Abgeschaut: Van Hoddis, Jakob (1887-1942) – ยปDer Trรคumendeยซ

ยปDer Trรคumendeยซ

Blaugrรผne Nacht, die stummen Farben glimmen.

Ist er bedroht vom roten Strahl der Speere

Und rohen Panzern? Ziehn hier Satans Heere?

Die gelben Flecke, die im Schatten schwimmen,

Sind Augen wesenloser groรŸer Pferde.

Sein Leib ist nackt und bleich und ohne Wehre.

Ein fades Rosa eitert aus der Erde.

| aus: Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts. DTV, 1962.

Abgeschaut: Lenau, Nikolaus (1802-1850) – ยปUnmutยซ

ยปUnmutยซ (1832 erschienen)

Die Hoffnung, eine arge Dirne,
Verbuhlte mir den Augenblick,
Bestahl mit frecher Lรผgenstirne
Mein junges Leben um sein Glรผck.

Nun ists vorรผber; in den Tagen,
Als ihr Betrug ins Herz mir schnitt,
Hab ich das sรผรŸe Kind erschlagen,
Und mit dem Leben bin ich quitt.

Nicht mehr zum LustschloรŸ umgelogen,
Scheint mir die Erde, was sie ist:
Ein schwankes Zelt, das wir bezogen โ€“
Tod, habe Dank! โ€“ auf kurze Frist.

| aus: Lenau, Nikolaus: Sรคmtliche Werke und Briefe. Bd. 1. Leipzig und Frankfurt 1970, S. 27.

Abgeschaut: Von Gรผnderrode, Karoline (1780-1806) – ยปDie eine Klageยซ

ยปDie eine klageยซ

Wer die tiefste aller Wunden
Hat in Geist und Sinn empfunden
Bittrer Trennung Schmerz;
Wer geliebt was er verlohren,
Lassen muรŸ was er erkohren,
Das geliebte Herz,

Der versteht in Lust die Thrรคnen
Und der Liebe ewig Sehnen
Eins in Zwei zu sein,
Eins im Andern sich zu finden,
DaรŸ der Zweiheit Grรคnzen schwinden
Und des Daseins Pein.

Wer so ganz in Herz und Sinnen
Konnt‘ ein Wesen liebgewinnen
O! den trรถstet’s nicht
DaรŸ fรผr Freuden, die verlohren,
Neue werden neu gebohren:
Jene sind’s doch nicht.

Das geliebte, sรผรŸe Leben,
Dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick,
Dieses Suchen und dies Finden,
Dieses Denken und Empfinden
Giebt kein Gott zurรผck.

| aus: Von Gรผnderrode, Karoline: Gesammelte Werke, Band 2. Berlin 1920โ€“1922, S. 14-15.

Abgeschaut: Baudelaire, Charles (1821-1867) – ยปEinladung zur Reiseยซ

Meine Schwester mein Kind!
Denk dir wie lind
Wรคr es dorthin zu entweichen!
Liebend nur sehn ยท
Liebend vergehn
In Lรคndern die dir gleichen!
Der Sonnen feucht
Verhรผlltes geleucht
Die mir so rรคtselhaft scheinen
Wie selber du bist
Wie dein Auge voll List
Das glitzert mitten im weinen.

Dort wo alles friedlich lacht โ€“
Lust und Heiterkeit und Pracht.

Die Mรถbel geziert
Durch die Jahre poliert
Stรคnden in deinem Zimmer
Und Blumen zart
Von seltenster Art
In Ambraduft und Flimmer.
Die decken weit
Die spiegel breit
In Ostens Prunkgemache
Sie redeten dir
Geheimnisvoll hier
Die sรผรŸe Heimatsprache.

Dort wo alles friedlich lacht โ€“
Lust und Heiterkeit und Pracht.

Sieh im Kanal
Der Schiffe zahl
Mit schweifenden gelรผsten!
Sie kรคmen dir her
Aufs kleinste Begehr
Von noch so entlegenen Kรผsten.
Der Sonne Glut
Ersterbend ruht
Auf Fluss und Stadt und die ganze
Welt sich umspinnt
Mit Gold und jazint
Entschlummernd in tief-warmem Glanze.

Dort wo alles friedlich lacht โ€“
Lust und Heiterkeit und Pracht.


