dort regnet es in den Kopf
drückt heraus
und die Augen spielen großes Drama

Lauf der Dinge

die Milch verschleiert sich
bekommt Haut – deine
und klumpt – dein Spruch
ich – erst ultrahocherhitzt, jetzt sauer
gepackt ohne Ausweg

Rom I – Am Anfang war

das Wort
ist ein geklauter Anfang
aber er passt gut nach Rom
in ein Gedicht über den Diebstahl
das sonst nicht mehr zu sagen hat

Abgeschaut: Jakob vAn HoDDIS (1887-1942) – »AURORA«

Nach Hause stiefeln wir verstört und alt,
Die grelle, gelbe Nacht hat abgeblüht.
Wir sehn, wie über den Laternen, kalt
Und dunkelblau, der Himmel droht und glüht.

Nun winden sich die langen Straßen, schwer
Und fleckig, bald, im breiten Glanz der Tage.
Die kräftige Aurore bringt ihn her,
Mit dicken, rotgefrorenen Fingern, zage.


| aus: Niedermeyer, Max (Hg.): Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts. Dtv 1970.

| Digitalisat unter: Projekt Gutenberg


Rückständig

Die Nacht verlässt den Kopf
Durch die Augen versenkt du sie
In den Tiefen der Tasse
Die mehrhäutigen Worte
Ziehen sich zurück
Sammeln in der Amygdala
Den nächsten Sturm
Dir wird kein Haar gekrümmt
Nur ganz sachte das Rückgrat gestaucht

Abgeschaut: Friedrich Hebbel (1813-1863) – »Requiem«

Seele, vergiß sie nicht,

Seele, vergiß nicht die Todten!

Sieh, sie umschweben dich,

Schauernd, verlassen,

Und in den heiligen Gluten,

Die den Armen die Liebe schürt,

Athmen sie auf und erwarmen,

Und genießen zum letzten Mal

Ihr verglimmendes Leben.

Seele, vergiß sie nicht,

Seele, vergiß nicht die Todten!

Sieh, sie umschweben dich,

Schauernd, verlassen,

Und wenn du dich erkaltend

Ihnen verschließest, erstarren sie

Bis hinein in das Tiefste.

Dann ergreift sie der Sturm der Nacht,

Dem sie, zusammengekrampft in sich,

Trotzten im Schooße der Liebe,

Und er jagt sie mit Ungestüm

Durch die unendliche Wüste hin,

Wo nicht Leben mehr ist, nur Kampf

Losgelassener Kräfte

Um erneuertes Sein!

Seele, vergiß sie nicht,

Seele, vergiß nicht die Todten!


| aus: Hebbel, Friedrich: Sämtliche Werke. 1. Abteilung. Berlin 1911. S. 149-150.

| Digitalisat unter: Zeno


Dieses Requiem hat Max Reger (1873-1916) als sein letztes Chorwerk 1915 (Reqiuem op. 144b) für Alt und Bariton vertont.

Frohlocken

Dieses Wort zog dir bis an die Haarwurzel

und zwang dich an den Stift

es gehört in die Poesie dachtest du

und nebenan klopften schon die anderen Ideen

kamen aber nicht dran

der Rand war schon erreicht

und die Augen zu träge

konnten nicht mehr folgen

die Ideen gerieten unter die Verse

Short VIII – Schlaf

Auf der Decke liegend

Bedeckt von Hitze

Rufe ich den Herbst aus

Mit Kühle für den Schlaf

Der Ausgerufene schaut wirr

Und dreht sich im Bett

Ich bekomme von Südsüdwest

Ein Tropenhoch zur Antwort

Wurf

Ich warf dem Raben Krumen hin

an der Haltestelle gegenüber säubert ein Punk seine Stiefel

der Hahnenkamm wirkt wie ein Besen

für den Reklamestrand der Tui darüber

die Strandschöne schaut dazu vergnügt

der Punk mustert seine Fingernägel

ist zufrieden mit den Rändern

hebt die Arme und tritt in die Welt

der Rabe sieht ihn und verneigt sich