Ein sonniger Erfurter Spätsommermorgen. An der Kasse des Verbrauchermarktes verstaue ich meine Einkäufe. Nach mir tritt ein junger Mann, Brille, 3 Tage-Bart, dunkler Rollkragenpullover zur Kassiererin. Sie – eine etwa fünfzigjährige mit roten Haaren und freundlichem Lächeln:
Sie – So, ein Kaffee. Und was haben wir in der Tüte? Er – mit einem südeuropäischen Akzent:
Ein Brötchen.
Nein, das ist ein Berliner.
Nein, ein Brötchen.
Schauen sie mal, das ist rund und mit Puderzucker. Das ist ein Berliner.
Das alles Brötchen. Die beiden begrinsen sich.
Also, ein Berliner.
Nein, kein Berliner. Erfurter. Warum Berliner?
Ja, sie sind ein Erfurter und in der Tüte ist ein Berliner.
Ich belausche dich beim Niesen und stelle mir deine Stimme vor, wie sie die altbekannten Worte sagt. Unter diesen riesigen braunen Augen. Manche würden sagen Rehaugen. Du belohnst mich mit einem zweiten Nieser. Deine Nase zieht sich kraus. Du kneifst die Augen zusammen. Dein ganzer Körper wird durchgeschüttelt. Ich muss lächeln.
Du rutschst in deinem Sitz ein wenig nach vorne, deine Beine gekreuzt über deinem Rucksack. Du bewegst dein Handy konzentriert Hin und Her, um deinen Racer zu steuern. Deine Zunge folgt dabei synchron. Gegenübersitzend staune ich über so viel Entschlossenheit und denke mir irgendwann muss doch dieses Level einmal vorbei sein. Wenn du gewinnst, bekomme ich dein Siegerlächeln. Wenn du verlierst, verfluchen wir die Welt, rufen Walhalla und schwören jedem Gegner Rache.
Ich träume davon, dass wir in die Mauser kommen. Deine und meine Federn überall. Ich sammele sie und ordne alle der Größe nach. Wenn es mir mal zu viel wird mit deinem Gedaddel, werde ich dich damit an den Füßen kitzeln. Süße Rache meinerseits.
Vom Regengeprassel gegen das Tramfenster nimmst du kaum Notiz. In der Spiegelung laufen dir Tropfen über das Gesicht. Rollen durch den Straßendreck, bilden ein eigenes Netz. Kurz schaust du auf, immer noch vom Spiel gefangen. Wir haben die nächste Station erreicht. Die Türen öffnen sich und wir, wie getrocknete Falter, werden leicht angehoben und wirbeln durcheinander. Die Luft greift uns unter die Flügel und wir taumeln der Freiheit entgegen. Die Türen schließen.
Weiter geht es die Landstraße entlang. Die Linie führt stadtauswärts. Wir ruckeln an und das Rutschen lässt ein klein wenig Haut an deiner Hüfte aufscheinen. Du schaust kurz auf, runzelst die Stirn und schüttelst den Kopf. Wenn ich nur wüsste, warum. Der Blick einer Dame nimmt uns gegenüber Platz. Etwas verschämt ziehe ich die Hand von deiner Hüfte zurück und das erste Mal kicherst du in dich hinein. Deine Gänsehaut lässt auch mich etwas zittern.
Wir schlängelten uns durch die eisigen Fluten. Glitzernd im Übermut. Du über mir. Wir durchmaßen die Stromschnellen und immer als Mutprobe schwammen wir dagegen an, ließen uns zurücktreiben. Die Sonne wärmte uns die Rückenflossen. Du zeigtest auf dem Eisvogel. Er stand in der Luft und beobachtete uns. Bei drei wichen wir aus und er stieß an uns vorbei. Hätten wir gekonnt, wir hätten uns die Bäuche gehalten vor Lachen. Der Eisvogel schaute uns missmutig nach.
Ich lese einige Werbeschilder und beginne über schlechte Wortspiele zu schimpfen. Auch damit gewinne ich deine Aufmerksamkeit nicht, nur der Damenblick verfinstert sich weiter. Nicht mehr viel und er erreicht das Schwarz deiner Tornadolocken. Durch die Wolkendecke bricht ein Sonnenstrahl.
Mitten im Pinselstrich hat man uns vergessen. Du an den Rahmen gelehnt und ich hier unten perspektivisch verkürzt angelegt als Schatten für dich. Der Versuch auszubrechen, gelingt nicht. Eine besonders dicke Farbschicht um unsere Füße hält uns da, wo vorher ein Pferdestall gezeichnet war. Wir gewöhnen uns und genießen das wenige an Landschaft, das wir haben. Du in deiner Position am Rand mit Caravaggiolicht. Ich der treue Begleiter. Der Effekt.