Charles Baudelaire, als einer der groรŸen Erneuerer der europรคischen Lyrik, ist bekannt fรผr seine Portraits der sich verรคndernden Stรคdtelandschaft seiner gleichfalls geliebten und gehassten Heimat Paris (Vorrangig in den „Tableaux parisiens“.) In seiner 1857 erschienen Sammlung „Les fleurs du mal“ verbindet er die Erfahrung der sich rasant wandelnden Lebensumstรคnde der Industrialisierung mit dem Blick des Romantikers fรผr die Schรถnheit im Gegenwรคrtigen.

Das Gedicht โ€žEinladung zur Reiseโ€œ ist seiner Geliebten Marie Daubrun gewidmet. Er fรผhrt der Schauspielerin in dem Zeilen das Ideal eines fernen Landes frei von den Umwรคlzungen in der GroรŸstadt vor. Geradezu idyllisch mutet es an, wenn er das „Entweichen“ in die sonnenreiche Landschaft „wo alles friedlich lacht“ aufruft. Aber Baudelaire nicht der Autor der „Fleurs du mal“, wenn er nicht auch hier die Scheinhaftigkeit mittragen wรผrde (Passend zum Titel des Zyklus „Trรผbsinn und Vergeisterung“).

Henri Duparc (1848-1933) hat das Gedicht – auch hier wieder einer Dame, seiner spรคteren Ehefrau Ellen Mac Swiney, gewidmet – 1870 als Gesang mit Klavierbegleitung vertont.

| aus: Baudelaire, Charles: Die Blumen des Bรถsen. Berlin 1901. S. 72-74. รœbers. v. George, Stefan.

| Digitalisat unter: https://de.wikisource.org/wiki/Einladung_zur_Reise

| Zu den Liedern des Henri Duparc mรถchte ich folgenden Link empfehlen: https://kammermusikkammer.blogspot.com/2018/09/henri-duparc-1848-1933-lieder.html

PIX – Erfurt ยปColours of EGAยซ

Jedes Jahr findet im Erfurter Egapark eine Kรผrbisausstellung statt um das Erntedankfest einzuleiten. Dieses Jahr steht die Schau unter dem Titel โ€žFabelhafte Kรผrbiszeit โ€“ Reise in die magische Welt der Fantasieโ€œ. Am 31.10. wird das Kรผrbiserntefest begangen und die ganze Pracht wird in Kรถrben und Taschen nach Hause getragen.

Brรถtchen und Berliner.

Ein sonniger Erfurter Spรคtsommermorgen. An der Kasse des Verbrauchermarktes verstaue ich meine Einkรคufe. Nach mir tritt ein junger Mann, Brille, 3 Tage-Bart, dunkler Rollkragenpullover zur Kassiererin. Sie – eine etwa fรผnfzigjรคhrige mit roten Haaren und freundlichem Lรคcheln:

Sie – So, ein Kaffee. Und was haben wir in der Tรผte?
Er – mit einem sรผdeuropรคischen Akzent:

Ein Brรถtchen.

Nein, das ist ein Berliner.

Nein, ein Brรถtchen.

Schauen sie mal, das ist rund und mit Puderzucker. Das ist ein Berliner.

Das alles Brรถtchen.
Die beiden begrinsen sich.

Also, ein Berliner.

Nein, kein Berliner. Erfurter. Warum Berliner?

Ja, sie sind ein Erfurter und in der Tรผte ist ein Berliner.

Ist aber kleiner Berliner.

Ja, ein SรผรŸer mit Marmelade. Das macht 3,14 Euro.

Ok.
Jetzt sind die Beiden zufrieden.

Angeschaut: Bach, Johann Sebastian – ยปKaffee-kantatEยซ

Kaffee ist nicht erst seit dem 21. Jahrhundert ein Getrรคnk von groรŸer Anziehung. Bereits in der ersten Hรคlfte des 18. Jahrhunderts als der Kaffee aus dem Adelshรคusern seinen Siegeszug auch in die breite Bevรถlkerung startete und Kaffeehรคuser Zentren der Kommunikation und des gesellschaftlichen Austausches wurden1, setzten sich Kรผnstler mit dem Phรคnomen auseinander.

Auch dieses; doch seid nur gebeten
Und lasset mir den Coffee stehn!

Ein der wohl Bekanntesten ist Johann Sebastian Bach (1685-1750). Seine Kaffee-Kantate mit dem Titel ยปSchweigt stille, plaudert nichtยซ (BWV 211)2 wurde 1734 in erstmals mit einem Text von Christian Friedrich Henrici (1700-1764, auch bekannt als Picander)3 aufgefรผhrt. Der Dichter und Librettist aus Stolpen bei Dresden hat durch die Verbindung zu Bach in Leipzig eine sehr produktive Zeit verbracht. Neben Texten zu weltlichen und geistlichen Kantaten stammen auch Texte zur Matthรคus-Passion (BWV 244) und der Markus-Passion (BWV 247) aus seiner Feder.

