Mal schaun – Und überall riecht es…

Ich konnte mal wieder ein paar freie Tage ergattern und damit Zeit euch ein wenig auf die Nerven zu fallen. Wieder sind große Namen gegangen.

Vor allem Leonard Cohen wird fehlen. Er hatte, wie schon David Bowie vor ihm, die große Voraussicht auf eine Ende. Das musikalische Finale, der Abschluss, die Kenntnis dessen, was unvermeidlich ansteht:

If you are the dealer, let me out of the game
If you are the healer, I’m broken and lame

.

Das erste Mal stieß ich persönlich auf Cohen, als ich eigentlich nach Stücken von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood suchte. Von „So long Marianne“ wurde ich infiziert. Cohen war ab da Bestandteil von Abenden mit Rotwein und tieftrüben Gedanken. Der Mensch ist gegangen, die Wirkung bleibt.

Auch literarisch scheint das große Ganze im Einzelnen Hochkonjunktur zu haben. Robert Seethaler lieferte mit „Ein ganzes Leben“ einen im Format schmalen Roman, der mindestens ein Leben beinhaltet. Die Geschichte des Einzelkämpfers Andreas Egger fühlt sich in jedem Element ungemein folgerichtig an. Von früher Jugend an mit dem Malus des Hinkens behaftet, schlägt er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, bis ihm die Firma „Bittermann & Söhne“ etwas wie eine Heimat wird. Mit seiner Arbeit, der Errichtung von Seilbahnen, kommt die Elektrizität ins Tal. Das Leben verändert sich. Egger findet ein großes Glück und alles geht voran. Tut es das? Immer wieder reckt sich der Mensch auf. Manchmal tut es ein Krauterer um wieder klar zu sehen. Manchmal braucht es Wochen. Und unser Protagonist? Bleibt immer etwas abseitig, wird von der Zeit überholt. Aber was schert es ihn? Was Seethaler hier schafft, ist eine stilistisch unangestrengte, zuweilen leichtfüßige Studie zu einem Leben, das anders ist als die Masse und doch immer wieder an den ganz einfachen Dingen andockt, die jeder kennt. Ein wenig anders geht Stefan aus dem Siepens Roman „Der Riese“ vor. Schon der Titel deutet an, dass wir es hier mit einer herausragenden Person zu tun bekommen werden. Wie schon in „Das Seil“ schafft des aus dem Siepen mit einer Abweichung von der Norm gesellschaftliche Funktionsweisen zu dekonstruieren. Tilman ist schon in der Jugend ausgesprochen groß und bekommt den bemühten Beinamen „Dachlatte“. Wie schon Egger ist Tilman nie so richtig integriert. Als Mitarbeiter in der Dachdeckerei des Vaters wird er von den Kollegen gemieden. Nachdem er die Arbeit einstellen muss, da er einfach zu groß dafür wird, beginnt er sich in die Welt der Bücher zurückzuziehen. Sein Talent für das Klavier und eine junge Frau geben ihm Halt. Aber schon bei der Wahl einer Fahrschule beginnt sein Körper sein Leben unerträglich zu beschränken. Kein Auto ist groß genug für ihn. Größer als er, ist nur die Sensation, die aus ihm gemacht wird. Aus dem Siepen nutzt groteske Übertreibungen um die Auswüchse des Personenkultes um eine Figur zu desavouieren, die selber mit dem Hokuspokus am wenigsten zu tun haben will. Auch hier entspinnt sich ein Lebenslauf, der in der Gesamtheit einzigartig, in einzelnen Elementen aber so nachvollziehbar ist, dass ich mich beim Lesen mehrfach darüber wunderte, warum die Figuren genau so handeln, wie man es gewohnt zu sein scheint und doch alles eine über die Routine des Humors hinausweisende Frische behält.

Natürlich rückt nun Weihnachten heran und die Stadt ist ein einziger Weihnachtsmarkt, mit allen Vor- wie Nachteilen. Gelegenheit für mich mit offenen Ohren und gespitzter Feder den Menschen bei ihren Vorbereitungen für das Fest zuzuschauen. Vielleicht gibt es hier ja bald glühweingesättigte Zimt- und Zucker Dialoge.

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