Auf der Höhe Hauptfriedhof tippelt ein Pärchen mit Rollator über die Schienen. Die Bahn wartet geduldig. Du hast genug von deinem Game und das Handy verschwindet in der Hosentasche. Dein Gähnen steckt mich an und jetzt sitzen wir beide mit weit aufgerissenem Schlund da. Ich lege den Kopf an die Scheibe.
Wie wir mit den anderen des Stammes den Geschichten der Alten lauschten. Den Geschichten der langen Messer, die kamen unsere Heimat zu nehmen. Den Geschichten der großen Füße, die unsere Leute niederwalzten. Gespannt ziehen wir die Luft ein. Die Schatten des Lagerfeuers tanzen über unsere Körper. Immer an der Stelle mit dem ersten Schnitts zucken wir zusammen und müssen uns gegenseitig halten. Schreckgeweitet Augen, Münder. Ohren die bei jedem Knacken einen Schnitt hören wollen. Heute, so sagen die Alten, sind der Himmel die Halme und die Heimat ist sicher. Schon seit eintausend Grashüpferjahren ward kein Messer gesehen.
Endlich biegen wir in Richtung Airport ab und sind fast da. Der Gewitterblick ist abgezogen. Uns kleben die Zungen am Gaumen und wir können es kaum erwarten endlich ein schnelles Helles zu versenken.
Standen stundenlang unterhalb des Trinkhalms. Durstig sahen wir in die Wolken. Warum mussten wir so winzig sein. Ich hob dich auf die Schultern. Zum Glück konntest du mit den Fingerspitzen das Ende des Halms erreichen und ein wenig nach unten biegen. Ein riesiger Tropfen löste sich von dort. Ich ließ dich herunter und mit strahlenden Augen warteten wir auf die Dusche. Das Platschen erscholl neben uns, nur meine Füße wurden durchnässt. Mein dummes Gesicht. Du lachst mich aus.
„Na auf, wir müssen raus!“, sagst du. „Warum musst du nur immer träumen?“ Erschrocken springe ich auf und folge dir. Du schüttelst mit dem Kopf.
alles war bereitet reihum saßen die honoratioren die kröte mit dem sonnenschirm der spatz mit der zigarre daneben die grille aufgebracht mit einem spielverbot in der tasche
die bilanz gezogen tropfte dividende in den blätterdom gläser wurden erhoben die geschäfte gingen gut seit der biber übernommen vom gestürzten dachs
in den großen Ferienorten nehmen wir den Sand mit ins Herz auf der Seebrücke die Arme nach Ost und West sammeln Wolken hinter den Augen dort regnet es in den Kopf drückt heraus und die Augen spielen großes Drama
Kaffee ist nicht erst seit dem 21. Jahrhundert ein Getränk von großer Anziehung. Bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als der Kaffee aus dem Adelshäusern seinen Siegeszug auch in die breite Bevölkerung startete und Kaffeehäuser Zentren der Kommunikation und des gesellschaftlichen Austausches wurden1, setzten sich Künstler mit dem Phänomen auseinander.
Auch dieses; doch seid nur gebeten Und lasset mir den Coffee stehn!
Ein der wohl Bekanntesten ist Johann Sebastian Bach (1685-1750). Seine Kaffee-Kantate mit dem Titel »Schweigt stille, plaudert nicht« (BWV 211)2 wurde 1734 in erstmals mit einem Text von Christian Friedrich Henrici (1700-1764, auch bekannt als Picander)3 aufgeführt. Der Dichter und Librettist aus Stolpen bei Dresden hat durch die Verbindung zu Bach in Leipzig eine sehr produktive Zeit verbracht. Neben Texten zu weltlichen und geistlichen Kantaten stammen auch Texte zur Matthäus-Passion (BWV 244) und der Markus-Passion (BWV 247) aus seiner Feder.
Ich möchte heute den Text der Kaffee-Kantate in der Druckversion von 1732 teilen4:
C. F. Henrici. Textdruck: Picander Erstdruck 1732, Seite 564 (Über den Caffe, Satz 1–8). Textdichter von Satz 9–10 unbekannt (Henrici?) Liesgen (S), [Erzähler] (T), Schlendrian (B)
1. REZITATIV (T)
(ERZÄHLER) Schweigt stille, plaudert nicht Und höret, was itzund geschicht: Da kömmt Herr Schlendrian Mit seiner Tochter Liesgen her, Er brummt ja wie ein Zeidelbär; Hört selber, was sie ihm getan!
2. ARIA (B)
SCHLENDRIAN Hat man nicht mit seinen Kindern Hunderttausend Hudelei! Was ich immer alle Tage Meiner Tochter Liesgen sage, Gehet ohne Frucht vorbei.