Ich mรถchte heute den Text der Kaffee-Kantate in der Druckversion von 1732 teilen4:

C. F. Henrici. Textdruck: Picander Erstdruck 1732, Seite 564 (รœber den Caffe, Satz 1โ€“8). Textdichter von Satz 9โ€“10 unbekannt (Henrici?)
Liesgen (S), [Erzรคhler] (T), Schlendrian (B)

1. REZITATIV (T)

(ERZร„HLER)
Schweigt stille, plaudert nicht
Und hรถret, was itzund geschicht:
Da kรถmmt Herr Schlendrian
Mit seiner Tochter Liesgen her,
Er brummt ja wie ein Zeidelbรคr;
Hรถrt selber, was sie ihm getan!

2. ARIA (B)

SCHLENDRIAN
Hat man nicht mit seinen Kindern
Hunderttausend Hudelei!
Was ich immer alle Tage
Meiner Tochter Liesgen sage,
Gehet ohne Frucht vorbei.

3. REZITATIV (S, B)

SCHLENDRIAN
Du bรถses Kind, du loses Mรคdchen,
Ach! wenn erlang ich meinen Zweck:
Tu mir den Coffee weg!

LIESGEN
Herr Vater, seid doch nicht so scharf!
Wenn ich des Tages nicht dreimal
Mein Schรคlchen Coffee trinken darf,
So werd ich ja zu meiner Qual
Wie ein verdorrtes Ziegenbrรคtchen.

4. ARIA (S)

LIESGEN
Ei! wie schmeckt der Coffee sรผรŸe,
Lieblicher als tausend Kรผsse,
Milder als Muskatenwein.
Coffee, Coffee muรŸ ich haben,
Und wenn jemand mich will laben,
Ach, so schenkt mir Coffee ein!

5. REZITATIV (S, B)

SCHLENDRIAN
Wenn du mir nicht den Coffee lรคsst,
So sollst du auf kein Hochzeitfest,
Auch nicht spazierengehn.

LIESGEN
Ach ja!
Nur lasset mir den Coffee da!

SCHLENDRIAN
Da hab ich nun den kleinen Affen!
Ich will dir keinen Fischbeinrock nach itzger Weite schaffen.

LIESGEN
Ich kann mich leicht darzu verstehn.

SCHLENDRIAN
Du sollst nicht an das Fenster treten
Und keinen sehn vorรผbergehn!

LIESGEN
Auch dieses; doch seid nur gebeten
Und lasset mir den Coffee stehn!

SCHLENDRIAN
Du sollst auch nicht von meiner Hand
Ein silbern oder goldnes Band
Auf deine Haube kriegen!

LIESGEN
Ja, ja! nur lasst mir mein Vergnรผgen!

SCHLENDRIAN
Du loses Liesgen du,
So gibst du mir denn alles zu?

6. ARIA (B)

SCHLENDRIAN
Mรคdchen, die von harten Sinnen,
Sind nicht leichte zu gewinnen.
Doch trifft man den rechten Ort:
O! so kรถmmt man glรผcklich fort.

7. REZITATIV (S, B)

SCHLENDRIAN
Nun folge, was dein Vater spricht!

LIESGEN
In allem, nur den Coffee nicht.

SCHLENDRIAN
Wohlan! so musst du dich bequemen,
Auch niemals einen Mann zu nehmen.

LIESGEN
Ach ja! Herr Vater, einen Mann!

SCHLENDRIAN
Ich schwรถre, dass es nicht geschicht.

LIESGEN
Bis ich den Coffee lassen kann?
Nun! Coffee, bleib nur immer liegen!
Herr Vater, hรถrt, ich trinke keinen nicht.

SCHLENDRIAN
So sollst du endlich einen kriegen!

8. ARIA (S)

LIESGEN
Heute noch,
Lieber Vater, tut es doch!
Ach, ein Mann!
Wahrlich, dieser steht mir an!
Wenn es sich doch balde fรผgte,
Dass ich endlich vor Coffee,
Eh ich noch zu Bette geh,
Einen wackern Liebsten kriegte!

9. REZITATIV (T)

(ERZร„HLER)
Nun geht und sucht der alte Schlendrian,
Wie er vor seine Tochter Liesgen
Bald einen Mann verschaffen kann;
Doch, Liesgen streuet heimlich aus:
Kein Freier komm mir in das Haus,
Er hab es mir denn selbst versprochen
Und rรผck es auch der Ehestiftung ein,
Dass mir erlaubet mรถge sein,
Den Coffee, wenn ich will, zu kochen.

10. CHOR (Terzett) (S, T, B)

Die Katze lรคsst das Mausen nicht,
Die Jungfern bleiben Coffeeschwestern.
Die Mutter liebt den Coffeebrauch,
Die GroรŸmama trank solchen auch,
Wer will nun auf die Tรถchter lรคstern!

Zum Mitsingen oder einfach nur genieรŸen hier eine sehr gelungene Auffรผhrung der Niederlรคndischen Bach Society5 unter der Leitung von Shunske Sato und Marc Pantus:


  1. Zu Bedeutung der Kaffeehรคuser ein kurzer รœberblick der Kaffeezentrale: https://www.kaffeezentrale.de/magazin/die-faszinierende-geschichte-des-kaffees-in-europa/ โ†ฉ๏ธŽ
  2. Die „technischen Daten“ und viele zusรคtzliche Informationen zur Kantate finden sich auf der Seite Bach digital unter: https://www.bach-digital.de/receive/BachDigitalWork_work_00000267 โ†ฉ๏ธŽ
  3. Die Kurzbiographie Henricis in der NDB: https://www.deutsche-biographie.de/sfz29789.html โ†ฉ๏ธŽ
  4. Der Text stammt aus dem Digitalisat der Seite Bach digital: https://www.bach-digital.de/receive/BachDigitalWork_work_00000267;jsessionid=51E47ED6E9260C1B60469DADC87B61BB?XSL.Style=detail โ†ฉ๏ธŽ
  5. Weitere Informationen zur Kantate und der Auffรผhrung durch die Netherlands Bach Society finden sich unter: https://www.bachvereniging.nl/en/bwv/bwv-211 โ†ฉ๏ธŽ

Abgeschaut: Jakob vAn HoDDIS (1887-1942) – ยปAURORAยซ

Nach Hause stiefeln wir verstรถrt und alt,
Die grelle, gelbe Nacht hat abgeblรผht.
Wir sehn, wie รผber den Laternen, kalt
Und dunkelblau, der Himmel droht und glรผht.

Nun winden sich die langen StraรŸen, schwer
Und fleckig, bald, im breiten Glanz der Tage.
Die krรคftige Aurore bringt ihn her,
Mit dicken, rotgefrorenen Fingern, zage.


| aus: Niedermeyer, Max (Hg.): Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts. Dtv 1970.

| Digitalisat unter: Projekt Gutenberg


Abgeschaut: Friedrich Hebbel (1813-1863) – ยปRequiemยซ

Seele, vergiรŸ sie nicht,

Seele, vergiรŸ nicht die Todten!

Sieh, sie umschweben dich,

Schauernd, verlassen,

Und in den heiligen Gluten,

Die den Armen die Liebe schรผrt,

Athmen sie auf und erwarmen,

Und genieรŸen zum letzten Mal

Ihr verglimmendes Leben.

Seele, vergiรŸ sie nicht,

Seele, vergiรŸ nicht die Todten!

Sieh, sie umschweben dich,

Schauernd, verlassen,

Und wenn du dich erkaltend

Ihnen verschlieรŸest, erstarren sie

Bis hinein in das Tiefste.

Dann ergreift sie der Sturm der Nacht,

Dem sie, zusammengekrampft in sich,

Trotzten im SchooรŸe der Liebe,

Und er jagt sie mit Ungestรผm

Durch die unendliche Wรผste hin,

Wo nicht Leben mehr ist, nur Kampf

Losgelassener Krรคfte

Um erneuertes Sein!

Seele, vergiรŸ sie nicht,

Seele, vergiรŸ nicht die Todten!


| aus: Hebbel, Friedrich: Sรคmtliche Werke. 1. Abteilung. Berlin 1911. S. 149-150.

| Digitalisat unter: Zeno


Dieses Requiem hat Max Reger (1873-1916) als sein letztes Chorwerk 1915 (Reqiuem op. 144b) fรผr Alt und Bariton vertont.

Pix โ€“ Streetart in Erfurt โ€“ Die Brรผcke, Frau Korte 2023

Ich habe mir mal wieder die Umgebung des Nordbahnhofs in Erfurt angeschaut.

An alle Artists: Fรผr Verlinkung oder Bitte um Lรถschung bitte kurz melden.


| Frau Korte.

| Wall of Fame Erfurt

| Streetart @ Feels like Erfurt