3. REZITATIV (S, B)
SCHLENDRIAN Du böses Kind, du loses Mädchen, Ach! wenn erlang ich meinen Zweck: Tu mir den Coffee weg!
LIESGEN Herr Vater, seid doch nicht so scharf! Wenn ich des Tages nicht dreimal Mein Schälchen Coffee trinken darf, So werd ich ja zu meiner Qual Wie ein verdorrtes Ziegenbrätchen.
4. ARIA (S)
LIESGEN Ei! wie schmeckt der Coffee süße, Lieblicher als tausend Küsse, Milder als Muskatenwein. Coffee, Coffee muß ich haben, Und wenn jemand mich will laben, Ach, so schenkt mir Coffee ein!
5. REZITATIV (S, B)
SCHLENDRIAN Wenn du mir nicht den Coffee lässt, So sollst du auf kein Hochzeitfest, Auch nicht spazierengehn.
LIESGEN Ach ja! Nur lasset mir den Coffee da!
SCHLENDRIAN Da hab ich nun den kleinen Affen! Ich will dir keinen Fischbeinrock nach itzger Weite schaffen.
LIESGEN Ich kann mich leicht darzu verstehn.
SCHLENDRIAN Du sollst nicht an das Fenster treten Und keinen sehn vorübergehn!
LIESGEN Auch dieses; doch seid nur gebeten Und lasset mir den Coffee stehn!
SCHLENDRIAN Du sollst auch nicht von meiner Hand Ein silbern oder goldnes Band Auf deine Haube kriegen!
LIESGEN Ja, ja! nur lasst mir mein Vergnügen!
SCHLENDRIAN Du loses Liesgen du, So gibst du mir denn alles zu?
6. ARIA (B)
SCHLENDRIAN Mädchen, die von harten Sinnen, Sind nicht leichte zu gewinnen. Doch trifft man den rechten Ort: O! so kömmt man glücklich fort.
7. REZITATIV (S, B)
SCHLENDRIAN Nun folge, was dein Vater spricht!
LIESGEN In allem, nur den Coffee nicht.
SCHLENDRIAN Wohlan! so musst du dich bequemen, Auch niemals einen Mann zu nehmen.
LIESGEN Ach ja! Herr Vater, einen Mann!
SCHLENDRIAN Ich schwöre, dass es nicht geschicht.
LIESGEN Bis ich den Coffee lassen kann? Nun! Coffee, bleib nur immer liegen! Herr Vater, hört, ich trinke keinen nicht.
SCHLENDRIAN So sollst du endlich einen kriegen!
8. ARIA (S)
LIESGEN Heute noch, Lieber Vater, tut es doch! Ach, ein Mann! Wahrlich, dieser steht mir an! Wenn es sich doch balde fügte, Dass ich endlich vor Coffee, Eh ich noch zu Bette geh, Einen wackern Liebsten kriegte!
9. REZITATIV (T)
(ERZÄHLER) Nun geht und sucht der alte Schlendrian, Wie er vor seine Tochter Liesgen Bald einen Mann verschaffen kann; Doch, Liesgen streuet heimlich aus: Kein Freier komm mir in das Haus, Er hab es mir denn selbst versprochen Und rück es auch der Ehestiftung ein, Dass mir erlaubet möge sein, Den Coffee, wenn ich will, zu kochen.
10. CHOR (Terzett) (S, T, B)
Die Katze lässt das Mausen nicht, Die Jungfern bleiben Coffeeschwestern. Die Mutter liebt den Coffeebrauch, Die Großmama trank solchen auch, Wer will nun auf die Töchter lästern!
Zum Mitsingen oder einfach nur genießen hier eine sehr gelungene Aufführung der Niederländischen Bach Society5 unter der Leitung von Shunske Sato und Marc Pantus:
Nach Hause stiefeln wir verstört und alt, Die grelle, gelbe Nacht hat abgeblüht. Wir sehn, wie über den Laternen, kalt Und dunkelblau, der Himmel droht und glüht.
Nun winden sich die langen Straßen, schwer Und fleckig, bald, im breiten Glanz der Tage. Die kräftige Aurore bringt ihn her, Mit dicken, rotgefrorenen Fingern, zage.
| aus: Niedermeyer, Max (Hg.): Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts. Dtv 1970.
Die Nacht verlässt den Kopf Durch die Augen versenkt du sie In den Tiefen der Tasse Die mehrhäutigen Worte Ziehen sich zurück Sammeln in der Amygdala Den nächsten Sturm Dir wird kein Haar gekrümmt Nur ganz sachte das Rückgrat gestaucht
„Darum gleicht jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt.“ (Matthäus 13,52)